Der Tag, an dem über Israel das Inferno hereinbrach

„Die Helmkamera eines Hamas-Kämpfers folgt dem Lauf eines Gewehrs, der Blick schweift über eine grüne Wiese, über viele Blumen, dann über kleine, einfach Bungalows. Der Lauf sucht ein Opfer, und von Zeit zu Zeit findet er eines und schießt. Das Pfeifen von Kugeln ist zu hören, aus unterschiedlichen Distanzen. In den Whatsapp-Gruppen schreiben Menschen ihren Nachbarn, dass sie bei lebendigem Leib zu verbrennen drohen, flehen um Hilfe. Die fünfköpfige Familie Kutz – der Aviv, die Mutter Livnat, und ihre drei Kinder Rotem, neunzehn Jahre alt, Yonathan, zwölf Jahre alt, und Yiftah, elf Jahre alt – liegt eng umschlungen auf einem Bett und warten auf ihren Tod. Die Terroristen erschießen sie, einen nach den anderen.“

Dieses grausige Ereignis ist nur eines von vielen, als sich am frühen Morgen des 7. Oktober 2023 überraschend ein wahres Inferno aus dem sicher abgeriegelten Gaza-Streifen über den Süden Israel ergoß. In Worte gefasst hat es der preisgekrönte israelische Literat Ron Leshem in seinem Buch „Feuer – Israel und der 7. Oktober“, seiner Chronik des von mehreren tausend Hamas-Kämpfern verübten Terrorangriffs und der damit einhergehenden Massaker, die unter den Juden die schlimmsten Erinnerungen aus dem Zweiten Weltkrieg in Erinnerung hervorriefen.

Weiterlesen

Engmaschig reiht Leshem im journalistischen Reportage-Stil die Glieder der Ereigniskette jenes Tages aneinander. Bei seiner Versicherung, aus Rücksicht auf die Leser die grausamsten Fälle ausgespart zu haben, fragt man sich, wie um Gottes Willen dieser Horror noch seine Steigerung finden könnte. Dabei läßt er den Vorlauf nicht außeracht, die akribischen Vorbereitungen und Planungen der Hamas unter der Federführung ihres Anführers Yahya Sinwar – die eindringlichen, aber letztlich von den vorgesetzten Stellen zurückgewiesenen Warnungen der Aufklärer im Nachrichtendienst und am Gazastreifen – das fatale Versagen in Armeeführung und Politik, an der Spitze Ministerpräsident Banjamin Netanyahu, der mehr auf den Iran schaute und dabei den direkten Hinterhof vergaß.

Leshems Chronik weist auch auf besondere Details im Modus Operandi der Gaza-Krieger hin. So töteten sie nicht allein unterschiedslos Juden – was ihre Führer gegenüber der Weltöffentlichkeit leugneten -, sondern zeigten ebenso wenig Gnade gegenüber arabischen Israelis – Muslime wie sie – wie auch für die asiatischen Gastarbeiter, die überhaupt nichts mit dem Nahost-Konflikt zu tun haben.

Leshem beläßt es jedoch nicht bei dem Schockereignis 7-10. Darüber hinaus wirft er aus der Perspektive eines liberalen Israelis, der in einer homosexuellen Partnerschaft lebt, einen kritischen Blick auf die innenpolitischen Verhältnisse seiner Heimat, die seit mehreren Jahren zwischen den unversöhnlichen Polen links-rechts, säkular-religiös, Moderne-Tradition bis zum Rand des Bürgerkriegs zu zerreiben droht. Mehr als ein Symbol steht für diesen Konflikt, vor allem die von Netanyahu energisch betriebene Justizreform, gegen die die Linke seit Jahren Sturm läuft.

Dieser Konflikt geht weit über eine Staatskrise hinaus. Denn vor allem der wachsende Bevölkerungsanteil der Ultra-Orthodoxen stellt die Identitätsfrage in den Raum, was jüdisch sein überhaupt ausmacht und damit verbunden auch den Charakter Israels als einzige Demokratie im Nahen Osten. Eine Frage, die auch hineinspielt in Israels Rolle als Besatzungsmacht der Palästinensergebiete.

Dem Terrorangriff der Hamas folgte als Reaktion Israels der Krieg im Gaza-Streifen zur Befreiung der verschleppten Geiseln. Rund zwei Jahre später gelang US-Präsident Trump ein Friedensabkommen, das zumindest die Kämpfe beendete und den Verschleppten die Rückkehr ermöglichte. Doch die Ausschaltung der Hamas ist damit noch lange nicht verbunden. Ihr sorgfältig betriebener Einfluß auf namhafte Universitäten in der westlichen Welt, unterstützt von arabischen Geldern, wird über die auf den Westen und seine Werte zersetzend wirkenden Post-Colonial-Studies noch lange fortwirken. Und vor allem hat 7-10 die Palästinenser in ihrer Überzeugung gestärkt, daß Israels Existenz nur eine vorübergehende Episode sei. Doch über all dem steht die von Leshem aufgeworfene wichtigste Frage für Israel über die langfristigen Folgen des Traumas dieses entsetzlichen Tages:

„Wer werden wir sein, wenn wir aus der Asche auferstehen?“

Ron Leshem
Feuer: Israel und der 7. Oktober
320 Seiten, 2025
Rowohlt
24,40 EURO

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert