Der Kaiser, der Rom schützende Grenzen setzte

Das historische Porträt: Kaiser Hadrian (76 – 138 n.Chr.)

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: In der Nachfolge römischer Kaiser hat es sich für die Prätendenten bisweilen als vorteilhaft erwiesen, zum Zeitpunkt des Ablebens des Amtsträgers in dessen Nähe zu sein. Als Kaiser Trajan auf dem Rückweg von einem Krieg gegen die persischen Parther nach schwerer Krankheit in Kilikien am 8. August 117 n. Chr. an der heutigen türkischen Südküste verstarb, erklärte dessen Gattin Plotina, der Verstorbene habe kurz zuvor noch auf dem Totenbett seinen Adoptivsohn Publius Aelius Hadrianus zum Nachfolger erklärt. Die syrischen Legionen, denen er als Befehlshaber vorstand, gaben den nötigen Nachdruck. Sicherheitshalber ließ Hadrian unmittelbar zur Absicherung seines Machtantritts einige Senatoren hinrichten, was ihn die Feindschaft dieser Kreise eintrug. Dennoch konnte er in den folgenden rund 20 Jahren seiner Herrschaft dem römischen Imperium relativ ungestört seinen prägenden Stempel aufdrücken und zu seinem Tod am 10. Juli 138 n. Chr. zu einem seiner bedeutendsten Kaiser aufsteigen.

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Geboren am 24. Januar 76 n. Chr. im spanischen Italica als Abkömmling römischer Kolonisten erfuhr er die frühzeitige Förderung durch seinen Vormund Trajan, einem Cousin seines Vaters. Erfahrungen auf zivilem und militärischem Gebiet sammelte er durch die übliche Ämterlaufbahn, während die Heirat mit einer Großnichte Trajans ihn enger an das Kaiserhaus band.

Nach geglückter Machtübernahme vollzog er aus seiner Erkenntnis, daß das Imperium in seiner bis dahin größten Ausdehnung die Grenzen seines Wachstums erreicht hat, eine historische Wende: „Hadrian gab Trajans Eroberungen im Osten – Armenien, Mesopotamien und Assyrien – wieder auf und konzentrierte sich darauf, das Reich zu einer lebensfähigen, gesicherten und blühenden Einheit zu machen.“ (Anthony Birley)

Die Phase militärischer Expansion war damit für Rom abgeschlossen. Konsolidierung war angesagt. Zumal es sich zeigte, daß es auch noch innerhalb des Reiches schwelende Zonen gab, die sich dem Zugriff der römischen Autorität zu entziehen suchten. So wuchs sich der zum Jüdischen Krieg ausgewachsene Bar-Kochba-Aufstand von 132 – 136 n. Chr. zu einem Konflikt aus, den der Kaiser nur unter größten Mühen zu seinen Gunsten beenden konnte. Ihm vorausgegangen war die verhängnisvolle Entscheidung Hadrians, auf den Trümmern des jüdischen Tempels in Jerusalem ausgerechnet ein Zeus-Heiligtum zu errichten; für die glaubensstarken Juden ein Frevel ohnegleichen.

Hadrian zeichnete sich auch durch eine Vorliebe für griechische Kultur und Philosophie aus, die er nach außen hin durch seinen Philosophenbart verdeutlichte. Anderen Quellen zufolge sollte der Bart, den er als erster Kaiser überhaupt trug, seine Gesichtsnarben verdecken. Seine Vorliebe für gutaussehende, junge Knaben fügte sich ebenfalls gut in die hellenistischen Traditionen ein. Schwer traf ihn der Verlust seines Favoriten Antinoos, der 130 n. Chr. im Nil ertrank.

In der Abfolge der Adoptivkaiser stand er an dritter Stelle; eine Einrichtung, die weniger eine Abkehr vom dynastischen Prinzip war als dem Fehlen kaiserlichen Nachwuchses. Er stand damit zusammen mit Trajan am Beginn einer bis zum Tod des Marc Aurel 180 n. Chr. andauernden Phase des Römischen Reiches, die der britische Historiker Edward Gibbon „ein goldenes Zeitalter“ nannte. Golden insofern, weil der Weisheit und zur Mäßigung verpflichtete Herrscher nach dem Wohl des Staates trachteten und sich so von der Tyrannis von Scheusalen wie Caligula, Nero oder Commodus abhoben.

Das Reich bereiste er wie vor ihm kein anderer Kaiser. Trotz des Friedens legte Hadrian großen Wert auf Drill und Disziplin der römischen Truppen. Da er alle Strapazen mit ihnen teilte, war ihm die Sympathie der Legionäre sicher. Seine Inspektionsreisen führten ihn nach Nordafrika, Griechenland, Ägypten, Germanien bis hinauf nach Britannien.

Auch als Baumeister machte er sich einen Namen, dessen Erbe bis in unsere Zeit überdauert. Die Ruinen seiner Residenz in der Nähe von Rom zeugen noch heute von üppiger Prachtentfaltung. Sein Mausoleum ging als Engelsburg zur schützenden Fluchtburg der Päpste über. Doch sein bedeutendstes Bauwerk ist zweifellos der Hadrianswall.

