Geld stinkt nicht

Die Mainstreammedien haben es nicht leicht. Sie kämpfen nicht nur mit drastisch sinkenden Absatzzahlen. Vor allem der eigene Bedeutungsverlust nagt stark am eigenen Selbstbewußtsein. Die einstige Torwächterfunktion, sie ist im Aufstieg des Internets flöten gegangen. Und sie kommt nie wieder zurück.

Ende November vergangenen Jahres veröffentlichte die HNA unter dem Titel „Freie Radikale“ ein Elaborat aus der Feder von Martin Benningshoff, in welchem die neuen Feindbilder des Mainstreamjournalismus markiert wurden, die für diesen Bedeutungsverlust verantwortlich sein sollen. Benningshoff, kaum verwunderlich, arbeitet hauptberuflich bei der links-bräsigen „Frankfurter Rundschau“, die wie die HNA zum Medienkonsortium von Dirk Ippen gehört. Zeitweise war er auch Mitarbeiter der SPD-Bundestagsabgeordneten Lale Akgün.

Benningshoffs Text ist reichlich konventionell gestrickt. Die Guten sind die klassischen, eine „große Bandbreite“ repräsentierenden Medien, zu denen er erstaunlicherweise auch die bislang stets mit dem Umstritten-Label belegte „Junge Freiheit“ zählt (JF-Herausgeber Dieter Stein würde das wohl mit Erstaunen zur Kenntnis nehmen). Daß aber diese quantitative Bandbreite qualitativ mit einer inhaltlichen und thematischen Engführung verknüpft ist, nämlich aus der engen Blase eines rot-grünen, linksliberalen Weltbildes, das die überwiegende Mehrheit der Mainstream-Journalisten vertritt, das hat Benningshoff offenbar übersehen oder nicht verstanden.

Ausschnitt HNA vom 22.11.2022

Ihnen gegenüber steht ein teuflischer Bösewicht, der doch selbst einst Teil dieser Medienwelt war, nämlich der unter dem Vorwurf unangemessener Beziehungen zu Mitarbeiterinnen aus seiner Funktion als Chefredakteur der BILD-Zeitung geschasste Julian Reichelt. Reichelt macht derzeit mit seinem Youtube-Kanal „Achtung, Reichelt!“ erfolgreich Furore, der immerhin über 200.000 Abonnenten hat, eine Zahl, von der die HNA heute nur noch träumen kann. Benningshoff arbeitet sich weiter an Reichelts Boulevard-Methoden ab und wirft dazu die üblichen Schlagworte ins Feld wie „populistische Untiefen“, „Verschwörungsgläubige“, „dunkle Gräben seines libertären und populistischen Weltbildes“, „Weltuntergangsstimmung“, „suggeriert einen immerwährenden Notstandsmodus“.

Ihm folgt Roland Tichy als ein kleiner Teufel, weil seriöser auftretend, der aber nach seiner Zeit als Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“ mit „Tichys Einblick“ – sie ahnen vielleicht schon, was jetzt kommt – „nach rechts ausgebrochen“ ist, eine „Plattform inklusive Printmagazin, die sich um das angebliche Versagen der Regierung [sic!], Massenmigration, unfähige Politiker und Journalisten dreht.“ Mit anderen Worten: Benningshoffs Vorwurf gipfelt darin, daß Tichy den Auftrag der Presse als „Vierte Gewalt“ ernst nimmt, nämlich die kritische Beobachtung der Regierung!

Die Lieblingsfeinde der Alternativen Medien laut Benningshoff: die Grünen. Damit offenbart er unfreiwillig das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zu den Mainstreammedien, in denen – und das ist demoskopisch ziemlich gut abgesichert – die größten Unterstützer der Grünen sitzen.

Und schließlich fährt Benningshoff ein ganz schweres Geschütz auf:

„Publizisten wie Reichelt [vergiften] nicht nur das politische Klima, sie legen die Axt an Grundsätze friedlicher Konflikte.“ – Einfach schauderhaft…

Benningshoff bestätigt alle Vorurteile über den Mainstreamjournalismus als Werturteile, sein Text ist eine einzige Selbstoffenbarung der Selbstgerechtigkeit und der blinden Ignoranz seines Standes, der nicht begreift, wie er durch seine Einseitigkeit selbst zum Teil des Krisenproblems unserer Gesellschaft und der miesen Debattenkultur geworden ist. Zuletzt eindrucksvoll belegt in der unkritischen Gefolgschaft zur Regierung in den heute immer kritischer beäugten Corona-Maßnahmen sowie der undifferenzierten Diffamierung ihrer Kritiker. Und derzeit fortgesetzt in der Hofierung sogenannter Klima-Aktivisten.

Doch es kommt noch besser! Es gibt eine höchst seltsame und überraschende Verbindung zwischen dem Ippen-Konsortium und „Tichys Einblick“, die Benningshoffs Angriffe in ein denkbar ungünstiges Licht rücken. Ein Blick in das Impressum von „Tichys Einblick“ und man erfährt Erstaunliches darüber, wo die Printausgabe gedruckt wird:

Druck Dierichs Druck + Media GmbH & Co. KG.
Fankfurter Str. 168, 34121 Kassel

Ausschnitt aus Impressum TE

„Tichys Einblick“ wird also in der gleichen Druckerei hergestellt wie die HNA, die wie Benningshoffs „Frankfurter Rundschau“ dem Ippen-Konzern gehören!

Halten wir also fest: Eine zu Ippen gehörende Druckerei produziert ein Magazin, von dem Benningshoff sagt, es lege quasi die Axt an unsere Demokratie. Wie passt das aber zusammen? Was soll uns das sagen? Daß es Ippens Unternehmungen so schlecht geht, daß er sich auch an solchen Aufträgen die Hände schmutzig machen muß? Oder daß Benningshoffs Chef zu der Sorte kühl kalkulierender Unternehmer gehören, für die Geld – entgegen aller vorgeblichen Ideale – trotzdem nie stinken kann?

Hybris und Mythos: Eine Geschichte des russischen Imperiums

Dass Geschichte in der russischen Ideologie und Staatskunst eine so herausragende Rolle spielt, liegt daran, dass sich in Russland nie ein normaler, freier politischer Diskurs herausgebildet hat. Eine öffentliche Verhandlung um das, was Freiheit, Demokratie oder Sicherheit bedeuten könnte, findet nicht statt. Das heißt, dass der Staat, der in der gesamten russischen Geschichte der Haupttreiber von Veränderungen war, immer dann, wenn er eine bestimmte Politik durchsetzen will, dazu neigt, sich auf historische Erzählungen zu berufen. Diese Erzählungen beruhen allesamt auf Mythen darüber, wie Russlands Entwicklung verläuft oder verlaufen sollte. (Orlando Figes, in der WELT vom 26.11.2022)

Der Begriff des „Putin-Verstehers“ hat seit dem 24. Februar des vergangenen Jahres, dem Beginn des vom russischen Präsidenten Wladimir Putin befohlenen Angriffskrieges gegen die Ukraine, einen unangenehmen Beiklang bekommen. Selbst die vehementesten Vertreter einer wohlwollenden Sichtweise auf Putins Handlungen und Motive waren von dieser schicksalshaften „Zeitenwende“ überrascht und stehen blamiert da. Vielleicht ist es Zeit für eine Rekalibrierung des eigenen Horizonts. Putin zu verstehen heißt Russland zu verstehen. Und um wiederum Russland zu verstehen, ist das Wissen um seine lange und schwierige Geschichte notwendig.

Unter den vielen Titeln, mit denen derzeit der Buchmarkt zum Themenkomplex Russland/Ukraine geflutet wird, ragt besonders „Eine Geschichte Russlands“ des Historikers Orlando Figes heraus. Der 1959 geborene Brite Figes hat sich als Autor preisgekrönter Werke über die russische Geschichte einen Namen gemacht.

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Figes stellt seinem Werk folgende These voraus:

„Russland ist ein Land, das von Ideen, die in der fernen Vergangenheit verwurzelt sind, zusammengehalten wird, und von Geschichten, die ständig umgeschrieben und umfunktioniert wurden, um den aktuellen Bedürfnissen zu entsprechen und die eigene Zukunft neu vorzustellen.“

Die Idee, die an seinem Anfang steht, ist die von der Kiewer Rus, mit der nach Moskauer Verständnis die Staatlichkeit Russlands begann. Die Taufe Wladimir I. im Jahr 988, im orthodoxen Glauben der Großmacht Byzanz öffnete das Land nach Europa, ein Gründungsmythos, auf den sich neben Russland auch die Ukraine und Weißrussland berufen. Figes hält dem entgegen, daß die Geschichte der Kiewer Rus in einem vergleichbaren Verhältnis zur späteren Geschichte Russlands stünde wie das Karolingerreich zu Deutschland oder das Gallien der Merowinger zum modernen Frankreich: „[N]ämlich als eine Quelle der Religion, Sprache und künstlerischen Ausdrucksformen des Landes.“

Die nachfolgende 250jährige Besetzung durch die Mongolen markiert den „tiefen Bruch“ zwischen den Kiewer Rus und dem aufstrebenden Moskauer Reich. Einerseits war Russland in der Besatzungszeit abgeschnitten vom europäischen Einfluß, andererseits entwickelte sich sein Glaube zum „Brennpunkt ihres Durchhaltevermögens“. Mit dem ersten Zaren Iwan dem Schrecklichen (1530 – 1584) verbindet sich der Beginn des imperialen Anspruchs Russlands als dem „Dritten Rom“ und dessen expansiven Ausgreifens nach Osten. Die Sakralisierung seines Amtes, die Identität von Zar und Staat, erfolgte aus der Übernahme byzantinischer Traditionen, während „sich im Westen das Konzept eines abstrakten Staates als Gegengewicht zum König entwickelte“.

Ein Gegengewicht zur Übermacht des autokratischen Zaren konnte sich nicht herausbilden. Die korrupte Adelsschicht der Bojaren – Vorläufer der heutigen Oligarchen – wurde entmachtet. Ebenso fehlte hierfür ein selbstbewußtes und unternehmerisches Bürgertum: „Russland blieb auf seinem autokratischen Pfad.“

Mehr noch, gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurden die Bauern durch Einführung der Leibeigenschaft an Boden und Adelsherren gebunden. Die Kollektivhaftung in den Gemeinden dieses Bauernstaats führte zur Pflicht der Denunziation.

Erste Reformen durch Zar Peter den Großen (1672 – 1725) verstärkten durch ihren „tyrannischen Etatismus“ nur die Rückständigkeit und wurden rückblickend kritisch betrachtet als die traditionelle russische Identität unterminierend. Auch seine Nachfolgerin Katharina die Große hielt trotz der von ihr vertretenen Ideale der Aufklärung nichts von der Idee einer Freiheit der Russen.

