Hybris und Mythos: Eine Geschichte des russischen Imperiums

Dass Geschichte in der russischen Ideologie und Staatskunst eine so herausragende Rolle spielt, liegt daran, dass sich in Russland nie ein normaler, freier politischer Diskurs herausgebildet hat. Eine öffentliche Verhandlung um das, was Freiheit, Demokratie oder Sicherheit bedeuten könnte, findet nicht statt. Das heißt, dass der Staat, der in der gesamten russischen Geschichte der Haupttreiber von Veränderungen war, immer dann, wenn er eine bestimmte Politik durchsetzen will, dazu neigt, sich auf historische Erzählungen zu berufen. Diese Erzählungen beruhen allesamt auf Mythen darüber, wie Russlands Entwicklung verläuft oder verlaufen sollte. (Orlando Figes, in der WELT vom 26.11.2022)

Der Begriff des „Putin-Verstehers“ hat seit dem 24. Februar des vergangenen Jahres, dem Beginn des vom russischen Präsidenten Wladimir Putin befohlenen Angriffskrieges gegen die Ukraine, einen unangenehmen Beiklang bekommen. Selbst die vehementesten Vertreter einer wohlwollenden Sichtweise auf Putins Handlungen und Motive waren von dieser schicksalshaften „Zeitenwende“ überrascht und stehen blamiert da. Vielleicht ist es Zeit für eine Rekalibrierung des eigenen Horizonts. Putin zu verstehen heißt Russland zu verstehen. Und um wiederum Russland zu verstehen, ist das Wissen um seine lange und schwierige Geschichte notwendig.

Unter den vielen Titeln, mit denen derzeit der Buchmarkt zum Themenkomplex Russland/Ukraine geflutet wird, ragt besonders „Eine Geschichte Russlands“ des Historikers Orlando Figes heraus. Der 1959 geborene Brite Figes hat sich als Autor preisgekrönter Werke über die russische Geschichte einen Namen gemacht.

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Figes stellt seinem Werk folgende These voraus:

„Russland ist ein Land, das von Ideen, die in der fernen Vergangenheit verwurzelt sind, zusammengehalten wird, und von Geschichten, die ständig umgeschrieben und umfunktioniert wurden, um den aktuellen Bedürfnissen zu entsprechen und die eigene Zukunft neu vorzustellen.“

Die Idee, die an seinem Anfang steht, ist die von der Kiewer Rus, mit der nach Moskauer Verständnis die Staatlichkeit Russlands begann. Die Taufe Wladimir I. im Jahr 988, im orthodoxen Glauben der Großmacht Byzanz öffnete das Land nach Europa, ein Gründungsmythos, auf den sich neben Russland auch die Ukraine und Weißrussland berufen. Figes hält dem entgegen, daß die Geschichte der Kiewer Rus in einem vergleichbaren Verhältnis zur späteren Geschichte Russlands stünde wie das Karolingerreich zu Deutschland oder das Gallien der Merowinger zum modernen Frankreich: „[N]ämlich als eine Quelle der Religion, Sprache und künstlerischen Ausdrucksformen des Landes.“

Die nachfolgende 250jährige Besetzung durch die Mongolen markiert den „tiefen Bruch“ zwischen den Kiewer Rus und dem aufstrebenden Moskauer Reich. Einerseits war Russland in der Besatzungszeit abgeschnitten vom europäischen Einfluß, andererseits entwickelte sich sein Glaube zum „Brennpunkt ihres Durchhaltevermögens“. Mit dem ersten Zaren Iwan dem Schrecklichen (1530 – 1584) verbindet sich der Beginn des imperialen Anspruchs Russlands als dem „Dritten Rom“ und dessen expansiven Ausgreifens nach Osten. Die Sakralisierung seines Amtes, die Identität von Zar und Staat, erfolgte aus der Übernahme byzantinischer Traditionen, während „sich im Westen das Konzept eines abstrakten Staates als Gegengewicht zum König entwickelte“.

Ein Gegengewicht zur Übermacht des autokratischen Zaren konnte sich nicht herausbilden. Die korrupte Adelsschicht der Bojaren – Vorläufer der heutigen Oligarchen – wurde entmachtet. Ebenso fehlte hierfür ein selbstbewußtes und unternehmerisches Bürgertum: „Russland blieb auf seinem autokratischen Pfad.“

Mehr noch, gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden die Bauern durch Einführung der Leibeigenschaft an Boden und Adelsherren gebunden. Die Kollektivhaftung in den Gemeinden dieses Bauernstaats führte zur Pflicht der Denunziation.

Erste Reformen durch Zar Peter den Großen (1672 – 1725) verstärkten durch ihren „tyrannischen Etatismus“ nur die Rückständigkeit und wurden rückblickend kritisch betrachtet als die traditionelle russische Identität unterminierend. Auch seine Nachfolgerin Katharina die Große hielt trotz der von ihr vertretenen Ideale der Aufklärung nichts von der Idee einer Freiheit der Russen.

Militärisch bildete sich immer schärfer das Muster heraus, daß Russland seine Siege nur der Quantität, also seiner schier unerschöpflichen Masse an Soldaten, und weniger der Qualität des Materials oder seiner Führung verdankte, ein Vorteil, der dem Land heute in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine durch den drastischen Bevölkerungsschwund seiner demographischen Ressourcen fehlt. Allzu oft zeigte sich der Hang zur Hybris, wenn das Militär im Gehorsam auf seine Führung auf einen sicher geglaubten Sieg umso bittere Niederlagen einfuhr.

Das 19. Jahrhundert war geprägt vom Streit zwischen Slawophilen und Westlern – konservativen Kollektivisten und liberalen Individualisten – um den zukünftigen Weg Russlands. Die Abgrenzung zum Westen gewann durch den Krimkrieg (1853 – 1856) an Schärfe, als Moskau die Rolle der feindlichen Allianz von Großbritannien, Frankreich und Sardinien-Piemont als heuchlerische Doppelmoral wahrnahm, wenn diese sich global das nahmen, was man Russland wiederum nicht zugestand. Umso stärker sah sich Russland als Verteidiger christlicher Wertevorstellungen gegen den Säkularismus und den Materialismus des Westens.

Zwar brachte die Oktoberrevolution das Ende der Monarchie und die Abschaffung des Zarentums. Doch in der russischen Mentalität war nach wie vor das Bedürfnis nach einer überhöhten Herrschergestalt vorhanden. Stalin wußte sich in dieser Rolle perfekt zu inszenieren.

Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg 1945 brachte eine neue Variante des russischen Nationalismus hervor, ein messianischer Opfer-Mythos von Russland als Befreier der Menschheit, erst gegen die Mongolen, dann gegen Napoleon und schließlich gegen Hitler-Deutschland und „nicht etwa für sowjetische Ineffizienz und herzlose Missachtung von Menschenleben“. Die Breschnew-Ära ihrerseits instrumentalisierte den Nationalismus als Gegenmittel gegen den Einfluß des Westens.

Besonders interessant wird es im letzten Kapitel des Buches, das bis in die jüngste Putin-Ära führt. Unter Gorbatschow erlebte die Sowjetunion nicht allein das Aufleben zivilgesellschaftlicher Ansätze, sondern auch ihre Auflösung durch die zentrifugalen Kräfte des entfesselten Nationalismus in den Sowjetrepubliken. Den Todesstoß versetzte der Union das erfolgreiche Unabhängigkeitsreferendum der Ukraine. Die alten Eliten gingen übergangslos in das neue System über.

Dem folgenden Chaos unter Jelzin mit seinen sozio-ökonomischen Verwerfungen und dem ideologischen Vakuum stellte sein konservativer Nachfolger Putin sein etatistisches Staatsmodell mit der Betonung auf der „traditionellen Werte“, die Russland stark machten: „Patriotismus, Kollektivismus und die Unterwerfung unter den Staat“. Das Ergebnis war eine gelenkte, autoritäre Schein-Demokratie mit Putin als neuem „Zaren“ an der Spitze. Unterstützt von der Orthodoxen Kirche erlangte der Staat auch die Lufthoheit über den Geschichtsdiskurs, in dem nun deutlich anti-westliche Akzente und eine verklärende Sicht auf die Vergangenheit gesetzt wurden.

Widerspruch ist Figes garantiert bei seiner Darstellung über Putins Verhältnis zum Westen. Er betont das Interesse Putins zu engen Beziehungen zum Westen in seiner ersten Amtszeit, eine Chance, die leichtfertig ausgeschlagen wurde: „Russland wollte Teil Europas sein, mit Respekt behandelt werden.“

Den eigentlichen Bruch zwischen Russland und dem Westen verortet Figes in der NATO-Osterweiterung, die ohne Rücksicht auf russische Empfindlichkeiten und in Mißachtung seiner Geschichte durchgezogen wurde: „Durch die Provokation einer russischen Aggression hatte die NATO erst das Problem geschaffen, dem sie eigentlich entgegen treten wollte. Man könnte meinen, sie brauche ein aggressives Russland, um die eigene Existenz zu rechtfertigen.“ Die Folgen sind bekannt.

Einerseits Teil Europas, andererseits vom Rest des Kontinents nie richtig verstanden – das ist eine der Kontinuitätslinien der Geschichte Russlands. Dazu der Orthodoxe Glaube seiner Bevölkerung, sein messianischer Anspruch, seine imperialen Ambitionen, die stets weit hinter seinen tatsächlichen Fähigkeiten stehen. Und vor allem die autokratische Staatsform, unter der sich nie eine bürgerliche Zivilgesellschaft entfalten konnte. „Despotismus auf der Basis der Versklavung der Gesellschaft“ war das drastische Urteil des Reformers Michail Serpanski Anfang des 19. Jahrhunderts über den Zustand Russlands, der sich offenbar bis heute fortschreibt.

Wie immer das derzeitige Ringen um die Ukraine ausgehen mag, selbst bei einer russischen Niederlage ist kaum anzunehmen, daß diese Linien einen Abbruch erfahren werden und dem „System Putin“ eine liberale Demokratie nachfolgt. Das naheliegende ist die Wahl zwischen einem von zwei Übel: Autokratie oder Chaos. Keines davon wird uns im Westen schmecken.

Orlando Figes
Eine Geschichte Russlands
2022; 448 Seiten; 28,- Euro
Klett Cotta

Der notwendige Verrat am eigenen Land

Ideen, die man im Suff entwickelt, können ungeahnte und unliebsame Folgen nach sich ziehen. Obwohl durchaus trinkerfahren wird Bartholomew Scott Blair, kurz „Barley“, Inhaber eines notleidenden britischen Verlagshauses, auf unsanfte Weise an diesen Allgemeinplatz erinnert. Es ist Ende der 1980er Jahre, Blair feiert mit einer Gruppe russischer Literaten in einer Datscha in Peredelkino, einer Siedlung unweit von Moskau, wo auch die vom sowjetischen Staat anerkannten Künstler einen Wohnsitz erhalten. Blairs vom Alkohol gelöste Zunge läßt nicht locker:

„Es gibt nur eine Hoffnung: Wir müssen Verrat an unserem Land begehen. Nur so können wir uns gegenseitig retten.“

Doch ein stiller Gast, der nur als Dante bekannt ist, hört Barley sehr aufmerksam zu. Und er wird ihm beim Wort nehmen.

So ist der Einstieg in „Das Rußland-Haus“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans des Briten John le Carré (1931 – 2020) aus dem Jahre 1989. Le Carré war seit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (1963) berühmt für seine Agentenromane. Mit dem Plot des „Rußland-Hauses“ bewies er wieder einmal den richtigen Riecher für einen Erfolgsroman, der die damalige Aufbruchstimmung durch die vor allem durch den russischen Staatsführer Michail Gorbatschow verkörperte Entspannungspolitik aufnahm. Bereits im Folgejahr kam die Verfilmung in die Kinos, in den Hauptrollen Sean Connery als Barley und Michelle Pfeiffer als Katya Orlova.

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Über Katya als Mittelsfrau will Dante (gespielt von Klaus Maria Brandauer) Barley ein Manuskript zur Veröffentlichung im Westen zukommen lassen. Sein Inhalt seiner Notizbücher bedeutet nicht allein Sprengstoff für den Ost-West-Konflikt, sondern auch für die Profiteure des Rüstungswettlaufs. Denn wenn Dantes Informationen stimmen, dann hat die atomare Rüstung der Sowjetunion nur noch Schrottwert und stellt damit keine Bedrohung für den Westen mehr dar: „Wie wollen Sie was am Wettrüsten verdienen, wenn der einzige Arsch, mit dem Sie um die Wette rüsten, ihr eigener ist…?“

Doch durch widrige Umstände gelangt das Manuskript ausgerechnet in die Hände des britischen Nachrichtendienstes. Der möchte mit seinen amerikanischen Partnern vom CIA zu gerne die Quelle des Manuskriptes für seine Zwecke vereinnahmen. Aber dafür benötigen sie ausgerechnet die Hilfe des ihnen unberechenbar erscheinenden Spionage-Laien Barley. Doch als Gefahr für Katya droht, geht Barley für die Frau, in die er sich inzwischen verliebt hat, mutig seinen eigenen Weg und begeht für seine große Liebe Katya Verrat an seinem Land: „Du bist jetzt mein einziges Land.“

Katya Orlowa (Michelle Pfeiffer) und Bartholomew Scott Blair (Sean Connery)

Dem australischen Regisseur Fred Schepisi ist mit dem „Rußland-Haus“ damals einer der Erfolgsfilme des Jahres gelungen. Das Drehbuch hielt sich eng an die Romanvorlage. Außergewöhnlich ist seine Atmosphäre, die ohne jede Action allein von der Spannung des Plots getragen wird, ohne durch das Verhältnis von Barley und Katya in eine Schmonzette abzugleiten. Es fließt kein Blut, er kommt ohne jeden spektakulären Effekt aus. Für den Cast wurden auch in den Nebenrollen namhafte Schauspieler verpflichtet wie Roy Scheider („Der weiße Hai“), James Fox („Reise nach Indien“) sowie J.T. Walsh („Good Morning, Vietnam“). Und Jerry Goldsmith hat als Komponist des mit Jazz-Elementen durchsetzten Soundtrack dem Film eine zusätzliche meisterliche Note verliehen.

Inhaltlich läßt sich „Das Rußland-Haus“ auch als kritische Abrechnung mit den Geheimdiensten, deren Arbeit le Carré aus eigener Anschauung kannte, verstehen. Die Mentalität der Protagonisten aus diesem Milieu ist gekennzeichnet von Zynismus und Zweckrationalität. Das Mißtrauen gegenüber anderen ist in ihre eigene Natur übergegangen, so daß ihnen selbst nicht zu trauen ist; die Lüge wird zu ihrer eigentlichen Natur. Dante warnt Barley eindringlich:

„Sie tragen heute grau, Barley. Mein Vater wurde von grauen Männern ins Gefängnis geschickt. Erschossen wurde er von einem grauen Mann in Uniform. Und es waren graue Männer, die meinen Beruf zerstört haben. Seien Sie vorsichtig, sonst werden sie auch Ihren zerstören.“

Dante (Klaus Maria Brandauer) und Bartholomew Scott Blair (Sean Connery)

Wie ein roter Faden zieht sich beißender Sarkasmus durch den Film. CIA-Mann Clives bissige Bemerkungen über die Experten-Auswertung von Dantes Manuskript liest sich wie ein zeitloses Bonmot auf die heute so viel beschworenen Parole „Folgt der Wissenschaft“:

„Unsere Experten haben festgestellt, daß dieses Notizbuch sehr schnell geschrieben wurde oder sehr langsam, von einem Mann oder einer Frau, im Ernst oder im Scherz, der Schreiber war Rechtshänder oder Linkshänder, er war Wissenschaftler und doch kein Wissenschaftler. Und meine Meinung ist: Für Experten ist keine Toilette tief genug.“

Doch den Film zeichnet noch eine Besonderheit aus. Aus der Rückschau – aus der heutigen Zeit des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine – läßt sich kaum glauben, daß es damals für die in Russland spielenden Szenen eine offizielle Drehgenehmigung an den Originalschauplätzen gab. Noch fast zehn Jahre zuvor mußte für den Film „Gorky Park“ Finnland als Ersatz herhalten. Ein keineswegs unwesentliches Detail als Beweis für den Fortschritt des von niemanden so erwarteten politischen Tauwetters.

Wies US-Präsident Reagan der Sowjetunion noch wenige Jahre zuvor die Rolle des „Reiches des Bösen“ zu, so gab le Carré durch seinen unwahrscheinlichen Helden Barley eine Sympathieerklärung an das russische Volk ab:

„Ich liebe das Land nun mal. Ich fühle mich davon angezogen. Es ist alles so schäbig dort. Sie sind so rückständig dort, dabei geben sie sich so viel Mühe. Die armen Schweine, sie würden gerne so leben wie wir. Sie haben alle so viel Herz, so viel Naivität. Und sie halten übrigens immer ihr Wort.“

Der Fall des Eisernen Vorhangs und der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa 1989/90 sollte „Das Rußland-Haus“ noch während seiner Aufführung inhaltlich regelrecht überrollen. Erstaunlicherweise kam der Film bei der Oscar-Verleihung nicht einmal in die Nominierung, trotz der Höchstleistung von Connery und Pfeiffer. Doch das sollte seinen Wert nicht schmälern. Mehr als 30 Jahre später ist „Das Rußland-Haus“ ein Klassiker, eine wehmütige Reminiszenz daran, was einmal möglich schien.

So hob das Ende des Kalten Kriegs die Hoffnungen auf eine globale Friedensepoche auf bis dahin ungekannte Höhen, gar das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) in Form eines Siegeszugs des liberal-kapitalistischen Demokratiemodells schien in greifbare Nähe. Doch in der Dresdner Kommandantur des KGB schwor sich ein „grauer Mann“ Rache für den als demütigende Niederlage empfundenen Untergang der Sowjetunion. Sein Name: Wladimir Putin. Er sollte seine Chance bekommen…

Das Russland-Haus
Mit Sean Connery, Michelle Pfeiffer

und Klaus Maria Brandauer
1990, 1:58 h
John le Carré
Das Russland-Haus
2001, 431 Seiten
List Verlag

Zusammenarbeit statt Kampf der Kulturen?

In Hildesheim vermittelt die Ausstellung „Islam in Europa 1000 – 1250“ ein neues Bild vom Austausch zwischen Orient und Okzident

Der im frühen Mittelalter angelegte Hildesheimer Dom vermag in seiner vorromanischen Bauweise eine Ahnung von der Bedeutung dieser Stadt in der damaligen Zeit zu geben. Seinen Höhepunkt als Macht-, Wissens- und Kulturzentrum im ersten Deutschen Reich erlangte er im Hochmittelalter, als seine Bischöfe als Erzieher der Königs- und Kaiserkinder dienten oder in diplomatischer Mission unterwegs waren, auch an der Nahtstelle zur islamischen Zivilisation wie etwa in Süditalien. Die mit ihren Diensten verbundenen Belohnungen in Form von Geschenken kamen einer Prachtentfaltung zugute, die sich auch in einem reich ausgestatteten Domschatz niederschlugen, der heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

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Hildesheimer Dom

Das Dommuseum Hildesheim gibt nun in der Ausstellung „Islam in Europa 1000 – 1250“ der Öffentlichkeit einen Einblick auf die wertvollsten Stücke seiner Schatzkammer. Dabei verbinden die Ausstellungsmacher einen weitergehenden Anspruch, der über die Exponate als anschauliche Zeugnisse ihrer Zeit bis in die Gegenwart reicht. Geht es in dem einleitenden Beitrag zu dem Ausstellungskatalog zuerst um die Dekonstruktion scheinbar überkommener Vorstellungen vom islamischen Mittelalter und illusorischer Epochenbrüche, obgleich die Expansion des Islam angeblich keinen Bruch in den eroberten Gebieten darstellte, so wird der Bogen weiter gespannt in die von ethnischer und religiöser Vielfalt geprägte, postmoderne Bundesrepublik. Als Kronzeugin für diesen Wandel wird die Soziologin Nakia Fourtan angeführt mit ihrer Forderung nach einer Erzählung, „die eine neue, plurale und migrationsoffene nationale Identität formuliert“ und zu der die Ausstellung offenbar ihrerseits einen Beitrag leisten will. Immerhin wird dabei eingeräumt, daß das dem dabei zugrundeliegende Konzept der Transkulturalität, wonach Kulturen nicht getrennt voneinander zu betrachten sind und immer im gegenseitigen Austausch stehen, den Blick auf die Konflikte verengt.

Zu den schönsten und ältesten Exponaten gehört das Keilförmige Reliquiar, mit zwei darin eingearbeiteten, auffallenden Objekten aus dem islamischen Raum, zum einen die krönende Spitze mit einer Schachfigur aus Bergkristall und einem roten Kristall mit der arabischen Inschrift „Muhammad Ibn Ismail“ (Muhammad Sohn des Ismail). Keineswegs war damit die Übernahme religiöser Vorstellungen aus dem Orient beabsichtigt, sondern die Herstellung einer Verbindung zum Heiligen Land und seiner dort gesprochenen Sprache. Die Verwendung solcher Schmucksteine war kein Einzelfall, wie das Heinrichs-Kreuz aus Fritzlar zeigt.

Kaum ein anderes Material ist so schwer zu bearbeiten wie Bergkristall, der im Mittelalter aus Madagaskar importiert wurde. Seine Bearbeitung stellt höchste Ansprüche an das Können des Handwerkers. Kunstvoll eingefräste Reliefs und die Aushöhlung des Rohlings durch einen engen Flaschenhals geben eine Vorstellung der damit verbundenen Mühen. Daher ist die Leihgabe des Bergkristallkrugs aus dem Florentiner Museo degli Argenti an Wert kaum zu unterschätzen. Auf ihm enthalten ist die Inschrift des Kalifen al-´Aziz billah (reg. 975 – 996). Bei der vermuteten abenteuerlichen Reise von der geplünderten Kairoer Schatzkammer bis nach Venedig grenzt es an ein Wunder, daß dieses empfindliche Objekt seinen Reiseweg unbeschadet überstanden hat.

Als einer der Belege für die herausragende Stellung der islamischen Welt und ihrer Verdienste als Wissensvermittler antiken Gedankenguts stehen die arabischen Astrolabien zur Sternenbeobachtung und geographischen Standortbestimmung, deren Ursprünge auf das alte Griechenland zurückgehen. Vollständig erhalten ist das Astrolabium aus der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz aus dem 11. Jahrhundert aus dem islamischen Toledo.

Das sizilianische Palermo war der Kreuzungspunkt der römisch-katholischen, byzantinischen und islamischen Welt. Trotz verschiedener Herrschaften konnte sich bis in die Zeit der Normannen und Staufer eine islamische Kunsttradition erhalten, die die Stile aller Kulturen vereinte. Dafür steht der mit kunstvollen Ornamenten aus feinstem Granulat verzierte Schmuckkasten aus vergoldetem Silber, der später seinen Weg als Reliquiar nach Trier fand.

Die Hervorhebung islamischer Leistungen vor allem in der Wissenschaft und Philosophie gegenüber einem an der europäischen Peripherie stehenden Mitteleuropa in der Hildesheimer Ausstellung machen mehr als deutlich, wie sehr trotz aller guten Argumente der revisionistische Ansatz von dem Mediävisten Sylvain Gouguenheim („Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel“), der vor dem Transfer aus dem Arabischen ältere und bedeutendere Übersetzungslinien aus Byzanz ausgemacht hat, inzwischen in der Versenkung verwunden ist, mit ihm andere Stimmen wie die seines Kollegen Darío Fernández-Morera, der des verklärenden Bild einer Annahme eines für Westeuropa notwendigen Transfers von angeblich verlorengegangenen Wissen aus dem Arabischen auf islamische Propaganda zurückführte. Wie gering ihre Chancen auf Anerkennung je waren unter den Bedingungen westlicher Einwanderungsgesellschaften, die verzweifelt darum bemüht sind, die konfliktträchtigen Folgen der Migration aus dem islamischen Raum in einen Gewinn umzudeuten, auch davon vermittelt die Ausstellung einen Eindruck.

Doch jenseits ihrer Instrumentalisierung für die transkulturelle Transformation Deutschlands in einen Vielvölkerstaat ist der Besuch der Ausstellung dennoch lohnend. Die kunstvoll gearbeiteten Objekte geben einen eindrucksvollen Einblick in das hohe Niveau in das Kunsthandwerk ihrer Zeit und die Denkvorstellungen ihrer Auftraggeber.

Die Ausstellung „Islam in Europa 1000-1250“ ist noch bis zum bis zum 12. Februar 2023 im Hildesheimer Dommuseum zu sehen. 

Ausstellungsband
Islam in Europa 1000-1250
352 Seiten; 35,- Euro

Letzte Siege der Weimarer Republik über ihre Feinde

Mit dem Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat 2014 ein enger Reigen 100jähriger Jahrestage der deutschen Geschichte begonnen. Es folgten unter anderem vier Jahre später der Jahrestag des Waffenstillstands und das Ende des Kaiserreiches und damit die Ausrufung der deutschen Republik. Für das nächste Jahr ist ein weiterer Höhepunkt abzusehen: die Krise der Weimarer Republik von 1923 mit der Ruhrbesetzung und der Hyperinflation und damit verbunden dem letztlich gescheiterten Versuch eines damals noch unbedeutenden Rechtsextremisten namens Adolf Hitler, mit seinem Münchner Marsch vom 9. November des Jahres sich in Nachahmung seines italienischen Vorbildes Mussolini in Bayern an die Macht zu putschen. Kuriosität am Rande, wie sehr Zufälle den Lauf der Geschichte bestimmen: Zu seiner Linken nur wenige Zentimeter von Hitler entfernt wurde sein Parteigenosse Max Erwin von Scheubner-Richter von einer Kugel tödlich getroffen. Welchen Weg hätte die Geschichte genommen, wenn das Geschoß stattdessen ihn selbst getroffen hätte?

Der Buchmarkt läuft sich bereits warm im Hinblick auf das Gedenken an 1923. Zahlreiche historische Titel liegen bereits hierzu auf den Tischen der Buchhandlungen. Einer davon, „1923 – Ein deutsches Trauma“ von Mark Jones, verdient dabei eine besondere Aufmerksamkeit.

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Der irische Historiker Jones (* 1981) setzt seine Darstellung beim Vertrag von Rapallo an (April 1922), mit dem das international isolierte und durch das Diktat von Versailles geschwächte Deutschland die Annäherung an das bolschewistische Russland besiegelte, zum Verdruß der Siegermächte des Ersten Weltkrieges, vor allem von Frankreich als der größte Gläubiger Russlands. Trotz des Erfolgs, der verhinderte, daß die Westmächte Deutschland auch noch die Kriegs- und Vorkriegsschulden des zaristischen Russlands aufbürdeten, fiel wenige Monate später mit Außenminister Walther Rathenau der Architekt der Einigung einem Attentat der rechtsextremen „Organisation Consul“ zum Opfer.

Zu Beginn des Jahres 1923 nahm Frankreich unter Ministerpräsident Raymond Poincaré (1860 – 1934) die nicht vollständig von Deutschland erfüllten Reparationsforderungen zum Anlaß, gemeinsam mit belgischen Truppen das Ruhrgebiet, neben Oberschlesien die industrielle Herzkammer des Reichs, zu besetzen.

An dieser Stelle muß ein ergänzender Hinweis zu Poincaré eingeschoben werden, der dessen sinistere Rolle in der Geschichte erhellt. Poincaré stand bereit 1914 als Staatspräsident an Frankreichs Spitze. 2016 stellte der deutsche Historiker Rainer F. Schmidt die gut begründete These auf, daß dieser durch sein Taktieren entscheidend den Ausbruch des Ersten Weltkrieg zu verantworten habe. Ihm ging es vor allem um Rache für den Verlust von Elsass-Lothringen, aus dem seine Familie nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870-71) vertrieben worden war.

Doch der Sieg über Deutschland im Ersten Weltkrieg war dem ausgewiesenen Deutschenhasser Poincaré nicht genug. In der Ruhrbesetzung ging es nur vordergründig um Reparationen. Sie bot vor allem den Hebel für die Umsetzung des alten französischen Traums, Deutschland so zu zersplittern, daß der ungeliebte Nachbar und „Erbfeind“ als Konkurrent auf Dauer ausfiel und Frankreich so den europäischen Kontinent dominieren konnte.

Für die wehrlos gemachten Deutschen wiederum mußte die Ruhrbesetzung wie ein Hohn erscheinen auf die Versprechungen der Sieger, eine Friedensordnung auf der Basis des Rechts zu begründen. Frankreich nahm sich aus eigener Macht das heraus, was es ihm zuzugestehen meinte, während Großbritannien dabei tatenlos zusah und sich auch die Amerikaner in der Ferne vornehm zurückhielten. Was Deutschland in diesen Tagen widerfuhr, war nicht die Herrschaft des Völkerrechts, sondern die Willkür des Siegers.

Die Deutschen bedienten sich des einzigen Mittels, das ihnen zur Verfügung stand: Der Weg des passiven Widerstands, ausgerufen von der Reichsregierung. Den Besatzern wurde jegliche Kooperation verweigert, die Arbeiterschaft des Ruhrgebiets ging in den Streik.

Ausführlich beschreibt Jones das Leiden der Bevölkerung unter der Besatzung, in einer Deutlichkeit wie es nur ein auswärtiger Historiker vermag, wo seine deutschen Kollegen mit Scheuklappen beschränkt sind. Übergriffe französischer Soldaten auf Zivilisten waren an der Tagesordnung. Wer nicht spurte, wurde in das unbesetzte Reichsgebiet ausgewiesen. Besonders zu leiden hatten die Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen durch Soldaten wurden:

„Das Muster sexueller Gewalt entsprach dem Muster anderer Gewaltakte, darunter die Tötung deutscher Zivilisten durch französisches und belgisches Militär. Vergewaltigung war Bestandteil der allgemeinen Gewaltkultur der Besatzungstruppen gegen die zivile Bevölkerung des Ruhrgebiets“.

Diese Demütigung wurde als besonders schwer empfunden, wenn sie von Soldaten aus den Kolonien verübt wurde. Die Ahndung solcher Verbrechen durch die Armeeführung war allenfalls lasch. Jones konstatiert: „Insgesamt kam die überwältigende Mehrheit der Soldaten mit ihren Verbrechen davon.“

Die Reichsregierung zu Berlin kompensierte den Lohnausfall der Ruhr-Arbeiter durch das verhängnisvolle Anwerfen der Gelddruckerpresse. Das Ergebnis war eine historisch beispielslose Hyperinflation, die die Sparguthaben restlos entwertete und das Wirtschaftsgefüge und die Staatsfinanzen zerrüttete, ohne daß sich ein Abzug der Besatzer abzeichnete.

Zum passiven Widerstand kam der vom Staatsapparat insgeheim geförderte aktive Widerstand. Aktivisten verübten vor allem auf die Bahnverbindungen des Ruhrgebietes Sprengstoffanschläge. Todesopfer waren dabei nicht beabsichtigt, kamen aber vor. Die repressive Antwort der Besatzer bestand in Deportationen und den Mißbrauch von Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Berühmt wurde der Fall des Stoßtruppführers Albert Leo Schlageter (1894 – 1923), an dem die Franzosen in einem kurzen Prozeß ein Exempel statuierten und zum Tode verurteilten. Seine Hinrichtung, aus der später im Dritten Reich ein nationaler Heldenmythos gewoben wurde, geriet für die Besatzer zum „kolossalen Eigentor“, brachte sie die Bevölkerung doch nur noch mehr gegen sie auf.

Gleichzeitig eskalierte die politische Polarisierung zwischen Links- und Rechtsextremisten im übrigen Reichsgebiet. Separatisten machten gemeinsame Sache mit den Besatzern, was letztlich mangels Unterstützung aus dem Volk scheiterte. Antisemitische Übergriffe auf Juden erreichten ein zuvor nicht gekanntes Ausmaß. Ende Oktober probte die moskauhörige KPD in Hamburg und Schleswig-Holstein den bewaffneten Aufstand. Dem gescheiterten Auftakt für eine deutsche Oktoberrevolution kostete am Ende 24 Kommunisten und 17 Polizisten das Leben. Etwa gleichzeitig beendete die Reichswehr in Mitteldeutschland gewaltsame revolutionäre Umtriebe. Der eingangs erwähnte Hitlerputsch mit dem Fall seines Initiators war der letzte Höhepunkt der Krise.

Letztlich mußte sich die Reichsregierung geschlagen geben. Im September 1923 gab Reichskanzler Cuno das Ende des Ruhrkampfes bekannt und schlug einen Kurs der Stabilisierung ein. Doch für die Besatzer war das kein Anlaß, sich als Gewinner zu fühlen:

„Als die Hyperinflation im Spätsommer 1923 ihren Höhepunkt erreichte, war klar, daß sie für alle Seiten ein Desaster war. Nach zehn Monaten hatten die Franzosen weniger Koks und Kohle bekommen als in den letzten Tagen vor der Besatzung; und für die Weimarer Republik waren die Kosten für die Finanzierung des passiven Widerstands höher als die Ausgaben für die Reparationszahlungen.“

Es folgten eine Währungsreform, die der Hyperinflation erfolgreich Einhalt gebot. Eine Neuverhandlung der Reparationen führte zum Abschluß des für Deutschland günstigeren Dawes-Plans, durch den Frankreich in seinen weitreichenden Zielen zurückstecken mußte und schließlich im Sommer 1925 seine Truppen abzog. Frankreich, so Jones, hatte sich „verzockt“.

Im Ergebnis des Ausgangs aus der Ruhrkrise zieht Jones ein positives Fazit und erinnert daran, „dass die Geschichte des Jahres 1923 nicht nur von Radikalisierung und Gewalt handelt; sie ist auch eine Geschichte des Sieges der deutschen Demokraten über ihre Widersacher.“ Doch war es nicht eher ein Pyrrhussieg? Jones nennt das Jahr 1923 „ein deutsches Trauma“. Traumata haben die unangenehme Eigenschaft, selbst auf lange Zeit nicht von allein zu verschwinden. Die Erfahrung der Wehrlosigkeit, des Ausgeliefertseins, der Demütigung und der Entrechtung wird in den Köpfen vieler Deutscher damals noch lange präsent gewesen sein und mit den Boden bereitet haben für den Aufstieg eines vermeintlichen Erlösers in Gestalt des „Führers“.

Es besteht eine merkwürdige Koinzidenz zum 100. Jahrestag der Ruhrkrise der Weimarer Republik und der gegenwärtigen Krise, die die Bundesrepublik gerade durchmacht und die voraussichtlich im kommenden Jahr auf ihren Höhepunkt zusteuert. Analogien sind kaum vorhanden. Zwar sind die aktuell rund 10 Prozent Inflation kein Vergleich zur Hyperinflation, wecken aber doch unangenehme Erinnerungen an damals. Und die Ausgabenpolitik der Ampelkoalition ist keineswegs geeignet, das Gespenst der Inflation auf mittlerer Sicht wieder einzufangen. Auch ist Deutschland in Westeuropa keineswegs isoliert, aber vor allem durch seine gesinnungsethische und desaströse Migrationspolitik sowie seine Energiewende ein Solitär unter seinen Verbündeten. Putins Anwendung der russischen Energielieferungen als Waffe gegen den Westen hat nur die inhärenten Mängel einer vollkommen unausgegorenen Energiewende aufgedeckt. Es steht allen offiziellen Bekundungen zum Trotz der Feind im Inneren heute keineswegs „rechts“, im Gegenteil; mit den weit links angesiedelten und von ideologischen Beglückungsutopien durchdrungenen Grünen haben wir „die heuchlerischste, abgehobenste, verlogenste, inkompetenteste und gemessen an dem Schaden, den sie verursachen, derzeit auch die gefährlichste Partei, die wir aktuell im Bundestag haben“ (Sarah Wagenknecht) und sogar in entscheidenden Schlüsselressorts der Bundesregierung!

Aber wenn beide Krisen etwas gemeinsam haben, dann daß damals wie heute die Existenz Deutschlands als modernes Industrieland mit funktionierender Währung auf dem Spiel stand beziehungsweise wieder auf dem Spiel steht. 1923 konnte diese Gefahr noch abgebogen werden. Doch, daß wir dieses mal wieder so viel Glück haben werden, dafür gibt es allein bei dem Personal unserer politischen Elite mehr als berechtigte Zweifel.

 

Mark Jones
1923 – Ein deutsches Trauma
Propyläen
384 Seiten; 26,- Euro

Als über Pompeji die Hölle hereinbrach

Zuerst war es ein Erdbeben, das das eigentliche Drama ankündigte. Dann, am 24. August 79 n. Chr. (andere sagen, es war am 24. Oktober), schlug der Vesuv zu: Aus dem Schlot des Vulkans an der Küste Kampaniens, am südwestlichen Ende der italienischen Halbinsel im Golf von Neapel, bricht das Inferno los. Eine gewaltige Säule aus Magma, Gas und Wasserdampf schießt wie eine Stichflamme mit Überschallgeschwindigkeit aus dem Berg in den Himmel. Diese weithin sichtbare Eruptionssäule senkt sich nach Abkühlung ab und ergießt sich in einem tödlichen Regen aus Lava, Asche und Bimsstein über die Umgebung, der sie acht Meter tief begräbt. Wer nicht bereits beim Erdbeben geflohen ist, fällt dieser Apokalypse unweigerlich zum Opfer. Innerhalb von wenigen Stunden ist die römische Kleinstadt Pompeji zusammen mit ein paar kleineren Orten ein Friedhof.

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Dank des Augenzeugenberichtes des Naturforschers Plinius des Jüngeren (61/62 – 113 oder 115 n. Chr.), der das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtete, ist der Vulkanausbruch von Pompeji die am besten dokumentierte Naturkatastrophe der Antike. Er ist auch der Neffe von Plinius des Älteren, Admiral der vor Miseum stationierten Flotte, der an Bord seiner Schiffe zu einer – letztlich erfolglosen – Rettungsmission ausrückte, bei der er auch sein Leben verlor. Doch nicht allein Plinius‘ Zeugnis gibt Aufschluß über diese Tragödie. Ebenso haben die archäologischen Grabungen seit Mitte des 18. Jahrhundert eine Fülle von teils spektakulären Funden hervorgebracht, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Es ist, als habe der Vulkanausbruch das römische Leben in der Antike regelrecht in seiner ganzen Fülle in einem Augenblick für die Nachwelt eingefroren.

Im Museumspark Kalkriese, wo seit 2000 die Funde zur Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) ausgestellt sind, widmet man sich in diesem Jahr in einer Sonderausstellung der Katastrophe von Pompeji. Gemessen an der Masse der Funde mag die Zahl der Exponate bescheiden sein, doch bieten sie einen eindrucksvollen und manchmal auch einzigartigen Einblick in das römische Leben vor rund 2000 Jahren, mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Luxus, Pracht und Alltag: Da ist der unangetastete Brotlaib einer Bäckerei, der aufzeigt, wie plötzlich und unerwartet die Katastrophe über die Bewohner Pompejis hereinbrach. Und so, wie die Bäckereien heute ihre Waren mit den Labels ihres Betriebes auf den Verpackungstüten vermarkten, so haben damals ihrerseits die Bäcker ihre Brote mit einem heute noch erkennbaren Stempel gekennzeichnet.

Für die hohe Kunstfertigkeit des Handwerks im römischen Reich und der globalen Herkunft ihrer Motive steht zum einen der gewundene Armreif in Schlangenform, der auf orientalische Vorbilder zurückgeht.

Wiederum aus Ägypten stammt der Skyphos, ein meisterhaft gestalteter Trinkbecher aus Obsidian mit beidseitigen Henkelgriffen, auf dem in typisch alexandrinischem Stil eine bunte Opferszene abgebildet ist.

Römische Goldmünzen in Indien bezeugen die weitreichenden Handelsbeziehungen. Aus Indien kam dafür bis Pompeji die Statuette der indischen Göttin Lakshmi, ein außerordentlich schönes und filigranes Werk aus Elfenbein, das kaum in einem kultischen Gebrauch war, sondern vermutlich zu dem ganz profanen Zweck als Griff für ein Körperpflege-Utensil.

Hätten wir ohne Pompeji Kenntnis von diesem Alltagsgegenstand? Mit dem tragbaren, aus Bronze gefertigten Kohlebecken auf drei Beinen auf Löwenpfoten konnte nicht nur geheizt, sondern auch Speisen erwärmt werden. Befeuert wurde es mit Holzkohle.

Leider kam aus seiner Öffnung nur Wasser und kein Wein: Sinn fürs Detail und in gewisser Weise auch Humor beweist der Brunnenmund in Form eines Weinschlauchs, auf dem ein Satyr aus dem Gefolge des Weingottes Dionysos sitzt.

Ausgestellt sind auch die Marmorbüsten zweier führender Repräsentanten dieser Zeit, zum einen die des Kaisers Tiberius (42 v. Chr. – 37 n. Chr.), der sehr viel Zeit am Golf von Neapel verbrachte, seines späteren Nachfolgers Vespasian (9 – 79 n. Chr.) sowie des Flottenadmirals Plinius des Älteren (23/24 – 79 n. Chr.). Jedes Porträt erlaubt in seiner Stilistik Rückschlüsse auf das jeweilige Selbstverständnis, was der Dargestellte über sich der Umwelt mitzuteilen gedenkt. War es bei Tiberius vor allem der tatkräftige Charakter des auch im hohen Alter jugendlich erscheinenden Kriegshelden, so stellt das etwas derbe und ehrliche Bildnis Vespasians seine Volksverbundenheit heraus.

Zum Ende des Rundgangs verabschiedet den Besucher die schauerliche Szenerie zweier Gipsausgüsse von in Pompeji umgekommenen Opfern. Die von der Asche umschlossenen Körper bildeten Hohlräume, die später seit den 1870er Jahren von Ausgräbern mit Gips ausgegossen wurden. Selten erschienen die Menschen der Antike der modernen Nachwelt näher als in diesem Zustand zum Zeitpunkt ihres Todes.

So grausig der Untergang von Pompeji selbst nach 2000 Jahren auf die Nachwelt wirkt, diese Tragödie erwies sich in dem unter der Lava und der Asche verschütteten Vermächtnis als einzigartiger Glücksfall für die Wissenschaft. Ihre Erforschung ist noch lange nicht abgeschlossen.

Die Sonderausstellung „Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan“ ist noch bis zum 6. November 2022 im Museumspark Kalkriese zu besichtigen.

Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan – Kalkriese Varusschlacht (kalkriese-varusschlacht.de)

Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan
Katalog zur Sonderausstellung im Museumspark Kalkriese
2022; 177 Seiten; 16,- Euro

Der Blick in Russlands Zukunft richtet sich in seine Vergangenheit

„Ich entdeckte den Park wie einen fremden Erdteil. Er hatte seinen eigenen Dschungel, seine Höhlen, seine geheimnisvollen Meere, seine rätselhaften Schlösser, wilde Eingeborene und freundliche Unbekannte. Und die Zukunft sah so aus: ein weißes, luftiges, zerbrechliches Versprechen.“
Juri Trifonow über den Gorki-Park, GEO 10/1979

Mit dem Beginn seines Angriffskrieges gegen die Ukraine ist Russland in eine neue historische Phase eingetreten. Doch statt der von Putin angestrebten Erneuerung des russisch/sowjetischen Imperiums zeigt nun der Weg des Landes mit der größten Landmasse der Welt nur in eine Richtung: Rückwärts in die Vergangenheit.