Im Zuge seiner Inspektionsreise nach Britannien zur Grenze des Reiches nach Kaledonien, dem heutigen Schottland, gab der Kaiser eine mehrere Meter hohe steinerne Mauer- oder Wallanlage in Auftrag – „um die Barbaren von den Römern zu trennen“ -, deren Bau von den dort stationierten Legionären 122 n. Chr. begonnen – kostengünstig, da ohnehin vom Staat besoldet – und nach zehn Jahren beendet wurde. Der Wall umfasst von der Nordsee an der Mündung des Tyne bis zur Irischen See am Solway Firth eine Länge von 118 Kilometern und sollte dem Dauerproblem der Übergriffe durch die Pikten ein Ende bereiten, „ein beeindruckendes Hindernis für jede unerlaubte Bewegung“ (Adrian Goldsworthy).

Die Anlage schirmte die Nordgrenze in Britannien für die nächsten 300 Jahre effektiv ab, bis die Römer von der Insel abzogen. Seine Funktion erfuhr von 142 n. Chr. an für 20 Jahre eine Unterbrechung, als Hadrians Nachfolger Antonius Pius die Grenze um rund 160 Kilometer nach Norden an die engste Stelle der britischen Insel zum Antoniuswall verschob. Der Hadrianswall bildete das zentrale Element eines engmaschigen Netzwerkes aus Kastellen und Lagern, von denen Vindolanda in der Nähe von Hexham das heute am besten erhaltene ist. In deren Umfeld entstanden zivile Siedlungen zur Unterstützung der Versorgung. Gesicherte Übergänge gaben den Römern die Möglichkeit operativer Eingriffe im Feindesland, das sie weit überblicken konnten.

Für die Archäologie stellt der Wall einen Glücksfall ohnegleichen dar. Bis heute fördern die Grabungskampagnen neue Funde ans Tageslicht. Zu den bedeutendsten zählen die Vindolanda-Tafeln, Schriftstücke auf Wachstafeln, die einen einzigartigen Einblick in den Alltag an der Grenze liefern.

Doch auch für den Tourismus auf der britischen Insel ist der Hadrianswall, der seit 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, von höchstem Wert, der jährlich Tausende von Besuchern anzieht. In diesem Jahr feiert der Wall den Jahrestag seines 1900jährigen Bestehens. Ein Anlaß, der von den zuständigen öffentlichen Institutionen mit einem umfangreichen Programm gewürdigt wird.

In den heutigen Zeiten unkontrollierter Massenmigration wird zuweilen die Behauptung erhoben, Grenzen wären ohne Bedeutung und könnten auch nicht geschützt werden. Gewiss sind Grenzen nicht unüberwindbar. Doch die Römer haben mit dem Hadrianswall unter Beweis gestellt, daß Grenzen durchaus erfolgreich gesichert werden können – vorausgesetzt dahinter steht eine Macht und ein Wille, dies überhaupt zu wollen.

Home – Hadrian’s Wall 1900 (hadrianswallcountry.co.uk)

Adrian Goldsworthy
Hadrian’s Wall
192 Seiten, 2018, engl.

Er formte in einem blutigen Bürgerkrieg aus einem Bundesstaat eine Nation

Das historische Porträt: Abraham Lincoln

„Könnte ich die Union retten, ohne auch nur einen Sklaven zu befreien, so würde ich es tun; könnte ich sie retten, indem ich alle Sklaven befreite, so würde ich es tun; und könnte ich die Union retten, indem ich einige Sklaven befreite und andere nicht, so würde ich auch das tun.“
Abraham Lincoln (1862)

Es war eine bemerkenswerte Szene: Im Gerichtsgebäude von Appomattox Court House in Virginia traf am Vormittag des 9. April 1865 der Konföderierten-General Robert E. Lee in tadelloser Uniform auf seinen Gegenspieler Ulysses S. Grant, um ihm die bedingungslose Kapitulation seiner ihm unterstellten und völlig entkräfteten Truppen zu unterbreiten. Richmond, die Hauptstadt der abtrünnigen Südstaaten, war erst wenige Tage zuvor gefallen. Es entspannte sich ein freundliches Gespräch zwischen zwei Gegnern, die sich vier Jahre lang einen äußerst zähen und blutigen Krieg geliefert hatten. Am Ende entließ der Sieger Grant in einer ehrenvollen Parade den unterlegenen Lee und seine Soldaten nach Hause gegen das Versprechen, die Waffen niederzulegen und die Kämpfe nicht wiederaufzunehmen. Entgegen den üblichen Konventionen durften sie sogar ihre Pferde behalten; diese würden für den Wiederaufbau ihrer Heimat gebraucht.

Der eigentliche Triumphator aus dem Sezessionskrieg saß jedoch rund 300 Kilometer nördlich, im Weißen Haus, dem Amtssitz des amerikanischen Präsidenten in Washington: Abraham Lincoln, dessen Wahl zum Präsidenten der Vereinigten Staaten 1860 als Auslöser der Abspaltung der Südstaaten und damit des 1861 beginnenden Sezessionskrieges gilt.

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Abraham Lincoln (1809-1865)

Lincoln hatte auf seinem Weg in das höchste Amt der USA einen bemerkenswerten Weg zurückgelegt, der an den berühmten amerikanischen Traum „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ erinnert. Am 12. Februar 1809 in einer Blockhütte in Kentucky geboren, wuchs er in den Frontiers des mittleren Westens heran. Seine Kindheit und Jugend waren geprägt von harter körperlicher Arbeit, in der ihm die Möglichkeiten höherer Bildung versagt blieben.

Erst als junger Mann erarbeitete sich Lincoln im Selbststudium das nötige Wissen, um ab 1838 als Anwalt praktizieren zu können. Gleichzeitig nahm er seine politische Karriere in Angriff, deren erste Station ihn in das Parlament des Bundesstaates Illinois führte, erst noch für die national-liberalen Whigs, die später in die neugegründeten Republikaner aufgingen. Neben seiner auffallenden hochgewachsenen, hageren Statur wurde sein Ruf als „honest Abe“, der ehrliche Abe, der es als Selfmademan aus den Frontiers in das Bürgertum geschafft hat, zu seinem Markenzeichen.

