Die Himmelsscheibe als Schlüsselloch der Geschichte

Der Archäologe Prof. Harald Meller war sich der Bedeutung des Fundes wohl noch lange nicht bewußt, als im Februar 2002 ein Raubgräber in der Bar des Baseler Hilton den größten Ausgrabungsfund in Deutschland des 20. Jahrhunderts unter seinem Pullover, eingewickelt in einem Handtuch, herausholte und ihm präsentierte: Die als „Himmelsscheibe von Nebra“ berühmt gewordene Bronzeplatte aus der Bronzezeit Mitteleuropas. Das konspirative Treffen war mit dem Landesarchäologen von Sachsen-Anhalt verabredet worden, um den Raubfund, den zwei illegale Sondengänger am 4. Juli 1999 auf einem Höhenzug in der Nähe des sachsen-anhaltinischen Städtchens Nebra machten, mit einem hohen Gewinn zu verkaufen. Mit dem Auftauchen der bis dahin verdeckt operierenden Schweizer Polizeibeamten, die eng mit Meller zusammenarbeiteten, klickten die Handschellen und der Handel war damit geplatzt.

Das vorläufige und abrupte Ende dieses hochspannenden Wissenschaftskrimis war der Einstieg in die bis heute nicht abgeschlossene Forschungsarbeit über die Himmelsscheibe, die sich bis heute besonders auch außerhalb der Fachwelt einer ungeheuren Popularität erfreut. Der Fundort auf dem Mittelberg ist inzwischen gekennzeichnet durch das „Himmelsauge“, in direkter Nachbarschaft steht ein Aussichtsturm und auf dem Wanderweg dorthin befindet sich seit 2007 ein Besucherzentrum, das sich zu einem touristischen Anziehungspunkt entwickelt hat. Die Himmelsscheibe ist nicht nur ein Glücksfall für die Wissenschaft, darüber hinaus ist sie auch zu einem Segen für eine ansonsten strukturschwache Region geworden.

Read more

Heimat ist das, was gesprochen wird

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 43/21 / 22. Oktober 2021

Heimat ist das, was gesprochen wird
Kulturpreis Deutsche Sprache: Der Jacob-Grimm-Preis ging in diesem Jahr an die Schriftstellerin Herta Müller
Daniel Körtel

Es ist wie ein Zeichen des kulturellen Aufbruchs nach dem langen Corona-Lockdown, daß endlich wieder öffentliche Preisverleihungen stattfinden können. Gerade rechtzeitig für den Kulturpreis Deutsche Sprache, der am vergangenen Samstag vor einem pandemiebedingt kleinen Publikum im Blauen Saal der Stadthalle Kassel verliehen wurde und zu diesem Anlaß sein 20. Jubiläum feiern konnte.

Weiterlesen

Ein Tränenglas für Matthias Lohr

Ich kann nicht oft behaupten, daß die Lektüre der HNA (Hessisch/Niedersächsische Allgemeine) Erheiterung in mir auslöst. Die nordhessische Tageszeitung ist sonst so bieder und fest eingebunden in dem Milieu, das man so schön Mainstreammedien nennt. Doch selbst unter solchen Bedingungen hat es Lokalredakteur Matthias Lohr am gestrigen Montag mit einem besonders weinerlichen Kommentar über die Situation in seinem Beruf geschafft, ein Lachen in mir auszulösen.

„Standpunkt“/ HNA vom 4.10.2021

Anlaß war die Verleihung des „Glas der Vernunft“, des Kasseler Bürgerpreises, an die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ am vergangenen Tag der deutschen Einheit. Lohr nutzte den Festakt als Aufhänger, um in der Rubrik „Standpunkt“ zu sinnieren: „Journalisten haben es schwer wie selten“. Was folgte war ein Klagelied darüber, welch schweren Stand Journalisten wie er haben, denn sie werden „als Teil der angeblichen Lügenpresse verunglimpft“ und würden von nicht wenigen in Deutschland für Verbrecher gehalten. Ja, sogar körperliche Angriffe auf Demonstrationen müßten sie einstecken, vor allem von Querdenkern.

Weiterlesen

Es ist die Religion, Dummkopf!