Militärisch bildete sich immer schärfer das Muster heraus, daß Russland seine Siege nur der Quantität, also seiner schier unerschöpflichen Masse an Soldaten, und weniger der Qualität des Materials oder seiner Führung verdankte, ein Vorteil, der dem Land heute in seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine durch den drastischen Bevölkerungsschwund seiner demographischen Ressourcen fehlt. Allzu oft zeigte sich der Hang zur Hybris, wenn das Militär im Gehorsam auf seine Führung auf einen sicher geglaubten Sieg umso bittere Niederlagen einfuhr.

Das 19. Jahrhundert war geprägt vom Streit zwischen Slawophilen und Westlern – konservativen Kollektivisten und liberalen Individualisten – um den zukünftigen Weg Russlands. Die Abgrenzung zum Westen gewann durch den Krimkrieg (1853 – 1856) an Schärfe, als Moskau die Rolle der feindlichen Allianz von Großbritannien, Frankreich und Sardinien-Piemont als heuchlerische Doppelmoral wahrnahm, wenn diese sich global das nahmen, was man Russland wiederum nicht zugestand. Umso stärker sah sich Russland als Verteidiger christlicher Wertevorstellungen gegen den Säkularismus und den Materialismus des Westens.

Zwar brachte die Oktoberrevolution das Ende der Monarchie und die Abschaffung des Zarentums. Doch in der russischen Mentalität war nach wie vor das Bedürfnis nach einer überhöhten Herrschergestalt vorhanden. Stalin wußte sich in dieser Rolle perfekt zu inszenieren.

Der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg 1945 brachte eine neue Variante des russischen Nationalismus hervor, ein messianischer Opfer-Mythos von Russland als Befreier der Menschheit, erst gegen die Mongolen, dann gegen Napoleon und schließlich gegen Hitler-Deutschland und „nicht etwa für sowjetische Ineffizienz und herzlose Missachtung von Menschenleben“. Die Breschnew-Ära ihrerseits instrumentalisierte den Nationalismus als Gegenmittel gegen den Einfluß des Westens.

Besonders interessant wird es im letzten Kapitel des Buches, das bis in die jüngste Putin-Ära führt. Unter Gorbatschow erlebte die Sowjetunion nicht allein das Aufleben zivilgesellschaftlicher Ansätze, sondern auch ihre Auflösung durch die zentrifugalen Kräfte des entfesselten Nationalismus in den Sowjetrepubliken. Den Todesstoß versetzte der Union das erfolgreiche Unabhängigkeitsreferendum der Ukraine. Die alten Eliten gingen übergangslos in das neue System über.

Dem folgenden Chaos unter Jelzin mit seinen sozio-ökonomischen Verwerfungen und dem ideologischen Vakuum stellte sein konservativer Nachfolger Putin sein etatistisches Staatsmodell mit der Betonung auf der „traditionellen Werte“, die Russland stark machten: „Patriotismus, Kollektivismus und die Unterwerfung unter den Staat“. Das Ergebnis war eine gelenkte, autoritäre Schein-Demokratie mit Putin als neuem „Zaren“ an der Spitze. Unterstützt von der Orthodoxen Kirche erlangte der Staat auch die Lufthoheit über den Geschichtsdiskurs, in dem nun deutlich anti-westliche Akzente und eine verklärende Sicht auf die Vergangenheit gesetzt wurden.

Widerspruch ist Figes garantiert bei seiner Darstellung über Putins Verhältnis zum Westen. Er betont das Interesse Putins zu engen Beziehungen zum Westen in seiner ersten Amtszeit, eine Chance, die leichtfertig ausgeschlagen wurde: „Russland wollte Teil Europas sein, mit Respekt behandelt werden.“

Den eigentlichen Bruch zwischen Russland und dem Westen verortet Figes in der NATO-Osterweiterung, die ohne Rücksicht auf russische Empfindlichkeiten und in Mißachtung seiner Geschichte durchgezogen wurde: „Durch die Provokation einer russischen Aggression hatte die NATO erst das Problem geschaffen, dem sie eigentlich entgegen treten wollte. Man könnte meinen, sie brauche ein aggressives Russland, um die eigene Existenz zu rechtfertigen.“ Die Folgen sind bekannt.

Einerseits Teil Europas, andererseits vom Rest des Kontinents nie richtig verstanden – das ist eine der Kontinuitätslinien der Geschichte Russlands. Dazu der Orthodoxe Glaube seiner Bevölkerung, sein messianischer Anspruch, seine imperialen Ambitionen, die stets weit hinter seinen tatsächlichen Fähigkeiten stehen. Und vor allem die autokratische Staatsform, unter der sich nie eine bürgerliche Zivilgesellschaft entfalten konnte. „Despotismus auf der Basis der Versklavung der Gesellschaft“ war das drastische Urteil des Reformers Michail Serpanski Anfang des 19. Jahrhunderts über den Zustand Russlands, der sich offenbar bis heute fortschreibt.

Wie immer das derzeitige Ringen um die Ukraine ausgehen mag, selbst bei einer russischen Niederlage ist kaum anzunehmen, daß diese Linien einen Abbruch erfahren werden und dem „System Putin“ eine liberale Demokratie nachfolgt. Das naheliegende ist die Wahl zwischen einem von zwei Übel: Autokratie oder Chaos. Keines davon wird uns im Westen schmecken.

Orlando Figes
Eine Geschichte Russlands
2022; 448 Seiten; 28,- Euro
Klett Cotta

Der notwendige Verrat am eigenen Land

Ideen, die man im Suff entwickelt, können ungeahnte und unliebsame Folgen nach sich ziehen. Obwohl durchaus trinkerfahren wird Bartholomew Scott Blair, kurz „Barley“, Inhaber eines notleidenden britischen Verlagshauses, auf unsanfte Weise an diesen Allgemeinplatz erinnert. Es ist Ende der 1980er Jahre, Blair feiert mit einer Gruppe russischer Literaten in einer Datscha in Peredelkino, einer Siedlung unweit von Moskau, wo auch die vom sowjetischen Staat anerkannten Künstler einen Wohnsitz erhalten. Blairs vom Alkohol gelöste Zunge läßt nicht locker:

„Es gibt nur eine Hoffnung: Wir müssen Verrat an unserem Land begehen. Nur so können wir uns gegenseitig retten.“

Doch ein stiller Gast, der nur als Dante bekannt ist, hört Barley sehr aufmerksam zu. Und er wird ihm beim Wort nehmen.

So ist der Einstieg in „Das Rußland-Haus“, die Verfilmung des gleichnamigen Romans des Briten John le Carré (1931 – 2020) aus dem Jahre 1989. Le Carré war seit „Der Spion, der aus der Kälte kam“ (1963) berühmt für seine Agentenromane. Mit dem Plot des „Rußland-Hauses“ bewies er wieder einmal den richtigen Riecher für einen Erfolgsroman, der die damalige Aufbruchstimmung durch die vor allem durch den russischen Staatsführer Michail Gorbatschow verkörperte Entspannungspolitik aufnahm. Bereits im Folgejahr kam die Verfilmung in die Kinos, in den Hauptrollen Sean Connery als Barley und Michelle Pfeiffer als Katya Orlova.

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Über Katya als Mittelsfrau will Dante (gespielt von Klaus Maria Brandauer) Barley ein Manuskript zur Veröffentlichung im Westen zukommen lassen. Sein Inhalt seiner Notizbücher bedeutet nicht allein Sprengstoff für den Ost-West-Konflikt, sondern auch für die Profiteure des Rüstungswettlaufs. Denn wenn Dantes Informationen stimmen, dann hat die atomare Rüstung der Sowjetunion nur noch Schrottwert und stellt damit keine Bedrohung für den Westen mehr dar: „Wie wollen Sie was am Wettrüsten verdienen, wenn der einzige Arsch, mit dem Sie um die Wette rüsten, ihr eigener ist…?“

Doch durch widrige Umstände gelangt das Manuskript ausgerechnet in die Hände des britischen Nachrichtendienstes. Der möchte mit seinen amerikanischen Partnern vom CIA zu gerne die Quelle des Manuskriptes für seine Zwecke vereinnahmen. Aber dafür benötigen sie ausgerechnet die Hilfe des ihnen unberechenbar erscheinenden Spionage-Laien Barley. Doch als Gefahr für Katya droht, geht Barley für die Frau, in die er sich inzwischen verliebt hat, mutig seinen eigenen Weg und begeht für seine große Liebe Katya Verrat an seinem Land: „Du bist jetzt mein einziges Land.“

Katya Orlowa (Michelle Pfeiffer) und Bartholomew Scott Blair (Sean Connery)

Dem australischen Regisseur Fred Schepisi ist mit dem „Rußland-Haus“ damals einer der Erfolgsfilme des Jahres gelungen. Das Drehbuch hielt sich eng an die Romanvorlage. Außergewöhnlich ist seine Atmosphäre, die ohne jede Action allein von der Spannung des Plots getragen wird, ohne durch das Verhältnis von Barley und Katya in eine Schmonzette abzugleiten. Es fließt kein Blut, er kommt ohne jeden spektakulären Effekt aus. Für den Cast wurden auch in den Nebenrollen namhafte Schauspieler verpflichtet wie Roy Scheider („Der weiße Hai“), James Fox („Reise nach Indien“) sowie J.T. Walsh („Good Morning, Vietnam“). Und Jerry Goldsmith hat als Komponist des mit Jazz-Elementen durchsetzten Soundtrack dem Film eine zusätzliche meisterliche Note verliehen.

Inhaltlich läßt sich „Das Rußland-Haus“ auch als kritische Abrechnung mit den Geheimdiensten, deren Arbeit le Carré aus eigener Anschauung kannte, verstehen. Die Mentalität der Protagonisten aus diesem Milieu ist gekennzeichnet von Zynismus und Zweckrationalität. Das Mißtrauen gegenüber anderen ist in ihre eigene Natur übergegangen, so daß ihnen selbst nicht zu trauen ist; die Lüge wird zu ihrer eigentlichen Natur. Dante warnt Barley eindringlich:

„Sie tragen heute grau, Barley. Mein Vater wurde von grauen Männern ins Gefängnis geschickt. Erschossen wurde er von einem grauen Mann in Uniform. Und es waren graue Männer, die meinen Beruf zerstört haben. Seien Sie vorsichtig, sonst werden sie auch Ihren zerstören.“

Dante (Klaus Maria Brandauer) und Bartholomew Scott Blair (Sean Connery)

Wie ein roter Faden zieht sich beißender Sarkasmus durch den Film. CIA-Mann Clives bissige Bemerkungen über die Experten-Auswertung von Dantes Manuskript liest sich wie ein zeitloses Bonmot auf die heute so viel beschworenen Parole „Folgt der Wissenschaft“:

„Unsere Experten haben festgestellt, daß dieses Notizbuch sehr schnell geschrieben wurde oder sehr langsam, von einem Mann oder einer Frau, im Ernst oder im Scherz, der Schreiber war Rechtshänder oder Linkshänder, er war Wissenschaftler und doch kein Wissenschaftler. Und meine Meinung ist: Für Experten ist keine Toilette tief genug.“

Doch den Film zeichnet noch eine Besonderheit aus. Aus der Rückschau – aus der heutigen Zeit des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine – läßt sich kaum glauben, daß es damals für die in Russland spielenden Szenen eine offizielle Drehgenehmigung an den Originalschauplätzen gab. Noch fast zehn Jahre zuvor mußte für den Film „Gorky Park“ Finnland als Ersatz herhalten. Ein keineswegs unwesentliches Detail als Beweis für den Fortschritt des von niemanden so erwarteten politischen Tauwetters.

