Der standhafte Verfemte

Es gibt zwei Dinge in diesem Land, die nicht zusammenpassen. Da ist zum einen die immer wieder erhobene Behauptung von Vertretern der politischen und medialen Elite, „im besten Deutschland aller Zeiten zu leben“ (u.a. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier). Dem gegenüber steht ein demoskopisch gut abgesichertes Unbehagen weiter Teile der Bevölkerung, man könne nicht mehr frei und ungehindert seine Meinung sagen. Meinungsfreiheit – gilt die noch in Deutschland?

Einer der sich auf das im Grundgesetz verbriefte Recht auf Meinungsfreiheit beruft, ist der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp. Doch seine konträr zum Mainstream stehenden kritischen Ansichten zur Flüchtlingspolitik hatten für ihn unangenehme Konsequenzen. Nicht alleine sein Verlag Suhrkamp distanzierte sich von ihm. Dem einst für seinen Roman „Der Turm“ gefeierten Romancier haftet seitdem das Etikett „umstritten“ an, was Tellkamp wiederum als Auszeichnung empfindet. Aus dem Schriftsteller Tellkamp wurde der „Fall Tellkamp“.

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Auffallend ist, dass sein aktueller Roman „Der Schlaf in den Uhren“ – die Fortsetzung des „Turm“ – von den Feuilletons der Mainstreammedien ausnahmslos mit teils heftigen Verrissen bedacht wurde, so als wolle man dem weitverbreiteten Eindruck der Leserschaft eines engen Meinungskorridors unbedingt Bestätigung verschaffen. Dem Erfolg des Buches tat das keinen Abbruch, im Gegenteil: Es bestätigte sich wieder einmal die Regel, daß einhellige Verrisse der Literaturkritik oft die besten Kaufempfehlungen sind.

Am vergangenen Sonntag nutzte Tellkamp die Gelegenheit, im Rahmen der Ettersburger Gespräche seinen Roman „Der Schlaf in den Uhren“ vorzustellen. Man muß das Buch vor allem als ein Wagnis bezeichnen. Ein Umfang von 900 Seiten voller surrealistischer Allegorien machen den Titel nicht gerade zu einem leichtflüssig zu lesendem Schmöker. Zwei Zeitebenen von der Wende bis zur Migrationskrise 2015 – verlagert in den fiktiven Staat Trevia – umfassen einen Plot, in dem sich der bereits im „Turm“ auftauchende Protagonist des Chronisten Fabian Hoffmann bewegt, der dabei keineswegs ein Alter Ego seines Schöpfers ist.

Es dürfte sich derzeit wohl kaum ein komplexeres Werk im aktuellen Buchhandel finden als „Der Schlaf in den Uhren“. Doch die Kritik hielt sich nicht an diesen Formalien fest, sondern an dem Plot, der beim Leser unschöne Assoziationen weckt zwischen der heutigen Bundesrepublik und der DDR: „Jetzt wagt er sich über die Bundesrepublik zu schreiben“, so Tellkamp die Kritik paraphrasierend im Gespräch mit Dr. Peter Krause, dem Direktor von Schloss Ettersburg.

Uwe Tellkamp (li.) im Gespräch mit Dr. Peter Krause / © Daniel Körtel

Tellkamp warf der Kritik vor, nicht das Buch zu rezensieren, sondern den Autoren: „Man schließt von der politischen Einstellung auf das Kunstwerk.“ Tellkamps Absicht sei es gewesen, einen Zeitroman zu schreiben und keinen Gesellschaftsroman. Offenkundig sind die Inspirationen durch Tomas Manns „Zauberberg“, aber vor allem erklärtermaßen durch „Jahrestage“ von Uwe Johnson. Ihm ginge es um den Sprachgebrauch der Politikerzählung, ihrer Sprachbühne und -theater. „Mit dem klassischen Erzählen“, so Tellkamp, „erfassen Sie nur Teile unserer Zeit.“

Wie ist das zu verstehen? Tellkamp erläuterte das an dem Terminus „Operative Vorgänge“, mit dem die DDR-Staatssicherheit ihre Zersetzungsmaßnahmen umschrieb und den Tellkamp in seinem Buch von seiner seinerzeitigen Begrifflichkeit zu lösen versuchte, „um von der Staatssicherheit das Konkrete herauszuarbeiten und in die Ewigkeit zu übertragen“.

War es hintergründige, boshafte Ironie, als Tellkamp auf Nachfrage aus dem Publikum mit einem vielsagenden Lächeln die Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag mit „trotz Irritationen“ kommentierte? Das neue Buch sei, so Tellkamp, ein typisches Suhrkamp-Buch. Tellkamp fragte zurück, wo denn das Buch stattdessen hätte erscheinen sollen? Die Antwort: „Jedenfalls nicht im Fischer Verlag“, hingegen keineswegs ironisch auf den Rauswurf von Monika Maron aus jenem Verlag anspielend.

„Die Bücher haben ihr eigenes Schicksal“, so Tellkamp zur Rezeption seiner Werke. „Der Turm“ sei im Westen besser aufgenommen worden als im Osten, während es beim „Der Schlaf in den Uhren“ genau umgekehrt sei, was beide Bücher wie zu Zwillingen mache.

Doch wie steht es um die Meinungsfreiheit in Deutschland und wie verhält sich dazu der „Fall Tellkamp“? „Meine Meinung darf ich sagen“, so Tellkamp: „Interessant wird es, was hinterher passiert…“ Der Autor beklagte, daß er über die vielen Rechtfertigungen keine Arbeitsruhe mehr habe. Geradezu ernüchternd und schockierend seien die Vorkommnisse anläßlich seiner Lesungen im Westen, wo beispielsweise über Fake-Accounts versucht wurde, den Kartenvorverkauf zu sabotieren. Doch wie einen Hoffnungsschimmer habe es auch Beispiele zivilcouragierter Unterstützung gegeben.

Dem gegenüber stellte Tellkamp den ostdeutschen Schriftsteller Ingo Schulze, für den es kein Problem darstelle für „Die Linke“ zu kandidieren, „aber wie ein Fürst zu leben“.

Am Ende spannte Tellkamp unter dem anhaltenden Beifall der mit rund 130 Gästen ausverkauften Veranstaltung im Gewehrsaal des Weimarer Schlosses Ettersburg mit einem bemerkenswerten Satz den Bogen von seinen persönlichen Erfahrungen in der DDR zu heute: „Uwe, du hast den falschen Klassenstandpunkt.“

Schloss Ettersburg / © Daniel Körtel
Uwe Tellkamp
Der Schlaf in den Uhren
Suhrkamp Verlag
2022, 904 Seiten, 32,- Euro

„Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 33/22 / 12. August 2022

„Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“
Ausstellung: Drei Museen in Trier beleuchten das Ende des Römischen Reiches
Daniel Körtel

In weniger als 150 Jahren, nachdem Konstantin der Große nach der langen Krisenphase der Soldatenkaiser das Römische Reich noch einmal zu imperialer Größe trieb, setzte der germanische Warlord Odoaker 476 n. Chr. den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab. Dem vorausgegangen war ein langer Abstieg in Agonie. Demographische Veränderungen, Bürgerkriege und wirtschaftlicher Verfall führten in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale, der die schwindende kaiserliche Zentralgewalt nichts mehr entgegenzusetzen wußte. Damit war das Römische Reich nach rund 1.200 Jahren in seiner Westhälfte zusammengebrochen.

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Über den Kreis der Historiker hinaus geht auch nach mehr als 1.500 Jahren von diesem Ende eine ungebrochene Faszination aus, versucht jede Generation neue Antworten auf die Frage nach den tieferen Ursachen zu finden und vor allem, ob sich Parallelen zur Gegenwart finden lassen. Als Hauptursachen wurden wie Moden und Projektionen ihrer Zeit vor allem der Aufstieg des Christentums erhoben, der Einfall der Barbaren in der Völkerwanderung und vor allem die Dekadenz der späten Römer. Zuletzt rückte Kyle Harper in „Fatum“ (2020) die gravierenden Auswirkungen der spätantiken Klimaverschlechterung und Epidemien in den Mittelpunkt.

Wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die eng mit dieser schicksalsträchtigen Phase verbunden ist, dann ist es die Moselstadt Trier. Um die Zeitenwende als Augusta Treverorum aus einer römischen Stadtgründung hervorgegangen, war sie im vierten nachchristlichen Jahrhundert aufgrund ihrer strategischen Nähe zu der bedrohten Nordgrenze kaiserliche Residenzstadt. Von dieser Blütezeit zeugen die imposante Konstantinbasilika, die Ruinen der Kaiserthermen und vor allem die berühmte Porta Nigra.

Passend zu ihrer historischen Rolle im Römischen Reich findet derzeit in Trier bis zum 27. November die Sonderausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ statt. Den thematischen Umfang der Schau machen schon die nackten Zahlen deutlich: Gezeigt werden an drei Standorten in rund 30 Ausstellungssälen auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern etwa 700 Exponate aus 130 Museen und 20 Ländern. Am Stadtmuseum Simeonstift bekommt der Besucher in „Das Erbe Roms“ die Nachwirkungen des Untergangs Roms auf die spätere Kunst vermittelt. Ausgestellt sind dort vor allem Gemälde, darunter das Hauptwerk des französischen Malers Thomas Couture, „Die Römer der Verfallszeit“ (1847). Ebenfalls beeindruckend sind Joseph-Noël Sylvestres knapp zwei Meter hohes Ölbild „Plünderung Roms durch die Barbaren 410“ (1890) und „Die Lieblinge des Kaisers Honorius“ (1883) des italienisch-britischen Malers John William Waterhouse, letzteres eine weit angereiste Leihgabe der Art Gallery of South Australia.

