Kimmich, das „Team Lauterbach“ und die HNA

„Was ist der Unterschied zwischen einer Verschwörungstheorie und der Wahrheit? Ungefähr zwölf Monate.“ (Jakob Hayner, WELT Online vom 18.3.2023)

Drei Jahre können gefühlt eine sehr lange Zeit sein, vor allem wenn sie dicht bepackt mit spektakulären Ereignissen sind. In diesen Tagen jährt sich nun zum dritten Mal die erste Verhängung eines Covid-Lockdowns durch die Bundesregierung. Damals noch unter der Kanzlerschaft von Angela Merkel, eine Maßnahme, deren Verhängung noch wenige Tage zuvor offiziell geleugnet wurde, dann auf wenige Wochen terminiert, um dann auf mehrere Monate verlängert zu werden. Was während dieser Zeit zur Bekämpfung der Covid-Pandemie erfolgte, war ein gesellschaftlicher Stresstest ohnegleichen, noch zusätzlich getoppt von dem von Politik und Medien forcierten Druck auf die Bevölkerung, sich allesamt einer noch unzureichend getesteten Impfung gegen das Corona-Virus zu unterziehen. Zwar ist diese Zeit vorüber, doch die daraus resultierenden gesellschaftlichen Gräben und Verwerfungen sind kaum zugeschüttet. Denn nun beginnt die Aufarbeitung und es kommt heraus – oh, Wunder! -, daß die Maßnahmen, bekanntlich in Teilen rechtswidrig, vielfach weit über das Ziel hinausschossen, gefährliche Kollateralschäden verursachten und auch die Impfung keineswegs, wie der inzwischen von den Medien zum Bundesgesundheitsminister hochgeschriebene Karl Lauterbach behauptete, vollkommen nebenwirkungsfrei war.

Weiterlesen

Vor nur wenigen Wochen in der Talksendung von Markus Lanz, gab nun Dauergast Lauterbach zu aller Überraschung indirekt den „Querdenkern“ und sogenannten „Schwurblern“ recht. Die Schulschließungen waren überzogen, die Regeln zum Außenaufenthalt – auch mit Maskenzwang! – sogar „Schwachsinn“. Dem Rückzug in Raten folgte seine Relativierung von der angeblich „nebenwirkungsfreien Impfung“ bei Anne Will:

„Auf der anderen Seite müssen wir auch vermitteln, was ja auch so ist: Die Impfungen sind halt mehr oder weniger nebenwirkungsfrei. Das muss immer wieder gesagt werden.“

Was das im schlimmsten Fall konkret bedeutet, hat unter anderem WELT Online berichtet, wie im Fall der 20jährigen Alina Adams, die seit der dritten Impfung auf den Rollstuhl angewiesen ist und um die Anerkennung ihrer Ansprüche kämpft:

https://www.welt.de/wirtschaft/plus243843025/Corona-Impfschaeden-Danach-war-fuer-mich-klar-dass-ich-klagen-will.html


JUNGE FREIHEIT 12-23, 17.03.23:

Lauterbach: Impfschäden schneller anerkennen

Berlin. Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hat das Auftreten von schweren Nebenwirkungen nach der Impfung gegen Covid-19 eingeräumt und sich dafür ausgesprochen, daß Impfschäden schneller anerkannt werden. „Diese Schicksale sind absolut bestürzend. Die Menschen tun mir ehrlich gesagt sehr leid“, beteuerte der Sozialdemokrat im ZDF. Ein etwaiges Versagen des Gesundheitsministeriums an dieser Stelle wollte der Politiker unterdessen nicht sehen. „Damit kein falscher Eindruck hängenbleibt: Schwere Impfschäden sind auf der Grundlage der Daten des Paul-Ehrlich-Institutes oder der Europäischen Zulassungsbehörde in der Größenordnung von weniger als eins zu 10.000 Impfungen. Es ist also nicht so, daß Impfschäden so häufig seien.“ Auf die Frage, weshalb der Gesundheitsminister noch im Sommer 2021 behauptet habe, daß die Impfung „nebenwirkungsfrei“ sei, antwortete Lauterbach ausweichend. „Das war eine Übertreibung, die ich einmal in einem mißglückten Tweet gemacht habe.“ Aber das sei nicht seine grundsätzliche Haltung gewesen. Nun forderte der Sozialdemokrat eine Beteiligung der Pharmakonzerne an eventuellen Schadensersatzzahlungen. „Die Gewinne der Pharmafirmen sind exorbitant gewesen. Das wäre also mehr als nur eine gute Geste“, betonte er. Zuvor hatte die CDU/CSU-Bundestagsfraktion gefordert, Bund, Länder und Impfstoffhersteller sollten die Opfer von Corona-Impfschäden über eine Stiftung entschädigen. Bisherige Verfahren seien viel zu bürokratisch, so der gesundheitspolitische Sprecher, Tino Sorge (CDU). Bereits im Sommer vergangenen Jahres hatte die AfD-Bundestagsfraktion von der Bundesregierung verlangt, für eine umfassende Datenlage bezüglich gesundheitlicher Folgen und Nebenwirkungen der Corona-Impfung zu sorgen. Außerdem müsse die Ständige Impfkommission „schnellstmöglich ihre Impfempfehlungen anhand aktueller Daten zur Wirksamkeit und zur Häufigkeit und Schwere von Nebenwirkungen der Covid-19-Impfstoffe überprüfen und aktualisieren“. (fw/vo)