1842 folgte die Hochzeit mit Mary Todd. Ihre Herkunft aus einer wohlhabenden Familie von sklavenhaltenden Pflanzern war kein Hindernis; zumal Lincoln bis dahin nicht als radikaler Abolutionist aufgefallen ist. Aus ihrer Ehe sollten schließlich vier Söhne hervorgehen. Mary wurde auch zum antreibenden Motor seines politischen Ehrgeizes.

Mit seinem rhetorischen Talent, seinem Humor und seiner authentischen Volksverbundenheit konnte sich Lincoln zunehmend politisch profilieren. Im Klima der sich verschärfenden Zuspitzung der Gegensätze zwischen den Nord- und den Südstaaten in der Sklavenfrage stieg sein Stern immer weiter auf. Mit der geschickten Instrumentalisierung des republikanischen Parteiapparats gelang ihm schließlich im Mai 1860 die Nominierung als Präsidentschaftskandidat.

Zu diesem Zeitpunkt trieb der Streit zwischen Nord und Süd über die Sklaverei seinem Höhepunkt entgegen. Der Süden mit seiner Agrarwirtschaft wollte auf diese „besondere Institution“ um keinen Preis verzichten und betrieb ihre Ausdehnung auf die neuen Territorien, was der Norden wiederum zu verhindern suchte. Sämtliche Kompromisse, die ein Gleichgewicht herstellen sollten, hatten sich verbraucht. Es bleibt ein historisches Rätsel, warum der Süden unbeirrbar auf seinem Standpunkt beharrte. Konnte noch in der Antike Sklaverei selbstverständlich sein, da Freiheit nur von Wert war, wenn es daneben auch Unfreiheit gab, so konnte unter dem Einfluß der europäischen Aufklärung eine Freiheit nicht mehr auf den Knochen anderer Menschen gedeihen.

In seiner Kampagne setzt Lincoln vor allem auf industriellen Fortschritt, Schutzzollpolitik, den Ausbau der Infrastruktur und die Rechte der Einwanderer. In letzterem zeigte sich der zunehmende Einfluß der Immigration aus Deutschland, vor allem nach der gescheiterten Revolution von 1848. Diese Wählergruppe, zu der auch ein namhafter deutscher Exilant namens Carl Schurz – US-Innenminister von 1877-1881 – zählte, erwies sich als starke Stütze von Lincolns Kampagne.

Mit nur 40 Prozent der Stimmen, aber der überwältigenden Mehrheit der Wahlmännerstimmen, konnte Lincoln die Präsidentschaftswahl im November 1860 gegen drei Gegenkandidaten für sich entscheiden. Die fortschreitende Zersplitterung des Landes zeigte sich in dieser Wahl schon allein daran, daß es den Demokraten – zum Vorteil Lincolns – nicht gelang, sich auf einen gemeinsamen Kandidaten zu einigen.

Obwohl Lincolns Programm keineswegs die Abschaffung der Sklaverei vorsah, sondern vielmehr ihre Eindämmung, nahmen die Südstaaten seine Wahl wiederum zum Anlaß, aus der Union auszutreten und die Konföderierten Staaten von Amerika (CSA) zu konstituieren. Als Lincoln am 4. März 1861 in sein Amt eingeführt wurde, waren die USA faktisch ein geteiltes Land.

Lincoln konnte in seinem politischen Selbstverständnis diese Spaltung nicht hinnehmen, stellte sie doch den Erfolg des amerikanischen Experiments, als das die USA gegründet waren und dem er sich zutiefst verpflichtet fühlte, in Frage. Konnte eine demokratische Republik auf Dauer Bestand haben, wenn es der bei einer Abstimmung unterlegenen Minderheit gestattet war, aus dieser auszutreten? Lincoln nahm die Herausforderung des sich aus dieser Frage ergebenden Sezessionskrieges an. Es gab durchaus kritische Stimmen, die Zweifel hatten an dem „Erhalt einer Union allein auf der Macht der Bajonette“.

Den Rest der verbliebenen Union dennoch auf diesen Bürgerkrieg einzuschwören, war Lincolns erste herausragende Leistung als Präsident.
Bis dahin und auch danach wurde auf dem amerikanischen Doppelkontinent keine kriegerische Auseinandersetzung mit einer derartigen Totalität ausgefochten wie im vierjährigen Ringen des Sezessionskriegs. Sein Blutzoll belief sich auf weit über 500.000 Soldaten. In seinen Materialschlachten, in denen ganze Massenheere kämpften, und für die Namen wie Bull Run, Shilo, Vicksburg, Antietam und Gettysburg stehen, nahm er als erster moderner Volkskrieg das Grauen des Ersten Weltkriegs vorweg.

„Amerikas blutigster Tag“: Die Schlacht am Antietam (17. Sept. 1862), Kurz & Allison

Politisch sollte der Sezessionskrieg auch das Schwert werden, das den schier unlösbar erscheinenden Knoten der Sklavereifrage durchtrennte. Um die Südstaaten zu schwächen, die europäischen Mächte aus dem Konflikt herauszuhalten und der eigenen Seite eine höhere moralische Rechtfertigung zu geben, verfügte Lincoln für den 1. Januar 1863 die Abschaffung der Sklaverei in den Südstaaten, als letzten Schritt vor ihrer endgültigen Abschaffung in der gesamten Union 1865.