Wies US-Präsident Reagan der Sowjetunion noch wenige Jahre zuvor die Rolle des „Reiches des Bösen“ zu, so gab le Carré durch seinen unwahrscheinlichen Helden Barley eine Sympathieerklärung an das russische Volk ab:

„Ich liebe das Land nun mal. Ich fühle mich davon angezogen. Es ist alles so schäbig dort. Sie sind so rückständig dort, dabei geben sie sich so viel Mühe. Die armen Schweine, sie würden gerne so leben wie wir. Sie haben alle so viel Herz, so viel Naivität. Und sie halten übrigens immer ihr Wort.“

Der Fall des Eisernen Vorhangs und der Zusammenbruch der kommunistischen Regime in Osteuropa 1989/90 sollte „Das Rußland-Haus“ noch während seiner Aufführung inhaltlich regelrecht überrollen. Erstaunlicherweise kam der Film bei der Oscar-Verleihung nicht einmal in die Nominierung, trotz der Höchstleistung von Connery und Pfeiffer. Doch das sollte seinen Wert nicht schmälern. Mehr als 30 Jahre später ist „Das Rußland-Haus“ ein Klassiker, eine wehmütige Reminiszenz daran, was einmal möglich schien.

So hob das Ende des Kalten Kriegs die Hoffnungen auf eine globale Friedensepoche auf bis dahin ungekannte Höhen, gar das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) in Form eines Siegeszugs des liberal-kapitalistischen Demokratiemodells schien in greifbare Nähe. Doch in der Dresdner Kommandantur des KGB schwor sich ein „grauer Mann“ Rache für den als demütigende Niederlage empfundenen Untergang der Sowjetunion. Sein Name: Wladimir Putin. Er sollte seine Chance bekommen…

Das Russland-Haus
Mit Sean Connery, Michelle Pfeiffer

und Klaus Maria Brandauer
1990, 1:58 h
John le Carré
Das Russland-Haus
2001, 431 Seiten
List Verlag

Zusammenarbeit statt Kampf der Kulturen?

In Hildesheim vermittelt die Ausstellung „Islam in Europa 1000 – 1250“ ein neues Bild vom Austausch zwischen Orient und Okzident

Der im frühen Mittelalter angelegte Hildesheimer Dom vermag in seiner vorromanischen Bauweise eine Ahnung von der Bedeutung dieser Stadt in der damaligen Zeit zu geben. Seinen Höhepunkt als Macht-, Wissens- und Kulturzentrum im ersten Deutschen Reich erlangte er im Hochmittelalter, als seine Bischöfe als Erzieher der Königs- und Kaiserkinder dienten oder in diplomatischer Mission unterwegs waren, auch an der Nahtstelle zur islamischen Zivilisation wie etwa in Süditalien. Die mit ihren Diensten verbundenen Belohnungen in Form von Geschenken kamen einer Prachtentfaltung zugute, die sich auch in einem reich ausgestatteten Domschatz niederschlugen, der heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

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Hildesheimer Dom

Das Dommuseum Hildesheim gibt nun in der Ausstellung „Islam in Europa 1000 – 1250“ der Öffentlichkeit einen Einblick auf die wertvollsten Stücke seiner Schatzkammer. Dabei verbinden die Ausstellungsmacher einen weitergehenden Anspruch, der über die Exponate als anschauliche Zeugnisse ihrer Zeit bis in die Gegenwart reicht. Geht es in dem einleitenden Beitrag zu dem Ausstellungskatalog zuerst um die Dekonstruktion scheinbar überkommener Vorstellungen vom islamischen Mittelalter und illusorischer Epochenbrüche, obgleich die Expansion des Islam angeblich keinen Bruch in den eroberten Gebieten darstellte, so wird der Bogen weiter gespannt in die von ethnischer und religiöser Vielfalt geprägte, postmoderne Bundesrepublik. Als Kronzeugin für diesen Wandel wird die Soziologin Nakia Fourtan angeführt mit ihrer Forderung nach einer Erzählung, „die eine neue, plurale und migrationsoffene nationale Identität formuliert“ und zu der die Ausstellung offenbar ihrerseits einen Beitrag leisten will. Immerhin wird dabei eingeräumt, daß das dem dabei zugrundeliegende Konzept der Transkulturalität, wonach Kulturen nicht getrennt voneinander zu betrachten sind und immer im gegenseitigen Austausch stehen, den Blick auf die Konflikte verengt.

Zu den schönsten und ältesten Exponaten gehört das Keilförmige Reliquiar, mit zwei darin eingearbeiteten, auffallenden Objekten aus dem islamischen Raum, zum einen die krönende Spitze mit einer Schachfigur aus Bergkristall und einem roten Kristall mit der arabischen Inschrift „Muhammad Ibn Ismail“ (Muhammad Sohn des Ismail). Keineswegs war damit die Übernahme religiöser Vorstellungen aus dem Orient beabsichtigt, sondern die Herstellung einer Verbindung zum Heiligen Land und seiner dort gesprochenen Sprache. Die Verwendung solcher Schmucksteine war kein Einzelfall, wie das Heinrichs-Kreuz aus Fritzlar zeigt.

Kaum ein anderes Material ist so schwer zu bearbeiten wie Bergkristall, der im Mittelalter aus Madagaskar importiert wurde. Seine Bearbeitung stellt höchste Ansprüche an das Können des Handwerkers. Kunstvoll eingefräste Reliefs und die Aushöhlung des Rohlings durch einen engen Flaschenhals geben eine Vorstellung der damit verbundenen Mühen. Daher ist die Leihgabe des Bergkristallkrugs aus dem Florentiner Museo degli Argenti an Wert kaum zu unterschätzen. Auf ihm enthalten ist die Inschrift des Kalifen al-´Aziz billah (reg. 975 – 996). Bei der vermuteten abenteuerlichen Reise von der geplünderten Kairoer Schatzkammer bis nach Venedig grenzt es an ein Wunder, daß dieses empfindliche Objekt seinen Reiseweg unbeschadet überstanden hat.

Als einer der Belege für die herausragende Stellung der islamischen Welt und ihrer Verdienste als Wissensvermittler antiken Gedankenguts stehen die arabischen Astrolabien zur Sternenbeobachtung und geographischen Standortbestimmung, deren Ursprünge auf das alte Griechenland zurückgehen. Vollständig erhalten ist das Astrolabium aus der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz aus dem 11. Jahrhundert aus dem islamischen Toledo.

Das sizilianische Palermo war der Kreuzungspunkt der römisch-katholischen, byzantinischen und islamischen Welt. Trotz verschiedener Herrschaften konnte sich bis in die Zeit der Normannen und Staufer eine islamische Kunsttradition erhalten, die die Stile aller Kulturen vereinte. Dafür steht der mit kunstvollen Ornamenten aus feinstem Granulat verzierte Schmuckkasten aus vergoldetem Silber, der später seinen Weg als Reliquiar nach Trier fand.

Die Hervorhebung islamischer Leistungen vor allem in der Wissenschaft und Philosophie gegenüber einem an der europäischen Peripherie stehenden Mitteleuropa in der Hildesheimer Ausstellung machen mehr als deutlich, wie sehr trotz aller guten Argumente der revisionistische Ansatz von dem Mediävisten Sylvain Gouguenheim („Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel“), der vor dem Transfer aus dem Arabischen ältere und bedeutendere Übersetzungslinien aus Byzanz ausgemacht hat, inzwischen in der Versenkung verwunden ist, mit ihm andere Stimmen wie die seines Kollegen Darío Fernández-Morera, der des verklärenden Bild einer Annahme eines für Westeuropa notwendigen Transfers von angeblich verlorengegangenen Wissen aus dem Arabischen auf islamische Propaganda zurückführte. Wie gering ihre Chancen auf Anerkennung je waren unter den Bedingungen westlicher Einwanderungsgesellschaften, die verzweifelt darum bemüht sind, die konfliktträchtigen Folgen der Migration aus dem islamischen Raum in einen Gewinn umzudeuten, auch davon vermittelt die Ausstellung einen Eindruck.

Doch jenseits ihrer Instrumentalisierung für die transkulturelle Transformation Deutschlands in einen Vielvölkerstaat ist der Besuch der Ausstellung dennoch lohnend. Die kunstvoll gearbeiteten Objekte geben einen eindrucksvollen Einblick in das hohe Niveau in das Kunsthandwerk ihrer Zeit und die Denkvorstellungen ihrer Auftraggeber.

Die Ausstellung „Islam in Europa 1000-1250“ ist noch bis zum bis zum 12. Februar 2023 im Hildesheimer Dommuseum zu sehen. 

Ausstellungsband
Islam in Europa 1000-1250
352 Seiten; 35,- Euro

Das Feuer brennt nicht mehr

I can see a new horizon underneath the blazin‘ sky
I’ll be where the eagle’s flying higher and higher
Gonna be your man in motion, all I need’s this pair of wheels
Take me where my future’s lyin‘, St. Elmo’s fire

I can climb the highest mountain, cross the wildest sea
I can feel St. Elmo’s fire burnin‘ in me, burnin‘ in me
(Refrain aus „St. Elmo’s Fire“ / John Parr)

Am 7. September 1985 erreichte John Parr mit „St. Elmo’s Fire (Man in Motion)“ die Spitze der Billboard Hot 100, der amerikanischen Hitparade. Der Rock-Song sollte von hier aus in einem Siegeszug die Charts auf der ganzen Welt stürmen.

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„St. Elmo’s Fire“ ist der Titelsong des Soundtracks für einen der erfolgreichsten Hollywood-Filme der 1980er Jahre, den gleichnamigen „St. Elmo’s Fire – Die Leidenschaft brennt tief“. Der Film war beispielhaft für ein ganzes Genre dieser Zeit, deren Schauspielerensemble – dem Brat Pack – es zu einem kurzzeitigen Höhenflug verhalf. Im Mittelpunkt dieser Filme standen die Probleme von Heranwachsenden und jungen Menschen über Identität und das Übernehmen von Verantwortung. Mit ihnen verbunden sind Namen von Schauspielern wie Emilio Estevez (ein Sohn von Hollywood-Legende Martin Sheen), Rob Lowe oder Andrew McCarthy. Lediglich Demi Moore konnte auch in den folgenden Jahrzehnten mit Produktionen wie „Stiptease“, „Die Akte Jane“ und „Enthüllung“ ihre Karriere auf hohen Erfolgsniveau fortsetzen.

Parr schrieb den Titelsong gemeinsam mit dem musikalischen Direktor des Films, Robert Foster, dem inzwischen eine Vielzahl von Grammys verliehen worden sind. Foster wurde auf Parr aufmerksam durch seinen Song „Naughty Naughty“, einem ersten Achtungserfolg Parrs in den amerikanischen Charts. „St. Elmo’s Fire“ – das Elmsfeuer – ist eine in hohen Lagen auftretende, durch elektrische Entladungen hervorgerufene Lichterscheinung, bei deren Auftauchen auf dem Meer an dem Masten ihrer Schiffe die Seeleute ihren Schutzpatron, den Heiligen Erasmus von Antiochia, anriefen.

Die Melodie des mitreißenden Ohrwurms und der vielleicht naive, aber doch sympathische Pathos des Textes vermitteln einen ansteckenden Optimismus, der am deutlichsten in seinem Refrain zum Ausdruck kommt. Ein kraftvoll-bombastischer Rock-Song wie eine Hymne für ein ganzes Jahrzehnt- wenn es ein Hit geschafft hat, sich in die musikalische Signatur der 1980er Jahre einzuprägen, dann „St. Elmo’s Fire“ von John Parr.

Die Entwicklung und Produktion des Songs im Studio umfasste gerade einmal drei Tage, noch dazu unter dem Druck der Plattenfirma durch eine äußerst knappe Terminvorgabe. Die Inspiration für das Thema des Songs brachten schließlich die Aufnahmen von Rick Hansen, einem querschnittgelähmten Behindertensportler aus Kanada, der durch seine Man In Motion World Tour im Rollstuhl Spenden einsammelte für die Behandlung von Rückenmarksverletzungen.

Es ist schwer auszumachen, was sich im Wechsel von der Jugendkultur von den 1980ern zu den 1990er geändert hat, als der verspielte und teilweise auch anspruchsvoll Rock-Pop abgelöst wurde vom Grunge, der mit der Band „Nirvana“ seinen Durchbruch feierte. In „Smells Like Teen Spirit“ schrie ihr Frontmann Kurt Cobain seine depressiven, selbstzerstörerischen Gefühle geradezu heraus und fand damit unter seinem jugendlichen Publikum offenbar einen fruchtbaren Boden. Und so sollte es kaum verwundern, daß der mit Drogenproblemen kämpfende Cobain bereits 1994 mit einem Kopfschuß seinem Leben ein tragisches Ende setzte.

Und auch für Filme wie „St. Elmo’s Fire“ dürften sich heute kaum noch Produzenten in Hollywood finden. Zu weiß, zu sehr in der oberen Mittelklasse verankert wie ihre Protagonisten waren, dürfte dieser Stoff sofort durch das Raster des postmodernen Hollywoke fallen, das sich festgelegt hat auf „Diversity“ in allen Facetten und Abgründen, für eine Jugend, deren Problem weniger darin zu bestehen scheint, welchen Platz sie im Leben einnehmen will, als vielmehr der Frage widmet, ob es Männlein, Weiblein oder Teekanne sein will. Das positiv-kreative Feuer der Popkultur der 1980er Jahre, es brennt nicht mehr, nicht einmal auf kleinster Flamme.

Leider konnte Parr aus seinem Hit keine Zugkraft für seine weitere Musikerkarriere entwickeln.; der Interpret des „St. Elmo’s Fire“ erwies sich als „One-Hit-Wonder“, für den es der einzige Erfolg bleiben sollte. Dabei hat es Parr nie an Talent und gutem Material fürs Songwriting gefehlt. Seine Alben „John Parr“ (1984), „Running The Endless Mile“ (1986) oder „Man With A Vision“ (1992) enthalten erstklassig produzierte Rockmusik, bei der man sich nur wundern kann, da sie nie den Weg in vordere Chartpositionen fanden. Und auch seine Fähigkeiten als Live-Performer stehen außer Frage, wie das leider nur als Download erhältliche Live-Album „Letter To America“ (2011) unter Beweis stellt. Ohne Zweifel, John Parr wäre mehr Erfolg zu wünschen gewesen.

(Quelle: Facebook)

Immerhin wurde er zum Song-Produzenten für andere Musiker, wie beispielsweise Roger Daltrey, dem Sänger von „The Who“, dem er mit „Under A Raging Moon“ – eine Hommage an den 1978 verstorbenen Who-Schlagzeuger Keith Moon – den Titelsong und eines der besten Stücke für dessen Soloalbum von 1985 lieferte. Ebenso war er mitbeteiligt an dem Album „Bad Attitude“ seines Freundes Meat Loaf. 1986 traten beide zu dem Titel „Rock ’n‘ Roll Mercenaries“ im Duett auf.

Doch am erstaunlichsten ist, wer den Westküsten-Rock und die Auftritte Parrs mit seiner mit dem Sternenbanner dekorierten Gitarre betrachtet, wird kaum auf die Idee kommen, hier jemand anderen als einen waschechten Amerikaner vor sich zu haben. Parr ist Brite und damit vermutlich der amerikanischste Rockmusiker, den sein Land bislang hervorbracht hat, auch wenn er für Auftritte in seiner Heimat seine Gitarre mit dem Union Jack auspackt.

Geboren am 18. November 1952 in Worksop in der englischen Grafschaft Nottinghamshire nahe des Sherwood Forrest, feiert John Parr heute seinen 70. Geburtstag.

St. Elmo’s Fire – Music From The Original Motion Picture Soundtrack
von VARIOUS ARTISTS
(1985)
John Parr – John Parr (1984)
John Parr – Running The Endless Mile (1986)
John Parr – Man With A Vision (1992)
John Parr – Letter To America (2011)

Letzte Siege der Weimarer Republik über ihre Feinde

Mit dem Gedenken an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hat 2014 ein enger Reigen 100jähriger Jahrestage der deutschen Geschichte begonnen. Es folgten unter anderem vier Jahre später der Jahrestag des Waffenstillstands und das Ende des Kaiserreiches und damit die Ausrufung der deutschen Republik. Für das nächste Jahr ist ein weiterer Höhepunkt abzusehen: die Krise der Weimarer Republik von 1923 mit der Ruhrbesetzung und der Hyperinflation und damit verbunden dem letztlich gescheiterten Versuch eines damals noch unbedeutenden Rechtsextremisten namens Adolf Hitler, mit seinem Münchner Marsch vom 9. November des Jahres sich in Nachahmung seines italienischen Vorbildes Mussolini in Bayern an die Macht zu putschen. Kuriosität am Rande, wie sehr Zufälle den Lauf der Geschichte bestimmen: Zu seiner Linken nur wenige Zentimeter von Hitler entfernt wurde sein Parteigenosse Max Erwin von Scheubner-Richter von einer Kugel tödlich getroffen. Welchen Weg hätte die Geschichte genommen, wenn das Geschoß stattdessen ihn selbst getroffen hätte?

Der Buchmarkt läuft sich bereits warm im Hinblick auf das Gedenken an 1923. Zahlreiche historische Titel liegen bereits hierzu auf den Tischen der Buchhandlungen. Einer davon, „1923 – Ein deutsches Trauma“ von Mark Jones, verdient dabei eine besondere Aufmerksamkeit.

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Der irische Historiker Jones (* 1981) setzt seine Darstellung beim Vertrag von Rapallo an (April 1922), mit dem das international isolierte und durch das Diktat von Versailles geschwächte Deutschland die Annäherung an das bolschewistische Russland besiegelte, zum Verdruß der Siegermächte des Ersten Weltkrieges, vor allem von Frankreich als der größte Gläubiger Russlands. Trotz des Erfolgs, der verhinderte, daß die Westmächte Deutschland auch noch die Kriegs- und Vorkriegsschulden des zaristischen Russlands aufbürdeten, fiel wenige Monate später mit Außenminister Walther Rathenau der Architekt der Einigung einem Attentat der rechtsextremen „Organisation Consul“ zum Opfer.

Zu Beginn des Jahres 1923 nahm Frankreich unter Ministerpräsident Raymond Poincaré (1860 – 1934) die nicht vollständig von Deutschland erfüllten Reparationsforderungen zum Anlaß, gemeinsam mit belgischen Truppen das Ruhrgebiet, neben Oberschlesien die industrielle Herzkammer des Reichs, zu besetzen.

An dieser Stelle muß ein ergänzender Hinweis zu Poincaré eingeschoben werden, der dessen sinistere Rolle in der Geschichte erhellt. Poincaré stand bereit 1914 als Staatspräsident an Frankreichs Spitze. 2016 stellte der deutsche Historiker Rainer F. Schmidt die gut begründete These auf, daß dieser durch sein Taktieren entscheidend den Ausbruch des Ersten Weltkrieg zu verantworten habe. Ihm ging es vor allem um Rache für den Verlust von Elsass-Lothringen, aus dem seine Familie nach dem Deutsch-Französischen Krieg (1870-71) vertrieben worden war.

Doch der Sieg über Deutschland im Ersten Weltkrieg war dem ausgewiesenen Deutschenhasser Poincaré nicht genug. In der Ruhrbesetzung ging es nur vordergründig um Reparationen. Sie bot vor allem den Hebel für die Umsetzung des alten französischen Traums, Deutschland so zu zersplittern, daß der ungeliebte Nachbar und „Erbfeind“ als Konkurrent auf Dauer ausfiel und Frankreich so den europäischen Kontinent dominieren konnte.

Für die wehrlos gemachten Deutschen wiederum mußte die Ruhrbesetzung wie ein Hohn erscheinen auf die Versprechungen der Sieger, eine Friedensordnung auf der Basis des Rechts zu begründen. Frankreich nahm sich aus eigener Macht das heraus, was es ihm zuzugestehen meinte, während Großbritannien dabei tatenlos zusah und sich auch die Amerikaner in der Ferne vornehm zurückhielten. Was Deutschland in diesen Tagen widerfuhr, war nicht die Herrschaft des Völkerrechts, sondern die Willkür des Siegers.