Einer, der den Druck sich impfen zu lassen, besonders zu spüren bekam, war der Fußball-Nationalspieler Joshua Kimmich. Im Oktober 2021 bekannte Kimmich sich zu seiner Skepsis über ein zu wenig getestetes Impfverfahren, das noch mit zu vielen Risiken behaftet sei. Wie groß der Druck gewesen sein muß, kann man sich mittlerweile gut vorstellen. So gab Kimmich am Ende klein bei und ließ sich die Spritze geben. WELT Online erinnerte dieser Tage auch an diesen Fall und setzte ihn in Zusammenhang mit Lauterbachs Versprechen einer „nebenwirkungsfreien Impfung“:

https://www.welt.de/kultur/plus244325985/Corona-Impfung-Ohne-Nebenwirkungen-Wie-das-Team-Lauterbach-Joshua-Kimmich-jagte.html

Penibel wurden in dem Beitrag die teils drastischen und übergriffigen Äußerungen Prominenter aufgeführt, aus denen die von Jan Böhmermann besonders abstoßend herausragt:

Der Fall Kimmich stand in der Berichterstattung stellvertretend für ein vermeintlich viel größeres Problem: für die Ungeimpften, die „Impfmuffel“, die „Impfverweigerer“. Um gegen die vorzugehen, war kein Mittel zu schlecht. Jan Böhmermann tönte auf Twitter: „Gespaltene Gesellschaft scheißegal, solange alle geimpft sind.“

WELT Online zieht daraus eine bittere Bilanz:

Menschen wurden zur Impfung oder alternativ aus dem öffentlichen Leben gedrängt, darunter Kinder und Jugendliche, wo Nutzen und Risiko der Impfung in einem völlig anderen Verhältnis zueinander stehen als bei Alten und Risikopatienten. Andere Menschen haben, weil sie die Impfung nicht wollten, ihren Beruf verloren oder konnten ihn nicht oder nur eingeschränkt ausüben. Neben körperlichen Schäden müssen auch die seelischen berücksichtigt werden, außerdem die gesellschaftlichen und politischen: die mutwillige Sabotage öffentlicher Meinungsbildung und das sträfliche Außerachtlassen von Grundsätzen der Selbstbestimmung.

Der Einzelne, sein Körper und seine Entscheidung galten nichts: Klappe halten, impfen lassen. Nun hält das Team Lauterbach plötzlich selbst die Klappe, aus Lautsprechern wurden Leisetreter. Das Schweigen ist dröhnend. Die Blamage ist augenfällig, peinlicherweise mit herbeigeführt durch den obersten Verantwortlichen selbst, den Gesundheitsminister, der sich mit seinen jüngsten Wendungen noch zu retten versucht. Und da die Langzeitfolgen nun plötzlich doch existieren: Hat sich vom „Team Lauterbach“ eigentlich schon jemand bei Joshua Kimmich gemeldet?