Dabei muß festgehalten werden, daß Lincoln erst im Laufe seiner Amtszeit von gewissen früheren Positionen in der Frage der künftigen Stellung der Schwarzen in der amerikanischen Gesellschaft abrückte. Vertrat er zuvor noch die Ansicht, die Schwarzen könnten niemals gleichwertige Bürger werden und sollten im Rahmen eines Rekolonialisierungsprojektes wieder nach Afrika zurückgeführt werden, vollzog er als Präsident vor allem unter dem Einfluß des Aktivisten Frederick Douglass, einem früheren Sklaven, eine Wende, in der er ihre soziale Gleichheit mit den Weißen befürwortete.

Den Kipppunkt zum Sieg erreichten die Nordstaaten mit einem Strategiewechsel, indem sie den totalen Krieg auf eine neue Stufe hoben. Mit dem neuen Oberbefehlshaber Grant an der Spitze wurden die Kampfhandlungen an allen Fronten ausgedehnt. Und als besonders effektiv sollte sich die Einbeziehung der Zivilbevölkerung in den Südstaaten zeigen. „Sherman‘s Raid“, der Marsch des Nordstaaten-Generals William T. Sherman nach Savannah am Atlantik, in welchem er mit seiner Armee wie ein alles verschlingender Lindwurm eine Schneise der Verwüstung hinter sich herzog, trennte den Süden in zwei Hälften. Das von Unionssoldaten angesteckte Atlanta sollte für den Süden zum Fanal werden. Der Konföderation sollte ökonomisch endgültig das Genick gebrochen und ihrer Bevölkerung jeder Geschmack an einer Rebellion genommen werden.

Mit dem Ende des Sezessionskrieges hatte Lincoln seinen Platz als bedeutendster Präsident der USA sicher. Er rettete die Union vor ihrem Zerfall und damit die Idee der Demokratie. Er organisierte 1864 unter den Bedingungen eines auf eigenen Boden ausgetragenen Krieges eine Präsidentschaftswahl, die er gegen die gegenüber dem Süden kompromißbereiten Demokraten schließlich mit Bravour gewann. Und er beendete den Skandal der die Werte der amerikanischen Verfassung untergrabenden Sklaverei. Lincoln war der „konservative Revolutionär“, der aus einer Union von Einzelstaaten eine Nation formte und damit den „Grundstock für die ‚imperiale Präsidentschaft‘ des 20. Jahrhunderts“ legte (Jörg Nagler).

Doch auf der anderen Seite steht sein „laxer Umgang“ mit den Bürgerrechten, der ihm oft den Vorwurf des „Diktators“ einbrachte. Die Aufhebung des Habeas Corpus Acts, der willkürliche Verhaftungen ohne richterlichen Beschluß verbot, stellte keine Banalität dar und wurde nach dem Krieg vom Obersten Gericht einkassiert. Immerhin mußte für die Implementierung dieses Bürgerrechts im englischen Mutterland rund 200 Jahre zuvor ein König seinen Kopf rollen lassen.

Noch schwerer jedoch wiegt die Strategie der verbrannten Erde, mit der der Süden überzogen wurde, obwohl in Lincolns Regierung anfangs noch Grundsätze eines die Zivilbevölkerung schützenden, fortschrittlichen Kriegsrechts formuliert wurden.

In diesem Punkt geht der Lincoln-Biograph Jörg Nagler mit dem Präsidenten kritisch ins Gericht: „Inwieweit er über die Einzelheiten des Vernichtungsfeldzuges und seiner Auswirkungen informiert war, ist nicht bekannt. (…). Trotzdem muß Lincoln sie erkannt haben. Er hat die [verheerenden zivilen Konsequenzen] nicht nur toleriert, sondern Sherman nach deren ‚erfolgreichem‘ Abschluß seine ‚dankbare Anerkennung‘ ausgesprochen, was einen dunklen Fleck in der Beurteilung seiner Persönlichkeit und moralischen Integrität hinterlassen hat.

Den Triumph des Sieges konnte Lincoln nicht lange auskosten. Bereits sechs Tage später, am 15. April – einem Karfreitag -, erlag er einem Attentat des Südstaaten-Extremisten John Wilkes Booth, das dieser auf ihn während einer Theateraufführung im Beisein seiner Ehefrau Mary in Washington verübte. Ist Lincoln schon im Leben zu einzigartiger Größe aufgestiegen, so sollte ihm dieser Tod an einem Karfreitag unmittelbar nach dem Sieg noch eine die politische Kultur der USA kennzeichnende zivilreligiöse Weihe – ikonisch verstärkt mit den bekannten späten Porträts, in denen Lincoln die Last des Amtes regelrecht in sein Gesicht eingetrieben schien – zum bis heute wirksamen nationalen Märtyrer-Mythos geben.

Doch 150 Jahre nach seinem Tod hat die Strahlkraft von Lincolns Mythos spürbar nachgelassen. Amerikans Demokratie steht stärker unter Druck denn je. Spätestens zur Präsidentschaftswahl 2016 zwischen Hillary Clinton und Donald Trump wurde eine neue Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft offenbar, deren Gräben sich nicht geographisch einordnen lassen. Sie ziehen sich zwischen Generationen und Rassen, trennen liberale urbane Zentren von konservativen ländlichen Regionen, scheiden kosmopolitische Anywheres von verwurzelten Somewheres.