Die Deutschen bedienten sich des einzigen Mittels, das ihnen zur Verfügung stand: Der Weg des passiven Widerstands, ausgerufen von der Reichsregierung. Den Besatzern wurde jegliche Kooperation verweigert, die Arbeiterschaft des Ruhrgebiets ging in den Streik.

Ausführlich beschreibt Jones das Leiden der Bevölkerung unter der Besatzung, in einer Deutlichkeit wie es nur ein auswärtiger Historiker vermag, wo seine deutschen Kollegen mit Scheuklappen beschränkt sind. Übergriffe französischer Soldaten auf Zivilisten waren an der Tagesordnung. Wer nicht spurte, wurde in das unbesetzte Reichsgebiet ausgewiesen. Besonders zu leiden hatten die Frauen, die Opfer von Vergewaltigungen durch Soldaten wurden:

„Das Muster sexueller Gewalt entsprach dem Muster anderer Gewaltakte, darunter die Tötung deutscher Zivilisten durch französisches und belgisches Militär. Vergewaltigung war Bestandteil der allgemeinen Gewaltkultur der Besatzungstruppen gegen die zivile Bevölkerung des Ruhrgebiets“.

Diese Demütigung wurde als besonders schwer empfunden, wenn sie von Soldaten aus den Kolonien verübt wurde. Die Ahndung solcher Verbrechen durch die Armeeführung war allenfalls lasch. Jones konstatiert: „Insgesamt kam die überwältigende Mehrheit der Soldaten mit ihren Verbrechen davon.“

Die Reichsregierung zu Berlin kompensierte den Lohnausfall der Ruhr-Arbeiter durch das verhängnisvolle Anwerfen der Gelddruckerpresse. Das Ergebnis war eine historisch beispielslose Hyperinflation, die die Sparguthaben restlos entwertete und das Wirtschaftsgefüge und die Staatsfinanzen zerrüttete, ohne daß sich ein Abzug der Besatzer abzeichnete.

Zum passiven Widerstand kam der vom Staatsapparat insgeheim geförderte aktive Widerstand. Aktivisten verübten vor allem auf die Bahnverbindungen des Ruhrgebietes Sprengstoffanschläge. Todesopfer waren dabei nicht beabsichtigt, kamen aber vor. Die repressive Antwort der Besatzer bestand in Deportationen und den Mißbrauch von Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Berühmt wurde der Fall des Stoßtruppführers Albert Leo Schlageter (1894 – 1923), an dem die Franzosen in einem kurzen Prozeß ein Exempel statuierten und zum Tode verurteilten. Seine Hinrichtung, aus der später im Dritten Reich ein nationaler Heldenmythos gewoben wurde, geriet für die Besatzer zum „kolossalen Eigentor“, brachte sie die Bevölkerung doch nur noch mehr gegen sie auf.

Gleichzeitig eskalierte die politische Polarisierung zwischen Links- und Rechtsextremisten im übrigen Reichsgebiet. Separatisten machten gemeinsame Sache mit den Besatzern, was letztlich mangels Unterstützung aus dem Volk scheiterte. Antisemitische Übergriffe auf Juden erreichten ein zuvor nicht gekanntes Ausmaß. Ende Oktober probte die moskauhörige KPD in Hamburg und Schleswig-Holstein den bewaffneten Aufstand. Dem gescheiterten Auftakt für eine deutsche Oktoberrevolution kostete am Ende 24 Kommunisten und 17 Polizisten das Leben. Etwa gleichzeitig beendete die Reichswehr in Mitteldeutschland gewaltsame revolutionäre Umtriebe. Der eingangs erwähnte Hitlerputsch mit dem Fall seines Initiators war der letzte Höhepunkt der Krise.

Letztlich mußte sich die Reichsregierung geschlagen geben. Im September 1923 gab Reichskanzler Cuno das Ende des Ruhrkampfes bekannt und schlug einen Kurs der Stabilisierung ein. Doch für die Besatzer war das kein Anlaß, sich als Gewinner zu fühlen:

„Als die Hyperinflation im Spätsommer 1923 ihren Höhepunkt erreichte, war klar, daß sie für alle Seiten ein Desaster war. Nach zehn Monaten hatten die Franzosen weniger Koks und Kohle bekommen als in den letzten Tagen vor der Besatzung; und für die Weimarer Republik waren die Kosten für die Finanzierung des passiven Widerstands höher als die Ausgaben für die Reparationszahlungen.“

Es folgten eine Währungsreform, die der Hyperinflation erfolgreich Einhalt gebot. Eine Neuverhandlung der Reparationen führte zum Abschluß des für Deutschland günstigeren Dawes-Plans, durch den Frankreich in seinen weitreichenden Zielen zurückstecken mußte und schließlich im Sommer 1925 seine Truppen abzog. Frankreich, so Jones, hatte sich „verzockt“.

Im Ergebnis des Ausgangs aus der Ruhrkrise zieht Jones ein positives Fazit und erinnert daran, „dass die Geschichte des Jahres 1923 nicht nur von Radikalisierung und Gewalt handelt; sie ist auch eine Geschichte des Sieges der deutschen Demokraten über ihre Widersacher.“ Doch war es nicht eher ein Pyrrhussieg? Jones nennt das Jahr 1923 „ein deutsches Trauma“. Traumata haben die unangenehme Eigenschaft, selbst auf lange Zeit nicht von allein zu verschwinden. Die Erfahrung der Wehrlosigkeit, des Ausgeliefertseins, der Demütigung und der Entrechtung wird in den Köpfen vieler Deutscher damals noch lange präsent gewesen sein und mit den Boden bereitet haben für den Aufstieg eines vermeintlichen Erlösers in Gestalt des „Führers“.

Es besteht eine merkwürdige Koinzidenz zum 100. Jahrestag der Ruhrkrise der Weimarer Republik und der gegenwärtigen Krise, die die Bundesrepublik gerade durchmacht und die voraussichtlich im kommenden Jahr auf ihren Höhepunkt zusteuert. Analogien sind kaum vorhanden. Zwar sind die aktuell rund 10 Prozent Inflation kein Vergleich zur Hyperinflation, wecken aber doch unangenehme Erinnerungen an damals. Und die Ausgabenpolitik der Ampelkoalition ist keineswegs geeignet, das Gespenst der Inflation auf mittlerer Sicht wieder einzufangen. Auch ist Deutschland in Westeuropa keineswegs isoliert, aber vor allem durch seine gesinnungsethische und desaströse Migrationspolitik sowie seine Energiewende ein Solitär unter seinen Verbündeten. Putins Anwendung der russischen Energielieferungen als Waffe gegen den Westen hat nur die inhärenten Mängel einer vollkommen unausgegorenen Energiewende aufgedeckt. Es steht allen offiziellen Bekundungen zum Trotz der Feind im Inneren heute keineswegs „rechts“, im Gegenteil; mit den weit links angesiedelten und von ideologischen Beglückungsutopien durchdrungenen Grünen haben wir „die heuchlerischste, abgehobenste, verlogenste, inkompetenteste und gemessen an dem Schaden, den sie verursachen, derzeit auch die gefährlichste Partei, die wir aktuell im Bundestag haben“ (Sarah Wagenknecht) und sogar in entscheidenden Schlüsselressorts der Bundesregierung!

Aber wenn beide Krisen etwas gemeinsam haben, dann daß damals wie heute die Existenz Deutschlands als modernes Industrieland mit funktionierender Währung auf dem Spiel stand beziehungsweise wieder auf dem Spiel steht. 1923 konnte diese Gefahr noch abgebogen werden. Doch, daß wir dieses mal wieder so viel Glück haben werden, dafür gibt es allein bei dem Personal unserer politischen Elite mehr als berechtigte Zweifel.

 

Mark Jones
1923 – Ein deutsches Trauma
Propyläen
384 Seiten; 26,- Euro

Der endgültige Sieg des Gekreuzigten

Das historische Porträt: Konstantin der Große (zwischen 270 / 288 – 337 n. Chr.)

Bis heute bleibt es ein Rätsel, welche Gründe Maxentius veranlaßt haben, am Morgen des 28. Oktober 312 n. Chr. mit seinen Truppen das von seinem Rivalen Konstantin belagerte Rom zu verlassen, um die Entscheidungsschlacht zu suchen. Innerhalb der sicheren Mauern Roms und durch volle Vorratslager bestens versorgt, hätte er die Belagerung lange aussitzen können, bis der Feind spätestens im Winter zum Rückzug gezwungen gewesen wäre. Doch offenbar geriet ihm der Boden in Rom zu heiß, wurden ihm die Vorhaltungen ob seiner Passivität zu viel und verlor dadurch vielleicht die Nerven.

Er konnte Konstantin keinen größeren Gefallen tun. Zwar war Maxentius, der mit Konstantin sogar verwägert war, mit seinen Truppen denen des Feindes weit überlegen, doch machte Konstantin das mit seinen bereits in jungen Jahren erworbenen militärischen Erfahrungen und soldatischem Eifer mehr als wett. Doch auf seine in vielen Feldzügen gegen die „Barbaren“ erworbenen Fähigkeiten allein wollte sich Konstantin nicht verlassen. Denn der Legende nach war es göttlicher Beistand, den Konstantin letztlich für sich verbuchen konnte. Durch einen Traum vor der Schlacht eingegeben, befahl er seinen Soldaten auf ihren Schildern das Christusmonogramm Chi-Rho – das von einem X durchkreuzte P – als „magisches Symbol“ auf ihre Schilde aufzutragen. Damals wie heute sind es vor allem Symbole, die Menschen und Armeen in Bewegung setzten.

Die zahlenmäßige Überlegenheit konnte von Maxentius in dem ungünstigen Gelände nicht entfaltet werden. Konstantin nutzte die Gelegenheit und brach an der Spitze seiner Reiterei in die gegnerische Flanke ein. Mit dem Rücken zum angeschwollenen Tiber geriet die Front der Truppen Maxentius ins Schwanken. Mit der ausbrechenden Panik begann ihre Auflösung. Der nahe der abgebrochenen steinernen Milvischen Brücke errichtete Behelfsübergang konnte die zurückweichenden Soldaten nicht mehr tragen und brach ein. Mit ihnen begrub er auch Maxentius, der ertrank.

Die Schlacht an der Milvischen Brücke war ein historischer Sieg. Sie stellte nicht allein die wichtigste Etappe dar auf Konstantins Weg zur Alleinherrschaft im Römischen Reich. Sie zerschlug endgültig das von dem früheren Kaiser Diokletian (zwischen 236 und 245 – ca. 312 n. Chr.) errichtete System der Tetrarchie, mit dem der durch Verteilung der Macht auf vier Amtsträger der endlosen Abfolge von Usurpationen und Bürgerkriegen ein Ende bereiten wollte. Mit Konstantins Herrschaft, die ihm den Beinamen „der Große“ einbringen sollte, sind zwei einschneidende welthistorische Weichenstellungen verbunden.

