Das ukrainische Trauma

Kollektive Traumata können sich als sehr beständig erweisen. Noch lange können sich damit verbundene Erfahrungen der Erlebnisgeneration an Nachfolgende weitervererben. Mag auch von dem damit verbundenen Ereignis nicht geredet werden, im Bewußtsein ist es dennoch präsent. Wie konzentrische Wellen breitet es sich über die Zeitachse hinweg aus, bestimmt Handlungen und Einstellungen. Ein solches Traumata ist der Genozid durch die große Hungersnot in der Ukraine von 1932/33, auch Holodomor genannt.

Wer den heutigen Haß der Ukrainer auf Russland verstehen will, der wird am Holodomor nicht vorbeikommen. Das Vorhaben des Sowjetdiktators Josef Stalin, die Bauern der Ukraine ins Kollektiv zu pressen, ihre Ressourcen bis aufs äußerste abzuschröpfen, um damit die Industrialisierung der Sowjetwirtschaft zu finanzieren, kostete bis zu vier Millionen Menschenleben. Zum propagandistischen Symbol wurde der von den Bolschewiken zum Feindbild stilisierte Begriff des „Kulaken“, eines vermeintlich reichen Bauern, der sich dem Fortschritt entgegenstellt.

Die Ukrainer haben die Hungersnot nicht vergessen. Die Unabhängigkeit ihrer Nation nach dem Zerfall der Sowjetunion 1991 eröffnete erstmals die Möglichkeit eines Gedenkens. Der russische Angriffskrieg gegen ihr Land beförderte das Thema erneut. Erstmals 2024 – zwei Jahre nach der Erstveröffentlichung – erschien hierzu in deutscher Übersetzung „Das Zeitalter der roten Ameisen“ von Tanya Pyankowa.

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Matschuchy ist ein kleines Dorf in der ukrainischen Oblast Poltawa. Hier beginnt Pyankowa ihre Geschichte des großen Hungers in der Ukraine. Hier kämpft Hanna Rybka mit ihren zwei Kindern und ihrer Mutter ums Überleben. Ihr Mann Timofej wurde von der Staatsmacht an irgendeinen Ort im Gulag verschleppt, wo sich jede Spur verliert. Sie kämpft nicht nur um den letzten Bissen Nahrung, sondern muß sich auch noch den Nachstellungen des Kollaborateurs und Plünderers Swyryd Sutschok erwehren, dem nicht einmal die Kirchenschätze des Ortes heilig sind.

Hannas Tochter Dusja kleidet ihre Deprivation in dunkle Worte:
„Der Hunger trinkt uns leer, frisst uns auf, verkrüppelt und quält uns mit Gedanken, die schwärzer, scharfkantiger, schwerer werden. Wir fürchten uns, den Kopf zu heben und in die irren Augen zu sehen, wir fürchten uns, die Ohren offen zu halten und das lang gezogene Klagen des Sees aus Sterbenden um uns herum zu hören. Wir schauen hinunter auf unsere ausgetretenen Stiefel, auf das Kopfsteinpflaster, aber auch da begegnet uns der Tod, den selbst die Steine nicht mehr ertragen.“

Ihr gegenüber steht Solja, die naive Frau des Parteikommissars Aleksej Bascha, der die Entkulakisierung vorantreibt. In ihrer privilegierten Blase ist sie vom Elend um sie herum hermetisch abgeschirmt. Grotesk genug, begibt sie sich in ein Sanatorium, um ihr Übergewicht zu behandeln. Es kommt ihr einem Schock gleich, als ihre Freundin Arina ihr schonungslos die Wahrheit eröffnet:

„Die Kulaken …“, hebe ich noch einmal an, aber Arina lässt mich nicht ausreden. Die zwei Flämmchen ihrer Augen lodern zu zwei wilden Bränden auf. Keiner kann sie löschen, keiner sie ausblasen. Ich höre ihr zu.

„Es gibt keine Kulaken! Das sind Leute, denen man ihr Brot abnimmt und ihren Besitz! Das sind Familien, da haben sie die Männer abgeführt und nach Sibirien verbracht, die Frauen in die Kolchosen getrieben, und die Kinder krepieren, die sterben an Hunger! In Matschuchy gibt es hunderte solcher Familien, Solja, die zum Hungertod verurteilt sind!“

Arinas Wege und die der Rybkas werden sich auf schicksalhafte Weise kreuzen.
Doch Pyankowa spannt den Bogen noch weiter um das Drama der Familie Rybka hinaus und zeichnet das Sittenbild einer Gesellschaft im Ausnahmezustand der Hungersnot, unter eine Obrigkeit, von der sie nur das Schlimmste zu erwarten hat. Da weiß sich eine verzweifelte Frau nicht anders zu helfen, als sich der Verantwortung für ihre kleine Tochter so zu entledigen, daß sie sie den Rybkas unter einem Vorwand unterjubelt. Da vergreift sich ein Milizionär an einem kleinen Kind und tötet es, als sich die Volksmenge zu seinem Schutz erhebt. Pyankowa beschreibt die herzzerreißende Szene:

„Loslassen? Gut, machen wir!“ Er richtet sich auf, packt das Kind an den Füßen, öffnet die Finger und lässt das Kleine, einfach so, mit dem Köpfchen voran auf den Bahnsteig fallen.
„Großer Gott!“ Das Entsetzen der Menschen flattert wie ein Schwarm erschreckender Vögel zeternd zum Himmel hinauf. „So eine Ratte! Bastard! Strolch! Viper!“
Die Leute stürzen zu dem Kind, die Mutter weint neben ihm auf den Knien liegend, sie bebt und rauft sich die Haare und schreit so, dass man allein davon den Verstand verliert. Auf dem Stein windet sich das Kind im Todeskampf, noch kein Jahr dürfte es alt sein, eine Blutlache breitet sich aus um das in ein Wolltuch gehüllte Köpfchen.

In ihrem Nachwort schreibt Pyankova, wie herausfordernd für sie die Aufgabe war, den Völkermord des Holodomor in das Format eines Romans zu überführen, das Stilmittel der Literatur als Therapeutikum zur Behandlung des Traumas „einer postgenozidären, postsowjetischen, posttraumatisierten Gesellschaft“, die unter dem Eindruck des seit Februar 2022 erfolgten russischen Angriffskrieges eine Regression ihres vergangenen Leidens erlebt. Und vielleicht kann dies dazu beitragen, daß die Ukrainer gerade hieraus noch weitere Kräfte für ihren Widerstand schöpfen können.

Nachvollziehbar sind im Westen Ermüdung, Übersättigung und vielleicht auch Erschöpfung über den Krieg an der östlichen Peripherie Europas, ist man der sozialen Lasten überdrüssig durch die ukrainischen Flüchtlinge und der schier endlosen Geldtransfers. Und ja, man darf auch mißtrauisch sein gegenüber einem Staat, in dem die Korruption so grassiert wie in der Ukraine und der im Verdacht steht, mit Nordstream 2 die Infrastruktur eines seiner engsten Verbündeten zerstört zu haben. Doch vielleicht schafft es ein Roman wie der von Tanya Pyankova, das Verständnis dafür zu wecken, warum es ungeachtet aller beklagenswerten Mißstände selbst für die einfachen Ukrainer zu einem Albtraum würde, sollten sie erneut unter die Kontrolle Russlands fallen.

Es ist nicht Putin allein, der in seiner imperialen Nostalgie des russischen Reichs die Existenz einer ukrainischen Nation leugnet, ihre Staatlichkeit für einen Fehler hält, den es auszumerzen gilt. Diese Einstellung dürfte in der gesamten russischen Elite verbreitet sein, vielleicht sogar in der russischen Bevölkerung insgesamt. Doch sollte es nach einem absehbaren Ende des Ukraine-Krieges zu einem halbwegs gedeihlichen Nebeneinander beider Staaten kommen, dann wird Russland nicht um eine schmerzhafte Auseinandersetzung mit den Methoden herumkommen, wie Russland beziehungsweise die Sowjetunion in ihrer imperialen Vergangenheit mit den unterworfenen Völkern umgingen. Erst wenn in Moskauer Buchhandlungen und öffentlichen Bibliotheken auch Bücher wie „Das Zeitalter der roten Ameisen“ erhältlich sind, kann die Hoffnung keimen, daß sich doch noch ein Fenster für eine Aussöhnung öffnet.