Es ist eine merkwürdige Volte der Geschichte, daß in diesem Kulturkampf der Furor der „woken“ Bewegung nicht allein die Denkmäler der konföderierten Kriegshelden wie Lee vom Sockel stürzt, sondern die Hand sogar an Lincolns Erbe legt: Aus San Franciso wurde der – letztlich aufgrund des Widerstands der Eltern gescheiterte – Versuch einer linksliberalen Schulbehörde bekannt, „im Namen der sozialen Gerechtigkeit“ Lincoln als Namensgeber von Lehranstalten zu streichen, aufgrund seiner gegenüber den Indianern ablehnenden Haltung.

Die USA befinden sich unbezweifelbar in einem „kalten Bürgerkrieg“ und die Angst, daß aus diesem ein heißer werden könnte, ist allgegenwärtig. Und ob Präsident Joe Biden das Talent und das Format besitzt, diese Gegensätze miteinander zu versöhnen und einen neuen Konsens herzustellen vermag, ist noch vollkommen offen.

 Jörg Nagler
Abraham Lincoln. Amerikas großer Präsident
2009; 464 Seiten
Ken Burns
Civil War – Der Amerikanische Bürgerkrieg [5 DVDs]
1990; 11 h:15 Min.
Günter Schomaekers
Der Bürgerkrieg in Nordamerika
1977; 160 Seiten
Torben Lütjen
Amerika im Kalten Bürgerkrieg – Wie ein Land seine Mitte verliert
2020; 208 Seiten, 20,- Euro

Der Liquidator der Römischen Republik

Das historische Porträt: Gaius Julius Cäsar

An warnenden Vorzeichen hatte es nicht gemangelt. Doch weder die düsteren Prophezeiungen seines Auguren Spurinna noch die Albträume seiner Gattin Calpurnia in der Vornacht konnten Gaius Julius Cäsar davon abhalten, die an den Iden des März, dem 15. März 44 v. Chr. anberaumte Senatssitzung aufzusuchen. Rund 60 Verschwörer aus der Senatsaristokratie – darunter auch sein mutmaßlicher Sohn Brutus – erwarteten ihn, die Dolche unter der Toga versteckt, um schließlich loszuschlagen. Am Ende zählte der von einer geballten Ladung leidenschaftlichen Hasses entstellte Körper des Opfers 23 Stiche. Cäsar starb 56jährig den Tod, den er sich immer gewünscht hat, den „plötzlichen und unerwarteten“.

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Der erst wenige Wochen zuvor nach einem Bürgerkrieg, aus dem er als Sieger hervorging, zum römischen Diktator auf Lebenszeit ernannte Cäsar war am Ende nicht nur auf dem Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Nie zuvor in der Geschichte Roms hat ein Mensch ein derart gewaltiges Imperium mit einer solchen Machtfülle regiert. Seine Feldzüge führten ihn von Britannien bis nach Ägypten. Seine Liaison mit der ägyptischen Königin Kleopatra bietet bis heute Stoff für Romantiker und Hollywood-Klischees.

Erst sein blutiges Ende machte Cäsar im historischen Sinne unsterblich. In seiner Bekanntheit dürfte dieses politische Attentat auf einer Stufe mit der Ermordung Kennedys stehen. Die sich daraus ergebende Faszination ist ungebrochen und schlägt sich in einer nicht enden wollenden Ausgabe von Biographien nieder.

Cäsars Weg an die Spitze zeichnete sich dadurch aus, daß ihm der Erfolg keineswegs, wie in dynastischen Erbfolgen üblich, in die Wiege gelegt wurde. Er mußte ihn sich hart erkämpfen. Die Adelsfamilie der Julier, in die er 100 v. Chr. hineingeboren wurde, verfügte nur über einen alten Namen, aber nicht über Reichtümer.

Die römische Republik seiner Zeit wurde auf dem Grundsatz gegründet, niemals die unumschränkte Herrschaft eines Einzelnen zuzulassen. Machtteilung und durch Wahlen vergebene Ämter auf Zeit waren die tragenden Säulen ihrer Verfassung. An der Spitze des Staates standen nach dem Kollegialitätsprinzip zwei auf ein Jahr gewählte Konsuln. Doch von Anfang an bestand das Problem, daß dieses System den gleichzeitig von der Tradition geförderten Ehrgeiz, im gegenseitigen Wettbewerb nach höchster Ehre zu streben, immer schwerer eindämmen konnte. „Gerade weil die Römer größeren Durst nach Ehre verspürten als jedes andere Volk auf der Welt, waren sie ihren Gefahren gegenüber stärker auf der Hut. Je süßer der Ruhm, desto größer die Gefahr der Vergiftung“ (Tom Holland). Und Ruhm erwarb der Römer vor allem durch militärische Erfolge, die die Grundlage für eine spätere politische Karriere legten. Ruhm war für die Römer wichtiger als Frieden und der eigentliche Motor ihrer Expansion, die in Cäsars Ära fast das gesamte Mittelmeer umfasste.

Zudem erschütterte die sich verschärfende Agrarkrise die römischen Kernlande, mit immer größeren Massen verarmter Bauern, die das Heer des urbanen Plebs vergrößerten. In der zunehmenden Polarisierung standen sich zwei Parteiungen gegenüber, die alteingesessene Senatsoligarchie der Optimaten, die starr auf dem Status quo bestand und die Popularen, die sich der Volksmassen als Machtbasis bedienten.

