Kollektive Traumata können sich als sehr beständig erweisen. Noch lange können sich damit verbundene Erfahrungen der Erlebnisgeneration an Nachfolgende weitervererben. Mag auch von dem damit verbundenen Ereignis nicht geredet werden, im Bewußtsein ist es dennoch präsent. Wie konzentrische Wellen breitet es sich über die Zeitachse hinweg aus, bestimmt Handlungen und Einstellungen. Ein solches Traumata ist der Genozid durch die große Hungersnot in der Ukraine von 1932/33, auch Holodomor genannt.
Wer den heutigen Haß der Ukrainer auf Russland verstehen will, der wird am Holodomor nicht vorbeikommen. Das Vorhaben des Sowjetdiktators Josef Stalin, die Bauern der Ukraine ins Kollektiv zu pressen, ihre Ressourcen bis aufs äußerste abzuschröpfen, um damit die Industrialisierung der Sowjetwirtschaft zu finanzieren, kostete bis zu vier Millionen Menschenleben. Zum propagandistischen Symbol wurde der von den Bolschewiken zum Feindbild stilisierte Begriff des „Kulaken“, eines vermeintlich reichen Bauern, der sich dem Fortschritt entgegenstellt.
Die Ukrainer haben die Hungersnot nicht vergessen. Die Unabhängigkeit ihrer Nation nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 eröffnete erstmals die Möglichkeit eines Gedenkens. Der russische Angriffskrieg gegen ihr Land beförderte das Thema erneut. Erstmals 2024 – zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung – erschien hierzu in deutscher Übersetzung „Das Zeitalter der roten Ameisen“ von Tanya Pyankowa.
Matschuchy ist ein kleines Dorf in der ukrainischen Oblast Poltawa. Hier beginnt Pyankowa ihre Geschichte des großen Hungers in der Ukraine. Hier kämpft Hanna Rybka mit ihren zwei Kindern und ihrer Mutter ums Überleben. Ihr Mann Timofej wurde von der Staatsmacht an irgendeinen Ort im Gulag verschleppt, wo sich jede Spur verliert. Sie kämpft nicht nur um den letzten Bissen Nahrung, sondern muß sich auch noch den Nachstellungen des Kollaborateurs und Plünderers Swyryd Sutschok erwehren, dem nicht einmal die Kirchenschätze des Ortes heilig sind.
Hannas Tochter Dusja kleidet ihre Deprivation in dunkle Worte:
„Der Hunger trinkt uns leer, frisst uns auf, verkrüppelt und quält uns mit Gedanken, die schwärzer, scharfkantiger, schwerer werden. Wir fürchten uns, den Kopf zu heben und in die irren Augen zu sehen, wir fürchten uns, die Ohren offen zu halten und das lang gezogene Klagen des Sees aus Sterbenden um uns herum zu hören. Wir schauen hinunter auf unsere ausgetretenen Stiefel, auf das Kopfsteinpflaster, aber auch da begegnet uns der Tod, den selbst die Steine nicht mehr ertragen.“
Ihr gegenüber steht Solja, die naive Frau des Parteikommissars Aleksej Bascha, der die Entkulakisierung vorantreibt. In ihrer privilegierten Blase ist sie vom Elend um sie herum hermetisch abgeschirmt. Grotesk genug, begibt sie sich in ein Sanatorium, um ihr Übergewicht zu behandeln. Es kommt ihr einem Schock gleich, als ihre Freundin Arina ihr schonungslos die Wahrheit eröffnet:
„Die Kulaken …“, hebe ich noch einmal an, aber Arina lässt mich nicht ausreden. Die zwei Flämmchen ihrer Augen lodern zu zwei wilden Bränden auf. Keiner kann sie löschen, keiner sie ausblasen. Ich höre ihr zu.
„Es gibt keine Kulaken! Das sind Leute, denen man ihr Brot abnimmt und ihren Besitz! Das sind Familien, da haben sie die Männer abgeführt und nach Sibirien verbracht, die Frauen in die Kolchosen getrieben, und die Kinder krepieren, die sterben an Hunger! In Matschuchy gibt es hunderte solcher Familien, Solja, die zum Hungertod verurteilt sind!“
Arinas Wege und die der Rybkas werden sich auf schicksalhafte Weise kreuzen.