„Der Islam, der in jeder Hinsicht unbeschmutzt, friedlich, demokratisch, tolerant und frauenfreundlich ist, ist ein schöner Traum, hat aber wenig mit der Realität des Islam im Hier und Jetzt zu tun.“
Ruud Koopmans

Es war ein merkwürdiges, fast haargenau gleiches, zeitliches Zusammenfallen: Die unblutige und rasante Rückkehr der Taliban an die Macht und der 20. Jahrestag des Ereignisses von „9-11“, das infolge der amerikanischen Invasion in Afghanistan zur zeitweisen Vertreibung der fundamentalistischen Gotteskrieger von der Macht führte, die daraufhin den westlichen Besatzern einen Abnutzungskrieg, vergleichbar auch jenen den sowjetischen Okkupanten der 1980er Jahre lieferten. Doch einzuordnen ist diese Phase des muslimisch-westlichen Konfliktes in einen wesentlich größeren historischen Kontext, dessen Beginn 1979 mit dem Sturz des Schahs und der Installation der Islamischen Republik Iran angesetzt wird. Es ist ein bislang nicht abgeschlossener Prozeß der Rückkehr des Islam auf die politische Agenda der Welt und damit einhergehend, was der amerikanische Politologe Samuel P. Huntington 1993 in die griffige Formel vom „Kampf der Kulturen“ packte, vor allem auch der Ablösung des Ost-West-Konfliktes durch eine aggressive Konfrontation zwischen der westlichen und der islamischen Zivilisation.

Weiterlesen

„Ich würde niemals die Linke wählen!“

Nirgendwo in Deutschland liegen Glanz und Elend deutscher Geschichte so nahe beieinander wie in Weimar. Zum einen als früheres Zentrum deutschen Geisteslebens, wovon noch heute als Wahrzeichen in der Innenstadt die Doppelstatue von Goethe und Schiller zeugen. Zum anderen für die Abgründe der Barbarei des Naziregimes in Form des berüchtigten Konzentrationslagers Buchenwald. In direkter Nachbarschaft zu Buchenwald steht in einer traumhaften Waldlandschaft das Schloss Ettersburg, 1706-1712 als herzogliches Jagdschloss erbaut, in welchem zahlreiche Geistesgrößen deutscher Kultur verkehrten. In den Jahren vor der Wende leer und verfallen, ist inzwischen die Revitalisierung zu einem erfolgreichen Hotel und einer bekannten Tagungsstätte mit anspruchsvollem Programm gelungen.

Diesen Erfolg kann sich zurecht auch der Leiter Dr. Peter Krause zusprechen. 2008 erlangte er bundesweite Bekanntheit durch seine Nominierung als thüringischer Kultusminister durch den damaligen Ministerpräsidenten Althaus (CDU). Die Nominierung rief heftige Kritik hervor, da Krause 1998 für sage und schreibe zweieinhalb Monate Redakteur der rechtskonservativen Wochenzeitung Junge Freiheit war. Es folgte das übliche Kesseltreiben des linksliberalen Mainstreams, in dem sich etablierte Medien – allen voran die extrem linkslastige taz – als Einpeitscher betätigten in einer Kampagne gegen einen zum Abschuß freigegebenen Konservativen, um den es selbst in seiner Partei immer einsamer wurde. Am Ende wurde Krause aufgrund des Drucks fallen gelassen. Es blieb nicht allein beim politischen Karriereknick, auch seine Familie erlitt Anfeindungen, sein Auto wurde gar angezündet. Ein inzwischen vollkommen „normal“ gewordener Vorgang, heute auch besser bekannt als „cancel culture“.

Tagungsstätte Schloss Ettersburg / © Daniel Körtel

Am vergangenen Sonntagnachmittag, den 5. September 2021, war es mit Monika Maron die wohl bedeutendste Schriftstellerin Deutschlands, die zu den Ettersburger Gesprächen das Podium betreten durfte, als „Sidekick“ begleitet von ihrem Hund Bonnie Propeller.

Read more

Dresden, Ingo Schulze und die rechtschaffenen Mörder

Es hätte nicht viel gefehlt, und das Lesedinner mit dem Schriftsteller Ingo Schulze wäre kurzfristig abgesagt worden. Seine weitere Zugfahrt nach Kassel drohte in Göttingen komplett auszufallen, weil ein Fahrgast sich weigerte, den vorgeschriebenen Mund-Nasen-Schutz aufzusetzen. Aber so konnte am vergangenen Freitagabend des 3. September 2021 nach mehreren coronabedingten Verschiebungen die Veranstaltung im Rahmen des Literarischer Frühling in der Heimat der Brüder Grimm dennoch endlich nachgeholt werden, wenngleich auch nicht im Frühling, sondern im recht warmen Spätsommer.