Tanya Pyankova
Das Zeitalter der roten Ameisen
432 Seiten, 2024
Verlag Nagel & Kimche
14,- EURO

Der Tag, an dem über Israel das Inferno hereinbrach

„Die Helmkamera eines Hamas-Kämpfers folgt dem Lauf eines Gewehrs, der Blick schweift über eine grüne Wiese, über viele Blumen, dann über kleine, einfach Bungalows. Der Lauf sucht ein Opfer, und von Zeit zu Zeit findet er eines und schießt. Das Pfeifen von Kugeln ist zu hören, aus unterschiedlichen Distanzen. In den Whatsapp-Gruppen schreiben Menschen ihren Nachbarn, dass sie bei lebendigem Leib zu verbrennen drohen, flehen um Hilfe. Die fünfköpfige Familie Kutz – der Aviv, die Mutter Livnat, und ihre drei Kinder Rotem, neunzehn Jahre alt, Yonathan, zwölf Jahre alt, und Yiftah, elf Jahre alt – liegt eng umschlungen auf einem Bett und warten auf ihren Tod. Die Terroristen erschießen sie, einen nach den anderen.“

Dieses grausige Ereignis ist nur eines von vielen, als sich am frühen Morgen des 7. Oktober 2023 überraschend ein wahres Inferno aus dem sicher abgeriegelten Gaza-Streifen über den Süden Israel ergoß. In Worte gefasst hat es der preisgekrönte israelische Literat Ron Leshem in seinem Buch „Feuer – Israel und der 7. Oktober“, seiner Chronik des von mehreren tausend Hamas-Kämpfern verübten Terrorangriffs und der damit einhergehenden Massaker, die unter den Juden die schlimmsten Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung hervorriefen.

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Engmaschig reiht Leshem im journalistischen Reportage-Stil die Glieder der Ereigniskette jenes Tages aneinander. Bei seiner Versicherung, aus Rücksicht auf die Leser die grausamsten Fälle ausgespart zu haben, fragt man sich, wie um Gottes Willen dieser Horror noch seine Steigerung finden könnte. Dabei läßt er den Vorlauf nicht außeracht, die akribischen Vorbereitungen und Planungen der Hamas unter der Federführung ihres Anführers Yahya Sinwar – die eindringlichen, aber letztlich von den vorgesetzten Stellen zurückgewiesenen Warnungen der Aufklärer im Nachrichtendienst und am Gazastreifen – das fatale Versagen in Armeeführung und Politik, an der Spitze Ministerpräsident Banjamin Netanyahu, der mehr auf den Iran schaute und dabei den direkten Hinterhof vergaß.

Leshems Chronik weist auch auf besondere Details im Modus Operandi der Gaza-Krieger hin. So töteten sie nicht allein unterschiedslos Juden – was ihre Führer gegenüber der Weltöffentlichkeit leugneten -, sondern zeigten ebenso wenig Gnade gegenüber arabischen Israelis – Muslime wie sie – wie auch für die asiatischen Gastarbeiter, die überhaupt nichts mit dem Nahost-Konflikt zu tun haben.

Leshem beläßt es jedoch nicht bei dem Schockereignis 7-10. Darüber hinaus wirft er aus der Perspektive eines liberalen Israelis, der in einer homosexuellen Partnerschaft lebt, einen kritischen Blick auf die innenpolitischen Verhältnisse seiner Heimat, die seit mehreren Jahren zwischen den unversöhnlichen Polen links-rechts, säkular-religiös, Moderne-Tradition bis zum Rand des Bürgerkriegs zu zerreiben droht. Mehr als ein Symbol steht für diesen Konflikt, vor allem die von Netanyahu energisch betriebene Justizreform, gegen die die Linke seit Jahren Sturm läuft.

Dieser Konflikt geht weit über eine Staatskrise hinaus. Denn vor allem der wachsende Bevölkerungsanteil der Ultra-Orthodoxen stellt die Identitätsfrage in den Raum, was jüdisch sein überhaupt ausmacht und damit verbunden auch den Charakter Israels als einzige Demokratie im Nahen Osten. Eine Frage, die auch hineinspielt in Israels Rolle als Besatzungsmacht der Palästinensergebiete.

Dem Terrorangriff der Hamas folgte als Reaktion Israels der Krieg im Gaza-Streifen zur Befreiung der verschleppten Geiseln. Rund zwei Jahre später gelang US-Präsident Trump ein Friedensabkommen, das zumindest die Kämpfe beendete und den Verschleppten die Rückkehr ermöglichte. Doch die Ausschaltung der Hamas ist damit noch lange nicht verbunden. Ihr sorgfältig betriebener Einfluß auf namhafte Universitäten in der westlichen Welt, unterstützt von arabischen Geldern, wird über die auf den Westen und seine Werte zersetzend wirkenden Post-Colonial-Studies noch lange fortwirken. Und vor allem hat 7-10 die Palästinenser in ihrer Überzeugung gestärkt, daß Israels Existenz nur eine vorübergehende Episode sei. Doch über all dem steht die von Leshem aufgeworfene wichtigste Frage für Israel über die langfristigen Folgen des Traumas dieses entsetzlichen Tages:

„Wer werden wir sein, wenn wir aus der Asche auferstehen?“

Ron Leshem
Feuer: Israel und der 7. Oktober
320 Seiten, 2025
Rowohlt
24,40 EURO

Der Dritte Weltkrieg ist kein Computerspiel

Es ist mehr als ein Gerücht: ein großer Krieg ist wieder denkbar. Der Angriff Russlands auf die Ukraine mündete in eine System-Konfrontation zwischen den liberalen Demokratien der westlichen Welt auf der einen und dem autokratischen Russland auf der anderen Seite. Die Wehrpflicht in Deutschland wird wiederbelebt. Gigantische „Sondervermögen“ fließen in die Rüstung. Und vor allem werden geradezu propagandistisch Bilder einer permanenten Gefahr aus Russland beschworen, dessen Panzer in wenigen Jahren durch das Brandenburger Tor fahren sollten, erfolgte jetzt nicht der Aufbau einer militärischen Abwehr.

Wer in seinen Fünfzigern ist, erlebt diese Situation und die damit einhergehende Terminologie womöglich als Déjà-vu. Noch bis Ende der 1980er Jahre hinein war die globale politische Situation bestimmt vom „kalten Krieg“, bis der von Sowjet-Russland dominierte Warschauer Pakt mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ 1989/90 friedlich zusammenbrach. War bis dahin die Drohung der gegenseitigen Vernichtung – Kerngedanke der nuklearen Abschreckung zwischen den Atommächten – die beherrschende Angst, so verschwand sie unter einer kurzlebigen Ära des relativen Friedens, in der die Rückkehr zu den alten Zeiten undenkbar erschien.

Die damaligen Ängste fanden auch ihren Niederschlag in der Literatur. Dazu zählt der Roman „Der nächste Weltkrieg“ des Amerikaners Brian Harris – ein Pseudonym des Technothriller-Autoren Harold King (1945-2010) -, der 1983 in der Science-Fiction-Taschenbuchreihe des Heyne Verlag erschien. Er fiel in eine Zeit, in der die US-Administration unter Präsident Ronald Reagan die Sowjets als Reaktion auf die Stationierung von nuklear bestückten Mittelstreckenraketen in der DDR mit einem Anfeuern des Rüstungswettlaufs unter erheblichen Druck setzte. Reagans robustes, an einen „Madman“ erinnerndes Auftreten befeuerte aber ebenso im Westen die Ängste vor einem Ausbruch eines Atomkrieges.

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Harris entwarf ein nur wenige Jahre in der Zukunft liegendes Szenario, das vor allem eines auszeichnet: grausamer Realismus, der dem Leser erschreckend vor Augen führt, wie leicht die Welt in einen Atomkrieg geraten könnte, ohne daß es die Verantwortlichen überhaupt beabsichtigten. Sie erinnern an jene „Schlafwandler“, die später der Historiker Christopher Clark als die politischen Akteure am Beginn des Ersten Weltkriegs identifizierte.

Ist es eine Verzweiflungstat oder ein Hasardeur-Spiel? In einer Geheimaktion mitten im verschneiten Winter landet eine über tausend Mann starke Eliteeinheit der Roten Armee im US-Bundesstaat Alaska. Ihr Ziel ist eine Ölpipeline, wichtigste Lebensader in die USA. Mit der Kontrolle darüber glaubt der Urheber der Aktion, KGB-Chef Rudenski, ein Faustpfand in der Hand zu halten, mit dem die Sowjetunion endlich das Getreide-Embargo der Amerikaner beenden könnte. Doch das Unternehmen fliegt durch Zufall auf. Zwischen Major Sergei Devenko und seinem erstrebten Ziel stellt sich ein kleiner Trupp US-Soldaten unter der Führung des ihm ebenbürtigen Colonel Jacob Caffey entgegen, der sich aufgrund des stürmischen Wetters ohne Aussicht auf baldigen Entsatz einem aussichtslos erscheinenden Kampf stellt.

Währenddessen verhandeln Washington und Moskau im Geheimen über den Fortgang der Ereignisse. Weder ist US-Präsident McKenna bereit, einer Erpressung nachzugeben, noch ist der unter dem Druck des Politbüros stehende Generalsekretär Gorny bereit, die Eliteeinheit zurückzuziehen. Auch ein Treffen im isländischen Reykjavik – kurioserweise sollten hier 1986 Reagan und sein Gegenpart Michail Gorbatschow zu einem erfolglosen Gipfeltreffen zusammenkommen – kann die verhärteten Gegensätze nicht auflösen. Ein kaum auflösbarer Zielkonflikt bahnt sich an, daß jede Seite sich selbst versichert, auf keinen Fall einen Atomkrieg riskieren zu wollen und gleichzeitig beharrlich darauf erpicht ist, vom Gegner nicht als schwach wahrgenommen zu werden.

In den Machtzitadellen zieht die Angst ein, unumkehrbar die Kontrolle zu verlieren. Ohne daß es die Menschen ahnen, taumelt die Welt auf einem schmalen Grat der nuklearen Apokalypse entgegen. Entscheidet sich auf einem kleinen, verschneiten Flecken im einsamen Alaska das Schicksal der Welt?

Was Harris Plot so bedrückend macht, ist die Schwierigkeit, irgendwo darin den Punkt zu finden, an dem es beiden Seiten möglich gewesen wäre, gesichtswahrend aus der Eskalationsspirale auszusteigen, der Logik des „Tit-for-Tat“ zu entkommen. Weder können die Amerikaner einer Erpressung durch fremde Truppen auf eigenem Territorium nachgeben, noch können die Sowjets diese zurückziehen, ohne im Gegenzug das für sie überlebenswichtige Getreide zu bekommen:

Der Präsident blickte wieder Gorny an. „Mr. Vorsitzender, als Sie den Fehler begingen, eine selbstsüchtige Theorie kollektiver Eigenschaft als Vorwand für eine Invasion der Vereinigten Staaten zu benutzen – Invasion ist der richtige Ausdruck, Mr. Vorsitzender -, haben Sie Ihre Schulen verbrannt. Wir sind nicht Polen, Sir. Wir werden keine feindlichen Streitkräfte auf unserem Boden dulden. Und wir werden nicht versuchen, Sie mit Steinen und Knüppeln zurückzujagen, weil Sie unsere Regeln gebrochen haben.“

„Sie haben keine Regeln übriggelassen, die man brechen kann. Sie haben unsere Getreideversorgung abgeschnitten – und wir brauchen Getreide! Das allein schon, Mr. Präsident, ist eine Kriegshandlung. Nach Ihrer eigenen Definition.“

Schlimmer noch, der Mangel an Information, was in den eisigen Wäldern Alaskas tatsächlich vor sich geht, wird ersetzt durch die von keinerlei Zweifel getrübte Selbstgewißheit, daß die Gegenseite niemals den ultimativen Schritt des atomaren Erstschlags wagen würde, während man selbst zumindest unbewußt alle Signale sendet, genau für diesen bereit zu sein.

Harris literarisches Planspiel eines Wegs in den Atomkrieg fand seine Entsprechung in den regelmäßigen Übungen von Militärs und Politik, die genau solche Szenarios simulierten. Und vielleicht kann eine der bittersten Erkenntnisse daraus, die Harris aussprechen läßt, auch auf unsere Zeit übertragen werden:

„Kriege beginnen nicht mit tiefliegenden Ursachen, Mr. Präsident. Im Allgemeinen beginnen sie mit billigen Tricks und lächerlichen Zwischenfällen.“

Brian Harris
Der nächste Weltkrieg
Heyne Science Fiction
TB, 1983
nur noch antiquarisch erhältlich

„Die Welt da draußen mag uns Israelis nicht“

Israel: Das erste Weihnachten nach dem Gaza-Krieg / Touristen und Pilger meiden das Heilige Land

Daniel Körtel

Die laute Musik einer Kapelle von Dudelsackspielern und Trommlern erfüllt den mit einer Krippe und einem rund 20 Meter hohen Weihnachtsbaum geschmückten Platz vor der Geburtskirche in Bethlehem. Christliche Stadtbevölkerung, palästinensische und internationale Pfadfindergruppen stehen bereit. zum traditionellen Empfang des Lateinischen Patriarchen von Jerusalem, Kardinal Pierbattista Pizzaballa, am Nachmittag vor Heiligabend, der erste nach Ende des zweijährigen Kriegs in Gaza.

Doch der einheimische Fremdenführer Elias (25, Name geändert) hält sich nicht lange hier auf. Stattdessen führt er den Besucher in die Geburtskirche, die – gemessen am durchgehend abgehaltenen Gottesdienst – älteste Kirche der Christenheit. Der ursprüngliche Bau geht 305 n. Chr. auf Kaiser Konstantin und seine Mutter Helena zurück, mit der der Pilgertourismus in das Heilige Land seinen Anfang nahm. Die in 1911 wiederentdeckten Bodenmosaiken zeugen noch von dieser Zeit. Sie sind heute zum größten Teil mit Holzparkett geschützt und nur an einer Stelle offen einsehbar.

Drei Konfessionen – römisch-katholisch, griechisch-orthodox und armenisch – teilen sich das Gotteshaus, das traditionell mit der Geburtsstätte Christi in Verbindung gebracht wird. Durch das Mittelschiff führt der Weg in den allerheiligsten Bereich, die Geburtsgrotte des Heilands, wo ein Silberstern auf dem Boden die angebliche Geburtsstelle markiert.

Gemessen am Anlaß, einem der höchsten Feiertage der Christenheit, finden sich Touristen und Pilger nur spärlich im Mittelschiff der Kirche. Auch in der engen Grotte ist genug Platz. Es sind vor allem einheimische Christen, die kommen. Der Beginn des seit Oktober von der US-Administration eingefädelten Waffenstillstands im Gaza-Krieg zwischen Israel und der Terrororganisation Hamas ist offenbar noch zu frisch, um die Besucherströme der Vorkriegsjahre zu reaktivieren. Touristenführer Elias leidet persönlich sehr unter dieser Situation.

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Denn der Krieg in Gaza hatte ebenso Auswirkungen auf die palästinensische Westbank, zu der Bethlehem gehört. Früher, so Elias, kamen täglich rund 700 Busse mit 30.000 Touristen. Nicht allein Christen kamen, auch Juden, für die Bethlehem als Geburtsstätte des israelitischen Königs David ebenfalls von hoher Bedeutung ist. Nach Inkrafttreten der Waffenruhe wäre das Niveau gerade auf fünf Prozent des Vorkriegsniveaus eingependelt. Dabei läßt Elias kaum Sympathien für die Hamas erkennen: „Wir sind des Konfliktes müde. Wir wollen Frieden.“ Und doch ist er optimistisch für die Zukunft, daß der mit US-Präsident Donald Trump verbundene Friedensplan die dringend benötigten Früchte trägt, denn: „Ohne Tourismus gibt es kein Leben für die christlichen Palästinenser.“

Doch auch gegen die Israelis spart Elias nicht mit moderater Kritik. Sieben abgeschottete Siedlungen sind um Bethlehem herum verteilt. Kontakte mit ihren ultraorthodoxen Bewohnern bestehen keine. Elias zufolge käme es besonders während der Olivenernte zu Siedlerattacken. „Ich kann auch nicht zur dir nach Hause kommen, mein Haus errichten und sagen, das ist jetzt mein Land“ – unwillkürlich dürfte diese von Elias gebrauchte Veranschaulichung mit dem Unbehagen vieler Deutscher über die Migrationspolitik auf eine denkwürdige Weise zusammenfallen.

Die Sperranlage aus Stahlbeton mit dem militärischen Checkpoint – Elias vergleicht sie mit der Berliner Mauer – macht aus einer Fahrt von Jerusalem nach Bethlehem von theoretisch zwei Minuten eine von bis zu zwei Stunden.
In dem Laden seiner Eltern, wo religiöse Handwerkskunst und Devotionalien – seit sieben Generationen auch aus eigener Produktion – angeboten werden, veranschaulicht er es anhand des Modells einer hölzernen Krippe, vor der in bewußter Anlehnung an die Sperranlage eine herausnehmbare Mauer aufgesteckt ist.

