Der Dritte Weltkrieg ist kein Computerspiel

Es ist mehr als ein Gerücht: ein großer Krieg ist wieder denkbar. Der Angriff Russlands auf die Ukraine mündete in eine System-Konfrontation zwischen den liberalen Demokratien der westlichen Welt auf der einen und dem autokratischen Russland auf der anderen Seite. Die Wehrpflicht in Deutschland wird wiederbelebt. Gigantische „Sondervermögen“ fließen in die Rüstung. Und vor allem werden geradezu propagandistisch Bilder einer permanenten Gefahr aus Russland beschworen, dessen Panzer in wenigen Jahren durch das Brandenburger Tor fahren sollten, erfolgte jetzt nicht der Aufbau einer militärischen Abwehr.

Wer in seinen Fünfzigern ist, erlebt diese Situation und die damit einhergehende Terminologie womöglich als Déjà-vu. Noch bis Ende der 1980er Jahre hinein war die globale politische Situation bestimmt vom „kalten Krieg“, bis der von Sowjet-Russland dominierte Warschauer Pakt mit dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ 1989/90 friedlich zusammenbrach. War bis dahin die Drohung der gegenseitigen Vernichtung – Kerngedanke der nuklearen Abschreckung zwischen den Atommächten – die beherrschende Angst, so verschwand sie unter einer kurzlebigen Ära des relativen Friedens, in der die Rückkehr zu den alten Zeiten undenkbar erschien.

Die damaligen Ängste fanden auch ihren Niederschlag in der Literatur. Dazu zählt der Roman „Der nächste Weltkrieg“ des Amerikaners Brian Harris – ein Pseudonym des Technothriller-Autoren Harold King (1945-2010) -, der 1983 in der Science-Fiction-Taschenbuchreihe des Heyne Verlag erschien. Er fiel in eine Zeit, in der die US-Administration unter Präsident Ronald Reagan die Sowjets als Reaktion auf die Stationierung von nuklear bestückten Mittelstreckenraketen in der DDR mit einem Anfeuern des Rüstungswettlaufs unter erheblichen Druck setzte. Reagans robustes, an einen „Madman“ erinnerndes Auftreten befeuerte aber ebenso im Westen die Ängste vor einem Ausbruch eines Atomkrieges.

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Harris entwarf ein nur wenige Jahre in der Zukunft liegendes Szenario, das vor allem eines auszeichnet: grausamer Realismus, der dem Leser erschreckend vor Augen führt, wie leicht die Welt in einen Atomkrieg geraten könnte, ohne daß es die Verantwortlichen überhaupt beabsichtigten. Sie erinnern an jene „Schlafwandler“, die später der Historiker Christopher Clark als die politischen Akteure am Beginn des Ersten Weltkriegs identifizierte.

Ist es eine Verzweiflungstat oder ein Hasardeur-Spiel? In einer Geheimaktion mitten im verschneiten Winter landet eine über tausend Mann starke Eliteeinheit der Roten Armee im US-Bundesstaat Alaska. Ihr Ziel ist eine Ölpipeline, wichtigste Lebensader in die USA. Mit der Kontrolle darüber glaubt der Urheber der Aktion, KGB-Chef Rudenski, ein Faustpfand in der Hand zu halten, mit dem die Sowjetunion endlich das Getreide-Embargo der Amerikaner beenden könnte. Doch das Unternehmen fliegt durch Zufall auf. Zwischen Major Sergei Devenko und seinem erstrebten Ziel stellt sich ein kleiner Trupp US-Soldaten unter der Führung des ihm ebenbürtigen Colonel Jacob Caffey entgegen, der sich aufgrund des stürmischen Wetters ohne Aussicht auf baldigen Entsatz einem aussichtslos erscheinenden Kampf stellt.

Währenddessen verhandeln Washington und Moskau im Geheimen über den Fortgang der Ereignisse. Weder ist US-Präsident McKenna bereit, einer Erpressung nachzugeben, noch ist der unter dem Druck des Politbüros stehende Generalsekretär Gorny bereit, die Eliteeinheit zurückzuziehen. Auch ein Treffen im isländischen Reykjavik – kurioserweise sollten hier 1986 Reagan und sein Gegenpart Michail Gorbatschow zu einem erfolglosen Gipfeltreffen zusammenkommen – kann die verhärteten Gegensätze nicht auflösen. Ein kaum auflösbarer Zielkonflikt bahnt sich an, daß jede Seite sich selbst versichert, auf keinen Fall einen Atomkrieg riskieren zu wollen und gleichzeitig beharrlich darauf erpicht ist, vom Gegner nicht als schwach wahrgenommen zu werden.

In den Machtzitadellen zieht die Angst ein, unumkehrbar die Kontrolle zu verlieren. Ohne daß es die Menschen ahnen, taumelt die Welt auf einem schmalen Grat der nuklearen Apokalypse entgegen. Entscheidet sich auf einem kleinen, verschneiten Flecken im einsamen Alaska das Schicksal der Welt?

Was Harris Plot so bedrückend macht, ist die Schwierigkeit, irgendwo darin den Punkt zu finden, an dem es beiden Seiten möglich gewesen wäre, gesichtswahrend aus der Eskalationsspirale auszusteigen, der Logik des „Tit-for-Tat“ zu entkommen. Weder können die Amerikaner einer Erpressung durch fremde Truppen auf eigenem Territorium nachgeben, noch können die Sowjets diese zurückziehen, ohne im Gegenzug das für sie überlebenswichtige Getreide zu bekommen:

Der Präsident blickte wieder Gorny an. „Mr. Vorsitzender, als Sie den Fehler begingen, eine selbstsüchtige Theorie kollektiver Eigenschaft als Vorwand für eine Invasion der Vereinigten Staaten zu benutzen – Invasion ist der richtige Ausdruck, Mr. Vorsitzender -, haben Sie Ihre Schulen verbrannt. Wir sind nicht Polen, Sir. Wir werden keine feindlichen Streitkräfte auf unserem Boden dulden. Und wir werden nicht versuchen, Sie mit Steinen und Knüppeln zurückzujagen, weil Sie unsere Regeln gebrochen haben.“

„Sie haben keine Regeln übriggelassen, die man brechen kann. Sie haben unsere Getreideversorgung abgeschnitten – und wir brauchen Getreide! Das allein schon, Mr. Präsident, ist eine Kriegshandlung. Nach Ihrer eigenen Definition.“

Schlimmer noch, der Mangel an Information, was in den eisigen Wäldern Alaskas tatsächlich vor sich geht, wird ersetzt durch die von keinerlei Zweifel getrübte Selbstgewißheit, daß die Gegenseite niemals den ultimativen Schritt des atomaren Erstschlags wagen würde, während man selbst zumindest unbewußt alle Signale sendet, genau für diesen bereit zu sein.

Harris literarisches Planspiel eines Wegs in den Atomkrieg fand seine Entsprechung in den regelmäßigen Übungen von Militärs und Politik, die genau solche Szenarios simulierten. Und vielleicht kann eine der bittersten Erkenntnisse daraus, die Harris aussprechen läßt, auch auf unsere Zeit übertragen werden:

„Kriege beginnen nicht mit tiefliegenden Ursachen, Mr. Präsident. Im Allgemeinen beginnen sie mit billigen Tricks und lächerlichen Zwischenfällen.“

Brian Harris
Der nächste Weltkrieg
Heyne Science Fiction
TB, 1983
nur noch antiquarisch erhältlich

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