Symptomatisch hierfür ist der Versuch der russischen Führung, nach dem Rückzug des französischen Autobauers Renault aus dem Land die Fertigungsstätten umzurüsten auf die Wiederbelebung einer Marke, die aus der Sowjet-Ära noch gut bekannt ist, den Moskwitsch. Doch da die vorhandene Technik eine reine Endfertigung ist und Russland aufgrund der Wirtschaftssanktionen von Zulieferungen und Technologietransfers aus dem Westen weitgehend abgeschnitten ist, spricht wenig dafür, daß der „neue Moskwitsch“ auch nur annähernd mit westlichen Modellen mithalten kann, ebenso wenig wie es seine sowjetischen Vorgänger konnten, falls es bei diesem Projekt nicht ohnehin um ein „Potemkinsches Dorf“ handelt.

Russland ist also auf dem besten Weg zurück in eine Zeit, die nur unter dem größten Einsatz von Propaganda strahlend erscheint. Bis an die Zähne atomar bewaffnet, aber mit der Versorgung der eigenen Bevölkerung heillos überfordert, technologisch dem Westen immer weiter hinterherhinkend, jede Eigeninitiative und Freigeist durch ein diktatorisches System erstickend. „Obervolta mit Atomraketen“ höhnte einst Bundeskanzler Helmut Schmidt. Anlaß für Schadenfreude bieten diese trüben Aussichten für Russland keineswegs, denn noch ist nicht ausgemacht, ob die Kollateralschäden der westlichen Russland-Sanktionen aus Deutschland nicht eine gigantische Industrieruine machen.

Die imperiale Sehnsucht vieler Russen ist eine gefährliche Nostalgie, die verkennt, wie sich unter der Stagnation der Zerfall vorbereitete, der am Ende die Sowjetunion kollabieren ließ. In jüngster Zeit hat die in Moskau geborene und nach Deutschland ausgewanderte Schriftstellerin Katerina Poladjan in „Zukunftsmusik“ (2022) einen literarischen Rückblick in die triste Lebenswirklichkeit der russischen Provinz Mitte der 1980er Jahre gegeben. Doch noch interessanter ist der Griff zu Klassikern aus der Zeit des Kalten Krieges, die uns einen ungleich dichteren Bezug liefern. Dem amerikanischen Schriftsteller Martin Cruz Smith (*1942) ist 1981 mit dem Thriller „Gorki Park“ ein Weltbestseller gelungen, dem kurz darauf mit „Gorky Park“ die nicht weniger erfolgreiche Hollywood-Verfilmung folgte.

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In einer typisch kalten Winternacht werden im Moskauer Gorki Park die drei mit Schnee überdeckten Leichen zweier Männer und einer Frau entdeckt. Ihre Gesichtshaut wurde fachmännisch abgezogen, sämtliche Fingerkuppen abgeschnitten, was ihre Identifizierung zur damaligen Zeit unmöglich macht. Der KGB lehnt alle weiteren Ermittlungen ab, die er der Miliz überläßt. Dem Leitenden Ermittler Arkadi Renko ist nicht wohl dabei. Gleichwohl setzt er seine Arbeit fort und stößt durch die Schlittschuhe des weiblichen Opfers auf eine junge Frau, Irina Asanova, die mit den Toten offenbar in näherer Verbindung steht und mit der er bald eine tragische Liebesbeziehung eingeht. Zeitgleich macht Renko die keineswegs zufällige Bekanntschaft mit dem Amerikaner Jack Osborne, einem umtriebigen und habgierigen Geschäftsmann mit dunkler Vergangenheit, der bestens mit dem FBI und dem KGB vernetzt ist. Doch auch Irina und Osborne sind einander nicht unbekannt. Zu spät erkennt Renko, daß er nur Spielball ist in einem mörderischen Komplott um eines der wichtigsten Wirtschaftsgüter, auf das die Sowjetunion noch ein Monopol hat: den lukrativen Handel mit äußerst wertvollen Zobelpelzen.

Buch und Film trafen seinerzeit einen Nerv in der Leserschaft. Der Kalte Krieg erreichte nach der Entspannungspolitik der 1970er Jahre mit dem Präsidentschaftsantritt von Ronald Reagan einen neuen Höhepunkt. Reagan erklärte die Sowjetunion umgehend zum „Reich des Bösen“ und fachte den Rüstungswettlauf an. Die inneren Verhältnisse Sowjet-Russlands harrten unter Leonid Breschnew und seinen greisen Nachfolgern Andropow und Tschernjenko weiterhin in Erstarrung.

Martin Cruz Smith vermittelt in seinem „Gorki Park“ das Bild eines Landes, das von Rückständigkeit geprägt und von Korruption zerfressen ist. Selbst einfache Haushaltsgeräte im Neuzustand funktionieren nicht. Schwarzmarkthändler führen ein parasitäres Leben auf Kosten der Allgemeinheit. Wie ein Krake hält der KGB seine Finger über das Land. Antisemitische Vorurteile sind selbst in den Kreisen der Elite virulent. Die Wirklichkeit wird den Bedürfnissen des Staates angepasst:

„Angenommen ein verdienter Künstler bittet seine Frau eines Nachts, aus dem Auto zu steigen, um Glasscherben von der Straße zu räumen, und überfährt sie dabei. Eine junge Frau, die bald heiraten will, bringt ihre Großeltern ins Bett, schließt das Fenster und dreht das Gas auf, bevor sie abends ausgeht. Ein fleißiger Landwirt, ein angesehener Kolchosbauer, erwürgt ein Flittchen aus Moskau. Das sind Dinge, die offiziell nicht passieren dürfen, aber sie sind die Wahrheit: Ein Mann, der sich eine Geliebte und ein Auto leisten kann; eine junge Frau, die mit ihrem Ehemann im selben Zimmer mit den Großeltern hausen muss; ein Bauerntölpel, der dumpf ahnt, dass er sein Leben lang nicht aus seinem erbärmlichen Nest am Ende der Welt rauskommen wird. Solche Dinge erscheinen nicht in unseren Berichten, aber wir wissen darüber Bescheid. Deshalb müssen wir das Recht haben, die Wahrheit zu verändern.“

Es ist ein System, in dem „wir keinem trauen dürfen“. In diesem Umfeld wirkt der gradlinige Ermittler Renko wie ein trotziger Solitär, dem insgeheim Verachtung ob seines „Moralismus“ entgegengebracht wird. Alles in allem keine Eigenschaften, die ihren Träger zu einer Karriere empfehlen.

Smith kannte die Sowjetunion zwar nur aus der Anschauung einer einmaligen Pauschalreise, recherchierte darüber hinaus aber umfangreich durch Befragungen bei russischen Immigranten. Wie gut seine Recherchen seinen Blick auf Russland geschärft haben, zeigt schon die Wahl des Gorki Park als zentralen Ausgangspunkt seines Plots. Der im 19. Jahrhundert angelegte Park, dessen Benennung übrigens nicht auf den russischen Schriftsteller Maxim Gorki (1868 – 1936) zurückgeht, ist für die Moskauer Kultur von zentraler Bedeutung. Er ist nicht alleine Freizeitpark und Sportstätte. Hier trifft man sich nicht nur zum Spazieren gehen oder zum Schachspiel, versammelten sich die Veteranen des „großen vaterländischen Krieg“. Oder eben wie die drei Mordopfer aus Cruz‘ Roman zum winterlichen Schlittschuhlaufen unter donnernder Musik.

Mit Arkadi Renko begründete Smith eine bis heute erfolgreiche Serie, die parallel zur aktuellen Entwicklung Russlands Schritt hält. Zuletzt erschien 2021 mit „Der Spur des Bären“ die neueste Folge, in der sein altersloser Held wider Willen zum Instrument einer Intrige des Kremls gegen einen politisch zu ehrgeizigen Oligarchen wird.

Die Verfilmung von 1983 bietet noch den zusätzlichen Reiz eines Wiedersehens mit einer alten Garde Hollywoods, die inzwischen fast vollständig abgetreten ist. William Hurt in der Rolle des Arkadi Renko ist erst im März verstorben. Brian Dennehey in der Rolle des amerikanischen Polizisten William Kirwill, dem Bruder eines der drei Mordopfer, starb zwei Jahre zuvor. Für die Hollywood-Legende Lee Marvin als Jack Osborne war es eine seiner letzten Filmrollen († 1986). Ein Wiedererkennen dürfte es für Star-Wars-Enthusiasten in der Rolle des leicht exzentrischen Anthropologen Andreev geben, der mit seinem ausgeklügelten Verfahren aus den Totenschädeln der Mordopfer ihr ursprüngliches Aussehen wiederherstellt; ihn verkörpert der Schotte Ian McDiarmid, besser bekannt als der Imperator Palpatine / Darth Sidious. Das in der Verfilmung dargestellte Rekonstruktionsverfahren hat übrigens einen realen Hintergrund und war für Smith der Auslöser für die Idee des „Gorki Park“.

Nicht unerwähnt bleiben sollte der Einsatz des noch jungen Filmkomponisten James Horner(1953 – 2015), der gerade seinen Durchbruch in Hollywood feierte, und dessen Soundtrack dem „Gorky Park“ den dramatischen Feinschliff verpasste.

Main Titel – Gorky Park OST (James Horner)

Dem Erfolg des „Gorki Park“ im Westen stand wiederum der Verriss in der sowjetischen Literaturkritik gegenüber, die darin ihr Land verunglimpft sah, obwohl sich Cruz manch kritische Seitenhiebe auf seine Heimat nicht verkniff. Doch das letzte, was man Cruz‘ Werk vorwerfen kann, ist daß es das Produkt eines „kalten Kriegers“ ist. Kaum verwunderlich, daß die Verfilmung des Romans nicht an den Originalschauplätzen stattfand, sondern in Finnland. Zu dem damaligen Zeitpunkt hätte es wohl kaum jemand für möglich gehalten, daß der „Wind of Change“ bald für eine vollkommene Umdrehung der Verhältnisse sorgen würde. 1985 leitete Michail Gorbatschow als neuer sowjetischer Generalsekretär mit Glasnost und Perestrojka jene Wende ein, die zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ und dem Untergang der Sowjetunion führte. Schon bereits 1989 konnte mit „Das Russland-Haus“ (in den Hauptrollen Sean Connery und Michelle Pfeiffer) der gleichnamige Agententhriller von John Le Carré mit offizieller Genehmigung in Moskau und Leningrad gedreht werden.

War „Gorki Park“ das Abbild der russisch-sowjetischen Misere, so reflektierte „Das Russland-Haus“ alle Hoffnungen auf einen globalen Frieden, die allzu schnell in bitterer Enttäuschung endeten. Wie lange wird es wohl dieses Mal dauern, bis wieder Hoffnung keimen kann?