Das Museum am Dom widmet sich unter dem Titel „Im Zeichen des Kreuzes“ vor allem der archäologischen Auswertung der Trierer Nekropole St. Maximin und dem steigenden Einfluß des Christentums. Prunkstücke hier sind unter anderem ein Elfenbeinrelief mit der Darstellung einer Reliquienprozession sowie eine Goldscheibenfibel aus dem 7. Jahrhundert. Doch der Schwerpunkt findet sich mit der Hauptausstellung im Rheinischen Landesmuseum.

Hier führt die Ausstellung über die Zeit der Tetrarchie am Ende des dritten Jahrhunderts, als Kaiser Diokletian mit grundlegenden Reformen dem krisengeschüttelten Reich wieder Stabilität verleihen konnte. Unter den vielen beeindruckenden Exponaten fällt gleich der „Prachthelm von Berkasovo“ (Novi Sad) aus vergoldetem Silberblech ins Auge, ein eindrucksvoller Beleg des noch vorhandenen Reichtums dieser Zeit. Dem gegenüber evozieren die stark mit Patina überzogenen Hortfunde von Mittelstrimmig mit den materiell minderwertigen Folles genannten Münzen schon zwangsläufig den Bogen zur aktuellen Inflationserfahrung. Passend dazu folgt gleich darauf das in einem Papyrus festgehaltene Insidergeschäft eines Beamten, der der angekündigten Geldentwertung seines Kaisers durch Kaufanweisungen an einen Untergebenen entgegenwirken will: „Aber laß dir ja keine Schurkerei einfallen.“

Umfrage: „Steht uns heute wieder ein Untergang bevor?“

Dennoch, für Trier waren diese Zeiten gut, was nicht alleine die eingangs erwähnten Bauwerke beweisen. Seine weitreichende Attraktivität belegt auch der Grabstein des Azizos, der vom fernen Syrien aus nach Trier gezogen und dort auch gestorben ist. Dargestellt wird er als ein Beispiel antiker Migrationserfahrung, die aber in diesem Fall eigentlich eine Binnenwanderung ist.

Düstere Musik und dunkle Räume führen durch einen Vorhang zum Schlußakt, den 410 n. Chr. die Plünderung Roms durch die einst als Söldner aufgenommenen Goten einleitet. „Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“, wird der Kirchenvater Hieronymus zitiert. Auch hier zeigt sich der folgende Einschnitt in den Exponaten. Die hochwertige Glasproduktion geht zurück, Holz tritt an die Stelle von Ziegel und Stein, die einzigartige Trinkwasserversorgung bricht zusammen.

Der umfangreiche Katalog der Ausstellung umfaßt auch eine Reihe von Fachbeiträgen, die nicht allein die bis heute anhaltende Kontroverse über die Ursachen des Untergangs dokumentieren, sondern ebenso die keineswegs abgeschlossene Debatte, ob man anstelle eines „Untergangs“ nicht eher von einer Transformation sprechen müsse. Für die verschiedenen Pole steht zum einen der Althistoriker Roland Steinacher, der innerrömische Zerfallsprozesse für ausschlaggebend sieht, in denen die alten Eliten zu ihrem eigenen Vorteil die loyalistischen Bindungen zur Zentralmacht auflösten, zugunsten der germanischen Heerführer und so die Regionalisierung des Reiches vorantrieben. Dem wiederum entgegen hält Peter Heather die verschiedenen Wellen von Barbareneinfällen in der Völkerwanderung für entscheidend, die vertraglich als Föderaten angesiedelt, die Einheit des Reiches unterminierten, statt es zu stabilisieren.

1.500 Jahre nach dem Ende des Römischen Reiches: „Steht uns heute wieder ein Untergang bevor?“, fragt die Ausstellung im Simeonstift am Ausgang den Besucher, der hierüber mit einem Aufkleber Antwort geben kann. Progressive Geschichtspolitiker und -pädagogen muß es beunruhigen, daß bis Mitte Juli rund drei Wochen nach Beginn der Ausstellung die Mehrheit hierüber mit einem deutlichen „Ja“ abgestimmt hat.

Die Ausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ ist bis zum 27. November in Trier im Rheinischen Landesmuseum, Weimarer Allee 1, im Museum am Dom, Bischof-Stein-Platz 1, und im Stadtmuseum Simeonstift, Simeonstraße 60, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Katalog mit 465 Seiten und über 500 Abbildungen kostet in den Museen 29,90 Euro.

Telefon: 06 51 / 97 74 0

https://untergang-rom-ausstellung.de

Der Kaiser, der Rom schützende Grenzen setzte

Das historische Porträt: Kaiser Hadrian (76 – 138 n.Chr.)

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: In der Nachfolge römischer Kaiser hat es sich für die Prätendenten bisweilen als vorteilhaft erwiesen, zum Zeitpunkt des Ablebens des Amtsträgers in dessen Nähe zu sein. Als Kaiser Trajan auf dem Rückweg von einem Krieg gegen die persischen Parther nach schwerer Krankheit in Kilikien am 8. August 117 n. Chr. an der heutigen türkischen Südküste verstarb, erklärte dessen Gattin Plotina, der Verstorbene habe kurz zuvor noch auf dem Totenbett seinen Adoptivsohn Publius Aelius Hadrianus zum Nachfolger erklärt. Die syrischen Legionen, denen er als Befehlshaber vorstand, gaben den nötigen Nachdruck. Sicherheitshalber ließ Hadrian unmittelbar zur Absicherung seines Machtantritts einige Senatoren hinrichten, was ihn die Feindschaft dieser Kreise eintrug. Dennoch konnte er in den folgenden rund 20 Jahren seiner Herrschaft dem römischen Imperium relativ ungestört seinen prägenden Stempel aufdrücken und zu seinem Tod am 10. Juli 138 n. Chr. zu einem seiner bedeutendsten Kaiser aufsteigen.

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Geboren am 24. Januar 76 n. Chr. im spanischen Italica als Abkömmling römischer Kolonisten erfuhr er die frühzeitige Förderung durch seinen Vormund Trajan, einem Cousin seines Vaters. Erfahrungen auf zivilem und militärischem Gebiet sammelte er durch die übliche Ämterlaufbahn, während die Heirat mit einer Großnichte Trajans ihn enger an das Kaiserhaus band.

Nach geglückter Machtübernahme vollzog er aus seiner Erkenntnis, daß das Imperium in seiner bis dahin größten Ausdehnung die Grenzen seines Wachstums erreicht hat, eine historische Wende: „Hadrian gab Trajans Eroberungen im Osten – Armenien, Mesopotamien und Assyrien – wieder auf und konzentrierte sich darauf, das Reich zu einer lebensfähigen, gesicherten und blühenden Einheit zu machen.“ (Anthony Birley)

Die Phase militärischer Expansion war damit für Rom abgeschlossen. Konsolidierung war angesagt. Zumal es sich zeigte, daß es auch noch innerhalb des Reiches schwelende Zonen gab, die sich dem Zugriff der römischen Autorität zu entziehen suchten. So wuchs sich der zum Jüdischen Krieg ausgewachsene Bar-Kochba-Aufstand von 132 – 136 n. Chr. zu einem Konflikt aus, den der Kaiser nur unter größten Mühen zu seinen Gunsten beenden konnte. Ihm vorausgegangen war die verhängnisvolle Entscheidung Hadrians, auf den Trümmern des jüdischen Tempels in Jerusalem ausgerechnet ein Zeus-Heiligtum zu errichten; für die glaubensstarken Juden ein Frevel ohnegleichen.

Hadrian zeichnete sich auch durch eine Vorliebe für griechische Kultur und Philosophie aus, die er nach außen hin durch seinen Philosophenbart verdeutlichte. Anderen Quellen zufolge sollte der Bart, den er als erster Kaiser überhaupt trug, seine Gesichtsnarben verdecken. Seine Vorliebe für gutaussehende, junge Knaben fügte sich ebenfalls gut in die hellenistischen Traditionen ein. Schwer traf ihn der Verlust seines Favoriten Antinoos, der 130 n. Chr. im Nil ertrank.

In der Abfolge der Adoptivkaiser stand er an dritter Stelle; eine Einrichtung, die weniger eine Abkehr vom dynastischen Prinzip war als dem Fehlen kaiserlichen Nachwuchses. Er stand damit zusammen mit Trajan am Beginn einer bis zum Tod des Marc Aurel 180 n. Chr. andauernden Phase des Römischen Reiches, die der britische Historiker Edward Gibbon „ein goldenes Zeitalter“ nannte. Golden insofern, weil der Weisheit und zur Mäßigung verpflichtete Herrscher nach dem Wohl des Staates trachteten und sich so von der Tyrannis von Scheusalen wie Caligula, Nero oder Commodus abhoben.

Das Reich bereiste er wie vor ihm kein anderer Kaiser. Trotz des Friedens legte Hadrian großen Wert auf Drill und Disziplin der römischen Truppen. Da er alle Strapazen mit ihnen teilte, war ihm die Sympathie der Legionäre sicher. Seine Inspektionsreisen führten ihn nach Nordafrika, Griechenland, Ägypten, Germanien bis hinauf nach Britannien.