Auch die HNA war in dieser Zeit an vorderster Front mit dabei, wenn es gegen „Querdenker, Impfmuffel und Schwurbler“ ging. In der „Standpunkte“-Kolumne „Keine Sonderrolle für den Fußball“ vom 26.10.2021 gab Redakteur Ullrich Riedler folgende Sätze zu Kimmich zum Besten:

[…] Insofern bleibt die Impfung auch im Sport erste Bürgerpflicht. Man gefährdet mit dem Virus nicht nur sich selbst, sondern durch Ansteckungen auch andere. Wem die vielen positiven Studien zur Verträglichkeit der Impfstoffe also nicht ausreichen, der proklamiert mit dem Warten auf Langzeit-Studien für sich einen Luxus, den wir uns gar nicht leisten können. Denn nur wenn wir relativ rasch möglichst viele Menschen gegen Covid-19 impfen, haben wir eine Chance, das Virus entscheidend einzudämmen. Hier beginnt das eigentliche Problem für den FC Bayern und den DFB. Denn Kimmich hat Vorbildfunktion. Er ist herausragender Nationalspieler und Sympathieträger. Vereine und Verbände müssen somit schnell reinen Tisch machen und bei betroffenen Spielern die nötige Überzeugungsarbeit leisten.

HNA-Standpunkt vom 26.10.2021

Auf welche „positiven Studien“ sich Riedler hierbei beruft, bleibt ein Rätsel. Schon damals war absehbar, daß die Impfung keineswegs die Ausbreitung des Corona-Virus eindämmen würde. Somit war die Impfung alles andere als ein „Game Changer“. Vermutlich plappert Riedler hier nur nach, was die Regierungspropaganda vorgab. Es sind Worte, die im Nachgang der Ereignisse zum Fremdschämen anregen.

So sehr sich die HNA damals in die Phalanx der unkritischen Befürworter aller regierungsamtlichen Maßnahmen einreihte, so dröhnend ist ihr heutiges Schweigen über diese Zeit. Eine Abfrage im HNA-Archiv ergibt keinen Hinweis auf eine Berichterstattung über die bemerkenswerten Auftritte von Lauterbach bei Markus Lanz und Anne Will. Ebensowenig werden die immer offenkundigeren Impfschäden thematisiert. Und auch auf eine öffentliche Entschuldigung von Riedler gegenüber Kimmich dürfen die Leser noch lange warten. Selbstkritik ist eine Fähigkeit, zu der sich noch nie ein HNA-Redakteur fähig zeigte.

Als „Vierte Gewalt“ wäre es jetzt die Aufgabe der HNA, Selbstkritik zu üben und den Rücktritt von Lauterbach zu fordern. Doch das ist wohl für ein regierungstreues Verkündigungsorgan zu viel verlangt.

Nun steht der zweite Jahrestag der gewaltigen Demonstration in Kassel vom 20. März 2021 an, als mehr als 20.000 Menschen friedlich gegen die Regierungsmaßnahmen demonstrierten; ein Ereignis, daß offenbar auf nicht wenige regierungstreue Redakteure der HNA eine traumatisierende Wirkung hatte. Die Gelegenheit, in diesem Sinne in Nibelungentreue zur Regierung rein apologetisch an das damalige Ereignis zu erinnern, wird die HNA wohl kaum verstreichen lassen.

Und dann werden wir vorgeführt bekommen, daß bei diesen Hofschranzen das Trauma über diese Demo heute noch wirksamer ist als die Scham, freiwillig und gerne über jedes Stöckchen gesprungen zu sein, daß die Regierung ihnen hingehalten hat.

Zwischen „Hosianna“ und „Kreuzige ihn“

Aus der christlichen Tradition kommt die Spruchweisheit, daß nur ein kurzer Weg zwischen „Hosianna“ und „Kreuzige ihn“ besteht. Damit bezieht sie sich auf jene Phase der Evangelien, in denen Jesus Christus am Ende seines Lebensweges unter den Hosianna-Rufen (Hosianna: „Hilf doch!“, „Hilf bitte!“) des Volkes in Jerusalem einzieht und nur wenige Tage später auf Zuruf des gleichen Volkes dem Henker überantwortet wird, der ihn ans Kreuz schlägt. Die höhnische Aufschrift über ihm: „Jesus von Nazareth – König der Juden“.

Gewiß, der SPD-Politiker Karl Lauterbach ist von den Medien nicht zum Messias erhoben worden, aber doch zu einer Art Erlösergestalt, die uns aus der Krise der Corona-Pandemie führen soll. Nach jahrelangem Dasein als einfacher Bundestagsabgeordneter hatte er nach der Bundestagswahl endlich den Höhepunkt seiner politischen Karriere erreicht: Im Kabinett der von Olaf Scholz geführten Bundesregierung nahm er den Posten des Gesundheitsministers ein.