 Martin Cruz Smith
Gorki Park
Neuauflage 2015
416 Seiten; 9,99 Euro
Gorky Park
Mit William Hurt, Brian Dennehy, Joanna Pacula, Lee Marvin
2 Stunden und 3 Minuten

Der standhafte Verfemte

Es gibt zwei Dinge in diesem Land, die nicht zusammenpassen. Da ist zum einen die immer wieder erhobene Behauptung von Vertretern der politischen und medialen Elite, „im besten Deutschland aller Zeiten zu leben“ (u.a. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier). Dem gegenüber steht ein demoskopisch gut abgesichertes Unbehagen weiter Teile der Bevölkerung, man könne nicht mehr frei und ungehindert seine Meinung sagen. Meinungsfreiheit – gilt die noch in Deutschland?

Einer der sich auf das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Meinungsfreiheit beruft, ist der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp. Doch seine konträr zum Mainstream stehenden kritischen Ansichten zur Flüchtlingspolitik hatten für ihn unangenehme Konsequenzen. Nicht alleine sein Verlag Suhrkamp distanzierte sich von ihm. Dem einst für seinen Roman „Der Turm“ gefeierten Romancier haftet seitdem das Etikett „umstritten“ an, was Tellkamp wiederum als Auszeichnung empfindet. Aus dem Schriftsteller Tellkamp wurde der „Fall Tellkamp“.

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Auffallend ist, dass sein aktueller Roman „Der Schlaf in den Uhren“ – die Fortsetzung des „Turm“ – von den Feuilletons der Mainstreammedien ausnahmslos mit teils heftigen Verrissen bedacht wurde, so als wolle man dem weitverbreiteten Eindruck der Leserschaft eines engen Meinungskorridors unbedingt Bestätigung verschaffen. Dem Erfolg des Buches tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: Es bestätigte sich wieder einmal die Regel, daß einhellige Verrisse der Literaturkritik oft die besten Kaufempfehlungen sind.

Am vergangenen Sonntag nutzte Tellkamp die Gelegenheit, im Rahmen der Ettersburger Gespräche seinen Roman „Der Schlaf in den Uhren“ vorzustellen. Man muß das Buch vor allem als ein Wagnis bezeichnen. Ein Umfang von 900 Seiten voller surrealistischer Allegorien machen den Titel nicht gerade zu einem leichtflüssig zu lesendem Schmöker. Zwei Zeitebenen von der Wende bis zur Migrationskrise 2015 – verlagert in den fiktiven Staat Trevia – umfassen einen Plot, in dem sich der bereits im „Turm“ auftauchende Protagonist des Chronisten Fabian Hoffmann bewegt, der dabei keineswegs ein Alter Ego seines Schöpfers ist.

Es dürfte sich derzeit wohl kaum ein komplexeres Werk im aktuellen Buchhandel finden als „Der Schlaf in den Uhren“. Doch die Kritik hielt sich nicht an diesen Formalien fest, sondern an dem Plot, der beim Leser unschöne Assoziationen weckt zwischen der heutigen Bundesrepublik und der DDR: „Jetzt wagt er sich über die Bundesrepublik zu schreiben“, so Tellkamp die Kritik paraphrasierend im Gespräch mit Dr. Peter Krause, dem Direktor von Schloss Ettersburg.

Uwe Tellkamp (li.) im Gespräch mit Dr. Peter Krause / © Daniel Körtel

Tellkamp warf der Kritik vor, nicht das Buch zu rezensieren, sondern den Autoren: „Man schließt von der politischen Einstellung auf das Kunstwerk.“ Tellkamps Absicht sei es gewesen, einen Zeitroman zu schreiben und keinen Gesellschaftsroman. Offenkundig sind die Inspirationen durch Tomas Manns „Zauberberg“, aber vor allem erklärtermaßen durch „Jahrestage“ von Uwe Johnson. Ihm ginge es um den Sprachgebrauch der Politikerzählung, ihrer Sprachbühne und -theater. „Mit dem klassischen Erzählen“, so Tellkamp, „erfassen Sie nur Teile unserer Zeit.“

Wie ist das zu verstehen? Tellkamp erläuterte das an dem Terminus „Operative Vorgänge“, mit dem die DDR-Staatssicherheit ihre Zersetzungsmaßnahmen umschrieb und den Tellkamp in seinem Buch von seiner seinerzeitigen Begrifflichkeit zu lösen versuchte, „um von der Staatssicherheit das Konkrete herauszuarbeiten und in die Ewigkeit zu übertragen“.

War es hintergründige, boshafte Ironie, als Tellkamp auf Nachfrage aus dem Publikum mit einem vielsagenden Lächeln die Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag mit „trotz Irritationen“ kommentierte? Das neue Buch sei, so Tellkamp, ein typisches Suhrkamp-Buch. Tellkamp fragte zurück, wo denn das Buch stattdessen hätte erscheinen sollen? Die Antwort: „Jedenfalls nicht im Fischer Verlag“, hingegen keineswegs ironisch auf den Rauswurf von Monika Maron aus jenem Verlag anspielend.

„Die Bücher haben ihr eigenes Schicksal“, so Tellkamp zur Rezeption seiner Werke. „Der Turm“ sei im Westen besser aufgenommen worden als im Osten, während es beim „Der Schlaf in den Uhren“ genau umgekehrt sei, was beide Bücher wie zu Zwillingen mache.

Doch wie steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland und wie verhält sich dazu der „Fall Tellkamp“? „Meine Meinung darf ich sagen“, so Tellkamp: „Interessant wird es, was hinterher passiert…“ Der Autor beklagte, daß er über die vielen Rechtfertigungen keine Arbeitsruhe mehr habe. Geradezu ernüchternd und schockierend seien die Vorkommnisse anläßlich seiner Lesungen im Westen, wo beispielsweise über Fake-Accounts versucht wurde, den Kartenvorverkauf zu sabotieren. Doch wie einen Hoffnungsschimmer habe es auch Beispiele zivilcouragierter Unterstützung gegeben.

Dem gegenüber stellte Tellkamp den ostdeutschen Schriftsteller Ingo Schulze, für den es kein Problem darstelle für „Die Linke“ zu kandidieren, „aber wie ein Fürst zu leben“.

Am Ende spannte Tellkamp unter dem anhaltenden Beifall der mit rund 130 Gästen ausverkauften Veranstaltung im Gewehrsaal des Weimarer Schlosses Ettersburg mit einem bemerkenswerten Satz den Bogen von seinen persönlichen Erfahrungen in der DDR zu heute: „Uwe, du hast den falschen Klassenstandpunkt.“

Schloss Ettersburg / © Daniel Körtel
Uwe Tellkamp
Der Schlaf in den Uhren
Suhrkamp Verlag
2022, 904 Seiten, 32,- Euro

„Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 33/22 / 12. August 2022

„Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“
Ausstellung: Drei Museen in Trier beleuchten das Ende des Römischen Reiches
Daniel Körtel

In weniger als 150 Jahren, nachdem Konstantin der Große nach der langen Krisenphase der Soldatenkaiser das Römische Reich noch einmal zu imperialer Größe trieb, setzte der germanische Warlord Odoaker 476 n. Chr. den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab. Dem vorausgegangen war ein langer Abstieg in Agonie. Demographische Veränderungen, Bürgerkriege und wirtschaftlicher Verfall führten in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale, der die schwindende kaiserliche Zentralgewalt nichts mehr entgegenzusetzen wußte. Damit war das Römische Reich nach rund 1.200 Jahren in seiner Westhälfte zusammengebrochen.

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Über den Kreis der Historiker hinaus geht auch nach mehr als 1.500 Jahren von diesem Ende eine ungebrochene Faszination aus, versucht jede Generation neue Antworten auf die Frage nach den tieferen Ursachen zu finden und vor allem, ob sich Parallelen zur Gegenwart finden lassen. Als Hauptursachen wurden wie Moden und Projektionen ihrer Zeit vor allem der Aufstieg des Christentums erhoben, der Einfall der Barbaren in der Völkerwanderung und vor allem die Dekadenz der späten Römer. Zuletzt rückte Kyle Harper in „Fatum“ (2020) die gravierenden Auswirkungen der spätantiken Klimaverschlechterung und Epidemien in den Mittelpunkt.

Wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die eng mit dieser schicksalsträchtigen Phase verbunden ist, dann ist es die Moselstadt Trier. Um die Zeitenwende als Augusta Treverorum aus einer römischen Stadtgründung hervorgegangen, war sie im vierten nachchristlichen Jahrhundert aufgrund ihrer strategischen Nähe zu der bedrohten Nordgrenze kaiserliche Residenzstadt. Von dieser Blütezeit zeugen die imposante Konstantinbasilika, die Ruinen der Kaiserthermen und vor allem die berühmte Porta Nigra.

Passend zu ihrer historischen Rolle im Römischen Reich findet derzeit in Trier bis zum 27. November die Sonderausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ statt. Den thematischen Umfang der Schau machen schon die nackten Zahlen deutlich: Gezeigt werden an drei Standorten in rund 30 Ausstellungssälen auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern etwa 700 Exponate aus 130 Museen und 20 Ländern. Am Stadtmuseum Simeonstift bekommt der Besucher in „Das Erbe Roms“ die Nachwirkungen des Untergangs Roms auf die spätere Kunst vermittelt. Ausgestellt sind dort vor allem Gemälde, darunter das Hauptwerk des französischen Malers Thomas Couture, „Die Römer der Verfallszeit“ (1847). Ebenfalls beeindruckend sind Joseph-Noël Sylvestres knapp zwei Meter hohes Ölbild „Plünderung Roms durch die Barbaren 410“ (1890) und „Die Lieblinge des Kaisers Honorius“ (1883) des italienisch-britischen Malers John William Waterhouse, letzteres eine weit angereiste Leihgabe der Art Gallery of South Australia.

Das Museum am Dom widmet sich unter dem Titel „Im Zeichen des Kreuzes“ vor allem der archäologischen Auswertung der Trierer Nekropole St. Maximin und dem steigenden Einfluß des Christentums. Prunkstücke hier sind unter anderem ein Elfenbeinrelief mit der Darstellung einer Reliquienprozession sowie eine Goldscheibenfibel aus dem 7. Jahrhundert. Doch der Schwerpunkt findet sich mit der Hauptausstellung im Rheinischen Landesmuseum.