Auch als Baumeister machte er sich einen Namen, dessen Erbe bis in unsere Zeit überdauert. Die Ruinen seiner Residenz in der Nähe von Rom zeugen noch heute von üppiger Prachtentfaltung. Sein Mausoleum ging als Engelsburg zur schützenden Fluchtburg der Päpste über. Doch sein bedeutendstes Bauwerk ist zweifellos der Hadrianswall.

Im Zuge seiner Inspektionsreise nach Britannien zur Grenze des Reiches nach Kaledonien, dem heutigen Schottland, gab der Kaiser eine mehrere Meter hohe steinerne Mauer- oder Wallanlage in Auftrag – „um die Barbaren von den Römern zu trennen“ -, deren Bau von den dort stationierten Legionären 122 n. Chr. begonnen – kostengünstig, da ohnehin vom Staat besoldet – und nach zehn Jahren beendet wurde. Der Wall umfasst von der Nordsee an der Mündung des Tyne bis zur Irischen See am Solway Firth eine Länge von 118 Kilometern und sollte dem Dauerproblem der Übergriffe durch die Pikten ein Ende bereiten, „ein beeindruckendes Hindernis für jede unerlaubte Bewegung“ (Adrian Goldsworthy).

Die Anlage schirmte die Nordgrenze in Britannien für die nächsten 300 Jahre effektiv ab, bis die Römer von der Insel abzogen. Seine Funktion erfuhr von 142 n. Chr. an für 20 Jahre eine Unterbrechung, als Hadrians Nachfolger Antonius Pius die Grenze um rund 160 Kilometer nach Norden an die engste Stelle der britischen Insel zum Antoniuswall verschob. Der Hadrianswall bildete das zentrale Element eines engmaschigen Netzwerkes aus Kastellen und Lagern, von denen Vindolanda in der Nähe von Hexham das heute am besten erhaltene ist. In deren Umfeld entstanden zivile Siedlungen zur Unterstützung der Versorgung. Gesicherte Übergänge gaben den Römern die Möglichkeit operativer Eingriffe im Feindesland, das sie weit überblicken konnten.

Für die Archäologie stellt der Wall einen Glücksfall ohnegleichen dar. Bis heute fördern die Grabungskampagnen neue Funde ans Tageslicht. Zu den bedeutendsten zählen die Vindolanda-Tafeln, Schriftstücke auf Wachstafeln, die einen einzigartigen Einblick in den Alltag an der Grenze liefern.

Doch auch für den Tourismus auf der britischen Insel ist der Hadrianswall, der seit 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, von höchstem Wert, der jährlich Tausende von Besuchern anzieht. In diesem Jahr feiert der Wall den Jahrestag seines 1900jährigen Bestehens. Ein Anlaß, der von den zuständigen öffentlichen Institutionen mit einem umfangreichen Programm gewürdigt wird.

In den heutigen Zeiten unkontrollierter Massenmigration wird zuweilen die Behauptung erhoben, Grenzen wären ohne Bedeutung und könnten auch nicht geschützt werden. Gewiss sind Grenzen nicht unüberwindbar. Doch die Römer haben mit dem Hadrianswall unter Beweis gestellt, daß Grenzen durchaus erfolgreich gesichert werden können – vorausgesetzt dahinter steht eine Macht und ein Wille, dies überhaupt zu wollen.

Home – Hadrian’s Wall 1900 (hadrianswallcountry.co.uk)

Adrian Goldsworthy
Hadrian’s Wall
192 Seiten, 2018, engl.

Cancel Culture in Nordhessen

Es hat etwas Beklemmendes, einem wachen jungen Mann dabei zuzusehen, wie er sich gerade seine öffentlich-rechtliche Karriere verbaut. Aber es ist doch bewundernswert, wie leidenschaftlich er seinen „ganz krassen Freiheitsdrang“ lebt. (Die „Junge Freiheit“ über Nikolai Binner, Ausgabe 41-2021)

Nichts liegt dem notorischen HNA-Linksaußen Matthias Lohr mehr am Herzen als die Bekämpfung der Corona-Pandemie durch das Impfen. „Wir [können] nur durch das Impfen wieder als Gesellschaft zusammenkommen“, so Lohr in einem Beitrag auf seiner Facebookseite vom 30. Oktober 2021. Wer ein solch hohes Ziel setzt, dem kann der Abweichler nur ein Gräuel sein. Ein solcher Abweichler ist der junge Comedian Nikola Binner. Der hätte eigentlich mit seinem Programm „Grenzgang“ im Kasseler Theaterstübchen auftreten sollen.

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Doch daraus wird nichts. Einer jener unerträglichen Denunzianten hat via Twitter dafür gesorgt, daß der Betreiber dieser ehrwürdigen Kulturinstitution Markus Knierim den Auftritt kurzerhand absagte. Denn daß das Theaterstübchen „rechtsoffen“ sei, das wollte Knierim sich auf keinen Fall nachsagen lassen, wie Lohr in seinem Artikel „Der ‚Querleugner‘“ (HNA vom 26. Juli 2022) berichtet.

Der Ablauf ist wohlbekannt. Er funktionierte erst kürzlich bei der „Achse des Guten“, wo Werbepartner auf die gleiche Weise zum Absprung gedrängt wurden. Und er funktioniert auch, wie wir sehen, auf der Ebene der Provinz. Twitter vereint sie alle.

Bislang war Binner nur einer jener vielen Comedians, die sich nicht unbedingt durch Originalität vom Mainstream abhoben. Doch die vergangenen zwei Jahre der Corona-Pandemie müssen einiges in ihm zum Rutschen gebracht haben. Sein durchaus grenzüberschreitender Slogan „Impfen macht frei“ für Impfzentren in Anlehnung an die NS-Terminologie brachte Lohr besonders auf die Palme, weil sich dieser „gefährliche Schwachsinn“ gegen eine Maßnahme richte, „die unzählige Leben gerettet hat“.

Doch seine kritische Haltung gegenüber den Corona-Maßnahmen ist es nicht alleine, die ihn in das Visier spaßbefreiter Gesinnungswächter der political correctness stellt. Wer es schafft, in einem solchen Satz Annalena Baerbock, einen der grünen Lieblinge der Mainstreammedien, gemeinsam mit der Institution der Tagesschau zu verreißen, dem wird nie eine erfolgreiche Existenz außerhalb einer kleinen Nische zugestanden werden, dem wird niemals eine Einladung in die „heute-show“ zuteil: „Es kam heraus, daß man beim Lesen ihres Lebenslaufs öfter angelogen wird als bei zwei Minuten Tagesschau.“

Wer in diesem Vorgang einen Fall von Cancel Culture sieht, dem entgegnet HNA-Redakteur Lohr in seinem Kommentar, in welchem er die Absage des Theaterstübchens an Binner verteidigt: „Dabei ist das Canceln oft nur Widerspruch, mit dem jeder leben muss, der seine Meinung sagt.“ Das ist durchaus korrekt. Doch der Unterschied von Widerspruch und Cancel Culture liegt darin, daß letztes in ihrer aggressiven Nicht-Akzeptanz anderer Meinungen und Sichtweisen und den von ihnen auf anderen ausgeübten Druck eine existenzbedrohende Dimension annehmen kann. Das ist nichts anderes als das Brandmarken anderer Meinungen, für das es keinen besseren Begriff gibt als den der Denunziation. Es geht um nichts anderes als den Andersdenkenden auszugrenzen und ihn in seiner sozialen Existenz zu vernichten.

Binner scheint in diesem Fall noch Glück zu haben. Als Ersatz bot sich für diesen Freitagabend das „Savoy-nouvel“ in Schauenburg-Elgershausen an. Dessen Betreiber Dieter Jungermann wolle sich mit dem Auftritt ein eigenes Bild von Binner machen. Es kann gut sein, daß es gar nicht soweit kommt – weil die Antifa Lohrs Berichterstattung als Einladung auffassen könnte, hierbei ebenfalls die Gelegenheit für einen Auftritt in Elgershausen wahrzunehmen. Es würde uns nicht wundern, wenn Jungermann noch rechtzeitig umkippt.

Nikolai Binner Comedian & Autor – nikolaibinner.de

Der Vater der „Climate Fiction“ und die Apokalypse des Feuers

Es ist ein Sommer der Extreme. Fast nahtlos reiht sich auch 2022 in die Abfolge von Jahren ein, die nicht allein in Europa von extremer Trockenheit und Hitzewellen geprägt sind. Selbst das für sein gemäßigtes Klima bekannte Großbritannien meldete erstmals das Überschreiten der Temperatur von 40 Grad Celsius. Das benachbarte Irland hat mit 33,1 Grad den heißesten Tag seit Beginn der Aufzeichnungen vor 135 Jahren bekannt gegeben.

