Solidarität ist eine Illusion der Linken

Nicaragua ist nur ein kleiner Flecken auf der Karte Mittelamerikas. Und doch entwickelte sich dieser kleine Staat in den 1980er Jahren zu einem heißen Hot Spot des Kalten Krieges. Nachdem 1979 die Guerilleros der Sandinisten den von den USA unterstützten Diktator Somoza vertrieben hatten, etablierten diese ihre Version eines an Kuba und der Sowjetunion angelehnten Regimes. Der Versuch des abgewirtschafteten Kleinstaates, eine sozialistische Utopie zu verwirklichen, wurde auch zur Projektionsfläche zahlreicher Linker in Westdeutschland. Von hier aus zog es Freiwillige dorthin, um beim Aufbau dieser Utopie behilflich zu sein. Nicaragua war ein Dauerbrenner in den Nachrichten, vor allem seit die von den USA unterstützten Contras ihrerseits einen Guerillakrieg gegen das neue Regime entfesselten, und die CIA sogar den Hafen der Hauptstadt Managua verminten. Im DDR-Fernsehen wiederum leiteten die Moderatoren einer Unterhaltungsshow mit einer ausdrücklichen Warnung an den Westen ein: „Finger weg von Nicaragua!“

Dies ist der historische Hintergrund für den Roman „Liebe und Revolution“ des Schriftstellers Jörg Magenau, in welchem er 40 Jahre später im Rahmen einer tragischen Liebesgeschichte die unerfüllten Sehnsüchte und enttäuschten Hoffnungen der Linken seiner Zeit reflektiert. Jahrgang 1961 und sozialisiert im linken Milieu, weiß Magenau genau, worüber er schreibt.

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Protagonist seines Romans ist der Mittzwanziger Paul. Aus kleinbürgerlichen Verhältnissen in der bundesrepublikanischen Provinz stammend, zieht es ihn zum Studium nach Westberlin. Hier lernt er Beate kennen und lieben. Doch über eine Liebschaft kommt ihr Verhältnis nicht hinaus, aus dem sich Beate wortlos zurückzieht.

Weniger aus politischer Überzeugung denn als aus Flucht vor der eigenen Antriebslosigkeit, „der eigenen Unfähigkeit“, zieht es ihn zu einem Arbeitseinsatz in das revolutionäre Nicaragua. Aus den angestrebten sechs Wochen in einer Freiwilligen-Brigade – Wahlspruch: „Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker“ – werden sechs Monate. Überschattet wird die Zeit durch die Entführung der Paul nahestehenden Brigadistin Sigrid durch Contra-Rebellen mit unbekanntem Verbleib. In der Beschreibung der Verhältnisse vor Ort verzichtet Magenau auf jede verklärende Revolutionsromantik:

„Ein Campesino, beschattet von einem riesengroßen, runden Strohhut, prügelte auf seinen Esel ein, der das Gehen verweigerte. Er lebte wohl in einer der Hütten, die gelegentlich am Straßenrand auftauchten, mitten in der Wildnis, ohne Strom, mit nichts als einem Brunnen oder einer Quelle allzu weit weg und mit ein paar mageren Tieren. Wer Glück hatte, gehörte zu einer der bäuerlichen Genossenschaften, die im Zuge der Revolution entstanden waren, die aber nur selten rentabel arbeiteten. Und wenn er ehrlich war, wusste Paul nicht, ob die Campesinos nicht sogar lieber einzeln und arm blieben, anstatt sich in so eine Gemeinschaft zu begeben. Müssten sie das nicht als Niederlage, als Eingeständnis ihrer Schwäche empfinden?“

Zurückgekehrt nach Berlin heuert Paul ausgerechnet beim amerikanischen Sender RIAS als Redaktionsassistent an. Und in einem merkwürdigen Zusammentreffen der Zeitläufe begegnet er an dem so historisch bedeutsamen Abend des 9. November 1989, dem Tag des Mauerfalls, als er an der bröckelnden Mauergrenze die hereinströmenden Massen beobachtet, erstmals wieder auf Beate. Für Paul wird es eine Begegnung wie ein „innerer Mauerfall“.

Was Magenaus Roman so auszeichnet, ist die detaillierte Kenntnis und Wiedergabe des Denkens der linken Jugend der 1980er Jahre. So deckt er in den Streitgesprächen seiner Protagonisten die Bruchlinien und Webfehler ihrer ideologischen Wunschvorstellungen auf. Besondere Authentizität erfährt der Roman durch die Milieuschilderungen, wie der als „Einholen“ verharmloste Ladendiebstahl. Und holt Vergessenes hervor, das für manchen lieber im Verborgenen bliebe: So dürfte es der taz mehr als peinlich sein, wenn Magenau daran erinnert, daß das linksalternativen Kampfblatt seinerzeit Millionenbeträge für Waffenverkäufe nach El Salvador sammelte.

Und Nicaragua? So viel sei verraten, die Aufbauarbeit der freiwilligen Brigaden war vergeblich und von vornherein zum Scheitern verurteilt. Nachdem er 1990 durch die liberale Violeta Barrios de Chamorro abgelöst wurde, kehrte der Sandinist Daniel Ortega 2006 in das Präsidentenamt zurück und etablierte seine bis heute bestehende Form der autokratischen Herrschaft, wie man sie aus den Bananenrepubliken Mittelamerikas gewohnt ist. Magenau schreibt schonungslos:

„Vielleicht ist es weder der Schlaf noch der Traum, der die Monster gebiert, sondern die Schlaflosigkeit, die Nervosität, der Argwohn, die Überreiztheit. Wie sonst würde es zu erklären sein, dass Daniel Ortega sich im Lauf der Jahrzehnte vom Revolutionär im Präsidentenamt in einen feisten, kleinen Diktator verwandeln würde, der all das verkörpert, was die Sandinisten einst zu bekämpfen angetreten waren, als müsse ein Naturgesetz vollstreckt werden, das festschreibt, dass einer die frei gewordene Stelle besetzt, die ein gestürzter Tyrann hinterlässt, und, indem er diese Leerstelle füllt, dann allmählich dessen Gestalt annimmt und sich selbst in so ein uniformiertes Monster verwandelt, wie es die Schlaflosigkeit hervorbringt. Wenn es stimmt, was Marx behauptet hat, dass alle geschichtlichen Tatsachen und Personen sich zweimal ereignen, zuerst als Tragödie und dann, in der Wiederholung, als Farce, dann wäre Somoza die Tragödie und Ortega die Farce. Wer an der Macht ist, ist irgendwann nur noch an der Macht, um die Macht zu verteidigen. Dann darf er keinen Moment in erholsamen Schlaf sinken, weil er von Verrätern umzingelt ist. Das Volk jedoch, von dem Paul so begeistert sang, träumte seine eigenen Träume. Aber es waren eben nur Träume, weil niemand auf der Welt die Geschichte – noch nicht einmal die eigene – besitzen kann.“

Jörg Magenau
Liebe und Revolution
304 Seiten, 2023
24,- Euro