Aufgrund seiner Herkunft stand Cäsar den Popularen nahe. Sein Aufstieg über die Ämterlaufbahn war gekennzeichnet von Extravaganz und äußerster Freigiebigkeit, durch die er das Volk nach dem klassisch-römischen Prinzip „Brot und Spiel“ unterhielt und damit auf seine Seite zog. Sein Talent als politischer Überlebenskünstler bewies er dadurch, daß er unbeschadet durch die Catilinaische Verschwörung (63 v. Chr.) kam. Währenddessen wuchs seine Verschuldung an und brachte ihn in die Abhängigkeit der schwerreichen, grauen Eminenz Crassus. Weitere Stationen waren die Statthalterschaft in Hispanien und schließlich 60 v. Chr. das Konsulat, das er zusätzlich mit dem Ersten Triumvirat absicherte, ein informelles Bündnis mit Crassus und dem Feldherren Pompeius.

Seine Reformen zur Linderung der Agrarkrise und der Landzuteilungen für Armeeveteranen konnte er nur über Rechtsbrüche durchsetzen und brachte ihm die erbitterte Gegnerschaft der Optimaten ein. Um nach Ablauf des Konsulats weiterhin unter dem Schutz der juristischen Immunität zu stehen, nahm er in Gallien und Illyrien die Statthalterschaft an. Die Immunität war seine letzte Lebensversicherung und erhielt damit auch den Bestand der von ihm erlassenen Gesetze. Jetzt ergab sich die Ausgangsbasis für den Gallischen Krieg (58-51/50 v. Chr.), den er vom Zaun brach, mit zwei zwischenzeitlichen kurzen Sprüngen über den Ärmelkanal nach Britannien. Seine rücksichtslose Kriegsführung nahm die Ausmaße eines Genozids an, war aber eine effektive, ruhmreiche „politische PR“ für die heimischen Massen, bewältigte er doch auf diese Weise das kollektive Trauma von der barbarischen „Gefahr aus dem Norden“.

Doch Cäsars Machtzuwachs durch erfahrene, ihrem General loyal ergebene Legionen und seine nun schier unbegrenzten Mittel steigerten die Ängste seiner senatorischen Gegner vor dem autokratischen Staatsstreich. Das Triumvirat war inzwischen zerbrochen, nachdem Crassus 53 v. Chr. auf einem Feldzug im Orient fiel und Pompeius sich dem Senat wieder zuwandte. Statt der Aufforderung des Senats zur Auflösung seiner Legionen nachzukommen, überschritt der zum Staatsfeind erklärte Cäsar mit diesen im Januar 49 v. Chr. den Rubikon, einen kleinen Grenzfluß in Norditalien. Es war der Auftakt zum Bürgerkrieg.

Der Legende nach unterlegte Cäsar die Grenzüberschreitung mit dem zum geflügelten Wort gewordenen „alea iacta est – die Würfel sind gefallen“. Hier zeigt sich der Vabanque-Spieler, der den höchsten Einsatz – wenn nicht sogar dem des eigenen Lebens – riskiert. Es ist ein Bild, das seltsame Assoziationen zu aktuellen Vorgängen evoziert und damit Zweifel, ob die Bewunderungswürdigkeit „großer Männer“ der Vergangenheit heute noch angemessen ist.

Aus der Perspektive ihrer beschränkten militärischen Mittel durchaus nachvollziehbar, unterlief den Gegnern Cäsars ein psychologisch-politisch schwerer Fehler, als sie die italienische Halbinsel räumten und nach Griechenland auswichen. Denn nun standen Cäsar Rom und seinen Senat offen: „Indem er aus der Stadt floh, hatte sich der Senat von all denen getrennt – der großen Mehrheit der Bürger -, die es sich nicht leisten konnten, alles zusammenzupacken und ihre Heimstäte zu verlassen. Das Gemeinschaftsgefühl, das selbst die ärmsten Bürger mit den Idealen des Staates verbunden hatte, schien dadurch kompromittiert“ (Tom Holland).

Durch seine demonstrative Milde gegenüber seinen Gegnern, denen er habhaft wurde, nahm er dem Volk die Sorge vor einem Blutbad und damit weiter für sich ein. In den folgenden Kampagnen, die ihn von Hispanien über Griechenland, Ägypten – und hier in die Arme von Kleopatra – und Nordafrika führten, schaltete er nacheinander den Widerstand aus, während Pompeius zwischenzeitlich auf Befehl des ägyptischen König Ptolemaios ermordet wurde

Seine Alleinherrschaft sicherte sich Cäsar im Februar 44 v. Chr. so ab, daß seine Amtszeit als Diktator ein Amt, das gemäß der Verfassung eigentlich nur auf sechs Monate befristet war – nun von zehn Jahren auf unbegrenzte Dauer verlängert wurde. Die Republik Rom war damit am Ende. Die in offenkundigen Inszenierungen angetragene Königswürde lehnte er demonstrativ ab, was aber den tiefsitzenden Haß seiner Gegner nicht mildern konnte. So formierte sich mit dem bekannten Ende eine senatorische Verschwörung, um über die Leiche des Diktators hinweg die republikanische Freiheit wiederzubeleben.

Cäsars Lebensbilanz im war gewaltig, im Guten wie im Schlechten. Einerseits erkannte er den Reformbedarf der römischen Institutionen, die den Anforderungen eines Weltreichs nicht mehr angemessen waren. Die Liquidierung der Republik betrieb er deswegen, weil er erkannte, daß diese „so nicht mehr leben kann. Weder politisch, noch ökonomisch. Weil sich die Welt nicht länger von einigen noch nicht einmal 100 adligen Familien Roms ausplündern läßt“ (Wilhelm Hankel). So setzt er an die Stelle der unbeschränkten Ausplünderung der eroberten Provinzen auf ihre wirtschaftliche Entwicklung und schuf mit dem Aureus die erste Weltwährung, die immerhin 400 Jahre Bestand hatte. Und vielleicht dürften auch hier die eigentlichen Interessen liegen, die seine vorgeblich von idealistischen Motiven angetriebenen Mörder verletzt sahen. Noch längeren Bestand hatte seine Kalenderreform; der Julianische Kalender sollte teilweise noch bis in das 20. Jahrhundert Verwendung finden.