Die negativen Auswirkungen dieses Extremwetters sind neben den gesundheitlichen Auswirkungen auf den Menschen die Gefahren von Ernteausfällen und Großbränden. „Europa in Flammen“ überschreibt DIE WELT einen traurigen Rekord, „den Europa in diesem Jahr zu verzeichnen hat: Waldbrände haben innerhalb der Europäischen Union seit Jahresbeginn schon mehr vernichtet als im gesamten Jahr zuvor.“

Ob man nun an den menschengemachten Klimawandel „glauben“ will oder nicht, im klimatischen Gefüge unserer Welt zeichnet sich deutlich die Tendenz einer Änderung zum Schlechteren ab. Kaum verwunderlich, daß sich diese Entwicklung auch in der Literatur niederschlägt. Dystopien einer vom Klimawandel verheerten Welt haben Konjunktur. „Climate-Fiction“ ist der neue Name dieses der Literaturgattung der Science-Fiction untergeordneten Genres, in dem sich die Ängste und Gefahren des global warming widerspiegeln.

Aktuell finden sich entsprechende Titel wie „Die Erinnerung an unbekannte Städte“ von Simone Weinmann oder „Milchzähne“ von Helene Bukowski.
Doch so neu ist diese Form der Literatur nicht. In den 1960er Jahren setzte damit der Brite James Graham Ballard (1930 – 2009) den Grundstein für eine Karriere, die ihn zu den bekanntesten Schriftstellern seines Landes und darüber hinaus machte.

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Der Sturm aus dem Nichts“ (Storm-Wind, 1961) bildete den Anfang eines Reigens der Extreme, in denen er die Urgewalten als globale Katastrophen auftreten läßt: Ein wie aus dem Nichts entfesselter Supersturm zerstört die menschliche Zivilisation, die kein Entkommen findet. Ihm folgte „Karneval der Alligatoren“ (The Drowned World, 1962), in Deutschland einer der erfolgreichsten Roman Ballards, über eine in den Fluten einer globalen Schneeschmelze versunkene Welt. Danach erschien „Welt in Flammen“ (The Drought, 1965), in der die Menschheit in einer überhitzten Welt zugrunde geht. Für den Abschluß steht „Kristallwelt“ (The Crystal World, 1966), wo ausgelöst durch eine kosmische Quantenverschränkung vom westafrikanischen Dschungel aus sich alle Materie – egal ob leblos oder belebt – langsam in eine kristalline Struktur transformiert.

Alle vier Romane stehen für die Vier-Elemente-Lehre der griechischen Naturphilosophie, als die Stoffe, aus denen die Welt bestehen sollte: Luft, Wasser, Feuer und Erde.

Der Schweizer Verlag Diaphanes, der bereits seit einigen Jahren das Werk Ballards nach und nach neu aufgelegt hat, hat für Ende Oktober die Neuerscheinung von Ballards „Welt in Flammen“ unter dem Titel „Die Dürre“ angekündigt. Es ist ein Roman zur rechten Zeit.

„Welt in Flammen“ / „Die Dürre“ führt in eine Zukunft, in der durch die Umweltverschmutzung sich ein hauchdünner, aber unzerstörbarer Polymerfilm über die gesamten Wasseroberflächen gelegt hat, der die Verdunstung des Wassers unterbindet. Die Folgen sind desaströs. Der Wasserkreislauf ist unterbrochen; es fällt kein Regen mehr. Die Atmosphäre ist erfüllt von Trockenheit und Hitze:

„Regen! Ransom versuchte sich ins Gedächtnis zurückzurufen, was dieses Wort einmal bedeutet hatte und sah dabei zum Himmel auf. Die Sonne hing wie eine glühende Kugel über ihm, deren unerträglicher Glanz weder durch Wolken- noch durch Wasserdampfschleier gemildert wurde. Die ausgetrockneten Felder und Wiesen an beiden Ufern des Flusses lagen unter dem gleichen unbarmherzigen Licht wie unter einer riesigen Hitzeglocke, die alles zur Bewegungslosigkeit erstarren ließ.“

Die letzten Überlebenden fliehen zum Meer, wo sie sich Kühlung erhoffen. Auf dem dünnen Streifen zwischen Meer und Land dicht gedrängt richten sie sich mit Anlagen zur Wasserdestillation auf ein kümmerliches Überleben ein. Sand, Staub und Flugasche bedecken währenddessen die verlassenen Relikte der untergegangenen Zivilisation.

Der Plot des Romans begleitet Ballards Protagonisten Charles Ransom auf seinem Weg in dieser dystopischen Welt. Der Mediziner versucht so lange wie möglich in seinem Wohnboot an den Ufern eines verschlammten Flusses auszuharren. Marodeure suchen die Gegend heim. Seine Frau hat sich von ihm getrennt. Auch er macht sich schließlich gemeinsam mit vier weiteren Begleitern auf den langen Weg zur Küste durch eine von der Apokalypse des Feuers verzehrten Welt:

„Eine Stunde später gingen sie nebeneinander das ausgetrocknete Flussbett entlang, über das der Gluthauch der zahlreichen Feuer am Ufer wie ein heißer Wüstenwind hinwegblies. Der gesamte Horizont stand in Flammen, denn in den Außenbezirken der Stadt wüteten unvorstellbare Großfeuer. Larchmont brannte am Fluß, und das Feuer hatte auch die Bootshäuser erfaßt. Hoch über ihren Köpfen segelten Myriaden von glühenden Holzstückchen wie Glühwürmer vorbei und blieben auf den Feldern im Süden liegen, als sei der ausgetrocknete Boden jetzt ebenfalls in Brand geraten.“

Die surrealen Beschreibungen der von Hitze und Feuer verwandelten Landschaften, ihre Ursache in einer vom Menschen verursachten Umweltkatastrophe – all das legt den Schluß nahe, Ballard hätte mit „Welt in Flammen“ eine Warnschrift vor dem ökologischen Kollaps vorlegen wollen. Doch nichts lag ihm ferner, auch wenn in der Zeit der Entstehung des Romans erste Ängste vor den Folgen der Umweltzerstörung aufkamen, und Ballards Romane lassen durchaus eine Lesart zu, in der sich ein stückweit diese Ängste widerspiegeln.

Jedoch ging es ihm weniger um die gefährdete Ökologie unseres Planeten. Ballard war tief beeinflußt von den Surrealisten sowie den Psychoanalytikern Sigmund Freud und C. G. Jung, so daß

„keineswegs die abenteuerliche Bewältigung der diversen Katastrophen im Mittelpunkt [steht], sondern ein besonderes Mensch-Natur-Verhältnis, das vor diesem Hintergrund Ballards spezifische Vorstellungen einer individuellen, gesellschaftlichen und kosmisch-irdischen Devolution beleuchtet. Diese Naturkatastrophen liefern gleichsam das Bühnenbild, vor dem sich das folgende Drama entwickeln kann.“ (Klaus W. Pietrek)

Allen vier Romanen ist gemeinsam, daß es darin keine Rückkehr zu den alten Zuständen gibt. Doch überraschenderweise wehrte sich Ballard stets dagegen, daß seine Romane Geschichten von globalen Katastrophen ohne Happy Ends enthielten:

„Die Helden nehmen die besonderen Wandlungen freudig auf, wofür sie ihre eigenen psychologischen Gründe haben. Das sind Geschichten von ungeheuren psychischen Transformationen (…) und ich verwende diese äußere Transformation der Landschaft, um die innere Wandlung zu reflektieren und sie mit ihr zu verbinden, nämlich die psychologische Wandlung der Charaktere. Das ist das Thema dieser Romane: es sind Geschichten von Verwandlungen anstatt Katastrophengeschichten.“

Als diese vier Romane Ballards erschienen, befand sich die Science-Fiction in einer Krise. Trotz ihres visionären Gehalts konnte auch er ihr damit keine Impulse geben. Ballard blieb ein Solitär in diesem Genre, allerdings ein sehr erfolgreicher, der in den 1970er Jahren mit den als Einheit zu verstehenden, provokativen Romanen „Crash“ (1996 von David Cronenberg verfilmt), „Die Betoninsel“ und „Der Block“ (2015 unter dem Titel „High-Rise“ in den Hauptrollen mit Tom Hiddleston und Jeremy Irons verfilmt) noch mal für Furore sorgte.

Auch fast 60 Jahre nach der Erstveröffentlichung ist „Welt in Flammen“ ein Roman, der keineswegs an Reiz verloren hat und den die Klimafrage aktueller denn je macht. Vielleicht kann seine Neuauflage in der heutigen Science-Fiction eine Rückbesinnung herbeiführen auf Stoffe, die uns mehr zu erzählen haben, jenseits der modernen Weltraummythen von Star Wars und Star Trek.

J.G. Ballard
Welt in Flammen
Heyne Verlag

175 Seiten, 1978
J.G. Ballard
Die Dürre

Diaphanes
VÖ 27.10.2022, 224 Seiten

18,- Euro

Gescheitert an sich selbst – aufgefangen vom System

Neben dem Schlagwort von der „Lügenpresse“ ist auch sehr oft von der artverwandten „Lückenpresse“ die Rede. Damit ist die von vielen Medien angewandte Manipulationstechnik gemeint, durch das Auslassen eines oder mehrerer wesentlicher Sachverhalte beim Leser bzw. Zuschauer einen bestimmten Eindruck zu hinterlassen. Das Interview der HNA mit Volker Beck in der Ausgabe vom vergangenen Donnerstag (21.07.2022) könnte man durchaus hier einordnen.

HNA-Redakteur Matthias Lohr interviewte den früheren Bundestagsabgeordneten der Grünen und heutigen Präsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft zum Dauerbrenner antisemitischer Kunstwerke auf der Documenta 15. An dieser Stelle soll es ausdrücklich nicht um den Inhalt dieses Interviews gehen, sondern um die Person Becks selbst und seine biographische Kurzbeschreibung durch die HNA.

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Quelle: HNA vom 21.07.2022

Zutreffend erwähnt die Kurzbiographie den Vorfall, als Beck im Sommer 2016 im Besitz der Droge Crystal Meth von der Polizei festgenommen wurde. Die ermittelnden Beamten kamen Beck durch die Observierung einer Dealerwohnung auf die Spur. Offenbar bewegte sich der Abgeordnete reichlich selbstsicher in einem zwielichtigen Milieu, von dem sich jeder Normalbürger schon der Eigensicherung wegen fernhält. Der Fall wurde gegen die Zahlung von 7000 Euro eingestellt, ein Betrag, der für einen langjährigen Mandatsträger wie Beck ein Klacks sein dürfte. Die WELT bezeichnete dieses den Konsumenten schnell zerstörende „Teufelszeug“ als die Partydroge der schwulen Szene: „Crystal Meth putscht auf, macht geil, spiegelt Größe vor – der Konsument fühlt sich wie ein Übermensch.“

Für Beck, der in Fragen der Moral die Meßlatte anderen gegenüber schon immer sehr hoch gehangen hat, führte der Vorfall zu einem jähen Karriereeinbruch, denn selbst für seine grünen Parteifreunden war hier eine Grenze überschritten. Er verlor alle seine öffentlichen Ämter, wollte jedoch auf das lukrative Bundestagsmandat nicht verzichten.

Die WELT meinte seinerzeit: „Wenn einer wie Beck, der so viel zu verlieren hatte, es wagt, höchstselbst in die Wohnung eines polizeibekannten Berliner Dealers zu gehen, dann sind dem Profi offenbar die Maßstäbe verrutscht.“

Der Irrtum dieser Annahme liegt jedoch darin, daß Beck für sich persönlich nie jemals so etwas wie aus einem bürgerlichen Wertekanon gebildete Maßstäbe vertrat, und genau hier kommen wir zu dem wesentlichen Punkt, der in der Kurzbiographie der HNA über Beck komplett unter den Tisch fällt.

1988 steuerte Beck zu dem Machwerk „Der pädosexuelle Komplex“ einen Text bei, in dem er unter anderem die kühne These aufstellte: „Eine Entkriminalisierung der Pädosexualität ist angesichts des jetzigen Zustandes ihrer globalen Kriminalisierung dringend erforderlich.“

Der Text blieb lange Zeit unterhalb der medialen Wahrnehmungsschwelle. Erst im Zuge der Aufarbeitung der grünen Verstrickungen in pädophile Strukturen vor ca. zehn Jahren wurde Beck wieder davon eingeholt. Beck behauptete dabei stets, sein Text sei vom Herausgeber sinnentstellend verfälscht worden. Recherchen der SPIEGEL entlarvten jedoch diese Schutzbehauptung als Lüge:

In der Affäre um die pädophilen Verstrickungen der Grünen hat der Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck die Öffentlichkeit jahrelang hinters Licht geführt. SPIEGEL-Recherchen im Archiv der Heinrich-Böll-Stiftung belegen, dass ein Manuskript aus dem Schwulenreferat der grünen Bundestagsfraktion, dessen Referent Beck war, nahezu identisch ist mit einem Gastbeitrag Becks für das Buch „Der pädosexuelle Komplex“.

Becks Position war seinerzeit noch derart gefestigt, daß er diese Affäre unbeschadet überstand. Über moralisches Kapital hatte Beck noch nie verfügt. Warum die Deutsch-Israelische Gesellschaft ausgerechnet ihn zu ihrem Vorsitzenden machte, kann nur aus dem Fortbestehen seines für ihre Zwecke wertvollen, politischen Netzwerkes oder der zunehmenden Bedeutungslosigkeit dieser Organisation erklärt werden. Die Besetzung von Vereinsspitzen mit zweit- und drittrangigen Politikern ist ohnehin gängige Praxis. Es ist dennoch wie ein letztes Auffangnetz, in einer Republik, in der es hingegen einen schwereren Karrierekiller darstellt, unangenehme Fakten über Zuwanderung auszusprechen oder gar an die Existenz lediglich zweier biologischer Geschlechter zu erinnern.

Aber warum verschweigt die HNA diesen nicht gerade unwichtigen Punkt um Becks Verstrickung in den „pädosexuellen Komplex“? Einerseits könnte hier mit Platzmangel argumentiert werden. Andererseits ist HNA-Redakteur Lohr schon immer durch eine auffallende Sympathie vor allem für das grüne Segment des politischen Spektrums aufgefallen, mit einem besonderen Wohlwollen für die, die dort bereits sehr weit am linken Rand stehen, wie seine Berichterstattung über die in Dresden vor Gericht stehende mutmaßliche Linksextremistin Lina E. hinreichend beweist.

Wie auch immer, die Leser der HNA sollten auch an diese Seite von Volker Beck erinnert werden. Das hilft, um jede Wortmeldung dieser „moralischen Lichtgestalt“ dahin einzuordnen, wo sie hingehört: In den Orkus des Vergessens.

Wehe uns, wenn man der Moderne den Stecker zieht

Steht uns in Deutschland ein Winter des Missvergnügens bevor? Das durch den Ukraine-Krieg ausgelöste Zusammenspiel von Sanktionen gegen den Aggressor Russland und seinem Erpressungspotential läßt uns ängstlich auf die entscheidende Achillesferse unserer modernen Industriegesellschaft blicken: unsere ausreichende Versorgung mit bezahlbarer Energie. In weniger als einem halben Jahr klopft der Winter an unsere Tür, und niemand vermag heute zu sagen, ob bis dahin die Gasspeicher wieder gefüllt sein werden, geschweige denn, ob ihr Inhalt noch für breite Bevölkerungsschichten bezahlbar sein wird.

Was sich hier anzukündigen droht, ist ein Albtraumszenario. Die von den Grünen und ihrer Gefolgschaft in den Mainstreammedien befeuerte Debatte um den angeblichen Klimakollaps hat in den vergangenen Jahren eine Energiewende befördert, die uns in direkte und gefährliche Abhängigkeit eines einzelnen Lieferanten von Erdgas beförderte, weil andere fossile Energieträger wie Kohle zur Absicherung unsicherer Lasten aus Wind und Sonne für unerwünscht erklärt wurden.

Doch wie könnte sich dieses Szenario in Real ausgestalten? Im Genre des Techno-Thrillers war es der Österreicher Marc Elsberg, der hierzu eines der überzeugendsten Ergebnisse abgeliefert hat: „Blackout – Morgen ist es zu spät“. Auch zehn Jahre nach seinem Erscheinen ist es auf dem Buchmarkt ein Bestseller in Millionenauflage, dem die aktuelle Krise eine unerwartete Aktualität beschert hat.

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Es ist November in Europa. Ohne Vorwarnung bricht in Westeuropa das gesamte Stromnetz zusammen. Niemand kann sich auf die Ursache einen Reim machen. Bis der freischaffende Programmierer und Hacker Piero Manzano in den Smart Metern, der inzwischen trotz Bedenken von Datenschützern als Standard verbauten Stromzählern, merkwürdige Steuerungsbefehle entdeckt, die dort nicht hineingehören. Ein Verdacht keimt auf: Ist es das Werk von Terroristen? Oder probt hier eine auswärtige Macht einen Cyberangriff in einer bislang nie dagewesenen Dimension?

Während Ermittler von Interpol und der Polizeibehörden den Tätern hinterherspüren, sind die Behörden am Rande ihrer Möglichkeiten, die öffentliche Ordnung und Versorgung mit den notwendigsten Gütern aufrecht zu erhalten. Kassensysteme sind tot, Geldautomaten spucken kein Geld aus, selbst die Benzinförderung an Tankstellen ist nicht mehr möglich, weil auch sie nur über Strom funktioniert. Ellsbergs drastische, aber gut recherchierte Schilderungen lassen den Leser in tiefe Abgründe blicken:

„Gerade bei der Milchproduktion stehen wir in den kommenden Tagen vor einer wahren Katastrophe., die wir nur bedingt aufhalten können. Wer von Ihnen auf dem Land aufgewachsen ist oder einmal mit seinen Kindern Urlaub auf dem Bauernhof gemacht hat, kennt vielleicht das Muhen der Kühe am Morgen, wenn ihre Euter voll sind und gemolken werden wollen. Genau das tun sie in all jenen Ställen mittlerweile, die nicht mehr mit Energie versorgt werden. Diese Kühe sind zum Milchproduzieren gezüchtet, sie geben bis zu vierzig Liter am Tag. Stellen Sie sich die Euter dazu vor. Und vergegenwärtigen Sie sich als nächstes, dass diese Euter seit zwei Tagen nicht gemolken wurden. Die Landwirte können nur einen kleinen Bruchteil von ihnen mit den Händen erleichtern. Alle anderen leiden unter übervollen Drüsen. Selbst wenn wir die betroffenen Unternehmen in den kommenden Stunden mit Notstromgeneratoren ausrüsten, wird die Hilfe für viele zu spät kommen. Millionen werden an ihren geschwollenen Eutern unter ohrenbetäubendem Brüllen qualvoll sterben. Denn für Notschlachtungen in diesem Ausmaß fehlen uns Mittel und Personal.“

Doch dabei bleibt es nicht. Leiser, aber für die Nahrungsmittelproduktion nicht weniger gefährlich, ist der Systemausfall in der industrialisierten Gemüse- und Obstzucht. Ebenso vom Ausfall betroffen sind die Trinkwasserversorgung und die Entsorgung des anfallenden Abwassers:

Stellen Sie sich ein Hochhaus vor, in dem niemand mehr seine Toilette benutzen kann, aber es trotzdem tun muss.“

Die Gefahr von Seuchen steigt, auch weil Müll nicht entsorgt wird. Besonders prekär wird die Situation für die Schwächsten der Gesellschaft, Krankenhauspatienten und die wie in einer „Todesfalle“ sitzenden Bewohner von Alten- und Pflegeheimen:

„Künstliche Ernährung funktioniert nicht, wie auch alle anderen Geräte, etwa zur künstlichen Lebensverlängerung. Die Küche fällt aus, die Versorgung mit Lebensmitteln insgesamt, ebenso die mit Wasser. Reinigung von Pyjamas und Bettwäsche wird unmöglich, die hygienischen Zustände werden auch hier schnell untragbar. Die Heizungen fallen aus, und binnen weniger Stunden erkalten die Räume. Viele der Insassen können sich nicht mehr von allein bewegen. Auch hier funktionieren die Fahrstühle nicht mehr, eine Verlegung wird kompliziert. Wie die Ärzte können Teile des Personals ihren Arbeitsplatz nicht erreichen. Die Verbliebenen sind völlig überfordert.“

Und dabei bleibt es noch lange nicht! Die Story erfährt eine dramatische Zuspitzung, nachdem die von langer Hand manipulierte Steuerungssoftware etliche Kraftwerke am Hochfahren hindert. Aber auch im heruntergefahrenen Zustand sind Atomkraftwerke auf die ständige Kühlung ihres Brennstoffs angewiesen, um eine Kernschmelze zu verhindern. Zwar verfügen diese hierfür über dieselbetriebene Notfallsysteme, doch der Nachschub fällt im sich ausbreitenden Chaos aus. Einer der daraus resultierenden Störfälle hat die radioaktive Verseuchung des französischen Rhone-Tals zur Folge.

In weniger als 14 Tagen sind in Elsbergs Plot die staatlichen Ordnungen Europas reif für den Zusammenbruch. Die Menschen fallen in anarchische Zustände, in denen sie sich am Gut anderer selbstbedienen. Recht und Gesetz werden seitens der wie abwesenden Staatsmacht nicht mehr durchgesetzt.

Als Urheber des Cyber-Angriffs läßt Elsberg eine Terrorgruppe von postmodernen Fanatikern und Anarchisten auftreten, die ihre Utopie einer neuen, antikapitalistischen Ordnung auf den Trümmern und Leichenbergen der alten Welt Wirklichkeit werden lassen wollen. Hierin ist Ellsberg wirklich sehr vorausschauend gewesen. Denn wer wollte ausschließen, daß die Jünger der Klimasekte aus „Bündnis Letzte Generation“ und „Fridays for Future“ zu noch ganz anderen Mitteln greifen werden, wenn sie mit ihren infantilen Exzessen aus Klima-Hüpfen und Festkleben auf Fahrbahnen nicht mehr weiterkommen?

Allein der Computerwurm Stuxnet (2010) und die russischen Cyberangriffe auf Estland 2007 haben die Verwundbarkeit technischer Netzwerke spektakulär vorgeführt. Und wie bereits lokale Katastrophen einen Zivilisationskollaps auslösen können, kann eingehend am Wirbelsturm Katrina (2005) studiert werden. Insofern ist Ellsbergs „Blackout“ auch in der unwahrscheinlichen Zuspitzung eines annähernd globalen Ereignisses näher an den Realitäten als uns lieb sein kann. Doch es sollte dabei keineswegs außer Acht gelassen werden, daß es allein schon die sogenannte Energiewende ist, die unsere Versorgungssysteme für Störungen anfällig werden lassen.

Elsberg traf mit seinem Thriller offenbar einen Nerv, selbst sogar in Fachkreisen, mit denen er darüber immer wieder ins Gespräch kommt. Der Autor selbst machte bislang aus seiner Enttäuschung keinen Hehl, wenig mehr bewegt zu haben als ein Bewußtsein für die Thematik geschaffen zu haben.

Dem geweckten Bewußtsein sollten andere Taten folgen, als den staatlichen Institutionen blind zu vertrauen, mit den Herausforderungen einer teils selbst geschaffenen Energiekrise fertig zu werden. Schaffen Sie sich Notfallvorräte an, wie Kerzen und Zündhölzer, ebenso einen großen Kanister voll Wasser für die Klospülung. Auch ein Kurbel-Radio kann dann bessere Dienste leisten als jedes Smartphone. Und vor allem: Lesen Sie Marc Elsbergs „Blackout“.

Marc Elsberg
Blackout – Morgen ist es zu spät
2012; 832 Seiten; 12,00 Euro

Das Klima-Hochamt auf dem Holländischen Platz

Nun ist es endlich soweit: Nach Berlin hat auch in Kassel jene neue Form des Öko-Protestes Einzug gehalten, wonach Klima-Aktivisten sich auf dem Belag von Hauptverkehrsstraßen mit Sekundenkleber festkleben, um ihrem Anliegen durch Blockade des Verkehrs öffentlich Nachdruck zu verschaffen. So geschehen am vergangenen frühen Montagabend auf dem Holländischen Platz, Richtung Kurt-Wolters-Straße.

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Wer die Lokalität kennt, der weiß um die Wirkung. Der Platz ist einer der Hauptverkehrsknotenpunkte der Stadt, dessen Situation temporär durch die Teilsperrung der Hafenstraße verschärft ist. Rund eineinhalb Stunden wurde so der Verkehrsfluß unterbrochen, bis es Polizisten unter Anwendung von Olivenöl endlich gelang, die Aktivisten von der Fahrbahn zu entfernen. Der ohnehin ungesunde urbane Streßlevel dürfte bis dahin bei einigen der betroffenen Autofahrer neue Höhen erreicht haben.

Live dabei waren auch Pressevertreter. So auch von der HNA, die am Folgetag die Aktion gekonnt auf der Titelseite in Szene setzten. Ein Bild zeigt die Aktivisten aus der Rückenperspektive frontal gegen den stillstehenden Verkehr, passenderweise an vorderster Front ein schwarzer SUV, dem wohl wichtigsten Hassobjekt aller Ökobewegten – einfach ausgedrückt, in Anlehnung eines alten Commie-Spruchs: Alle Räder stehen still, wenn dein auf der Fahrbahn klebender Arm es will.

Ausschnitt HNA-Titelseite vom 24.05.2022

Die Anwesenheit der HNA-Journalisten am Ort wird wohl kaum zufällig gewesen sein. Naheliegend dürfte eine zeitnahe Information an die Redaktion vorgelegen haben. Und ebenso wenig wird es dem Zufall geschuldet sein, daß es sich bei dem Berichterstatter um Matthias Lohr handelt, der schon immer dadurch unangenehm aufgefallen ist, daß er seinen Journalistenberuf für seinen Linksaktivismus mißbraucht. Da ist eine solche Aktion ein gefundenes Fressen für ihn. Was wir hier erleben, ist eine perfekt orchestrierte Inszenierung, von der sich jemand wie Lohr nur allzu gerne vereinnahmen läßt. Es stellt sich allerdings die Frage, ob ein solches Zusammenwirken nicht den Tatbestand der Unterstützung zur Nötigung erfüllt.

An seiner Sympathie für die Aktivisten läßt Lohr jedenfalls keinen Zweifel. In der Kolumne „Standpunkt“ auf der Titelseite stellt er die Überlegung an, ob das Anliegen des Klimaschutzes „jede Form zivilen Ungehorsams rechtfertigt“. Seine Argumentation läuft auf ein lauwarm-distanziertes „Nein, aber…“ hinaus, an dessen Ende dann allerdings doch der Freibrief steht, in dem er eine aus seiner privaten Webseite wohlbekannte Phrase ins Spiel wirft: „Es könnte sein, dass uns unsere Enkel fragen, wo wir denn waren, als die Letzte Generation protestierte, um ihnen eine bessere Welt zu hinterlassen.“

Warum nennen sich die Aktivisten „Bündnis Letzte Generation“? Weil sie der tiefen Überzeugung sind, der letzten Generation anzugehören, die noch den angeblich unvermeidlichen Klimakollaps verhindern kann. Es ist ein wahnhafter Anspruch, dem durchaus etwas Narzisstisches anhaftet. Konsequent zu Ende gedacht ist der Übergang vom passiven Widerstand zum Terrorismus nur noch ein gradueller.

Allerdings können die „Ökosavonarolas“ (Heinz Hug) nicht behaupten, daß ihre Proteste keine Wirkung zeigten. Ihnen ist es mit zu verdanken, daß in den vergangenen Jahren eine fahrlässige Energiepolitik betrieben wurde, die nicht nur unsere industrielle Substanz angreift, sondern uns in eine höchst gefährliche Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen gebracht hat.