Elias erzählt, daß mit dem Werkstattladen eine von einem „Born-again-Community-Center“ von messianischen Juden marokkanischer Herkunft und institutionell ungebundenen Christen betriebene Armenküche verbunden sei, die ihm zufolge bis zu 60 Familien bediene. Elias zieht alle Register der Rührseligkeit, beklagt das harte Leben in Bethlehem, umschmeichelt den potenziellen Kunden und drängt ihm seine Ware auf. Es beschleicht einen hier das unangenehme Gefühl, im typisch orientalischen Stil eine Geschichte aus 1000undeinerNacht aufgetischt zu bekommen, um Herz und damit die Geldbörse des Besuchers geöffnet zu bekommen. Inmitten eines Ladens für christliche Andenken kommt man sich auf einmal vor wie auf dem Basar.

Auf der anderen Seite in Israel findet sich eine vergleichbare Stimmung. Der 56jährige Uri (Name geändert) hat erst vor wenigen Monaten nach zweijähriger kriegsbedingter Pause mit viel Enthusiasmus seine Tätigkeit als Reiseführer wieder aufgenommen. Aber zu seiner Enttäuschung bleibt der erwartete Touristenansturm bislang aus. Auf der Tour in die antike Felsenfestung Masada befinden sich gerade einmal 13 Reisende aus Übersee in einem Kleinbus, wofür früher ein voller Großbus im Einsatz war.

Die Zurückhaltung erklärt sich Uri nicht allein mit der Vorsicht im Ausland ob der Sicherheitslage: „Die Welt da draußen mag uns Israelis nicht.“ Schnell sei der grausame Angriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 vergessen worden, verdrängt von der weltweiten Empörung mit maßlosen Vorwürfen des Völkermords über das militärische Vorgehen der Israelis zur Befreiung der von der Hamas verschleppten Geiseln. Eine Vermutung, der man angesichts der massiven Anfeindungen, die Juden seitdem in der westlichen Welt ertragen müssen, kaum zu widersprechen vermag.

Trotz Waffenruhe und der Rückkehr der überlebenden Geiseln sind die Zeichen des Krieges nach wie vor präsent im Land. Sei es durch gelb angestrichene Autowracks am Straßenrand mit der roten Aufschrift „7.10“ – dem Datum des Angriffs durch die Hamas -, sei es durch leere Stühle in gleicher Farbe als Symbol der von den Geiseln und den Ermordeten hinterlassenen Leerstelle oder an den immer noch vielfach an den Fassaden hängenden Transparenten „Bring Them Home Now!“. Die traumatische Erfahrung des 7. Oktober 2023 wird das Land noch lange verfolgen.

Dennoch zeigt sich auch Uri – wie der Palästinenser Elias – optimistisch über die Tragfähigkeit des eingetretenen Friedens. Und vielleicht ist es die israelische Dankbarkeit gegenüber Trump hierüber, weswegen manche Souvenirhändler Kippas – traditionelle jüdische Kopfbedeckungen für Männer – mit dem Porträt Trumps und seinem Erfolgsslogan „Make America Great Again“ in ihr Angebot aufgenommen haben. Andere wiederum haben in Erinnerung an den gemeinsamen Angriff gegen die iranischen Atomanlagen T-Shirts mit dem Aufdruck eines Kampfjets und der Aufschrift „America don’t worry Israel is behind you – Keine Sorge, Amerika, Israel steht hinter dir“ in ihr Sortiment aufgenommen.

Szenenwechsel nach Jerusalem: Das Bild der Altstadt ist vor allem von den ultraorthodoxen Juden geprägt. Aus ihrer Haltung zu Gaza machen sie kein Hehl: „Make Gaza Jewish Again – Macht Gaza wieder jüdisch“, so die an Trumps MAGA-Slogan angelehnte Botschaft eines Banners im jüdischen Teil der Altstadt.

Auswärtige Besucher hingegen sind in der Vorweihnachtszeit weniger anzutreffen, zur Unzufriedenheit der Souvenirverkäufer und der Gastronomen. Selbst die Via Dolorosa, dem Leidensweg Christi zu seiner Kreuzigung, zeigt sich fast leer. In der Grabeskirche, einem der bedeutendsten Kirchen der Christenheit, ist hingegen schon mehr Publikum anzutreffen, allerdings ohne daß es zum Gedränge um die Stationen kommt.

Deutlich mehr Zuspruch hingegen findet am Zugang des Neuen Tors der Weihnachtsmarkt, der sich von einem aus Deutschland kaum unterscheidet, mit Glühwein, Weihnachtsbeleuchtung und einer kaum Besinnlichkeit ausstrahlenden laut schallenden Discomusik.

Das israelische Militär zeigt Präsenz, läßt Besucher auch in bestimmte Bereiche nicht durch. Und dennoch hat man nie das Gefühl, sich in einer Kriegszone zu bewegen.

Heiligabend in der Jerusalemer Altstadt: Der gespannten Ruhe nach dem Krieg zum Trotz können sich die Kirchen über mangelnden Zuspruch nicht beklagen. Doch die gut angenommenen Gottesdienste, zu denen sich auch nicht-christlichen Israelis gesellen, können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Randgruppe der Christen im Heiligen Land weiter ausdünnt, auch in Jerusalem.

Der Nahost-Experte Dieter Vieweger beschreibt die Jerusalemer Situation als eine, in der neben dem Streit um undurchsichtige Grundstücksgeschäfte „die Schändung von Friedhöfen, die Zerstörung von Kirchen, Hassgraffitis, Spuckattacken gegenüber Klerikern auf der Straße und auch verbale Angriffe in den vergangenen Jahrzehnten enorm zugenommen haben“. Der Lateinische Patriarch Pizzaballa macht hierfür eine „neue Generation von Siedlern“ sowie „ein allgemeines Klima der Gewalt im Lande, das wir sowohl in der israelischen als auch in der palästinensischen Gesellschaft beobachten können“ verantwortlich.

Aktiv zeigen sich an Heiligabend auch die deutschen Angebote, wie dem des deutschsprachigen Gottesdienstes der evangelischen Erlöserkirche. Und auf dem Zionsberg am südlichen Ende der Altstadt bereiten sich die Benediktinermönche der ebenso deutschsprachigen Dormitio-Abtei auf die nächtliche Wallfahrt zur Geburtskirche nach Bethlehem vor, wo sie ihrer eigenen Tradition entsprechend, eine Rolle mit Namen von Menschen, die sich hierfür mit ihren Gebetsanliegen eintragen ließen, mitführen. Wenn seine lokale Basis schrumpft, wird die künftige Präsenz des Christentums an seiner Entstehungsstätte wird vor allem durch solche auch von außen getragenen Institutionen aufrechterhalten werden müssen.

Wachablösung

CD-Review: „Ommadawn“ / Mike Oldfield

Mit gerade einmal 19 Jahren gelang dem Briten Mike Oldfield 1973 mit seinem Debütalbum „Tubular Bells“ auf Anhieb ein Millionenseller. Der Erfolg des Instrumentalwerks wurde noch dadurch verstärkt, daß die Titelmelodie zum Thema der Filmmusik des parallel angelaufenen Horror-Schockers „Der Exorzist“ wurde.

Kaum verwunderlich, daß zwei Jahre später ein gewaltiger Druck auf dem hochkreativen Multiinstrumentalisten lastete, die Erfolgssträhne zu halten. Oldfield zog sich Anfang 1975 zurück in das Aufnahmestudio seines Landsitzes „The Beacon“ im ländlichen Herfordshire, um an dem Nachfolger seines zweiten Albums „Hergest Ridge“ zu arbeiten. Technische Probleme erschwerten dem ohnehin emotional belasteten Oldfield die Aufnahmen.

Doch Ende Oktober 1975 – vor genau 50 Jahren – kam endlich das Ergebnis auf den Markt: „Ommadawn“, ein Album aus zwei epischen Songs mit langen instrumentalen Strecken, mit afrikanischen und keltischen Einflüssen, durch die sich seine markanten Gitarrenriffs zogen -eine eigentümliche Mischung aus Exotik und Tradition.

Obwohl der irische Titel übersetzt „Idiot“ bedeutet, wurde es ein Meisterwerk. Es wurde Teil jener Wachablösung, für die jenes Jahr in der Rockgeschichte steht, in welchem die Vertreter des „Progressive Rock“ vollkommen neue Wege einschlugen und so der Rockmusik bis dahin ungehörte Perspektiven erschlossen.