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Da ist zum einen Konstantins Entscheidung, das am Bosporus gelegene Byzantion zu seiner neuen Kaiserresidenz auszubauen. Dieses „Nova Roma“, das neue Rom, sollte unter dem Namen Konstantinopel bis zu seiner Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1453 Hauptstadt des über lange Zeit mächtigen Oströmischen Reiches sein und damit das Zentrum des griechisch-orthodoxen Christentums. Doch am bedeutendsten ist die durch ihn eingeleitete „Konstantinische Wende“, mit der erst das Christentum die traditionellen Kulte der Antike verdrängen und so in den Rang einer Weltreligion aufsteigen konnte.

In den 300 Jahren nach der Kreuzigung des Jesus Christus war das aus ihm und seinen Nachfolgern hervorgegangene Christentum eine im Römischen Reich mehr geduldete als akzeptierte Religion gewesen. Phasen teilweise brutaler Verfolgung konnten ihr nichts anhaben, im Gegenteil. Das Beispiel ihrer selbst im Angesicht des Todes furchtlosen als Märtyrer bekannten Blutzeugen führte ihr nur noch mehr Anhänger zu, während die Verfolger sich selbst dadurch nur moralisch korrumpierten. Diokletian versuchte als letzter Kaiser in einem neuen Höhepunkt der Verfolgung der Kirche ein Ende zu bereiten, letztlich ohne Erfolg.

Das genaue Geburtsdatum Konstantins ist unbekannt und dürfte zwischen den Jahren 270 und 288 n. Chr. liegen. Sein Vater war der Militär Constantin Chlorus, einer der Tetrarchen, der als Unterkaiser über den westlichen Reichsteil eingesetzt war. Ihre Herkunft aus dem Illyricum im heutigen westlichen Balkan belegt die Integrationskraft des Römischen Imperiums. Aufgewachsen in einem soldatischen Umfeld und als Geisel am Hofe Diokletians aufgewachsen wurde er bestens vertraut mit der politischen Macht, die das Römische Reich ausmachte. Seine Ambitionen und sein Ehrgeiz wurden offenbar, als er in Mißachtung des Systems der Tetrarchie allein seinem eigenen Willen heraus die Nachfolge seines verstorbenen Vaters antrat – eine klare Usurpation, die von der Gegenseite zähneknirschend hingenommen wurde. Aus den nach dem Zerfall der Tetrarchie ausgebrochenen Machtkämpfen ging er schließlich 324 n. Chr. als Alleinherrscher hervor.

Seine Hinwendung zum Christentum war ein lebenslanger, stetiger Prozeß, der erst auf dem Sterbebett mit der Taufe endete (337 n. Chr.). Das war damals keineswegs ungewöhnlich, wollte man doch bewußt die Lebensspanne kurz halten, nachdem das Taufritual alle vorherigen Sünden wegwusch. Zuerst war Konstantin dem Sol Invictus, dem unbesiegbaren römischen Sonnengott, verpflichtet. Da dieser bereits monotheistische Züge hatte, war der Weg zum Christengott fast schon vorgezeichnet. Obgleich das Christentum reichsweit noch eine Minderheitenreligion war, sah er in ihr das Potential eines einigenden Bandes für das Reich. Möglicherwiese dürfte ihn auch die Todesverachtung der Christen besonders beeindruckt haben. Aber vielleicht war einfach die Zeit reif für eine universalistische Religion für ein universalistisches Reich.

Nur wenige Monate nach seinem Sieg an der Milvischen Brücke eröffnete Konstantin zusammen mit dem Ostkaiser Licinius dem Christentum eine vollkommen neue Perspektive. Mit dem Toleranzedikt von Mailand (313 n. Chr.) gewährten beide Kaiser dem Christentum volle Religionsfreiheit und restituierten alle Schäden, die die Kirche und ihre Anhänger in der Verfolgung erlitten hatten. Konstantin privilegierte die neue Religion, wo er nur konnte. Die Erziehung seiner drei Söhne mit seiner Frau Fausta im christlichen Glauben markierte deutlich die weitere Richtung.

Von hier ab sollte es nur noch wenige Jahrzehnte dauern, bis Kaiser Theodosius I. das Christentum 392 n. Chr. zur Staatsreligion im Römischen Reich erhob. Es war der Beginn der zuweilen unheilvollen und unheiligen Allianz zwischen Kirche und Staat, Thron und Altar, welche die europäische Geschichte fortan für sehr lange Zeit prägen sollte, und die im Guten wie im Schlechten grundlegend für die Herausbildung des Abendlandes war:

„Die Schaffung einer reichen, machtvollen und intoleranten Kirche war das primäre Erbe der Bekehrung Konstantins. Noch besser, daß er ein Heide geblieben war, der religiöser Verfolgung begegnete, während er der christlichen Vielfalt erlaubte zu florieren.“ (Rodney Stark)

Jenseits aller theologischen Überlegungen vom Kreuzestod Christi und seiner Rolle als Erlöser und Überwinder des Todes kann ohne Zweifel festgestellt werden, daß mit der Konstantinischen Wende 300 Jahre nach seiner Hinrichtung Jesus Christus endgültig den Sieg über seine Henker und Häscher davongetragen hat.

Konstantins Hoffnung auf ein stabilisierendes Wirken der Kirche auf Staat und Gesellschaft sollte jedenfalls rasch enttäuscht werden. Einmal vom äußeren Druck befreit, versanken ihre unterschiedlichen Gruppen gegeneinander in teilweise hasserfüllte, gewalttätige Auseinandersetzungen über doktrinäre Grundlagen. Gemäß seinem Amtsverständnis griff der Kaiser ein und versuchte mit dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.), dem ersten seiner Art, die Spaltungstendenzen unter seinem Vorsitz zu überwinden und ein verbindliches Glaubensbekenntnis zu formulieren.

Das in der kirchlichen Hagiographie verklärte Bild des Kaisers als gottgefälliger Herrscher weist durchaus viele dunkle Flecken auf. In seiner persönlichen Lebensführung konnte die christliche Ethik der Mäßigung offenbar keine Wurzeln schlagen. Seine Ehefrau Fausta und seinen ältesten Sohn Crispus – ihren Stiefsohn – ließ er kurz hintereinander grausam töten. Über die Gründe hierfür hüllen sich die Quellen weitgehend im Schweigen, doch legt zumindest eine den beiden den gemeinsamen Ehebruch zur Last.

Das Vorbild dieser brutalen Rücksichtslosigkeit sollte auch unmittelbar nach dem Ableben des Kaisers zum Tragen kommen. Um die Nachfolge der drei Konstantin-Söhne vor jeglicher Konkurrenz zu schützen, kam es zu einer Säuberungsaktion im familiären Umfeld des Kaisers, der zahlreiche männliche Verwandte und auch einige Zivilbeamte zum Opfer fielen. Ironie der Geschichte: der durch sein jugendliches Alter geschützte Konstantin-Neffe Julian (331/332 – 363 n. Chr.) versuchte rund 25 Jahre später als Kaiser Julian „Apostata“ („der Abtrünnige“), der über seinen Onkel ein schroffes Urteil fällte, wie in einem Akt der Rache eine schließlich gescheiterte Wiederbelebung der heidnischen Kulte.

Klaus Rosen
Konstantin der Große: Kaiser zwischen Machtpolitik und Religion
2013; 495 Seiten; 30,- Euro

Als über Pompeji die Hölle hereinbrach

Zuerst war es ein Erdbeben, das das eigentliche Drama ankündigte. Dann, am 24. August 79 n. Chr. (andere sagen, es war am 24. Oktober), schlug der Vesuv zu: Aus dem Schlot des Vulkans an der Küste Kampaniens, am südwestlichen Ende der italienischen Halbinsel im Golf von Neapel, bricht das Inferno los. Eine gewaltige Säule aus Magma, Gas und Wasserdampf schießt wie eine Stichflamme mit Überschallgeschwindigkeit aus dem Berg in den Himmel. Diese weithin sichtbare Eruptionssäule senkt sich nach Abkühlung ab und ergießt sich in einem tödlichen Regen aus Lava, Asche und Bimsstein über die Umgebung, der sie acht Meter tief begräbt. Wer nicht bereits beim Erdbeben geflohen ist, fällt dieser Apokalypse unweigerlich zum Opfer. Innerhalb von wenigen Stunden ist die römische Kleinstadt Pompeji zusammen mit ein paar kleineren Orten ein Friedhof.

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Dank des Augenzeugenberichtes des Naturforschers Plinius des Jüngeren (61/62 – 113 oder 115 n. Chr.), der das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtete, ist der Vulkanausbruch von Pompeji die am besten dokumentierte Naturkatastrophe der Antike. Er ist auch der Neffe von Plinius des Älteren, Admiral der vor Miseum stationierten Flotte, der an Bord seiner Schiffe zu einer – letztlich erfolglosen – Rettungsmission ausrückte, bei der er auch sein Leben verlor. Doch nicht allein Plinius‘ Zeugnis gibt Aufschluß über diese Tragödie. Ebenso haben die archäologischen Grabungen seit Mitte des 18. Jahrhundert eine Fülle von teils spektakulären Funden hervorgebracht, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Es ist, als habe der Vulkanausbruch das römische Leben in der Antike regelrecht in seiner ganzen Fülle in einem Augenblick für die Nachwelt eingefroren.

Im Museumspark Kalkriese, wo seit 2000 die Funde zur Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) ausgestellt sind, widmet man sich in diesem Jahr in einer Sonderausstellung der Katastrophe von Pompeji. Gemessen an der Masse der Funde mag die Zahl der Exponate bescheiden sein, doch bieten sie einen eindrucksvollen und manchmal auch einzigartigen Einblick in das römische Leben vor rund 2000 Jahren, mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Luxus, Pracht und Alltag: Da ist der unangetastete Brotlaib einer Bäckerei, der aufzeigt, wie plötzlich und unerwartet die Katastrophe über die Bewohner Pompejis hereinbrach. Und so, wie die Bäckereien heute ihre Waren mit den Labels ihres Betriebes auf den Verpackungstüten vermarkten, so haben damals ihrerseits die Bäcker ihre Brote mit einem heute noch erkennbaren Stempel gekennzeichnet.

Für die hohe Kunstfertigkeit des Handwerks im römischen Reich und der globalen Herkunft ihrer Motive steht zum einen der gewundene Armreif in Schlangenform, der auf orientalische Vorbilder zurückgeht.

Wiederum aus Ägypten stammt der Skyphos, ein meisterhaft gestalteter Trinkbecher aus Obsidian mit beidseitigen Henkelgriffen, auf dem in typisch alexandrinischem Stil eine bunte Opferszene abgebildet ist.