Halten wir uns an dieser Stelle auch noch folgendes vor Augen: Wir erleben hier mit HNA-Redakteur Matthias Lohr den Vertreter einer Zeitung in Aktion, die gegen alle Vernunft den Bau und Betrieb eines vollkommen überflüssigen Regionalflughafens in Calden promotete. Ein Flughafen, der nur deswegen keine klimaschädliche Wirkung entfalten konnte, weil der Flugbetrieb bislang extrem weit hinter den Erwartungen liegt. Hier werden tagtäglich öffentliche Gelder verbrannt, aber kein Kerosin. Und doch, wenn die Redakteure dieser Zeitung in einem einig sind, dann in der Beschwörung der Gefahren des „menschengemachten Klimawandels“, denn: „Kaum ein Wissenschaftler wird bestreiten, wie ernst die Lage ist.“ – Schizophrenie pur.

Wer alt genug ist, dem weckt die einseitige, geradezu ins Hysterische gesteigerte Fixierung auf das Klimathema Erinnerungen an die 1980er Jahre, die dominiert waren von Waldsterben, Giftstoffen und Atomangst. Auch damals war vor allem in der Jugend die pessimistische Grundstimmung überwiegend, einer Generation mit beschränkter Perspektive anzugehören. Und heute rasen die Angehörigen dieser Generation mit dem SUV durch immer noch nicht gestorbene Wälder und wählen als Ablaß die Grünen, während ihre Kinder freitags für das Klima die Schule schwänzen.

Was würde eigentlich passieren, wenn man den Aktionen dieser Öko-Sektierer in den Mainstreammedien in der gleichen Weise begegnen würde wie den zu „Covidioten“ und „Coronaleugnern“ verunglimpften Kritikern der Corona-Maßnahmen und den Skeptikern der Corona-Impfungen? Wie auch immer, den „wahrhaft Gläubigen“ des Bündnis Letzte Generation sei ein Aphorismus des Historikers Karlheinz Weißmann entgegengehalten: „Die Weltuntergangspropheten sind über ihre eigenen Voraussagen ziemlich alt geworden.“

Unterdessen berichtet die „Junge Freiheit“ auf ihrer Onlineseite, daß ein Manager der britischen Großbank HSBC vom Dienst suspendiert wurde. Sein Vergehen: Er verspottete auf einer Konferenz die Angst vor dem Klimawandel – „es gebe „immer irgendeinen Verrückten“, der das „Ende der Welt“ prophezeie. „Nicht fundierte, laute, parteiliche, eigennützige, apokalyptische Warnungen“ stimmten nie.


Zwei Buchempfehlungen zum Thema, zwar etwas älter, aber inhaltlich nach wie vor gültig:

Heinz Hug
Die Angsttrompeter: Dioxin im Frühstücksei, Pestizide überall und trotzdem leben wir immer länger. Die Wahrheit über die Gefahren aus der Umwelt
Gebundene Ausgabe, 360 Seiten, 2006
Dirk Maxeiner & Michael Miersch
Lexikon der Öko-Irrtümer 
Taschenbuch, 494 Seiten, 2000

R.I.P. Vangelis (1943 – 2022)

Der Grieche Evangelos Odysseas Papathanassiou wurde unter seinem Künstlernamen Vangelis weltberühmt als Komponist für die Soundtracks so bedeutender Filme wie „Chariots of Fire“, „Blade Runner“ oder „1492 – Die Eroberung des Paradieses“. Am 17. Mai ist Vangelis im Alter von 79 Jahren in Paris verstorben. Aus diesem Anlaß hier ein Beitrag über diesen Pionier der Elektronischen Musik, den ich 2016 für die JUNGE FREIHEIT geschrieben habe.

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© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. www.jungefreiheit.de 40/16 / 30. September 2016

Walzer tanzen auf Tschuri
Kosmisches Zusammenspiel: Die ESA beendet ihre Weltraummission der Rosetta-Sonde / Zeitgleich veröffentlicht der Erfolgskomponist Vangelis seine gleichnamige Sinfonie
Daniel Körtel

Sie ist eine der spektakulärsten Missionen der Europäischen Raumfahrtagentur ESA: die 2004 gestartete Raumsonde Rosetta zum Kometen Tschurjumow-Gerassimenko – Kurzform: „Tschuri“ –, auf dem im November 2014 die von ihr abgekoppelte Tochtersonde Philae landete. Drei Tage lieferte Philae Daten von dem eisigen Himmelskörper, dann brach wegen der nachlassenden Energieversorgung der Kontakt zu dem in einem Spalt festsitzenden Landemodul ab. Ein dauerhafter Kontakt konnte seitdem nicht mehr hergestellt werden.

Ein besonders aufmerksamer Beobachter der Mission war der Komponist Vangelis, auf den Astronomie und Weltraum seit jeher eine starke Faszination ausüben. Kurz vor dem geplanten Finale, wenn Rosetta aus seinem Orbit um „Tschuri“ in einem kontrollierten Sinkflug am 30. September auf die Oberfläche des Kometen treffen soll, veröffentlicht der Künstler in Kooperation mit der ESA mit der Sinfonie „Rosetta“ seine musikalischen Eindrücke dieses wissenschaftlichen Abenteuers.

In 13 Sätzen interpretiert Vangelis die einzelnen Phasen des kosmischen Zusammenspiels von Rosetta und „Tschuri“ und charakterisiert die einzelnen Protagonisten: ob von den ersten Takten an, die die Annäherung von Rosetta an den Kometen signalisieren, dem turbulenten „Philae’s Descent“, dem leichtfüßigen Walzer für Rosetta („Mission Accomplie“), der Dramatik im sonnennächsten Bahnpunkt des Kometen – dem „Perihelion“–, ein trauriges Klagelied für Rosettas Ende, bevor das geheimnisvolle „Return to the Void“ den Kometen mit seinen zwei verstummten Passagieren in die leeren Weiten des Alls verabschiedet – Gänsehautgefühle sind dem Zuhörer garantiert.

Doch wer ist der öffentlichkeitsscheue „Man of Mystery“ mit der ungeheuren physischen Präsenz und dem Rauschebart, der auf ein beachtliches künstlerisches Lebenswerk von mehr als fünfzig Jahren zurückblickt und dem zu Ehren passenderweise 1995 ein Asteroid benannt wurde? Vangelis wurde am 29. März 1943 in Velos an der griechischen Ostküste unter dem Namen Evangelos Odysseas Papathanassiou geboren. Bereits ab dem Alter von vier Jahren erwies er sich als ein musikalisches Wunderkind, das schon mit sechs Jahren vor großem Publikum seine eigenen Kompositionen vorstellte. Instinktiv entfaltete sich sein Naturtalent, das sich jedoch in keine Form pressen ließ.

Perfekte Symbiose von Film und Musik

In den sechziger Jahren machte er Griechenland mit der Popmusik vertraut. Dem Druck der griechischen Militärdiktatur ausweichend, ging Vangelis 1968 nach Frankreich, wo er gemeinsam mit seinem Landsmann Demis Roussos (1946–2015), dem späteren Schlagerstar, die Band Aphrodite’s Child gründete und mit Beat und Progressive Rock mit einem Schuß mediterranem Folk ersten internationalen Ruhm erntete. Kurz vor der Auflösung der Band 1972 setzte der Keyboarder mit seinen Kompositionen zu dem zum Kultalbum avancierten „666“ – eine epische Vertonung der Johannes-Apokalypse – neue Maßstäbe.

Aphrodite’s Child – The Four Horsemen (video)

Der Erfolg von Aphrodite’s Child beförderte Vangelis in die glückliche Lage, losgelöst vom engen Korsett der Plattenfirmen, die Musik zu kreieren, die ihm gefiel. Das optimale Instrument seiner Wahl war der Synthesizer, ein noch junges Werkzeug. Es folgten erste Instrumentalkompositionen für Konzept-Alben und Filmmusiken für Natur-Dokumentationen. Die siebziger Jahre sind das Jahrzehnt der elektronischen Musik, und Vangelis avanciert neben Tangerine Dream und Jean-Michel Jarre zu einem ihrer bedeutendsten Vertreter.

Zum internationalen Durchbruch verhalf Vangelis das Musikstück „Chariots of Fire“ für das Sportlerdrama „Die Stunde des Siegers“. Unerwartet erhielt der Komponist 1982 den Oscar für die beste Filmmusik. Die Melodie ist bis heute ein weltweit populärer Dauerläufer, der immer wieder zu sportlichen Anlässen gespielt wird. Hier zeigte sich der Künstler als Pionier, dem die perfekte Symbiose von Film und Musik gelang. Mit seinen Synthesizern erweiterte er die Grenzen, die den klassischen Orchestern gesetzt waren, mit denen Hollywood bislang traditionell arbeitete. Diesen Stil führte er fort mit seiner Arbeit zu Ridley Scotts „Blade Runner“ (1982), einem dystopischen Film noir, dessen düstere Atmosphäre Vangelis gelungen akzentuierte. Auch hier konnte der Soundtrack über cineastische Kreise hinaus bis heute eine außerordentliche Popularität entfalten.

Blade Runner • Main Theme • Vangelis

Doch mit dem zunehmenden Erfolg ging Vangelis immer deutlicher auf Distanz zur kommerziellen Musik-industrie, der er die Etablierung einer Massenkultur auf Kosten der Qualität vorhielt und deren Produkte er mit akustischer Umweltverschmutzung verglich. Entsprechend hielt er sich mit der Veröffentlichung von Soundtracks für den Musikmarkt zurück und schlug viele Angebote aus, um nicht als „Fabrik für Filmmusiken“ zu verkümmern.