Mike Oldfield
Ommadawn
28. Okt. 1975

Der Lokalpatriot

Porträt des Zeitungsverlegers Dirk Ippen

An seinem 85. Geburtstag am kommenden Montag kann der Zeitungsverleger Dirk Ippen auf eine bemerkenswerte Laufbahn zurückblicken. Mit noch nicht einmal 30 Jahren zuerst als Teilhaber des Westfälischen Anzeigers in Hamm, baute er nach amerikanischem Vorbild mit Zukäufen weiterer Regionaltitel eine Zeitungsgruppe auf, die heute zu den fünf größten in Deutschland zählt.

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Sein Konzept bestand in der technischen Modernisierung der zugehörigen Druckereien und der kompromisslosen Optimierung der Betriebsabläufe. Hinzu kam der Ausbau der lokalen Berichterstattung. Die Gründung von kostenlosen Anzeigenblättern rundeten den Zugang zum Werbemarkt ab. Damit konnte er sich selbst gegen die Angriffe des mächtigen WAZ-Konzerns behaupten. Dabei sollte es nicht bleiben. 1982 erwarb er mit dem Münchener Merkur und der Boulevardzeitung tz zwei bedeutende Titel, seit 2018 auch noch die Frankfurter Rundschau.

Nicht allein eigenes Geschick half beim Aufstieg. Begünstigte anfangs das Kartellrecht ihn als kleinen Mittelständler, so erleichterte später dessen Lockerung das weitere Wachstum bis zur Monopolstellung in ganzen Regionen. Einen Widerspruch zu seinen marktwirtschaftlichen Überzeugungen sieht er hierin nicht.

Wo er sich einkaufte, traf Ippen mit seiner Strategie nicht immer auf Gegenliebe bei der Belegschaft, auch wenn er das angeblich gute Einvernehmen mit den Betriebsräten betont. Nicht allein Tarifflucht und die Härte der Sanierung trafen, auch haderten die Redaktionen mit der Schwerpunktsetzung auf die Lokalberichterstattung, wo sich manch einer „von der Weltpolitik zu den Kaninchenzüchtern“ degradiert sah.

Den gebürtigen Brandenburger ficht das nicht an. Stattdessen sieht sich der promovierte Jurist als ehrlichen Kaufmann, der es vom Mittelständler zum Konzernlenker gebracht hat. Es ist eine Karriere aus den goldenen Wachstumszeiten der alten Bundesrepublik. Die Zukunft seiner Gruppe in der digitalen Medienwelt sieht er bei seinem Neffen Daniel Schöningh und Sohn Jan in besten Händen.

Aus dem Redaktionsgeschehen hält sich Ippen bewußt heraus. Die auffällige Ausnahme von der Regel war 2021 seine Intervention gegenüber seinem Investigativteam in der Affäre um den damaligen Bild-Chefredakteur Julian Reichelt, da er seine Geschäftsinteressen mit dem Springer-Konzern gefährdet sah. Springer läßt einen erheblichen Teil seiner Auflage der Bild bei Ippen drucken.

Zu Wort meldet er sich lediglich alle zwei Wochen in den Wochenendausgaben seiner Blätter mit seiner Kolumne „Wie ich es sehe“, oftmals seicht im Stil, aber stets mit liberalem Anspruch.

Zur Politik hielt Ippen betont Distanz. Nichts übrig hat er für Parteibuch-Journalismus. Redakteuren würde er am Liebsten die Mitgliedschaft in Parteien verbieten: „Als Mitglied einer Partei muss man mit sehr vielen Kompromissen leben.“

Gleichwohl hat er es zugelassen, daß auch in seinen Redaktionen die Orientierung am linksgrünen Zeitgeist um sich griff. Gerne weist man dort der alternativen Konkurrenz von rechts die Rolle von Desinformanten zu, die „die Axt an Grundsätze friedlicher Konflikte“ legten.

Erstaunlich genug, daß Ippen trotzdem in seiner hochmodernen Kasseler Druckerei auch Titel aus diesem ungeliebten Meinungsspektrum akzeptiert. Es spricht für Ippen, daß er seinen Geschäftssinn über die politische Ausrichtung seiner eigenen Zeitungen stellt.

Dirk Ippen
Mein Leben mit Zeitungen
256 Seiten, 2016
Societas Verlag
20,00 Euro

Verbaler Frauen-Ringkampf

Aus der Preußische Allgemeine Zeitung
Nr. 37 · 12. September 2025

FEMINISMUS-DEBATTE

Verbaler Frauen-Ringkampf

Die Deutsch-Argentinierin, die sich 1975 mit Alice Schwarzer angelegt hat – Die Feminismus-Kritikerin Esther Vilar wird 90 Jahre alt

Es war einer der Höhepunkte gesellschaftspolitischer Fernsehdebatten der 1970er Jahre: das im Februar 1975 vom WDR ausgestrahlte Streitgespräch „Alice contra Esther“. Auf der einen Seite stand die Journalistin Alice Schwarzer, die gerade zur Ikone der deutschen Frauenbewegung aufstieg. Ihr gegenüber saß die Schriftstellerin und Ärztin Esther Vilar. Es war ein Kammerspiel, zu dem der treffenden Titel „Die Schöne und das Biest“ hätte passen können.

Vier Jahre zuvor hatte Vilar weltweit für Furore gesorgt mit ihrer Streitschrift „Der dressierte Mann“. Die in drastischer Sprache verpackte Abrechnung mit dem Feminismus besagte, dass es nicht der Mann sei, der die Frau unterdrücke. Vielmehr seien es Frauen eines „geschickt getarnten Matriarchats“, die den stärkeren Sexualtrieb des Mannes ausnutzten, um ihn auszubeuten: „Der Mann sucht immer jemand oder etwas, dem er sich versklaven kann, denn nur als Sklave fühlt er sich geborgen – und seine Wahl fällt dabei meist auf die Frau.“

Die Frauen hingegen könnten wählen zwischen der Lebensform eines Mannes und der eines „dummen, parasitären Luxusgeschöpfes“; eine Wahl, die der Mann nicht habe, vor allem wenn er im „Gefängnis“ aus Familie und Beruf eingesperrt sei.

Weitere Zuspitzungen dieser Art zogen sich durch die Seiten, wie die, dass „der weibliche Intellekt und das weibliche Gefühlsleben auf einem primitiven Niveau stehen geblieben“ seien.

Das Buch wäre kaum eine Provokation gewesen, wäre der Verfasser ein Mann, den man bequem in die Chauvinisten-Ecke geschoben hätte. Doch aus der Feder einer gebildeten jungen Frau entfaltete es zwangsläufig eine explosive Kraft. In den Augen der Feministinnen wurde Vilar zur „Verräterin am eigenen Geschlecht“.

In dem TV-Duell schenkten sich beide Frauen nach anfänglichem, freundlichem Smalltalk nichts. Schwarzer, der man die innerliche Anspannung anmerkte, biss sich in ihre ruhig wirkende Gegnerin regelrecht fest, ohne einen entscheidenden Treffer zu landen. Vilars Spitze gegen Schwarzers Idol Simone de Beauvoir – „die größte Imitatorin, die es jemals gegeben hat“ – fachte ihre Angriffslust erkennbar an. Ob spontan aus Hilflosigkeit oder als taktisch gezielt inszenierter Schlag, holte Schwarzer gegen Ende der rund 40 Minuten ausgerechnet gegen die Tochter deutsch-jüdischer Emigranten mit der Faschismus-Keule aus: „Sie sind nicht nur Sexistin, Sie sind auch Faschistin!“ Vilar konterte elegant, dass die Faschisten auf die gleiche Weise „extreme Formulierungen verwendeten, um dem anderen ein Etikett anzuhängen“. Damals wurde dieses hochtoxische Instrument erstmalig in der deutschen Debattenkultur prominent eingesetzt, und obwohl es in diesem Fall keine Wirkung erzielte, machte dieses Beispiel schnell Schule.

Für Vilar blieb es nicht allein bei rhetorischen Angriffen. Vier junge Frauen verprügelten sie. In der Münchener U-Bahn verpasste ihr ein Unbekannter eine Ohrfeige, der seiner Ehefrau damit einen Gefallen tun wollte. Doch am meisten setzten ihr die Nachstellungen der Boulevardmedien zu. 1978 verließ sie „nach vielen Monaten sadistischen Psychoterrors“ Deutschland in Richtung Schweiz.