Hier führt die Ausstellung über die Zeit der Tetrarchie am Ende des dritten Jahrhunderts, als Kaiser Diokletian mit grundlegenden Reformen dem krisengeschüttelten Reich wieder Stabilität verleihen konnte. Unter den vielen beeindruckenden Exponaten fällt gleich der „Prachthelm von Berkasovo“ (Novi Sad) aus vergoldetem Silberblech ins Auge, ein eindrucksvoller Beleg des noch vorhandenen Reichtums dieser Zeit. Dem gegenüber evozieren die stark mit Patina überzogenen Hortfunde von Mittelstrimmig mit den materiell minderwertigen Folles genannten Münzen schon zwangsläufig den Bogen zur aktuellen Inflationserfahrung. Passend dazu folgt gleich darauf das in einem Papyrus festgehaltene Insidergeschäft eines Beamten, der der angekündigten Geldentwertung seines Kaisers durch Kaufanweisungen an einen Untergebenen entgegenwirken will: „Aber laß dir ja keine Schurkerei einfallen.“

Umfrage: „Steht uns heute wieder ein Untergang bevor?“

Dennoch, für Trier waren diese Zeiten gut, was nicht alleine die eingangs erwähnten Bauwerke beweisen. Seine weitreichende Attraktivität belegt auch der Grabstein des Azizos, der vom fernen Syrien aus nach Trier gezogen und dort auch gestorben ist. Dargestellt wird er als ein Beispiel antiker Migrationserfahrung, die aber in diesem Fall eigentlich eine Binnenwanderung ist.

Düstere Musik und dunkle Räume führen durch einen Vorhang zum Schlußakt, den 410 n. Chr. die Plünderung Roms durch die einst als Söldner aufgenommenen Goten einleitet. „Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“, wird der Kirchenvater Hieronymus zitiert. Auch hier zeigt sich der folgende Einschnitt in den Exponaten. Die hochwertige Glasproduktion geht zurück, Holz tritt an die Stelle von Ziegel und Stein, die einzigartige Trinkwasserversorgung bricht zusammen.

Der umfangreiche Katalog der Ausstellung umfaßt auch eine Reihe von Fachbeiträgen, die nicht allein die bis heute anhaltende Kontroverse über die Ursachen des Untergangs dokumentieren, sondern ebenso die keineswegs abgeschlossene Debatte, ob man anstelle eines „Untergangs“ nicht eher von einer Transformation sprechen müsse. Für die verschiedenen Pole steht zum einen der Althistoriker Roland Steinacher, der innerrömische Zerfallsprozesse für ausschlaggebend sieht, in denen die alten Eliten zu ihrem eigenen Vorteil die loyalistischen Bindungen zur Zentralmacht auflösten, zugunsten der germanischen Heerführer und so die Regionalisierung des Reiches vorantrieben. Dem wiederum entgegen hält Peter Heather die verschiedenen Wellen von Barbareneinfällen in der Völkerwanderung für entscheidend, die vertraglich als Föderaten angesiedelt, die Einheit des Reiches unterminierten, statt es zu stabilisieren.

1.500 Jahre nach dem Ende des Römischen Reiches: „Steht uns heute wieder ein Untergang bevor?“, fragt die Ausstellung im Simeonstift am Ausgang den Besucher, der hierüber mit einem Aufkleber Antwort geben kann. Progressive Geschichtspolitiker und -pädagogen muß es beunruhigen, daß bis Mitte Juli rund drei Wochen nach Beginn der Ausstellung die Mehrheit hierüber mit einem deutlichen „Ja“ abgestimmt hat.

Die Ausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ ist bis zum 27. November in Trier im Rheinischen Landesmuseum, Weimarer Allee 1, im Museum am Dom, Bischof-Stein-Platz 1, und im Stadtmuseum Simeonstift, Simeonstraße 60, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Katalog mit 465 Seiten und über 500 Abbildungen kostet in den Museen 29,90 Euro.

Telefon: 06 51 / 97 74 0

https://untergang-rom-ausstellung.de

Der Vater der „Climate Fiction“ und die Apokalypse des Feuers

Es ist ein Sommer der Extreme. Fast nahtlos reiht sich auch 2022 in die Abfolge von Jahren ein, die nicht allein in Europa von extremer Trockenheit und Hitzewellen geprägt sind. Selbst das für sein gemäßigtes Klima bekannte Großbritannien meldete erstmals das Überschreiten der Temperatur von 40 Grad Celsius. Das benachbarte Irland hat mit 33,1 Grad den heißesten Tag seit Beginn der Aufzeichnungen vor 135 Jahren bekannt gegeben.

Die negativen Auswirkungen dieses Extremwetters sind neben den gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen die Gefahren von Ernteausfällen und Großbränden. „Europa in Flammen“ überschreibt DIE WELT einen traurigen Rekord, „den Europa in diesem Jahr zu verzeichnen hat: Waldbrände haben innerhalb der Europäischen Union seit Jahresbeginn schon mehr vernichtet als im gesamten Jahr zuvor.“

Ob man nun an den menschengemachten Klimawandel „glauben“ will oder nicht, im klimatischen Gefüge unserer Welt zeichnet sich deutlich die Tendenz einer Änderung zum Schlechteren ab. Kaum verwunderlich, daß sich diese Entwicklung auch in der Literatur niederschlägt. Dystopien einer vom Klimawandel verheerten Welt haben Konjunktur. „Climate-Fiction“ ist der neue Name dieses der Literaturgattung der Science-Fiction untergeordneten Genres, in dem sich die Ängste und Gefahren des global warming widerspiegeln.

Aktuell finden sich entsprechende Titel wie „Die Erinnerung an unbekannte Städte“ von Simone Weinmann oder „Milchzähne“ von Helene Bukowski.
Doch so neu ist diese Form der Literatur nicht. In den 1960er Jahren setzte damit der Brite James Graham Ballard (1930 – 2009) den Grundstein für eine Karriere, die ihn zu den bekanntesten Schriftstellern seines Landes und darüber hinaus machte.

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Der Sturm aus dem Nichts“ (Storm-Wind, 1961) bildete den Anfang eines Reigens der Extreme, in denen er die Urgewalten als globale Katastrophen auftreten läßt: Ein wie aus dem Nichts entfesselter Supersturm zerstört die menschliche Zivilisation, die kein Entkommen findet. Ihm folgte „Karneval der Alligatoren“ (The Drowned World, 1962), in Deutschland einer der erfolgreichsten Roman Ballards, über eine in den Fluten einer globalen Schneeschmelze versunkene Welt. Danach erschien „Welt in Flammen“ (The Drought, 1965), in der die Menschheit in einer überhitzten Welt zugrunde geht. Für den Abschluß steht „Kristallwelt“ (The Crystal World, 1966), wo ausgelöst durch eine kosmische Quantenverschränkung vom westafrikanischen Dschungel aus sich alle Materie – egal ob leblos oder belebt – langsam in eine kristalline Struktur transformiert.

Alle vier Romane stehen für die Vier-Elemente-Lehre der griechischen Naturphilosophie, als die Stoffe, aus denen die Welt bestehen sollte: Luft, Wasser, Feuer und Erde.

Der Schweizer Verlag Diaphanes, der bereits seit einigen Jahren das Werk Ballards nach und nach neu aufgelegt hat, hat für Ende Oktober die Neuerscheinung von Ballards „Welt in Flammen“ unter dem Titel „Die Dürre“ angekündigt. Es ist ein Roman zur rechten Zeit.

„Welt in Flammen“ / „Die Dürre“ führt in eine Zukunft, in der durch die Umweltverschmutzung sich ein hauchdünner, aber unzerstörbarer Polymerfilm über die gesamten Wasseroberflächen gelegt hat, der die Verdunstung des Wassers unterbindet. Die Folgen sind desaströs. Der Wasserkreislauf ist unterbrochen; es fällt kein Regen mehr. Die Atmosphäre ist erfüllt von Trockenheit und Hitze:

„Regen! Ransom versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was dieses Wort einmal bedeutet hatte und sah dabei zum Himmel auf. Die Sonne hing wie eine glühende Kugel über ihm, deren unerträglicher Glanz weder durch Wolken- noch durch Wasserdampfschleier gemildert wurde. Die ausgetrockneten Felder und Wiesen an beiden Ufern des Flusses lagen unter dem gleichen unbarmherzigen Licht wie unter einer riesigen Hitzeglocke, die alles zur Bewegungslosigkeit erstarren ließ.“

Die letzten Überlebenden fliehen zum Meer, wo sie sich Kühlung erhoffen. Auf dem dünnen Streifen zwischen Meer und Land dicht gedrängt richten sie sich mit Anlagen zur Wasserdestillation auf ein kümmerliches Überleben ein. Sand, Staub und Flugasche bedecken währenddessen die verlassenen Relikte der untergegangenen Zivilisation.

Der Plot des Romans begleitet Ballards Protagonisten Charles Ransom auf seinem Weg in dieser dystopischen Welt. Der Mediziner versucht so lange wie möglich in seinem Wohnboot an den Ufern eines verschlammten Flusses auszuharren. Marodeure suchen die Gegend heim. Seine Frau hat sich von ihm getrennt. Auch er macht sich schließlich gemeinsam mit vier weiteren Begleitern auf den langen Weg zur Küste durch eine von der Apokalypse des Feuers verzehrten Welt:

„Eine Stunde später gingen sie nebeneinander das ausgetrocknete Flussbett entlang, über das der Gluthauch der zahlreichen Feuer am Ufer wie ein heißer Wüstenwind hinwegblies. Der gesamte Horizont stand in Flammen, denn in den Außenbezirken der Stadt wüteten unvorstellbare Großfeuer. Larchmont brannte am Fluß, und das Feuer hatte auch die Bootshäuser erfaßt. Hoch über ihren Köpfen segelten Myriaden von glühenden Holzstückchen wie Glühwürmer vorbei und blieben auf den Feldern im Süden liegen, als sei der ausgetrocknete Boden jetzt ebenfalls in Brand geraten.“

Die surrealen Beschreibungen der von Hitze und Feuer verwandelten Landschaften, ihre Ursache in einer vom Menschen verursachten Umweltkatastrophe – all das legt den Schluß nahe, Ballard hätte mit „Welt in Flammen“ eine Warnschrift vor dem ökologischen Kollaps vorlegen wollen. Doch nichts lag ihm ferner, auch wenn in der Zeit der Entstehung des Romans erste Ängste vor den Folgen der Umweltzerstörung aufkamen, und Ballards Romane lassen durchaus eine Lesart zu, in der sich ein stückweit diese Ängste widerspiegeln.