Auf der anderen Seite steht nicht allein sein brutales Kalkül, das auch vor Kriegstreiberei und Völkermord nicht zurückschreckte. „In Cäsars Energie war etwas Dämonisches und Erhabenes. Sie war geprägt von Kühnheit, Ausdauer und dem Verlangen danach, der Beste zu sein, und brachte den Geist der Republik in seiner begeisterndsten und tödlichsten Form zum Ausdruck.“ (Tom Holland)

Seine Mörder überlebten ihr Opfer nicht lange. Cäsars Gegenspieler Cicero, der in die Verschwörung nicht eingeweiht war, bescheinigte ihren Urhebern „Mannesmut, aber mit Kinderverstand“. Unfähig für die Zeit nach der Tat Vorkehrungen zu treffen, kamen sie allesamt in dem nachfolgenden Bürgerkrieg innerhalb von drei Jahren ums Leben. Schließlich vollendete Cäsars Neffe und Erbe Oktavian (63 v. Chr. – 14 n. Chr.), der spätere Augustus, was sein Adoptivvater begonnen hat. Das von ihm installierte Prinzipat bediente sich der republikanischen Institutionen, um das in Wahrheit monarchische System der Kaiserherrschaft zu kaschieren. Als Kaiser Augustus transformierte er den republikanischen Stadtstaat Rom in das römische Weltreich, das auch nach seinem Untergang für viele Nachfolger zu einem später mit christlichen Motiven angereicherten Sehnsuchtsbild eines universellen Friedensreiches werden sollte.

Doch der Preis, den die Römer dafür bezahlten, war hoch. Aus Bürgern wurden Untertanen, Freiheit tauschten sie für Ruhm aus, und waren dabei ausgeliefert der Willkür eines unumschränkten Autokraten. Diese konnte vom Falle der nachfolgenden als Cäsar (aus dem später der Titel „Kaiser“ wurde) bezeichneten Herrscher herausragende und prägende Persönlichkeiten wie Vespasian, Trajan oder Marc Aurel sein. Aber auch so bedenkliche, der absoluten Korrumpierung durch absolute Macht – in der Psychopathologie auch „Caesarenwahn“ genannt – erlegene Charaktere wie Nero, Domitian und Commodus.

Wilhelm Hankel
Caesar: Weltwirtschaft des Alten Rom
1987
Tom Holland
Rubikon: Triumph und Tragödie der Römischen Republik
464 Seiten; 18,-

Botschafter zu den Sternen

Das historische Porträt: Pioneer 10

Die Überwindung dessen, was an Unbekannten jenseits des Horizonts liegt, gehörte schon immer zu den größten Antrieben des Menschen. Sie ließ ihn die höchsten Berge überwinden und endlos erscheinenden Ozeane überqueren. Doch irgendwann im 20. Jahrhundert war auch der letzte unbekannte Winkel der Erde ausgeforscht. Mit der Entwicklung der Raumfahrt neigte sich das menschliche Interesse den schier unendlichen Weiten des Weltraums zu. 1957 startete die Sowjetunion mit Sputnik den ersten künstlichen Trabant. 12 Jahre später vollzogen die konkurrierenden USA ihrerseits mit dem ersten Menschen auf dem Mond „einen großen Schritt für die Menschheit“ nach.

Nur drei Jahre nach der Landung der Apollo-Mission auf den Mond gingen die USA einen weiteren Schritt in der Weltraumfahrt. Am 3. März 1972 – heute vor genau 50 Jahren – startete vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral auf einer Atlas-Centaur-Trägerrakete die Raumsonde Pioneer 10. Mit ihr sollte erstmals eine Raumsonde in den interstellaren Raum vorstoßen.

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Quelle: Nasa.gov

Mit am Bord befinden sich elf wissenschaftliche Instrumente, unter anderem ein Meteoriten-Detektor, verschiedene Messgeräte zu unterschiedlichen Strahlungsarten und zur Analyse des Jupiter, zu dem die Sonde im November 1973 vorstieß, um in einem Swingby-Manöver den letzten nötigen Schwung zum Weiterflug aus dem Sonnensystem heraus zu holen.

Doch der interessanteste Teil der Sonde gehört nicht zum naturwissenschaftlichen Programm, sondern ist ein Produkt kultureller Überlegungen. Die Planer der Sonde wollten diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen, ohne der Sonde eine Botschaft von ihren Erbauern mitzugeben, für den Fall, daß sie auf ihrer weiten Reise auf eine extraterrestrische Zivilisation stößt. Die Konzeption dieser „kosmischen Flaschenpost“ oblag den Astronomen Frank Drake (* 1930) und Carl Sagan (1934 – 1996). Aus der Überlegung, wie man einer von der Menschheit vollkommen verschiedenen außerirdischen Spezies unsere Natur und Herkunft vermittelt, entwickelten sie die Idee einer Plakette mit verschiedenen Zeichnungen.