Das Fernsehduell – mit boshaftem Hintersinn zur Weiberfastnacht ausgestrahlt – ging ohne einen klaren Sieger aus. Und doch entwickelten sich von da beider Karrieren in unterschiedliche Richtungen. Schwarzers Weg führte weiter nach oben, und bald beeinflusste sie von dort als „Berufsfeministin“ die Richtung des Mainstreams mit.

Sie kann sich heute bestätigt fühlen

Vilar hingegen geriet über die Jahre in Vergessenheit. Zwar folgten noch weitere Essays, Romane und Theaterstücke, doch die öffentliche Aufmerksamkeit blieb weitgehend aus. Ihren letzten bedeutenden Fernsehauftritt hatte sie 2011 bei „Maischberger“ anlässlich des Papst-Besuches in Deutschland, wo sie als Religionskritikerin, bekanntermaßen mit Sitz im Stiftungsrat der atheistischen Giordano-Bruno-Stiftung, eingeladen war.

Inzwischen kann sich Vilar in ihrer Feminismus-Kritik, in der sie ausschließlich soziologisch argumentierte, bereits in wesentlichen Aspekten von der naturwissenschaftlichen Forschung der jüngsten Zeit zunehmend bestätigt sehen. Die auf der Basis der Evolutionsbiologie gewonnenen
Erkenntnisse des renommierten US-Psychologen Roy F. Baumeister über die systematische Ausbeutung der Männer und den Mangel der Frauen an beruflichem Ehrgeiz („Wozu sind Männer eigentlich überhaupt noch gut?“, 2012) sind nur ein Beispiel.

Jedoch beherrscht der abstrakt ideologisch determinierte Feminismus, völlig unbeeindruckt von jenen neuen Erkenntnissen in den Humanwissenschaften, nach wie vor den öffentlichen Diskurs. Vilar ist somit weitgehend aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannt. Das weltweite Meinungsmonopol der Frauenbewegung hat sich erfolgreich gegen sie behauptet. Dennoch zeigte sich Vilar Jahre nach dem Erfolg ihres „in großer Wut geschriebenen Pamphlets“ froh, dass sie den Text zu den „Dressierten Mann“ trotz aller Widerstände verfasst habe.

1935 in Argentinien als Tochter deutscher Auswanderer geboren, kam Vilar 1960 als DAAD-Stipendiatin zum Studium nach Deutschland, wo sie in zweiter Ehe den Schriftsteller Klaus Wagn heirate. Am 16. September wird die Publizistin 90 Jahre alt.

Daniel Körtel

Der Originalartikel im PDF-Format:


Esther Vilar
Der dress
ierte Mann
Das polygame Geschlecht
Das Ende der Dressur
416 Seite, 1999
dtv

Ewig leuchtender, verrückter Diamant

Vor 50 Jahren veröffentlichten Pink Floyd ihr Meisterwerk „Wish You Were Here“

Im Geschäft der kreativen Künste birgt großer Erfolg stets auch große Gefahren. Einmal den Gipfel erreicht, stellt sich die Frage, was danach kommt. Reichen die kreativen Ideen, um die erreichte Position zu halten oder droht die Abwendung des Publikums und damit verbunden der Sturz aus großer Höhe in die Leere der persönlichen Bedeutungslosigkeit? 1973 katapultierte das Album „The Dark Side of the Moon“ Pink Floyd auf den Gipfel des Olymps. Mit bislang über 50 Millionen Einheiten steht es an den vordersten Plätzen der meistverkauften Alben. Als führender Vertreter des Progressive Rock, der Elemente des Blues, Jazz und der Klassik aufnahm, sollten sie die prägende Kraft der Rockmusik der 1970er Jahre werden.

Als sich die Band Anfang 1975 in den berühmten Londoner Abbey Road Studios, wo auch die Beatles ihre Platten aufnahmen, einfand zu den Aufnahmen des Nachfolgealbums, taten sie das aus Gewohnheit. Doch die Arbeiten der kommenden Monate sollten sich chaotisch gestalten: Die internen Reibungsverluste im Kreativprozeß offenbarten erste Risse im Zusammengehörigkeitsgefüge der Bandmitglieder. Das Ergebnis kam am 15. September 1975 – vor genau 50 Jahren – unter dem Titel „Wish You Were Here“ auf den Markt.

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Schon die ersten Klänge des Eröffnungstitels versprachen ein herausragendes Niveau, das das Album bis zum Ende durchhielt. Das Intro des rund 25 Minuten langen „Shine On You Crazy Diamond“ – der in zwei Teilen Anfang und Ende des Albums einrahmte – wurde zum berühmtesten der Rockmusik. Die sphärischen Klänge aus dem Synthesizer von Keyboarder Richard Wright, dem ein filigranes Solo des Gitarristen David Gilmour folgte, versetzten den Zuhörer auf eine psychedelische Astralreise.

YT-Clip „Shine On You Crazy Diamond“ / PINK FLOYD

Ihm folgte das mit bedrohlich wirkenden Maschinengeräuschen unterlegte und futuristisch anmutende „Welcome to the Machine“ mit seinen riffbetonten Passagen. Dieser Titel wie auch der folgende „Have a Cigar“ galten als Anklage der Band gegen die Musikindustrie, „diesem Monster, das uns zerreibt, zerkaut und ausspuckt“ (Roger Waters). Den Gesangspart von „Have a Cigar“ übernahm als Gastmusiker ausnahmsweise der Bluesmusiker Roy Harper, weil weder Gilmour noch Bassist Roger Waters stimmlich überzeugen konnten. Harper kam mit seiner Stimme tief genug, um den Zorn über das Musikgeschäft, für das der Liedtext steht, überzeugend rüberzubringen.
Durch den gefühlsbetonten Gesang von Gilmour und dominiert von seiner Akustikgitarre steht die an einen Countrysong erinnernde Ballade „Wish You Were Here“ für den Höhepunkt des Albums. Der populäre Titel fehlte seitdem auf keiner Setlist eines Livekonzerts von Pink Floyd.

Das Konzept von „Wish You Were Here“ war als Hommage an den abwesenden Syd Barrett (1946 – 2006) gedacht. Barrett war Mitbegründer und kreativer Kopf der seit 1965 bestehenden Band „der verrückte Diamant“. Durch die negativen Begleiterscheinungen seines Drogenkonsums wurde er 1968 aus der Band geworfen und durch Gilmour ersetzt. Kurz vor Fertigstellung des Albums kam es in den Abbey Road Studios zu einem zufälligen und merkwürdigen Zusammentreffen der Band mit Barrett, der zuerst von niemanden erkannt wurde. Zu sehr hatte der Drogenmißbrauch seine einst stattliche Erscheinung zu einer schmerbauchigen, glatzköpfigen Gestalt in Mitleidenschaft gezogen. Auch geistig war der beginnende Verfall unverkennbar. Kurz danach folgte sein endgültiger Rückzug aus dem Musikgeschäft und der Öffentlichkeit, vor dem ihn seine Familie abschirmte.

Lange hieß es, es die Härte des Musikgeschäfts sei ursächlich für Barrets Wahnsinn gewesen. Doch Schlagzeuger Nick Mason räumte später ein: „Es war weniger die Plattenindustrie, die Druck auf ihn ausübte, als wir.“

Dem Albumkonzept entsprach auch die aufwendige Gestaltung des doppelten Plattencovers durch das Graphikstudio Hypgnosis. Die Platte war eingeschweißt in eine schwarze Plastikfolie, auf dem ein Sticker mit zwei Roboterhänden prangte, ein Symbol für den Geschäftsabschluß im Musikbusiness. Das derart darunter verborgene, eigentliche Cover – ohne Hinweis auf Albumtitel und Band – nahm das Motivs des Handschlags auf, durch zwei Männern im Anzug, die sich die Hand reichen, einer davon sich am Handschlag verbrennend. Die Fotografie war keine Montage, sondern wurde durch einen tatsächlich brennenden Stuntman auf dem Gelände der Warner Studios in Hollywood aufgenommen. Beide Bilder wurden, so wie auch das Prisma-Cover von „Dark Side of the Moon“ ikonisch.