Römische Goldmünzen in Indien bezeugen die weitreichenden Handelsbeziehungen. Aus Indien kam dafür bis Pompeji die Statuette der indischen Göttin Lakshmi, ein außerordentlich schönes und filigranes Werk aus Elfenbein, das kaum in einem kultischen Gebrauch war, sondern vermutlich zu dem ganz profanen Zweck als Griff für ein Körperpflege-Utensil.

Hätten wir ohne Pompeji Kenntnis von diesem Alltagsgegenstand? Mit dem tragbaren, aus Bronze gefertigten Kohlebecken auf drei Beinen auf Löwenpfoten konnte nicht nur geheizt, sondern auch Speisen erwärmt werden. Befeuert wurde es mit Holzkohle.

Leider kam aus seiner Öffnung nur Wasser und kein Wein: Sinn fürs Detail und in gewisser Weise auch Humor beweist der Brunnenmund in Form eines Weinschlauchs, auf dem ein Satyr aus dem Gefolge des Weingottes Dionysos sitzt.

Ausgestellt sind auch die Marmorbüsten zweier führender Repräsentanten dieser Zeit, zum einen die des Kaisers Tiberius (42 v. Chr. – 37 n. Chr.), der sehr viel Zeit am Golf von Neapel verbrachte, seines späteren Nachfolgers Vespasian (9 – 79 n. Chr.) sowie des Flottenadmirals Plinius des Älteren (23/24 – 79 n. Chr.). Jedes Porträt erlaubt in seiner Stilistik Rückschlüsse auf das jeweilige Selbstverständnis, was der Dargestellte über sich der Umwelt mitzuteilen gedenkt. War es bei Tiberius vor allem der tatkräftige Charakter des auch im hohen Alter jugendlich erscheinenden Kriegshelden, so stellt das etwas derbe und ehrliche Bildnis Vespasians seine Volksverbundenheit heraus.

Zum Ende des Rundgangs verabschiedet den Besucher die schauerliche Szenerie zweier Gipsausgüsse von in Pompeji umgekommenen Opfern. Die von der Asche umschlossenen Körper bildeten Hohlräume, die später seit den 1870er Jahren von Ausgräbern mit Gips ausgegossen wurden. Selten erschienen die Menschen der Antike der modernen Nachwelt näher als in diesem Zustand zum Zeitpunkt ihres Todes.

So grausig der Untergang von Pompeji selbst nach 2000 Jahren auf die Nachwelt wirkt, diese Tragödie erwies sich in dem unter der Lava und der Asche verschütteten Vermächtnis als einzigartiger Glücksfall für die Wissenschaft. Ihre Erforschung ist noch lange nicht abgeschlossen.

Die Sonderausstellung „Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan“ ist noch bis zum 6. November 2022 im Museumspark Kalkriese zu besichtigen.

Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan – Kalkriese Varusschlacht (kalkriese-varusschlacht.de)

Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan
Katalog zur Sonderausstellung im Museumspark Kalkriese
2022; 177 Seiten; 16,- Euro

Der Blick in Russlands Zukunft richtet sich in seine Vergangenheit

„Ich entdeckte den Park wie einen fremden Erdteil. Er hatte seinen eigenen Dschungel, seine Höhlen, seine geheimnisvollen Meere, seine rätselhaften Schlösser, wilde Eingeborene und freundliche Unbekannte. Und die Zukunft sah so aus: ein weißes, luftiges, zerbrechliches Versprechen.“
Juri Trifonow über den Gorki-Park, GEO 10/1979

Mit dem Beginn seines Angriffskrieges gegen die Ukraine ist Russland in eine neue historische Phase eingetreten. Doch statt der von Putin angestrebten Erneuerung des russisch/sowjetischen Imperiums zeigt nun der Weg des Landes mit der größten Landmasse der Welt nur in eine Richtung: Rückwärts in die Vergangenheit.

Symptomatisch hierfür ist der Versuch der russischen Führung, nach dem Rückzug des französischen Autobauers Renault aus dem Land die Fertigungsstätten umzurüsten auf die Wiederbelebung einer Marke, die aus der Sowjet-Ära noch gut bekannt ist, den Moskwitsch. Doch da die vorhandene Technik eine reine Endfertigung ist und Russland aufgrund der Wirtschaftssanktionen von Zulieferungen und Technologietransfers aus dem Westen weitgehend abgeschnitten ist, spricht wenig dafür, daß der „neue Moskwitsch“ auch nur annähernd mit westlichen Modellen mithalten kann, ebenso wenig wie es seine sowjetischen Vorgänger konnten, falls es bei diesem Projekt nicht ohnehin um ein „Potemkinsches Dorf“ handelt.

Russland ist also auf dem besten Weg zurück in eine Zeit, die nur unter dem größten Einsatz von Propaganda strahlend erscheint. Bis an die Zähne atomar bewaffnet, aber mit der Versorgung der eigenen Bevölkerung heillos überfordert, technologisch dem Westen immer weiter hinterherhinkend, jede Eigeninitiative und Freigeist durch ein diktatorisches System erstickend. „Obervolta mit Atomraketen“ höhnte einst Bundeskanzler Helmut Schmidt. Anlaß für Schadenfreude bieten diese trüben Aussichten für Russland keineswegs, denn noch ist nicht ausgemacht, ob die Kollateralschäden der westlichen Russland-Sanktionen aus Deutschland nicht eine gigantische Industrieruine machen.

Die imperiale Sehnsucht vieler Russen ist eine gefährliche Nostalgie, die verkennt, wie sich unter der Stagnation der Zerfall vorbereitete, der am Ende die Sowjetunion kollabieren ließ. In jüngster Zeit hat die in Moskau geborene und nach Deutschland ausgewanderte Schriftstellerin Katerina Poladjan in „Zukunftsmusik“ (2022) einen literarischen Rückblick in die triste Lebenswirklichkeit der russischen Provinz Mitte der 1980er Jahre gegeben. Doch noch interessanter ist der Griff zu Klassikern aus der Zeit des Kalten Krieges, die uns einen ungleich dichteren Bezug liefern. Dem amerikanischen Schriftsteller Martin Cruz Smith (*1942) ist 1981 mit dem Thriller „Gorki Park“ ein Weltbestseller gelungen, dem kurz darauf mit „Gorky Park“ die nicht weniger erfolgreiche Hollywood-Verfilmung folgte.

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In einer typisch kalten Winternacht werden im Moskauer Gorki Park die drei mit Schnee überdeckten Leichen zweier Männer und einer Frau entdeckt. Ihre Gesichtshaut wurde fachmännisch abgezogen, sämtliche Fingerkuppen abgeschnitten, was ihre Identifizierung zur damaligen Zeit unmöglich macht. Der KGB lehnt alle weiteren Ermittlungen ab, die er der Miliz überläßt. Dem Leitenden Ermittler Arkadi Renko ist nicht wohl dabei. Gleichwohl setzt er seine Arbeit fort und stößt durch die Schlittschuhe des weiblichen Opfers auf eine junge Frau, Irina Asanova, die mit den Toten offenbar in näherer Verbindung steht und mit der er bald eine tragische Liebesbeziehung eingeht. Zeitgleich macht Renko die keineswegs zufällige Bekanntschaft mit dem Amerikaner Jack Osborne, einem umtriebigen und habgierigen Geschäftsmann mit dunkler Vergangenheit, der bestens mit dem FBI und dem KGB vernetzt ist. Doch auch Irina und Osborne sind einander nicht unbekannt. Zu spät erkennt Renko, daß er nur Spielball ist in einem mörderischen Komplott um eines der wichtigsten Wirtschaftsgüter, auf das die Sowjetunion noch ein Monopol hat: den lukrativen Handel mit äußerst wertvollen Zobelpelzen.

Buch und Film trafen seinerzeit einen Nerv in der Leserschaft. Der Kalte Krieg erreichte nach der Entspannungspolitik der 1970er Jahre mit dem Präsidentschaftsantritt von Ronald Reagan einen neuen Höhepunkt. Reagan erklärte die Sowjetunion umgehend zum „Reich des Bösen“ und fachte den Rüstungswettlauf an. Die inneren Verhältnisse Sowjet-Russlands harrten unter Leonid Breschnew und seinen greisen Nachfolgern Andropow und Tschernjenko weiterhin in Erstarrung.

Martin Cruz Smith vermittelt in seinem „Gorki Park“ das Bild eines Landes, das von Rückständigkeit geprägt und von Korruption zerfressen ist. Selbst einfache Haushaltsgeräte im Neuzustand funktionieren nicht. Schwarzmarkthändler führen ein parasitäres Leben auf Kosten der Allgemeinheit. Wie ein Krake hält der KGB seine Finger über das Land. Antisemitische Vorurteile sind selbst in den Kreisen der Elite virulent. Die Wirklichkeit wird den Bedürfnissen des Staates angepasst:

„Angenommen ein verdienter Künstler bittet seine Frau eines Nachts, aus dem Auto zu steigen, um Glasscherben von der Straße zu räumen, und überfährt sie dabei. Eine junge Frau, die bald heiraten will, bringt ihre Großeltern ins Bett, schließt das Fenster und dreht das Gas auf, bevor sie abends ausgeht. Ein fleißiger Landwirt, ein angesehener Kolchosbauer, erwürgt ein Flittchen aus Moskau. Das sind Dinge, die offiziell nicht passieren dürfen, aber sie sind die Wahrheit: Ein Mann, der sich eine Geliebte und ein Auto leisten kann; eine junge Frau, die mit ihrem Ehemann im selben Zimmer mit den Großeltern hausen muss; ein Bauerntölpel, der dumpf ahnt, dass er sein Leben lang nicht aus seinem erbärmlichen Nest am Ende der Welt rauskommen wird. Solche Dinge erscheinen nicht in unseren Berichten, aber wir wissen darüber Bescheid. Deshalb müssen wir das Recht haben, die Wahrheit zu verändern.“

Es ist ein System, in dem „wir keinem trauen dürfen“. In diesem Umfeld wirkt der gradlinige Ermittler Renko wie ein trotziger Solitär, dem insgeheim Verachtung ob seines „Moralismus“ entgegengebracht wird. Alles in allem keine Eigenschaften, die ihren Träger zu einer Karriere empfehlen.