Weiterlesen

Die Medien waren voll des Lobes für Lauterbachs Aufstieg. Geradezu hymnische Lobgesänge kamen aus den den strengen Corona-Kurs stützenden Mainstreammedien. Auch die nordhessische Monopolzeitung HNA (Hessische/Niedersächsische Allgemeine) bot in einem peinlich zu lesendem Elaborat geradezu schleimige Stilblüten. Nach nur wenigen Wochen im Amt urteilte offenbar in Abwesenheit eines kritischen Sachverstandes am 10. Januar der Leiter des Kasseler Lokalredaktion Florian Hagemann:

Lauterbach hat es in wenigen Wochen im Amt längst zu King Karl geschafft… Lauterbach ist omnipräsent, er ist Karl Überall. (…) Das ist insofern erstaunlich, als dass es diese Art von Politiker bisher eigentlich gar nicht gab. Lauterbach ist nämlich immer noch in erster Linie Professor, der die Dinge versucht, mit seinem Hintergrund als Wissenschaftler zu erklären – untermauert mit dem Hinweis auf diese und jene Studie. Seine Vergangenheit verleiht dem Mediziner dabei die nötige Glaubwürdigkeit. (…)

Dass sehr viele Menschen Lauterbachs Art honorieren und sie sich nach genau einem solchen Fachmann im Amt sehnen, ist ein gutes Zeichen. Die hervorragenden Umfragewerte für einen wie Lauterbach könnten die Besetzung von Ministerposten schließlich nachhaltig verändern – und damit auch den politischen Stil an sich. Der kraftprotzende Machtpolitiker vom Schlage Schröder ist heute sowieso längst Außenseiter und wirkt von vorgestern. Olaf Scholz hat es nicht mit Wumms ins Kanzleramt geschafft, sondern als eine Art zweite Angela Merkel. Vizekanzler Robert Habeck und Finanzminister Christian Lindner fallen eher durch ihre smarte Art auf als durch Gebrüll – der philosophierende Welterklärer Habeck freilich mehr als der temperamentvollere Lindner. Die Beliebtheitswerte von Karl Lauterbach erreichen aber auch sie nicht. Womöglich aus einem einfachen Grund: Weil Karl Lauterbach sich nicht verstellen muss, um einfach Karl Lauterbach zu sein.

HNA vom 10. Januar 2022

Warnende Vorbilder für derart medial gehypte Höhenflüge, die wie Ikarus nach zu starker Annäherung an die Sonne schnell und schmerzhaft auf den Boden der Tatsachen fallen, gab es bis dahin genug: Karl-Theodor zu Guttenberg, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere wegen einer gefälschten Dissertation aus dem Amt des Verteidigungsministers flog, und Matthias Platzek, der mit viel Vorschußlorbeeren aus den Medien bedachte SPD-Vorsitzende, der aber nach nur einem halben Jahr der Überforderung aus dem Amt floh, sind nur zwei prominente Beispiele.

Denn inzwischen dreht sich der Wind aus der Wissenschaft und den dem Mainstreammedien gegen Lauterbach. Seine fortlaufende Masche, apokalyptische Sirenengesänge vorzutragen über die unvorhersehbaren und rein spekulativen Gefahren aus der Zukunft, in der sich das Coronavirus zu einer „Killervariante“ entwickeln würde, haben offenbar bei nicht wenigen Experten den Geduldsfaden reißen lassen. Und das erstaunliche ist: Aus den Mainstreammedien stellt sich kaum einer schützend vor den Minister.

In der HNA vom 20. April waren nun in der „Standpunkt“-Kolumne aus der Feder von Ulrich Riedler folgende erstaunliche Worte zu lesen:

Das Gesundheitsministerium zählt gewiss nicht zu den einfachsten Ressorts der Bundespolitik. (…) Und es erweist sich erst recht in Krisenzeiten mitunter als halsbrecherisch. Zuletzt stürzte ein Hoffnungsträger der Christdemokraten darüber. Dessen SPD-Kollege und Nachfolger Karl Lauterbach ist nun auf dem besten Wege, es Jens Spahn gleich zu tun. (…)

Seither hat sich Lauterbach Mühe gegeben, in der Welt der Realpolitik zu reüssieren, doch einiges mutet bislang befremdlich an. Erst ließ er sich beim Thema des Endes der Corona-Isolationspflicht im Kabinett die Butter vom Brot nehmen, um diese Lockerung wenig später wieder zu kassieren – im Fernsehen. Nun warnt er in der „Bild“-Zeitung vor Killerviren im Herbst, was ihm erneut massive Kritik einbringt.

Wie ministrabel ist Lauterbach überhaupt? Noch immer tut er sich schwer damit, dass man genau abwägen muss, wo man sich in welcher Form äußert. Auftritte in Talk-Shows und Interviews für die Boulevard-Presse sind eher hinderlich, wenn es um Strategien der Pandemie-Bekämpfung geht.

Ein Politiker unterscheidet sich vom Wissenschaftler nicht nur durch Dickfelligkeit, sondern auch durch Pragmatismus und das Gespür für richtiges Timing. All dies fehlt dem Experten Lauterbach noch. Er täte gut daran, es schnell zu lernen.

HNA vom 20. April 2022

Gerade einmal 101 Tage liegen zwischen den beiden vollkommen konträren „Standpunkt“-Kolumnen Hagemanns, der Lauterbach zum König krönte, und Riedlers, der ihn entzauberte. Noch ruft niemand nach Entlassung des Ministers, aber es sieht ganz danach aus, als ob der als Adler gestartete Lauterbach gerade dabei ist, seinen Sinkflug zum Bettvorleger hinzulegen. Von „König Karl“ wie HNA-Redakteur Hagemann oder gar „Karl der Große“ (DIE ZEIT) will niemand mehr reden.

Inzwischen dürfen wir uns verwundert die Augen reiben, wenn uns auf WELT Online die Journalistin Anna Scheider eröffnet, daß Karl Lauterbach in der Bundestagsfraktion der SPD alles andere als beliebt ist. Man beginnt zu ahnen, welch vergiftetes ausgerechnet von jenen auf die Oppositionsbänken verbannten Unionspolitikern kam, die Lauterbach als Idealbesetzung für das Gesundheitsressort empfahlen, so als ginge es ihnen in Wahrheit darum, den „Laden“ von innen her aufzulösen.

Es lichten sich also zunehmend die Schleier und offenbaren uns das Bild eines Mannes, der allein durch seine Talkshowpräsenz als Endzeitprediger und Angsttrompeter glänzte, aber nie als kompetenter Experte, der fähig wäre, ein Ressort wie das Gesundheitsministerium zu leiten, geschweige denn, eine Krankheit wie Covid-19 realistisch einzuschätzen. In seinem Auftreten gab Lauterbach lediglich den Komplementär für die in ihn gesteckten Erwartungen der Medien, mehr aber auch nicht.

Wagen wir zum Abschluß zwei Prognosen:

Karl Lauterbach wird sein Amt nicht bis zum Ende der Legislaturperiode ausüben. Sein Ende als Minister wird alles andere als rühmlich sein.

Und die Mainstreammedien, denen wir seinen irrealen Aufstieg zu verdanken haben, werden dann als allerletzten in sich gehen und selbstkritisch fragen, welchen Beitrag sie zu diesem absehbaren Desaster geleistet haben.

Die HNA, Karl Lauterbach und der Flug des Ikarus

Ob dem Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke) eine Träne der Rührung über die Wange lief, als er am vergangenen Samstag diesen Tweet absetzte: „Einfach mal Danke!“ Anlaß war die Titelseite der Thüringer Allgemeinen (TA), die mit einem großen Schaubild das Stärkeverhältnis der Impfkritiker sowie der die staatlichen Corona-Maßnahmen ablehnend gegenüberstehenden Minderheit, die mit „illegalen“ Spaziergängen ihrem Protest Ausdruck verschafft, gegenüber der überwältigenden Mehrheit, die durch die Impfung ihre angebliche Akzeptanz der Maßnahmen zeige.