Publikum und Kritik nahmen „Wish You Were Here“ begeistert auf. Auch dieses Album entwickelte sich mit 20 Millionen Einheiten zum Megaseller. Das kunstvolle und ausgereifte Meisterwerk steht als Meilenstein sowohl für den kreativen Höhepunkt der Band wie auch des Artrock. Für Gilmour „ist es in mancher Beziehung das vollendeste Album“. Dem sollte aber der Beginn eines Niedergangs durch interne Konflikte folgen. Zunehmend dominierte Waters, der die übrigen Bandmitglieder regelrecht zu Session-Musikern degradierte. Immerhin erschien 1979 mit „The Wall“ ein weiteres Erfolgsepos. Doch danach war die Band in ihrer bisherigen Form nicht mehr zu retten.

1985 stieg Waters aus. Es folgte ein erbitterter Rechtsstreit über die Namensrechte zwischen ihm und dem Rest der auf Gilmour und Mason geschrumpften Band. Pink Floyd konnten bis zu ihrer offiziellen Auflösung 2015 weitere Erfolgsalben liefern, allerdings ohne die kreative Genialität früherer Tage, und traten in opulenten Stadionkonzerten auf: Willkommen in der gut geölten Mega-Maschine Pink Floyd. Hier mit seinen Solowerken nicht mithalten zu können und nur noch vom Material aus alten Pink Floyd-Zeiten zu zehren, hatte Waters schlichtweg nur noch „angekotzt“.

Der letzte gemeinsame Auftritt der Originalbesetzung anläßlich des „Live-8“-Konzertes 2008 bedeutete das vorläufige Ende des kalten Krieges. Dem folgte 2011 ein letzter gemeinsamen Auftritt von Waters mit Gilmour und Mason in der Londoner O2 Arena. Diese Entspannungsphase endete spätestens 2023 mit der öffentlichkeitswirksamen Distanzierung von Gilmour und seiner Ehefrau Polly Samson von Waters auf Twitter, heute „X“, dem sie vor allem seine antisemitischen Ausfälle gegen Israel vorhielten.

Wo Syd Barrett durch den Drogensumpf der Realität entglitt, ist es bei Waters die manische Fixierung auf den Antikapitalismus, der geistigen Geschwister des Antisemitismus. Nichts offenbart das besser, als das mit „Animals“ (1976) auf den Konzerten eingeführte, überdimensionale Ballonschwein, Symbol für die Heuchelei der Elite, welches am Ende vom Publikum zerstört wird. Waters erweiterte für seine Auftritte diese Botschaft mit einem Tabubruch, indem er es neben dem Davidstern auch mit Dollarzeichen, Shell-Symbol und McDonald’s-Schriftzug und sogar noch mit Hammer und Sichel garnierte.

Der inzwischen 79jährige Gilmour, der zuletzt mit „Luck and Strange“ ein vielbeachtetes Solowerk vorlegte, hat im vorigen Jahr mit einer erstaunlichen Einigung mit dem Sony Konzern das Kapitel Pink Floyd für sich beerdigt. Für schlappe 400 Millionen Dollar hat das Unternehmen von den Bandmitgliedern und den Nachlaßverwaltern des 2008 verstorbenen Wright die Musikrechte sowie die Namens- und Bildrechte an Pink Floyd gekauft.

„Grab that cash with both hands and make a stash“ – Schnapp dir das Geld mit beiden Händen und erschaffe einen Vorrat, so hieß es noch höhnisch in „Money“ auf „Dark Side oft the Moon“. Das ambivalente Verhältnis zwischen Kapitalismuskritik einerseits und dem einträglichen Einvernehmen mit der Musikbranche andererseits ist der Band immer wieder vorgehalten worden, auch gerade angesichts von „Wish You Were Here“. Hat sich an Pink Floyd ein altes Vorurteil bestätigt, wonach es nichts Schlimmeres gebe als einen Linken, der an Geld geleckt hat?

Pink Floyd galten in ihrer Hochphase in den 1970er Jahren nicht nur als musikalische Revolutionäre, sondern auch als Rebellen gegen das Establishment. Trefflich gibt der deutsche Journalist Alexander Gorkow in seinem an diese Zeit angelehnten, autobiographischen Kindheitsroman „Und die Kinder hören Pink Floyd“ (2021) dieses Image wieder, indem er die jugendlich-naive Sichtweise seiner über die millionenschwere Band ergriffenen Schwester wiedergibt: „Pink Floyd sind Sozialisten. (…) Wesentlich geht es ihnen in ihrer Kunst einerseits um den Kampf gegen das Establishment, andererseits um die Befreiung des Einzelnen aus den Klauen des Systems.“

Dabei haben die Mitglieder von Pink Floyd nur die gleiche Entwicklung durchlaufen wie parallel viele andere aus der Gegenkultur der 1960er Jahre. Das „System“, gegen das sie standen, hat sie aufgesogen und korrumpiert, gut an ihnen verdient, wie auch sie dabei gut verdienten und ihre Plattenfirma ihnen zudem alle Freiheiten ließ.

Wie sehr diese sozialkritische Haltung zur Attitüde verkommen ist, hat unfreiwillig niemand besser bestätigt als David Gilmour in einem entlarvenden Interview 1995 im SPIEGEL. Gilmour beharrte darauf, trotz seines Reichtums nicht zum Establishment zu gehören. Die Interviewer entgegneten bissig: „Sie sitzen in einem exklusiven Londoner Club, trinken Cappuccino für 15 Mark pro Tasse und sagen, Sie gehören nicht zum Establishment? Das ist echter Luxus.“

Gilmour fiel dazu nicht mehr ein als ein lakonisches „Allerdings“.


Eine kürzere Version des Textes erschien in der Ausgabe 40/2025 der JUNGEN FREIHEIT:


PINK FLOYD
Wish You Were Here
1975
Alexander Gorkow
Die Kinder hören Pink Floyd
Tb., 192 Seiten, 13,- EUR
KiWi-Taschenbuch

2022


Geist, Glamour und Provokation

Das Münchener Literaturhaus würdigt in einer Ausstellung die Publizistin Susan Sontag

An dem übergroßen Schwarzweiß-Porträt im Eingangsbereich des Foyers im Literaturhaus München kann niemand vorbeigehen, ohne länger davor zu verweilen. Der Betrachter wird unmittelbar in den Bann gezogen durch den klaren und festen Blick einer mittelalten Frau, gekleidet in eine modische schwarze Lederjacke. Was sich hier anbietet, ist mehr Erscheinung als Schönheit, ein Charakterkopf.

Porträt Susan Sontag, in einer Aufnahme von Richard Avenon, Literaturhaus München / © D. Körtel

Das Porträt zeigt Susan Sontag in einer berühmten Aufnahme des Starfotografen Richard Avedon aus dem Jahre 1978. Es ist Teil der Ende Mai eröffneten Ausstellung „Everything Matters“. Rund 20 Jahre nach ihrem Tod 2004 entschloß sich das Literaturhaus, die amerikanische Schriftstellerin und Essayistin, die als die erste intellektuelle Stil-Ikone des 20. Jahrhunderts Geist und Glamour miteinander verband, wieder in Erinnerung zu rufen.

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Nicht allein dieses Porträt ist es, das dem Betrachter sofort ins Auge fällt. Weitere ausdrucksstarke Aufnahmen zeigen Sontag in verschiedenen Lebensphasen. So auch jene auf dem Ausstellungsplakat, wo sie als junge Frau sich lässig auf einen Stapel Papiere stützt, hinter sich den Blick auf die verschwommene Silhouette von New York. In späteren Jahren kam ihre auffallende Frisur mit der weißen Strähne zu den Markenzeichen der altersweisen Frau hinzu. Vielleicht war es genau diese optische Präsenz, die ihre Prominenz bestimmte, mehr als ihre Texte.

Susan Sontag, Ausstellungsplakat Literaturhaus München / © D. Körtel

Sontag wußte sich auf Fotos zu inszenieren, vor den besten Fotografen, darunter auch Annie Leibovitz, die 1988 ihre Lebenspartnerin wurde. Wie kaum eine andere setzte sie sich kritisch mit der Macht der Bilder und ihrer suggestiven Wirkung auf den Betrachter auseinander. Ihre Essays „Über Fotografie“ und „Das Leiden anderer betrachten“ sind Standardwerke bis heute. Und doch – oder gerade deswegen – läßt die Ausstellung durch Sontags eigene Aufzeichnungen wissen, mochte sie es nicht fotografiert zu werden.