Jedoch ging es ihm weniger um die gefährdete Ökologie unseres Planeten. Ballard war tief beeinflußt von den Surrealisten sowie den Psychoanalytikern Sigmund Freud und C. G. Jung, so daß

„keineswegs die abenteuerliche Bewältigung der diversen Katastrophen im Mittelpunkt [steht], sondern ein besonderes Mensch-Natur-Verhältnis, das vor diesem Hintergrund Ballards spezifische Vorstellungen einer individuellen, gesellschaftlichen und kosmisch-irdischen Devolution beleuchtet. Diese Naturkatastrophen liefern gleichsam das Bühnenbild, vor dem sich das folgende Drama entwickeln kann.“ (Klaus W. Pietrek)

Allen vier Romanen ist gemeinsam, daß es darin keine Rückkehr zu den alten Zuständen gibt. Doch überraschenderweise wehrte sich Ballard stets dagegen, daß seine Romane Geschichten von globalen Katastrophen ohne Happy Ends enthielten:

„Die Helden nehmen die besonderen Wandlungen freudig auf, wofür sie ihre eigenen psychologischen Gründe haben. Das sind Geschichten von ungeheuren psychischen Transformationen (…) und ich verwende diese äußere Transformation der Landschaft, um die innere Wandlung zu reflektieren und sie mit ihr zu verbinden, nämlich die psychologische Wandlung der Charaktere. Das ist das Thema dieser Romane: es sind Geschichten von Verwandlungen anstatt Katastrophengeschichten.“

Als diese vier Romane Ballards erschienen, befand sich die Science-Fiction in einer Krise. Trotz ihres visionären Gehalts konnte auch er ihr damit keine Impulse geben. Ballard blieb ein Solitär in diesem Genre, allerdings ein sehr erfolgreicher, der in den 1970er Jahren mit den als Einheit zu verstehenden, provokativen Romanen „Crash“ (1996 von David Cronenberg verfilmt), „Die Betoninsel“ und „Der Block“ (2015 unter dem Titel „High-Rise“ in den Hauptrollen mit Tom Hiddleston und Jeremy Irons verfilmt) noch mal für Furore sorgte.

Auch fast 60 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist „Welt in Flammen“ ein Roman, der keineswegs an Reiz verloren hat und den die Klimafrage aktueller denn je macht. Vielleicht kann seine Neuauflage in der heutigen Science-Fiction eine Rückbesinnung herbeiführen auf Stoffe, die uns mehr zu erzählen haben, jenseits der modernen Weltraummythen von Star Wars und Star Trek.

J.G. Ballard
Welt in Flammen
Heyne Verlag

175 Seiten, 1978
J.G. Ballard
Die Dürre

Diaphanes
VÖ 27.10.2022, 224 Seiten

18,- Euro

Wehe uns, wenn man der Moderne den Stecker zieht

Steht uns in Deutschland ein Winter des Missvergnügens bevor? Das durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Zusammenspiel von Sanktionen gegen den Aggressor Russland und seinem Erpressungspotential läßt uns ängstlich auf die entscheidende Achillesferse unserer modernen Industriegesellschaft blicken: unsere ausreichende Versorgung mit bezahlbarer Energie. In weniger als einem halben Jahr klopft der Winter an unsere Tür, und niemand vermag heute zu sagen, ob bis dahin die Gasspeicher wieder gefüllt sein werden, geschweige denn, ob ihr Inhalt noch für breite Bevölkerungsschichten bezahlbar sein wird.

Was sich hier anzukündigen droht, ist ein Albtraumszenario. Die von den Grünen und ihrer Gefolgschaft in den Mainstreammedien befeuerte Debatte um den angeblichen Klimakollaps hat in den vergangenen Jahren eine Energiewende befördert, die uns in direkte und gefährliche Abhängigkeit eines einzelnen Lieferanten von Erdgas beförderte, weil andere fossile Energieträger wie Kohle zur Absicherung unsicherer Lasten aus Wind und Sonne für unerwünscht erklärt wurden.

Doch wie könnte sich dieses Szenario in Real ausgestalten? Im Genre des Techno-Thrillers war es der Österreicher Marc Elsberg, der hierzu eines der überzeugendsten Ergebnisse abgeliefert hat: „Blackout – Morgen ist es zu spät“. Auch zehn Jahre nach seinem Erscheinen ist es auf dem Buchmarkt ein Bestseller in Millionenauflage, dem die aktuelle Krise eine unerwartete Aktualität beschert hat.

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Es ist November in Europa. Ohne Vorwarnung bricht in Westeuropa das gesamte Stromnetz zusammen. Niemand kann sich auf die Ursache einen Reim machen. Bis der freischaffende Programmierer und Hacker Piero Manzano in den Smart Metern, der inzwischen trotz Bedenken von Datenschützern als Standard verbauten Stromzählern, merkwürdige Steuerungsbefehle entdeckt, die dort nicht hineingehören. Ein Verdacht keimt auf: Ist es das Werk von Terroristen? Oder probt hier eine auswärtige Macht einen Cyberangriff in einer bislang nie dagewesenen Dimension?

Während Ermittler von Interpol und der Polizeibehörden den Tätern hinterherspüren, sind die Behörden am Rande ihrer Möglichkeiten, die öffentliche Ordnung und Versorgung mit den notwendigsten Gütern aufrecht zu erhalten. Kassensysteme sind tot, Geldautomaten spucken kein Geld aus, selbst die Benzinförderung an Tankstellen ist nicht mehr möglich, weil auch sie nur über Strom funktioniert. Ellsbergs drastische, aber gut recherchierte Schilderungen lassen den Leser in tiefe Abgründe blicken:

„Gerade bei der Milchproduktion stehen wir in den kommenden Tagen vor einer wahren Katastrophe., die wir nur bedingt aufhalten können. Wer von Ihnen auf dem Land aufgewachsen ist oder einmal mit seinen Kindern Urlaub auf dem Bauernhof gemacht hat, kennt vielleicht das Muhen der Kühe am Morgen, wenn ihre Euter voll sind und gemolken werden wollen. Genau das tun sie in all jenen Ställen mittlerweile, die nicht mehr mit Energie versorgt werden. Diese Kühe sind zum Milchproduzieren gezüchtet, sie geben bis zu vierzig Liter am Tag. Stellen Sie sich die Euter dazu vor. Und vergegenwärtigen Sie sich als nächstes, dass diese Euter seit zwei Tagen nicht gemolken wurden. Die Landwirte können nur einen kleinen Bruchteil von ihnen mit den Händen erleichtern. Alle anderen leiden unter übervollen Drüsen. Selbst wenn wir die betroffenen Unternehmen in den kommenden Stunden mit Notstromgeneratoren ausrüsten, wird die Hilfe für viele zu spät kommen. Millionen werden an ihren geschwollenen Eutern unter ohrenbetäubendem Brüllen qualvoll sterben. Denn für Notschlachtungen in diesem Ausmaß fehlen uns Mittel und Personal.“

Doch dabei bleibt es nicht. Leiser, aber für die Nahrungsmittelproduktion nicht weniger gefährlich, ist der Systemausfall in der industrialisierten Gemüse- und Obstzucht. Ebenso vom Ausfall betroffen sind die Trinkwasserversorgung und die Entsorgung des anfallenden Abwassers:

Stellen Sie sich ein Hochhaus vor, in dem niemand mehr seine Toilette benutzen kann, aber es trotzdem tun muss.“

Die Gefahr von Seuchen steigt, auch weil Müll nicht entsorgt wird. Besonders prekär wird die Situation für die Schwächsten der Gesellschaft, Krankenhauspatienten und die wie in einer „Todesfalle“ sitzenden Bewohner von Alten- und Pflegeheimen:

„Künstliche Ernährung funktioniert nicht, wie auch alle anderen Geräte, etwa zur künstlichen Lebensverlängerung. Die Küche fällt aus, die Versorgung mit Lebensmitteln insgesamt, ebenso die mit Wasser. Reinigung von Pyjamas und Bettwäsche wird unmöglich, die hygienischen Zustände werden auch hier schnell untragbar. Die Heizungen fallen aus, und binnen weniger Stunden erkalten die Räume. Viele der Insassen können sich nicht mehr von allein bewegen. Auch hier funktionieren die Fahrstühle nicht mehr, eine Verlegung wird kompliziert. Wie die Ärzte können Teile des Personals ihren Arbeitsplatz nicht erreichen. Die Verbliebenen sind völlig überfordert.“

Und dabei bleibt es noch lange nicht! Die Story erfährt eine dramatische Zuspitzung, nachdem die von langer Hand manipulierte Steuerungssoftware etliche Kraftwerke am Hochfahren hindert. Aber auch im heruntergefahrenen Zustand sind Atomkraftwerke auf die ständige Kühlung ihres Brennstoffs angewiesen, um eine Kernschmelze zu verhindern. Zwar verfügen diese hierfür über dieselbetriebene Notfallsysteme, doch der Nachschub fällt im sich ausbreitenden Chaos aus. Einer der daraus resultierenden Störfälle hat die radioaktive Verseuchung des französischen Rhone-Tals zur Folge.

In weniger als 14 Tagen sind in Elsbergs Plot die staatlichen Ordnungen Europas reif für den Zusammenbruch. Die Menschen fallen in anarchische Zustände, in denen sie sich am Gut anderer selbstbedienen. Recht und Gesetz werden seitens der wie abwesenden Staatsmacht nicht mehr durchgesetzt.

Als Urheber des Cyber-Angriffs läßt Elsberg eine Terrorgruppe von postmodernen Fanatikern und Anarchisten auftreten, die ihre Utopie einer neuen, antikapitalistischen Ordnung auf den Trümmern und Leichenbergen der alten Welt Wirklichkeit werden lassen wollen. Hierin ist Ellsberg wirklich sehr vorausschauend gewesen. Denn wer wollte ausschließen, daß die Jünger der Klimasekte aus „Bündnis Letzte Generation“ und „Fridays for Future“ zu noch ganz anderen Mitteln greifen werden, wenn sie mit ihren infantilen Exzessen aus Klima-Hüpfen und Festkleben auf Fahrbahnen nicht mehr weiterkommen?

Allein der Computerwurm Stuxnet (2010) und die russischen Cyberangriffe auf Estland 2007 haben die Verwundbarkeit technischer Netzwerke spektakulär vorgeführt. Und wie bereits lokale Katastrophen einen Zivilisationskollaps auslösen können, kann eingehend am Wirbelsturm Katrina (2005) studiert werden. Insofern ist Ellsbergs „Blackout“ auch in der unwahrscheinlichen Zuspitzung eines annähernd globalen Ereignisses näher an den Realitäten als uns lieb sein kann. Doch es sollte dabei keineswegs außer Acht gelassen werden, daß es allein schon die sogenannte Energiewende ist, die unsere Versorgungssysteme für Störungen anfällig werden lassen.

Elsberg traf mit seinem Thriller offenbar einen Nerv, selbst sogar in Fachkreisen, mit denen er darüber immer wieder ins Gespräch kommt. Der Autor selbst machte bislang aus seiner Enttäuschung keinen Hehl, wenig mehr bewegt zu haben als ein Bewußtsein für die Thematik geschaffen zu haben.

Dem geweckten Bewußtsein sollten andere Taten folgen, als den staatlichen Institutionen blind zu vertrauen, mit den Herausforderungen einer teils selbst geschaffenen Energiekrise fertig zu werden. Schaffen Sie sich Notfallvorräte an, wie Kerzen und Zündhölzer, ebenso einen großen Kanister voll Wasser für die Klospülung. Auch ein Kurbel-Radio kann dann bessere Dienste leisten als jedes Smartphone. Und vor allem: Lesen Sie Marc Elsbergs „Blackout“.

Marc Elsberg
Blackout – Morgen ist es zu spät
2012; 832 Seiten; 12,00 Euro