Read more

Leben unter Vorbehalt – die Juden unter muslimischer Herrschaft

„Selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen.“
Karl Lagerfeld (1933 – 2019) im November 2017

Das Aufflackern des Nahostkonfliktes im vergangenen Mai durch die Raketenangriffe der islamistischen Hamas vom Gaza-Streifen auf israelisches Territorium und der darauf folgenden militärischen Reaktion Israels warf auch auf Westeuropa die Zündfunken auf ein kaum verdecktes antisemitisches Ressentiment zugewanderter Migranten aus dem islamischen Kulturraum. Den Lockdown-Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zum Trotz gingen auch in Deutschland zahlreiche Muslime zugunsten der Palästinenser auf die Straße, durchgehend aggressiv im Ton, zuweilen auch verbunden mit Gewaltausschreitungen.

Read more

Die alles erstickende Asche

„Wenn meine Arbeit nicht misslungen ist, habe ich erzählt, was mit Menschen geschieht, wenn sie Verhältnissen unterworfen sind, in denen sie eine relative materielle Sorglosigkeit mit ihrer geistigen Freiheit bezahlen.“ (Monika Maron)

Es war einer der spektakulärsten Fälle von Cancel Culture in den letzten Jahren, einem Phänomen, das es angeblich in Deutschland gar nicht gibt: Der Ende 2020 vorgenommene, ungnädige Rauswurf der Erfolgsschriftstellerin Monika Maron aus dem S. Fischer Verlag, der sie seit Jahrzehnten in ihrer publizistischen Arbeit betreute. Dem vorausgegangen war ein längerer, durchaus gegenseitiger Entfremdungsprozeß, den Maron vor allem mit ihren zunehmend „galligen“ Essays über Fehlentwicklungen in Deutschland, vor allem über die Islamisierung, beförderte. Auch wurde man dort offenbar mit ihren letzten Romanen „Artur Lanz“ und „Munin oder Chaos im Kopf“ nicht mehr so recht warm. Ebenso wurde ihr ihre Freundschaft zur Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen, die sie mit einem Essayband gemeinsam mit anderen „rechtsverdächtigen Abweichlern“ in ihre Buchreihe „Exil“ aufnahm, als Kontaktschuld zur Last gelegt. Glücklicherweise dauerte es nicht lange, und mit Hoffmann und Campe sprang ein anderer renommierter Verlag in die Lücke. Pünktlich einen Monat vor ihrem 80. Geburtstag am heutigen 3. Juni 2021 erschien unter ihrem neuen Flaggschiff ihr zu Ehren der Band „Was ist hier eigentlich los?“, der ihre bedeutendsten Essays aus den letzten Jahrzehnten versammelt.

Doch hier soll es nicht um diesen Essay-Band gehen. Das Jubiläum ist Anlaß, um das Werk zu betrachten, mit dem die Erfolgsgeschichte der Schriftstellerin Monika Maron begann: „Flugasche“.

Read more

Your own personal Sophie Scholl

„Und das schöne Wort der Freiheit
Wird gelispelt und gestammelt,
Freiheit! Freiheit! Freiheit!“

Nach Goethe, aus dem ersten Flugblatt der „Weißen Rose“, 1942

Der mediale Aufschrei war gewaltig. Als im vergangenen November auf einer Querdenker-Demo gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der sog. Corona-Pandemie eine als „Jana aus Kassel“ bekannt gewordene Rednerin sich in der Nachfolge der im Widerstand gegen das NS-Regime umgekommenen Sophie Scholl sah, rauschte eine Welle des Entsetzens und Abscheus durch die Mainstreammedien ob dieses Sakrilegs an einer der bedeutendsten Ikonen, auf die sich die heutige Bundesrepublik in ihrem Geschichtsverständnis beruft. Die Stellungnahmen und Kommentare fielen dabei einseitig und gleichlautend bis zur Austauschbarkeit aus. Wer eine dieser Reaktionen gelesen hat, der hat alle gelesen. Um die inhaltliche und austauschbare Engführung der hyperventilierenden Berichterstattung dazu zu illustrieren, sei stellvertretend die Redakteurin unserer regionalen Monopolzeitung HNA (Hessisch-Niedersächsische Allgemeine), Frau Nicole Schippers, in ihrem „Standpunkt“ vom 23. November 2020 zitiert, die in der „kruden Szene“ eine „Beleidigung für alle, die jemals unter einer Diktatur gelitten haben“ sieht und die der Rednerin schließlich Geschichtsblindheit attestiert.

Read more