1933 in New York in eine jüdische Familie hineingeboren wächst Sontag in Arizona auf, wo die Familie im heißen Wüstenklima die Linderung ihres Lungenleidens sucht. Die soziale Isolierung ließ die Heranwachsende Zuflucht in der Bibliothek suchen. Symbolische Bücherstapel stehen für die Unmenge der Klassiker, die Sontag dabei verschlingt. Literatur ist ihr Lebenselixier: „Ich habe dieses Etwas – meinen Verstand. Er wächst, ist unersättlich.“

Vor allem Thomas Mann mit „Der Zauberberg“ fördert ihre Inspiration. Die Ausstellung zeigt das Original ihres Textentwurfes über einen für sie enttäuschenden Besuch bei Mann in dessen Villa in Los Angeles, den sie mit knapp 17 Jahren unternimmt.

Weder das Dasein als Ehefrau noch als Mutter füllt sie aus. Nach gescheiterter Ehe und Aufenthalten in Europa wird Sontag 1960 Dozentin an der Columbia Universität in New York, das zu ihrem Lebensmittelpunkt wird. Ab hier setzt ihr Aufstieg zur Star-Intellektuellen ein.

Eine Vielzahl von Originalausgaben zeigen populäre Publikationen wie Harper‘s Magazine oder Vanity Fair, in denen Sontag ihre Texte publiziert. Sie nimmt darin eine vermittelnde Rolle zwischen der europäischen und der amerikanischen Kultur ein und befürwortet die Auflösung der Trennung von Hoch- und Populärkultur. 1963 erscheint ihr erster Roman, „Der Wohltäter“, ebenfalls im Originaldruck vorgestellt.

Buchausgaben Susan Sontag, Literaturhaus München / © D. Körtel

Der Vietnamkrieg bewirkt eine weitere Politisierung. Videoinstallationen zeigen Sontags Aufenthalte im kommunistischen Nordvietnam, von wo aus sie mit der amerikanischen Außenpolitik scharf abrechnet. Es wird nicht der einzige Aufenthalt an einem „Hot Spot“ bleiben. 1993, mitten im Bosnienkrieg, zieht sie in die belagerte Frontstadt Sarajewo, wo sie Samuel Becketts Theaterstück „Warten auf Godot“ inszeniert.

Bei ihren Landsleuten, vor allem den New Yorkern, macht sie sich schließlich mit ihrem unbequemen Blick auf die islamistischen Terroranschläge vom 11. September 2001 unbeliebt, teilweise gar verhasst. In „Feige waren die Mörder nicht“, so der Titel ihres als Faksimile der FAZ-Übersetzung gezeigten Essays will sie nicht in den regressiven Patriotismus einstimmen, der anschließend in die Kriege im Mittleren Osten führte. Die USA reagierten so, wie von Sontag befürchtet.

Das Desaster im Irak sollte Sontags Kritik am amerikanischen Interventionismus bestätigen. Die privaten Schnappschüsse sadistischer Exzesse amerikanischer Soldaten an irakischen Gefangenen im Foltergefängnis Abu Ghraib trafen genau ihr Lebensthema.

Während Sontag und die Amerikaner einander fremder werden, nimmt sie hingegen in Europa an Beliebtheit zu. 2003 erhält sie in Frankfurt den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, zu dessen Festakt der US-Botschafter demonstrativ fernbleibt.

Geradezu berührend ist die Videoinstallation über ihre letzte Lebensstation. Nach 1975 und 1998 verliert sie 2004 die dritte und letzte Runde im Kampf gegen den Krebs, der zum Ausgangspunkt für ihr vielleicht berühmtestes Essay „Krankheit als Metapher“ (1978) wurde. Als Sterbeort sucht sich die Herzens-Europäerin ein Domizil in Paris aus, wo sie auch auf dem Friedhof Montparnasse ihre letzte Ruhestätte fand. In der Rückblende kommen frühere Weggefährten zu Wort. „Ja, sie war eitel“, so die Pianistin Mitsuko Uchida, wehmütig der Publizist Darryl Pickney: „Sie war voller Leben.“

In ihren Exponaten konnte die Ausstellung aus dem von Sontags Sohn David Grief – selbst ein erfolgreicher Publizist – verwalteten Nachlaß aus dem Vollen schöpfen: Von den Tagebuchaufzeichnungen und Manuskriptseiten bis zu den kitschigen Nippes, den Sontag in ihrem Sammeleifer von ihren vielen Reisen mitbrachte. Selbst die Lederjacke aus dem eingangs beschriebenen Porträt hat sich erhalten.

Die Leerstelle, die Sontag mit ihrem Tod hinterließ, konnte bislang von keiner anderen Persönlichkeit ausgefüllt werden. In dieser aufgeheizten Zeit hoffen nicht wenige, daß sie heute eine von linker Identitätspolitik abgesetzte Position eingenommen hätte. In ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung hob die Literaturwissenschaftlerin Anna-Lisa Dieter heraus, daß nach ihrer Einschätzung in Sontags Denken Identität keine Rolle gespielt habe. „„Sontag zufolge sind identitätsbezogene Zuschreibungen ‚Stereotype‘, die einschränken, ja ‚ghettoisieren‘.“

Unter den Tisch fällt dabei das wohl bekannteste Sontag-Zitat: „Die weiße Rasse ist das Krebsgeschwür der Menschheitsgeschichte“, 1967 hinterlegt in der Partisan Review, dem Zentralorgan der New Yorker Intelligenzia. Wer sich so äußert, dem darf zu Recht nachgesagt werden, zum Umfeld woker Ideologie zu zählen.

Die Ausstellung „Everything Matters“ wird noch bis zum 30.11.2025 im Literaturhaus München, Salvatorplatz 1, gezeigt, Montag bis Sonntag 11 – 18 Uhr, Donnerstag 11 – 20 Uhr. Sommerpause bis 31.8. Der Ausstellungskatalog mit 124 Seiten kostet vor Ort 10 Euro.

Die Ausgestoßene

Jahrelang prägte ihr Gesicht die ARD-Berichterstattung aus der Sowjetunion. Doch ihre harsche Kritik an der „Einkreisungspolitik“ Russlands durch die NATO-Osterweiterung, an der sie auch nach Beginn des Ukraine-Kriegs festhielt, machte sie für den Mainstream zur Unperson. Still ist es damit um Gabriele Krone Schmalz (75) nicht geworden. Das in der deutschen Bevölkerung weit verbreitete Unbehagen über die von der Politik ausgerufene Zeitenwende, die anhaltenden Fragen über die Kriegsursachen sowie die ausufernde Kriegsunterstützung für die Ukraine machen sie nach wie vor zu einer populären Vortragsrednerin und Buchautorin.

Umso erstaunlicher, daß mit dem BR-Kameramann Ralf Eger ausgerechnet aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk sich jemand an einem wohlwollenden Filmporträt der Frau mit der markanten Kurzhaarfrisur wagte. „Gabriele Krone-Schmalz – Verstehen“, so der Titel seines Films, entstand als Egers Privat-Projekt.

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Eger begleitet Krone-Schmalz durch den Bayrischen Wald, ihrer Herkunftsregion, läßt ihre langjährigen Freunde von dort schwärmend über sie zu Wort kommen – die authentische Sympathieträgerin Krone-Schmalz.

Doch den stärksten Eindruck hinterlassen die Szenen, die sie vor begeistertem Publikum in vollbesetzten Sälen zeigen – vor Durchschnittmenschen, die ihr Vertrauen in die als einseitig wahrgenommenen Mainstreammedien verloren haben, und deren Abkoppelung von den üblichen Informationskanälen möglicherweise kaum zu revidieren ist. „Der Putin, den wir heute haben, hat der Westen zum großen Teil mitgeschaffen“, das ist so einer ihrer Sätze, die auf dankbare Resonanz treffen. Auch so kann Zeitenwende aussehen.

Mit eingearbeitet sind private Filmaufnahmen aus Krone-Schmalzs Zeit als engagierte Reporterin in der Sowjetunion, die sie dem Zuschauer als Russlandkennerin vermitteln sollen. Und den Soundtrack liefern Audioaufnahmen aus ihrer Jugend, in der sie sich als Liedermacherin versuchte und deren Texte in das aufwendig gestaltete Booklet aufgenommen wurden.

Egers professionell gemachter Dokumentarfilm, der vor allem die menschliche Seite von Krone-Schmalz in den Vordergrund stellt, macht deutlich: Auch wenn man ihr nicht in allem folgen mag, tut man sich keinen Gefallen damit, jemanden wie sie mittels Diffamierung aus dem Diskurs heraus zu drängen.

Gabriele Krone-Schmalz – Verstehen
Buch mit Dokumentarfilm

auf Blu-ray (109 Minuten)
2025