Lügen, verdammte Lügen und die Statistiken der HNA

Das neue Jahr war erst wenige Tage alt, da äußerte sich HNA-Redakteur Jan Schlüter in der Kolumne „Standpunkt“ zu der Silvesterschlacht um Berlin. Darin die üblichen wohlfeilen Floskeln, die nach solchen Ereignissen folgen und doch keine Konsequenzen nach sich ziehen, wie:

„Es darf in Deutschland nirgendwo No-Go-Areas geben. Es darf auch nicht für kurze Zeit akzeptiert werden, dass der Staat das Gewaltmonopol verliert.“

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HNA-Standpunkt vom 05.01.2023

Nun, diese starke Rhetorik ist immer noch Lichtjahre entfernt von jenem bedenklichen pathologischen Zustand der Hyperventilation, den die HNA-Redaktion erfasste, als im März 2021 mehr als 20.000 Menschen friedlich in der Kasseler Innenstadt gegen die Corona-Politik demonstrierten. Auch zeigt Schlüter gegenüber den Berliner Tätern der Silvesternacht in gewisser Weise mehr Nachsicht als mit den damaligen Demonstranten, denn zum Schluß macht er eines unmißverständlich klar:

„Falsch wäre es, die bisherige Migrationspolitik in Frage zu stellen.“

Man darf annehmen, daß er damit in seiner Funktion als stellvertretender Chefredakteur auch die Blattlinie der HNA zum Ausdruck gebracht hat.

Keine vier Wochen und zwei mit einem Messer ermordete Passagiere im Todeszug nach Brokstedt später, versucht uns die HNA über den mutmaßlichen Täter, einem vor wenigen Jahren illegal nach Deutschland eingereisten, staatenlosen Palästinenser, aufzuklären. Der entsprechende Artikel „Heimatlos, isoliert, gewalttätig“ wurde von dpa übernommen. Darin zu Wort kommt der „Experte“ Rafael Behr. In der vollständigen Fassung des Artikels, wie er zeitgleich im „Tagesspiegel“ veröffentlicht wurde, wird Behr in einem Absatz, der in der Druckausgabe der HNA fehlt, folgendermaßen zitiert:

Womöglich sei nach der sogenannten Flüchtlingswelle von 2015 aber auch die Chance verpasst worden, ausreichende Ressourcen für Integrationsmaßnahmen zu mobilisieren, anstatt das Geld für mehr Polizei auszugeben. Gleichzeitig müsse allen klar sein: „Integration funktioniert nie hundertprozentig“, sagt Behr. „Ein paar Randständige wird es immer geben.“

Ausschnitt aus HNA-Artikel „Heimatlos, isoliert, gewalttätig“

Welche Intention die HNA damit verfolgte, diesen Passus herauszunehmen, bleibt offen. Jedoch hat der Publizist Henryk M. Broder in seinem Onlinemedium „Die Achse des Guten“ Behr für diese schrägen Sätze in die ironische Rubrik „Bedeutende Denkerinnen und Denker des 21. Jahrhunderts“ aufgenommen.

Geradezu beruhigen soll es wohl den Leser, wenn der Artikel zur Delinquenz von migrantischen Straftätern folgendes mitteilt:

Auch das bundesweite Lagebild zur Kriminalität im Kontext von Zuwanderung hilft hier nicht viel weiter. Es hält lediglich fest, dass der Anteil von Zuwanderern an den Tatverdächtigen bei Straftaten gegen das Leben 2021 bei 12,8 Prozent lag.

Im Fünf-Jahres-Vergleich zeigt sich in diesem Deliktsbereich laut Bundeskriminalamt (BKA) kein Anstieg.

Lassen wir einmal die Fragwürdigkeit dieser Statistik beiseite. Es gäbe einiges dazu zu sagen. Problematisch an dieser Aussage ist, daß sie sehr allgemein gehalten ist und nicht in den Kontext des dpa-Artikels passt. Dessen Thema ist der mutmaßliche Messermörder von Brokstedt und die Gruppe migrantischer Einzeltäter im Gewaltbereich, die im Bahnverkehr zuschlägt. Hier ergibt sich jedoch ein anderes, sehr viel beunruhigenderes Bild. So berichtet „Welt Online“ unter der Überschrift „Zahl der Messerangriffe in Zügen und Bahnhöfen hat sich verdoppelt“:

Die Bundespolizei hat im Jahr 2022 insgesamt 398.848 Straftaten in Zügen und auf Bahnhöfen registriert. Das ist eine Steigerung von zwölf Prozent, wie die „Bild am Sonntag“ aus einer Statistik der Bundespolizei zitiert. 14.155 wurden als Körperverletzungen eingeordnet.

Ausschließlich in Zügen kam es demnach zu 82 Messerangriffen, 2021 waren es noch 44. An Bahnhöfen und Haltestellen waren es sogar 254, im Vorjahr noch 122. Daneben gab es 33 Angriffe mit Reizstoffen, was ein Plus von sechs Vorfällen ausmacht.

Die Übergriffe mit „sonstigen gefährlichen Werkzeugen“ wie Baseballschlägern lagen bei 97 Fällen, sieben mehr als im Jahr davor. Angriffe mit Waffengewalt – etwa mit Pistolen – sind dagegen nur leicht angestiegen, von drei auf fünf. Die Anzahl der Sexualstraftaten erhöhte sich wiederum deutlich von 697 auf 857.
Insgesamt wurden fünf Personen im Jahr 2022 getötet – im Jahr 2021 nur zwei. Daneben gab es 6747 Verletzte, im Jahr zuvor waren es nur 4138.

Auffällig dabei ist der Einsatz von Messern. Der Polizeilichen Eingangsstatistik (PES) zufolge wurde 2022 insgesamt gegen 71 Tatverdächtige wegen Gewaltstraftaten mit Messereinsatz in Zügen ermittelt – 36 davon waren „Nicht-Deutsche“. 2021 waren es sechs von 25.

Unter Delikten wie schwerer Körperverletzung, Raub, Mord und Totschlag lag der Anteil von „Nicht-Deutschen“ bei den Tatverdächtigen bei 55,5 Prozent.
Da freut man sich schon auf die nächste Zugfahrt, die nicht nur allein wegen der inzwischen chronischen Unzuverlässigkeit der Deutschen Bahn das Potential zu einem Abenteuer-Trip hat.

Über den Wert von Statistiken kursiert dieser Kalauer: „Lügen, verdammte Lügen und Statistiken“. Allerdings, es ist nicht so, daß die HNA hier direkt zur Lüge gegriffen hätte. Zur Ehrenrettung ihrer Redakteure könnte man annehmen, daß genau diese Statistik aus dem dpa-Artikel auch der der positiven Regulierung ihres eigenen Wohlbefindens dient und nicht allein der volkspädagogischen Dressur der Leser. In diesem Fall dient die Statistik für die HNA-Redaktion eher weniger der Erleuchtung, als vielmehr um sich daran festzuklammern wie ein Betrunkener an der Laterne.

Es kann aber auch genauso gut sein, daß die HNA, wie schon so oft, ihre Leser einfach nur für dumm verkaufen wollte.

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