Eine steile These, wo bekanntermaßen auch nicht wenige Geimpfte sich unter die Spaziergänger begeben haben. Aber in Corona-Zeiten ist das mit den Zahlen und Daten so eine Sache. Da wurde in einigen Bundesländern bislang bei der Intensivbelegung das beträchtliche Dunkelfeld derer, deren Impfstastus nicht bekannt war, einfach den Ungeimpften zugerechnet. Es dauerte jedenfalls nicht lange, und Ramelows Tweet geriet zum Rohrkrepierer, als nicht wenige geschichtsbewußte Follower Ramelow auf gewisse heikle historische Parallelen hinwiesen, die sie auch noch mit zeitgenössischen Dokumenten belegen konnten. So mit der Schlagzeile aus dem Neuen Deutschland vom März 1988: „Der neue ‚Glasklar‘-Kurs der SED erobert die Herzen der Massen“.

Dieser kuriose Vorgang beleuchtet eindrucksvoll die Wahrnehmung vieler Bürger, wonach es nach Eurorettung und Migrationskrise nun in der Corona-Pandemie zu einem erneuten Einvernehmen zwischen Medien und Regierung gekommen ist. Die „Vierte Gewalt“ hat ihre Kontrollfunktion endgültig aufgegeben und unterstützt unkritisch einen Regierungskurs, der in weiten Teilen der Bevölkerung keine Akzeptanz mehr findet.

Weiterlesen

Auch in unmittelbar nächster Nachbarschaft zu Erfurt, in Nordhessen, spielte sich dieser Tage das Drama des unbegabten Journalisten als regierungsamtliches Sprachrohr in ähnlicher Weise ab. Zwei Tage nach besagter Ausgabe der TA demonstriert die Hessische Allgemeine (HNA) auf ihrer Titelseite in der Rubrik „Standpunkt“ den engen Schulterschluß zwischen Regierung und Mainstreammedien-„Intelligenzija“: „Lauterbach im Umfragehoch / King Karl – die neue Art, Politik zu machen“. Florian Hagemann, Leiter der Lokalredaktion Kassel, ergießt sich darin zu einer regelrechten Lobhudelei:

Lauterbach hat es in den ersten Wochen im neuen Amt längst zu King Karl geschafft: Er twittert fleißig, wird mal in die Tagesthemen geschaltet, mal ins Heute-Journal, er schaut mal bei Anne Will vorbei, mal bei Maybrit Illner, heute Abend ist er bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ zu Gast. Lauterbach ist omnipräsent, er ist Karl Überall. (…)

Das ist insofern erstaunlich, als dass es diese Art von Politiker bisher eigentlich gar nicht gab. Lauterbach ist nämlich immer noch in erster Linie Professor, der die Dinge versucht, mit seinem Hintergrund als Wissenschaftler zu erklären – untermauert mit dem Hinweis auf diese und jene Studie. Seine Vergangenheit verleiht dem Mediziner dabei die nötige Glaubwürdigkeit.

Und zum krönenden Abschluß, warum die Beliebtheitswerte der Minister Habeck und Lindner nicht an die von „King Karl“ reichen:

Womöglich aus einem einfachen Grund: Weil Karl Lauterbach sich nicht verstellen muss, um einfach Karl Lauterbach zu sein.

An dieser Stelle hätte ich noch erwartet: „Majestät, Ihr seid die Sonne…“

HNA-Standpunkt vom 10.01.2022

Als erstes kommt beim Lesen der Verdacht auf, mit diesem schleimigen Text will Hagemann sich für den Posten des Bundestagspoeten vulgo „Hofschranze“ (Don Alphonso) bewerben, den die Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckhardt so gerne ausschreiben will.

Aufhänger der Thesen Hagemanns sind die Umfragen zu Lauterbachs Beliebtheit (66 Prozent bei Dimap). Doch mit demoskopischen Beliebtheitswerten ist das so eine Sache. Eine ungeschriebene Grundregel dabei lautet, daß die Beliebtheit eines Politikers mit seiner Medienpräsenz korreliert, egal, was er dabei zu sagen hat. Und wie diese Präsenz nun zustande kommt, wäre eine eigenständige Untersuchung wert, nach welchen Kriterien jemand wie Lauterbach die Dauereinladungen in die Talkshows des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks erhält und welche Fäden im politisch-medialen Komplex hier gezogen werden. Transparent sind diese jedenfalls nicht, allenfalls zu erahnen.