Smith kannte die Sowjetunion zwar nur aus der Anschauung einer einmaligen Pauschalreise, recherchierte darüber hinaus aber umfangreich durch Befragungen bei russischen Immigranten. Wie gut seine Recherchen seinen Blick auf Russland geschärft haben, zeigt schon die Wahl des Gorki Park als zentralen Ausgangspunkt seines Plots. Der im 19. Jahrhundert angelegte Park, dessen Benennung übrigens nicht auf den russischen Schriftsteller Maxim Gorki (1868 – 1936) zurückgeht, ist für die Moskauer Kultur von zentraler Bedeutung. Er ist nicht alleine Freizeitpark und Sportstätte. Hier trifft man sich nicht nur zum Spazieren gehen oder zum Schachspiel, versammelten sich die Veteranen des „großen vaterländischen Krieg“. Oder eben wie die drei Mordopfer aus Cruz‘ Roman zum winterlichen Schlittschuhlaufen unter donnernder Musik.

Mit Arkadi Renko begründete Smith eine bis heute erfolgreiche Serie, die parallel zur aktuellen Entwicklung Russlands Schritt hält. Zuletzt erschien 2021 mit „Der Spur des Bären“ die neueste Folge, in der sein altersloser Held wider Willen zum Instrument einer Intrige des Kremls gegen einen politisch zu ehrgeizigen Oligarchen wird.

Die Verfilmung von 1983 bietet noch den zusätzlichen Reiz eines Wiedersehens mit einer alten Garde Hollywoods, die inzwischen fast vollständig abgetreten ist. William Hurt in der Rolle des Arkadi Renko ist erst im März verstorben. Brian Dennehey in der Rolle des amerikanischen Polizisten William Kirwill, dem Bruder eines der drei Mordopfer, starb zwei Jahre zuvor. Für die Hollywood-Legende Lee Marvin als Jack Osborne war es eine seiner letzten Filmrollen († 1986). Ein Wiedererkennen dürfte es für Star-Wars-Enthusiasten in der Rolle des leicht exzentrischen Anthropologen Andreev geben, der mit seinem ausgeklügelten Verfahren aus den Totenschädeln der Mordopfer ihr ursprüngliches Aussehen wiederherstellt; ihn verkörpert der Schotte Ian McDiarmid, besser bekannt als der Imperator Palpatine / Darth Sidious. Das in der Verfilmung dargestellte Rekonstruktionsverfahren hat übrigens einen realen Hintergrund und war für Smith der Auslöser für die Idee des „Gorki Park“.

Nicht unerwähnt bleiben sollte der Einsatz des noch jungen Filmkomponisten James Horner(1953 – 2015), der gerade seinen Durchbruch in Hollywood feierte, und dessen Soundtrack dem „Gorky Park“ den dramatischen Feinschliff verpasste.

Main Titel – Gorky Park OST (James Horner)

Dem Erfolg des „Gorki Park“ im Westen stand wiederum der Verriss in der sowjetischen Literaturkritik gegenüber, die darin ihr Land verunglimpft sah, obwohl sich Cruz manch kritische Seitenhiebe auf seine Heimat nicht verkniff. Doch das letzte, was man Cruz‘ Werk vorwerfen kann, ist daß es das Produkt eines „kalten Kriegers“ ist. Kaum verwunderlich, daß die Verfilmung des Romans nicht an den Originalschauplätzen stattfand, sondern in Finnland. Zu dem damaligen Zeitpunkt hätte es wohl kaum jemand für möglich gehalten, daß der „Wind of Change“ bald für eine vollkommene Umdrehung der Verhältnisse sorgen würde. 1985 leitete Michail Gorbatschow als neuer sowjetischer Generalsekretär mit Glasnost und Perestrojka jene Wende ein, die zum Fall des „Eisernen Vorhangs“ und dem Untergang der Sowjetunion führte. Schon bereits 1989 konnte mit „Das Russland-Haus“ (in den Hauptrollen Sean Connery und Michelle Pfeiffer) der gleichnamige Agententhriller von John Le Carré mit offizieller Genehmigung in Moskau und Leningrad gedreht werden.

War „Gorki Park“ das Abbild der russisch-sowjetischen Misere, so reflektierte „Das Russland-Haus“ alle Hoffnungen auf einen globalen Frieden, die allzu schnell in bitterer Enttäuschung endeten. Wie lange wird es wohl dieses Mal dauern, bis wieder Hoffnung keimen kann?

 Martin Cruz Smith
Gorki Park
Neuauflage 2015
416 Seiten; 9,99 Euro
Gorky Park
Mit William Hurt, Brian Dennehy, Joanna Pacula, Lee Marvin
2 Stunden und 3 Minuten

Der standhafte Verfemte

Es gibt zwei Dinge in diesem Land, die nicht zusammenpassen. Da ist zum einen die immer wieder erhobene Behauptung von Vertretern der politischen und medialen Elite, „im besten Deutschland aller Zeiten zu leben“ (u.a. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier). Dem gegenüber steht ein demoskopisch gut abgesichertes Unbehagen weiter Teile der Bevölkerung, man könne nicht mehr frei und ungehindert seine Meinung sagen. Meinungsfreiheit – gilt die noch in Deutschland?

Einer der sich auf das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Meinungsfreiheit beruft, ist der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp. Doch seine konträr zum Mainstream stehenden kritischen Ansichten zur Flüchtlingspolitik hatten für ihn unangenehme Konsequenzen. Nicht alleine sein Verlag Suhrkamp distanzierte sich von ihm. Dem einst für seinen Roman „Der Turm“ gefeierten Romancier haftet seitdem das Etikett „umstritten“ an, was Tellkamp wiederum als Auszeichnung empfindet. Aus dem Schriftsteller Tellkamp wurde der „Fall Tellkamp“.

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Auffallend ist, dass sein aktueller Roman „Der Schlaf in den Uhren“ – die Fortsetzung des „Turm“ – von den Feuilletons der Mainstreammedien ausnahmslos mit teils heftigen Verrissen bedacht wurde, so als wolle man dem weitverbreiteten Eindruck der Leserschaft eines engen Meinungskorridors unbedingt Bestätigung verschaffen. Dem Erfolg des Buches tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: Es bestätigte sich wieder einmal die Regel, daß einhellige Verrisse der Literaturkritik oft die besten Kaufempfehlungen sind.

Am vergangenen Sonntag nutzte Tellkamp die Gelegenheit, im Rahmen der Ettersburger Gespräche seinen Roman „Der Schlaf in den Uhren“ vorzustellen. Man muß das Buch vor allem als ein Wagnis bezeichnen. Ein Umfang von 900 Seiten voller surrealistischer Allegorien machen den Titel nicht gerade zu einem leichtflüssig zu lesendem Schmöker. Zwei Zeitebenen von der Wende bis zur Migrationskrise 2015 – verlagert in den fiktiven Staat Trevia – umfassen einen Plot, in dem sich der bereits im „Turm“ auftauchende Protagonist des Chronisten Fabian Hoffmann bewegt, der dabei keineswegs ein Alter Ego seines Schöpfers ist.

Es dürfte sich derzeit wohl kaum ein komplexeres Werk im aktuellen Buchhandel finden als „Der Schlaf in den Uhren“. Doch die Kritik hielt sich nicht an diesen Formalien fest, sondern an dem Plot, der beim Leser unschöne Assoziationen weckt zwischen der heutigen Bundesrepublik und der DDR: „Jetzt wagt er sich über die Bundesrepublik zu schreiben“, so Tellkamp die Kritik paraphrasierend im Gespräch mit Dr. Peter Krause, dem Direktor von Schloss Ettersburg.

Uwe Tellkamp (li.) im Gespräch mit Dr. Peter Krause / © Daniel Körtel

Tellkamp warf der Kritik vor, nicht das Buch zu rezensieren, sondern den Autoren: „Man schließt von der politischen Einstellung auf das Kunstwerk.“ Tellkamps Absicht sei es gewesen, einen Zeitroman zu schreiben und keinen Gesellschaftsroman. Offenkundig sind die Inspirationen durch Tomas Manns „Zauberberg“, aber vor allem erklärtermaßen durch „Jahrestage“ von Uwe Johnson. Ihm ginge es um den Sprachgebrauch der Politikerzählung, ihrer Sprachbühne und -theater. „Mit dem klassischen Erzählen“, so Tellkamp, „erfassen Sie nur Teile unserer Zeit.“

Wie ist das zu verstehen? Tellkamp erläuterte das an dem Terminus „Operative Vorgänge“, mit dem die DDR-Staatssicherheit ihre Zersetzungsmaßnahmen umschrieb und den Tellkamp in seinem Buch von seiner seinerzeitigen Begrifflichkeit zu lösen versuchte, „um von der Staatssicherheit das Konkrete herauszuarbeiten und in die Ewigkeit zu übertragen“.

War es hintergründige, boshafte Ironie, als Tellkamp auf Nachfrage aus dem Publikum mit einem vielsagenden Lächeln die Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag mit „trotz Irritationen“ kommentierte? Das neue Buch sei, so Tellkamp, ein typisches Suhrkamp-Buch. Tellkamp fragte zurück, wo denn das Buch stattdessen hätte erscheinen sollen? Die Antwort: „Jedenfalls nicht im Fischer Verlag“, hingegen keineswegs ironisch auf den Rauswurf von Monika Maron aus jenem Verlag anspielend.

„Die Bücher haben ihr eigenes Schicksal“, so Tellkamp zur Rezeption seiner Werke. „Der Turm“ sei im Westen besser aufgenommen worden als im Osten, während es beim „Der Schlaf in den Uhren“ genau umgekehrt sei, was beide Bücher wie zu Zwillingen mache.

Doch wie steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland und wie verhält sich dazu der „Fall Tellkamp“? „Meine Meinung darf ich sagen“, so Tellkamp: „Interessant wird es, was hinterher passiert…“ Der Autor beklagte, daß er über die vielen Rechtfertigungen keine Arbeitsruhe mehr habe. Geradezu ernüchternd und schockierend seien die Vorkommnisse anläßlich seiner Lesungen im Westen, wo beispielsweise über Fake-Accounts versucht wurde, den Kartenvorverkauf zu sabotieren. Doch wie einen Hoffnungsschimmer habe es auch Beispiele zivilcouragierter Unterstützung gegeben.

Dem gegenüber stellte Tellkamp den ostdeutschen Schriftsteller Ingo Schulze, für den es kein Problem darstelle für „Die Linke“ zu kandidieren, „aber wie ein Fürst zu leben“.

Am Ende spannte Tellkamp unter dem anhaltenden Beifall der mit rund 130 Gästen ausverkauften Veranstaltung im Gewehrsaal des Weimarer Schlosses Ettersburg mit einem bemerkenswerten Satz den Bogen von seinen persönlichen Erfahrungen in der DDR zu heute: „Uwe, du hast den falschen Klassenstandpunkt.“

Schloss Ettersburg / © Daniel Körtel
Uwe Tellkamp
Der Schlaf in den Uhren
Suhrkamp Verlag
2022, 904 Seiten, 32,- Euro