Doch Pyankowa spannt den Bogen noch weiter um das Drama der Familie Rybka hinaus und zeichnet das Sittenbild einer Gesellschaft im Ausnahmezustand der Hungersnot, unter eine Obrigkeit, von der sie nur das Schlimmste zu erwarten hat. Da weiß sich eine verzweifelte Frau nicht anders zu helfen, als sich der Verantwortung für ihre kleine Tochter so zu entledigen, daß sie sie den Rybkas unter einem Vorwand unterjubelt. Da vergreift sich ein Milizionär an einem kleinen Kind und tötet es, als sich die Volksmenge zu seinem Schutz erhebt. Pyankowa beschreibt die herzzerreißende Szene:
„Loslassen? Gut, machen wir!“ Er richtet sich auf, packt das Kind an den Füßen, öffnet die Finger und lässt das Kleine, einfach so, mit dem Köpfchen voran auf den Bahnsteig fallen.
„Großer Gott!“ Das Entsetzen der Menschen flattert wie ein Schwarm erschreckender Vögel zeternd zum Himmel hinauf. „So eine Ratte! Bastard! Strolch! Viper!“
Die Leute stürzen zu dem Kind, die Mutter weint neben ihm auf den Knien liegend, sie bebt und rauft sich die Haare und schreit so, dass man allein davon den Verstand verliert. Auf dem Stein windet sich das Kind im Todeskampf, noch kein Jahr dürfte es alt sein, eine Blutlache breitet sich aus um das in ein Wolltuch gehüllte Köpfchen.
In ihrem Nachwort schreibt Pyankova, wie herausfordernd für sie die Aufgabe war, den Völkermord des Holodomor in das Format eines Romans zu überführen, das Stilmittel der Literatur als Therapeutikum zur Behandlung des Traumas „einer postgenozidären, postsowjetischen, posttraumatisierten Gesellschaft“, die unter dem Eindruck des seit Februar 2022 erfolgten russischen Angriffskrieges eine Regression ihres vergangenen Leidens erlebt. Und vielleicht kann dies dazu beitragen, daß die Ukrainer gerade hieraus noch weitere Kräfte für ihren Widerstand schöpfen können.
Nachvollziehbar sind im Westen Ermüdung, Übersättigung und vielleicht auch Erschöpfung über den Krieg an der östlichen Peripherie Europas, ist man der sozialen Lasten überdrüssig durch die ukrainischen Flüchtlinge und der schier endlosen Geldtransfers. Und ja, man darf auch mißtrauisch sein gegenüber einem Staat, in dem die Korruption so grassiert wie in der Ukraine und der im Verdacht steht, mit Nordstream 2 die Infrastruktur eines seiner engsten Verbündeten zerstört zu haben. Doch vielleicht schafft es ein Roman wie der von Tanya Pyankova, das Verständnis dafür zu wecken, warum es ungeachtet aller beklagenswerten Mißstände selbst für die einfachen Ukrainer zu einem Albtraum würde, sollten sie erneut unter die Kontrolle Russlands fallen.
Es ist nicht Putin allein, der in seiner imperialen Nostalgie des russischen Reichs die Existenz einer ukrainischen Nation leugnet, ihre Staatlichkeit für einen Fehler hält, den es auszumerzen gilt. Diese Einstellung dürfte in der gesamten russischen Elite verbreitet sein, vielleicht sogar in der russischen Bevölkerung insgesamt. Doch sollte es nach einem absehbaren Ende des Ukraine-Krieges zu einem halbwegs gedeihlichen Nebeneinander beider Staaten kommen, dann wird Russland nicht um eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit den Methoden herumkommen, wie Russland beziehungsweise die Sowjetunion in ihrer imperialen Vergangenheit mit den unterworfenen Völkern umgingen. Erst wenn in Moskauer Buchhandlungen und öffentlichen Bibliotheken auch Bücher wie „Das Zeitalter der roten Ameisen“ erhältlich sind, kann die Hoffnung keimen, daß sich doch noch ein Fenster für eine Aussöhnung öffnet.
![]() | Tanya Pyankova Das Zeitalter der roten Ameisen 432 Seiten, 2024 Verlag Nagel & Kimche 14,- EURO |