Mit einer Fläche von 152 zu 229 Millimetern (kleiner als ein DIN A4-Blatt) und einer Dicke von 1,2 Millimetern ist die Größe der goldbeschichteten Aluminiumplatte, auf die die Zeichnungen eingeätzt wurden, recht bescheiden. An dem Antennenmast der Pioneer-Sonde wurde sie so angebracht, daß sie optimal gegen den Weltraumstaub geschützt ist.

Quelle: de.wikipedia.org

Auf der Plakette sieht der Betrachter in der linken Hälfte einen Punkt, von dem ein Strahlenbündel unterschiedlicher Länge ausgeht. Es symbolisiert die Position der Erde in Relation zu 14 sie umgebenden Pulsaren, also Radiostrahlen aussendende Neutronensterne. Ihre individuelle Radiofrequenz ist durch binäre Symbole neben dem jeweiligen Strahl wiedergegeben. Damit lassen sich sowohl der Ausgangspunkt der Sonde als auch ihr Startzeitpunkt genau ermitteln, denn die Radioimpulse eines Quasars nimmt gesetzmäßig ab.

Unterhalb der Plakette ist das Sonnensystem abgebildet, mit der Flugroute der Pioneer von der Erde zum Jupiter und darüber hinaus ins Weltall. Auch hier finden sich zu den Planeten (zu denen seinerzeit auch der Pluto gehörte, dem 2006 der Planetenstatus aberkannt wurde) Binärsymbole, die ihre relative Entfernung zur Sonne angeben.

Oben links finden sich zwei miteinander verbundene Kreise, das Symbol für ein strahlendes Wasserstoffatom. Wasserstoff ist das häufigste Element im Kosmos und seine Radiostrahlung und Schwingungsdauer sind überall gleich. Damit hat der Empfänger der „Flaschenpost“ ein universell verstehbares Maß zur Verfügung für die in der Botschaft verschlüsselten Längen- und Zeiteinheiten.

In der rechten Hälfte ist vor dem Hintergrund der schematischen Pioneer ein nacktes Menschenpaar in ihrem jeweiligen Größenverhältnis zueinander abgebildet, die rechte Hand des Mannes zum Gruß erhoben. Aber wird ein außerirdischer Betrachter die Bedeutung dieser zutiefst menschlichen Geste je verstehen und erfassen können? Es ist eine Sache, einer vernunftbegabten, technisierten Alien-Zivilisation mitzuteilen wo wir sind; eine andere ist es, ihr zu vermitteln, was wir sind.

Da wo sich die Botschaft der Plakette „menschlich“ zeigt, da offenbaren sich die Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen einander vollkommen unbekannten Absender und Adressaten. Wird der Empfänger die naturwissenschaftlichen Chiffren noch übersetzen können, wird ihm wohl jedes Verstehen des abgebildeten Menschenpaars abgehen. Doch auch auf der Erde fiel dieser Teil der Abbildung auf Unverständnis. Die Nacktheit und der Anthropozentrismus fanden nicht überall Gefallen. Bei den nachfolgenden Voyager-Sonden wurde dann auch auf jede Abbildung eines Menschen bewußt verzichtet.

Später erhob der britische Astrophysiker Stephen Hawking sogar grundsätzliche Kritik daran, daß Raumsonden Botschaften mitgegeben würde, die Außerirdischen unsere Existenz und Position im Weltall verraten würden. Denn vielleicht wären sie uns ähnlicher als uns lieb sein könnten, und nutzten die Informationen zur Invasion der Erde und zur Vernichtung der Menschheit.

Doch angesichts der gewaltigen Ausdehnung des Weltalls und der weiten Entfernung der darin befindlichen Objekte dürfte die Wahrscheinlichkeit, daß die Pioneer jemals auf intelligentes Leben treffen könnte, beliebig nahe gen Null tendieren. Die Erwägung dieser Möglichkeit eignet sich bestenfalls für Science-Fiction, so wie im Film „Star Trek V“, wo ein klingonischer Weltraumkrieger die Pioneer als Weltraumschrott für Schießübungen mit der Laserkanone mißbraucht.

Somit dürfte sich die Botschaft der Pioneer-Plakette eher in einem historischen Sinne an die nachfolgenden Generationen ihrer Erbauer richten, nicht allein als eines der bedeutendsten Dokumente in der Geschichte der Menschheit, sondern auch als Quellenmaterial darüber, welchen Blick wir zum Zeitpunkt ihrer Erstellung auf uns selbst hatten. Und dieser Blick dürfte sich in den vergangenen 50 Jahren erheblich geändert haben! Kann angesichts ausufernder „Identitätskrisen“ um LGBTQ und „postkolonialen Erwachens“ heute noch ein weißes, heteronormativ aussendendes, zweigeschlechtliches Menschenpaar noch die gesamte Menschheit repräsentieren? Niemals würde die woke Bewegung der Social Justice Warriors es noch einmal so weit kommen lassen, obwohl sich aus ihren Reihen nie ein Geist rekrutieren ließe, der es mit der Expertise und den Fähigkeiten jener heute von ihnen zutiefst verachteten „alten weißen Männer“ aufnehmen könnte, die die Pioneer damals entwickelten und ins All schickten.

Zum 50. Jahrestag ihres Flugs hat sich Pioneer 10 mehr als 19 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Ihren Status als das am weitesten von der Erde entfernte vom Menschen geschaffene Objekt verlor sie 1998 an die 1977 gestartete Sonde Voyager 1, die sie bis dahin durch ihre höhere Geschwindigkeit überholte. Die letzte Kontaktaufnahme mit der Sonde erfolgte am 23. Januar 2003. Seitdem ist Pioneer 10 verstummt.

Helmut Höfling
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