Und doch war es wieder ein Soundtrack, der seine vermutlich beste Leistung wurde und sogar „Chariots of Fire“ übertraf. 1992 komponierte er wieder in Zusammenarbeit mit Ridley Scott für dessen Kolumbus-Biographie „1492 – Die Eroberung des Paradieses“ den Soundtrack, verwoben mit zahlreichen Einflüssen ethnischer Musik, eine Spezialität Vangelis’. Kurioserweise wurde der kommerzielle Erfolg des Soundtracks nachträglich drei Jahre später weit übertroffen, als der Boxweltmeister Henry Maske die Titelmelodie zu seiner Ring-Fanfare erwählte. Der Soundtrack stieg zum Millionenhit auf, der allein in Deutschland bis dahin von keinem anderen Titel übertroffen wurde!

1492: Conquest of Paradise • Main Theme • Vangelis

Aus seinem Synthesizer zaubert der „griechische Tasten-Magier“ kontemplative Harmonien bis sakral-mystische Klangräume, die ganze Kathedralen ausfüllen können. Ihnen gemeinsam ist die elektronische Signatur, die stets auf ihren herausragenden Schöpfer verweist.

Kein Mensch kommt als unbeschriebenes Blatt auf die Welt. Hochbegabungen wie die von Vangelis werden in die Wiege gelegt und können von keinem noch so progressiven Bildungssystem herangezogen werden. „Große Musiker sind nicht groß, weil sie studieren. Sie sind groß, weil sie groß sind!“ – so die Begründung des Autodidakten und Freigeistes Vangelis, warum er bereits als Kind jede formale Musikausbildung ablehnte. Noten lesen und schreiben kann Vangelis bis heute nicht.

Und doch hat Vangelis der modernen Musikwelt seinen prägenden Stempel aufgesetzt. Oft wird er mit dem Maler El Greco (1541–1614) verglichen. Seitdem dieser seine kretische Heimat verließ, um im Ausland seine Schaffenskraft zu entfalten, hat kein Grieche einen solchen kulturellen Einfluß ausgeübt wie der Musiker Vangelis.

Vangelis Rosetta Decca (Universal Music), 20 16 www.universal-music.de

Vangelis (1943 – 2022)

Was gibt es da zu feiern?

„immer noch, nach den drei jahren, zittert unter den arbeitern, höre ich allgemein, die panik, verursacht durch die plünderungen und vergewaltigungen nach, die der eroberung von berlin folgten. … nach dem kampf durchzogen betrunkene horden die wohnungen, holten die frauen, schossen die widerstand leistenden frauen und männer nieder, vergewaltigten vor den augen von kindern, standen in schlangen an vor häusern usw.“- Bert Brecht

Selten zuvor standen die traditionellen Moskauer Feierlichkeiten zum 9. Mai, dem Gedenken zum Sieg Sowjetrusslands über Nazideutschland 1945, so im Interesse der Weltöffentlichkeit wie in diesem Jahr. Kreml-Astrologen suchten in der Rede Putins nach irgendwelchen Hinweisen über sein weiteres Vorgehen in der Ukraine oder gar nach versteckten Friedenshinweisen. Andere betonten den Propagandacharakter des Ereignisses, um das Russische Volk „in der Spur zu halten“ zur Fortsetzung des Krieges, mit dem Ziel der vermeintlichen „Entnazifizierung der Ukraine“, die in eine Linie mit dem „Großen Vaterländischen Krieg“ gestellt wird. Dieses Narrativ ist von besonderer Bedeutung, stellt doch der Große Vaterländische Krieg die Russen, wie zum Trost über die entsetzlichen Verheerungen des Stalinismus, auf die Seite der Guten.

Aber es gibt einen nicht unwesentlichen Aspekt in der Kriegsführung der Roten Armee, der dieses Narrativ in Frage stellt, und der angesichts der Gräueltaten russischer Soldaten in der Ukraine heute erneut von besonderer Aktualität ist: Die Massenvergewaltigung von Frauen durch Rotarmisten.

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Zuletzt war es 2013 ausgerechnet ein polnischer Kunststudent, der Danziger Jerzy Szumczyk, der mit seiner Skulptur „Frau, komm!“ die Empörung der russischen Regierung provozierte. Nur wenige Stunden in der Nacht, die die Skulptur ohne jede Genehmigung neben einem russischen Weltkriegs-Ehrenmal stand, reichten aus für eine weltweite Aufmerksamkeit. Nicht alleine deutsche Frauen waren die Opfer solcher Kriegsverbrechen; ebenso wurden solche in allen von der Roten Armee eroberten Länder Osteuropas verübt. Der russische Historiker Dmitrij Chmelnitzki schätzt aber allein die deutsche Opfergruppe als die größte auf etwa zwei Millionen.

Skandalskulptur „Frau, komm“ (Quelle: dailymail.co.uk)

Nicht allein in Russland, auch in Deutschland selbst wurde um das Thema ein Tabu errichtet. Auch hierzulande gilt der Sieg der Sowjetunion über Deutschland als „Befreiung von der Nazi-Diktatur“. Werden die Massenvergewaltigungen erwähnt, so werden diese üblicherweise mit Hinweis auf den deutschen Vernichtungskrieg gegenüber dem Osten relativiert.

Erst 2009 hatte der frühere Hamburger Wissenschaftssenator Ingo von Münch (* 1932) mit der Veröffentlichung seines Buches „‘Frau, komm!‘ Die Massenvergewaltigung deutscher Frauen und Mädchen“ für Furore beim Thema gesorgt. Als Angehöriger des etablierten Politikbereichs und der Erlebnisgeneration wurde sein tiefes Interesse durch die Bekanntschaft mit Opfern geweckt. Sein Buch dokumentiert ausgiebig zahlreiche authentische Berichte in teils grausigen Details über die erlebten Schändungen und die brutale Vorgehensweise der Rotarmisten. Widerstand war in der Regel zwecklos und konnte für das Opfer tödlich enden. Selbst anwesende Kinder waren kein Hindernisgrund und wurden oft genug ebenfalls vergewaltigt oder getötet.

Von Münch ging auch der Motivation der Rotarmisten auf den Grund. Naheliegend waren es Haß- und Rachegefühle, die die Männer antrieben sowie die Einstellung, eine Art „Volksgericht“ über den Feind und seine Zivilbevölkerung auszuüben. Auch wenn ein spezifischer offizieller Befehl, der diese Verbrechen legitimierte, nicht vorlag, so kommt von Münch zu der Feststellung, daß „die sowjetische politisch-psychologische Kriegsführung mit ihrer Hasspropaganda gegen die Deutschen (eben nicht nur gegen ‚die Faschisten‘ oder gegen ‚die deutschen Soldaten‘) den Boden die Gewalttaten bereitete“. Berühmt berüchtigt sind hier die mit Billigung der obersten Führung verbreiteten Tötungs- und Vergewaltigungsaufrufe eines Ilja Ehrenburgs. Daß sich damit auch der humanistische Anspruch der von den Sowjets vertretenen kommunistischen Ideologie restlos entwertete, sei hier nur am Rande bemerkt.

Das Schweigen darüber betraf Opfer- wie Täterseite. Die Verletzung des Intimbereichs, die persönliche und totale Demütigung – teils auch der eigenen Männer, die gezwungen waren, hilflos und ohnmächtig zuzusehen – waren derart traumatisch, daß vor tiefer Scham hiernach kaum ein Gespräch darüber geführt werden konnte. Erst der Erlebnisbericht „Eine Frau in Berlin“ der „Anonyma“ von 1954 gab den in Vergessenheit zu geratenen Opfern eine vielbeachtete Stimme. Es sollte bis 2008 dauern, bis es zur Verfilmung des Stoffes kam, bezeichnenderweise angereichert mit einer Schmonzette der Protagonistin mit einem Sowjet-Offizier, die in real nie stattfand.

Inhaltlich konnte gegen von Münchs Werk nichts entgegengesetzt werden. Seine Person ist als anerkannter Jurist und FDP-Politiker kaum in das revisionistische Lager einzuordnen. Kritik erhob sich vielfach, weil das Buch im österreichischen Ares Verlag erschien, der für seine rechtskonservativen Publikationen bekannt ist. Von Münch entgegnete dieser Kritik mit dem Hinweis, daß sich in Deutschland kein Verlag fand, der dieses „heiße Eisen“ anzufassen wagte. Auch heute noch müssen in aller Regel Erlebnisberichte aus dieser Zeit im Selbstverlag erscheinen.

Es war absehbar, daß die Wirkung von „Frau, komm!“ bei weitem nicht ausreichen würde, das Schicksal der Massenvergewaltigungen deutscher Frauen im kollektiven Gedächtnis und Gedenken der Deutschen zu verankern. Aber vielleicht werden die russischen Kriegsverbrechen in der Ukraine wenigstens bewirken, daß diesem Thema wieder eine erhöhte Aufmerksamkeit zuteilwird. Denn es liegt sehr nahe, zwischen den russischen Verbrechen damals und heute ein gemeinsames Muster zu erkennen.

European Parliament accuses Russia of using rape as weapon of war

Ingo von Münch
Frau, komm!
Die Massenvergewaltigungen deutscher Frauen und Mädchen 1944/45
208 Seiten, 2009,
19,90 Euro