Was Lauterbach für diese Rolle sicherlich prädestiniert, ist sein professoraler Auftritt, in dem er mit sorgenvoller Miene Endzeitstimmung verbreitet. In seinem Buch „Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten“ (2012) ist der Buchautor Christian Schüle auch auf „das Ende der Welt als deutsches Geschäft“ eingegangen. Neben den US-Amerikanern gäbe es kein zweites Volk, das bedingt durch seine wechselvolle Geschichte den Hang zur Apokalypse derart zur Lust verinnerlicht hätte wie das der Deutschen. Deutschland als „das Land der Apokalypse“ – und kein Gesicht passt besser dazu als das von „King Karl“ Lauterbach.

Wenn sich Lauterbachs düstere Voraussagen nicht erfüllen – geschenkt. Daß er den größten Stuß als wichtige Erkenntnis herausposaunt, von der am Folgetag nichts mehr übrig bleibt – vergessen. Die Frage nach seiner tatsächlichen ärztlichen Qualifikation, die angeblich nur im Gesundheitsmanagement liegt – irrelevant. Frei von jedem Selbstzweifel vollzieht er seine Auftritte. Und die Mainstreammedien folgen brav, solange Lauterbach seiner Rolle als zivilreligiöser Prophet, der Apokalypse und Erlösung anbietet, zur Zufriedenheit derer ausfüllt, die ihn nach vorne stellen.

Doch das muß so nicht auf Dauer bleiben. Die Liste der Senkrechtstarter, die gescheitert an sich selbst aus großer Höhe gefallen sind, ist lang. Denkt da noch wer an Matthias Platzeck, der 2005 vom glücklosen Franz Müntefering den Vorsitz der SPD übernahm? Bedacht mit Vorschußlorbeeren von den Medien und ausgestattet mit einem Rekordvotum vom Parteitag warf er ein halbes Jahr später das Handtuch, eine vergessene Fußnote der deutschen Parteiengeschichte als der SPD-Vorsitzende mit der kürzesten Amtszeit in der Bundesrepublik.

Spektakulärer ist da der Fall Karl-Theodor zu Guttenberg, der es schaffte, selbst so skeptische Geister wie den konservativen Publizisten Karlheinz Weissmann zu blenden. Als Verteidigungsminister aus altem Adel schien ihm alles zu gelingen, und selbst in der „heute show“ wurde er vollkommen unironisch „der Mann, der alles kann“ genannt. Bis im Februar 2011 mit der Aufdeckung seiner Dissertation als billiges Plagiat innerhalb von zwei Wochen sein tragikomischer Absturz zum Lügenbaron erfolgte.

Wer hoch steigt, kann tief fallen, sagt der Volksmund. Die griechische Mythologie kennt hierfür die Figur des Ikarus, der mit selbstgemachten Flügeln der Sonne unvorsichtig zu nahe kommt, so daß das zusammenhaltende Wachs zerfloß und Ikarus zu Tode stürzte.

Sieg und Niederlage, Schmerz und Vergnügen, sie liegen nahe beieinander. Und Politik ist umso mehr ein Drahtseilakt, je höher man steigt. Das gilt auch für jemanden wie Karl Lauterbach, bei dem schon erste Anzeichen erkennbar sind, nicht begriffen zu haben, daß ein Ministeramt andere Anforderungen stellt als ein Abgeordnetenmandat. Schneller als gedacht könnte es sich erweisen, daß hinter der Warnung seiner Ex-Frau Angela Spelsberg, bekannt als ausgezeichnete Epidemiologin und Wissenschaftlerin, Lauterbach werde einem Ministeramt nicht gerecht, mehr steckt als nur ein Rosenkrieg.

Der tiefe Sturz eines Politikers ist nicht nur eine Blamage für den Betreffenden; sie ist es ebenso für die Medien, die sich devot anbiederten und ihn in unkritischer Weise nach oben schrieben. Journalisten sind daher auch in diesem Fall gut beraten, dem Grundsatz zu folgen, nahe bei der Sache zu sein, und dabei doch eine innerliche, kritische Distanz zu den Akteuren zu bewahren. Wenn „King Karl“, warum auch immer, sich als Luftikus entpuppt und von seinem Thron stürzt, was wird Hagemann dann im Rückblick zu seinem bereits aus heutiger Sicht Fremdscham erzeugendes Elaborat sagen…?

 

Der Klassiker zum Thema:

Udo Ulfkotte
So lügen Journalisten
Der Kampf um Quoten und Auflagen (2001)
Nur noch antiquarisch erhältlich