„Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 33/22 / 12. August 2022

„Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“
Ausstellung: Drei Museen in Trier beleuchten das Ende des Römischen Reiches
Daniel Körtel

In weniger als 150 Jahren, nachdem Konstantin der Große nach der langen Krisenphase der Soldatenkaiser das Römische Reich noch einmal zu imperialer Größe trieb, setzte der germanische Warlord Odoaker 476 n. Chr. den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus ab. Dem vorausgegangen war ein langer Abstieg in Agonie. Demographische Veränderungen, Bürgerkriege und wirtschaftlicher Verfall führten in eine selbstzerstörerische Abwärtsspirale, der die schwindende kaiserliche Zentralgewalt nichts mehr entgegenzusetzen wußte. Damit war das Römische Reich nach rund 1.200 Jahren in seiner Westhälfte zusammengebrochen.

Weiterlesen

Über den Kreis der Historiker hinaus geht auch nach mehr als 1.500 Jahren von diesem Ende eine ungebrochene Faszination aus, versucht jede Generation neue Antworten auf die Frage nach den tieferen Ursachen zu finden und vor allem, ob sich Parallelen zur Gegenwart finden lassen. Als Hauptursachen wurden wie Moden und Projektionen ihrer Zeit vor allem der Aufstieg des Christentums erhoben, der Einfall der Barbaren in der Völkerwanderung und vor allem die Dekadenz der späten Römer. Zuletzt rückte Kyle Harper in „Fatum“ (2020) die gravierenden Auswirkungen der spätantiken Klimaverschlechterung und Epidemien in den Mittelpunkt.

Wenn es eine Stadt in Deutschland gibt, die eng mit dieser schicksalsträchtigen Phase verbunden ist, dann ist es die Moselstadt Trier. Um die Zeitenwende als Augusta Treverorum aus einer römischen Stadtgründung hervorgegangen, war sie im vierten nachchristlichen Jahrhundert aufgrund ihrer strategischen Nähe zu der bedrohten Nordgrenze kaiserliche Residenzstadt. Von dieser Blütezeit zeugen die imposante Konstantinbasilika, die Ruinen der Kaiserthermen und vor allem die berühmte Porta Nigra.

Passend zu ihrer historischen Rolle im Römischen Reich findet derzeit in Trier bis zum 27. November die Sonderausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ statt. Den thematischen Umfang der Schau machen schon die nackten Zahlen deutlich: Gezeigt werden an drei Standorten in rund 30 Ausstellungssälen auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern etwa 700 Exponate aus 130 Museen und 20 Ländern. Am Stadtmuseum Simeonstift bekommt der Besucher in „Das Erbe Roms“ die Nachwirkungen des Untergangs Roms auf die spätere Kunst vermittelt. Ausgestellt sind dort vor allem Gemälde, darunter das Hauptwerk des französischen Malers Thomas Couture, „Die Römer der Verfallszeit“ (1847). Ebenfalls beeindruckend sind Joseph-Noël Sylvestres knapp zwei Meter hohes Ölbild „Plünderung Roms durch die Barbaren 410“ (1890) und „Die Lieblinge des Kaisers Honorius“ (1883) des italienisch-britischen Malers John William Waterhouse, letzteres eine weit angereiste Leihgabe der Art Gallery of South Australia.

Das Museum am Dom widmet sich unter dem Titel „Im Zeichen des Kreuzes“ vor allem der archäologischen Auswertung der Trierer Nekropole St. Maximin und dem steigenden Einfluß des Christentums. Prunkstücke hier sind unter anderem ein Elfenbeinrelief mit der Darstellung einer Reliquienprozession sowie eine Goldscheibenfibel aus dem 7. Jahrhundert. Doch der Schwerpunkt findet sich mit der Hauptausstellung im Rheinischen Landesmuseum.

Hier führt die Ausstellung über die Zeit der Tetrarchie am Ende des dritten Jahrhunderts, als Kaiser Diokletian mit grundlegenden Reformen dem krisengeschüttelten Reich wieder Stabilität verleihen konnte. Unter den vielen beeindruckenden Exponaten fällt gleich der „Prachthelm von Berkasovo“ (Novi Sad) aus vergoldetem Silberblech ins Auge, ein eindrucksvoller Beleg des noch vorhandenen Reichtums dieser Zeit. Dem gegenüber evozieren die stark mit Patina überzogenen Hortfunde von Mittelstrimmig mit den materiell minderwertigen Folles genannten Münzen schon zwangsläufig den Bogen zur aktuellen Inflationserfahrung. Passend dazu folgt gleich darauf das in einem Papyrus festgehaltene Insidergeschäft eines Beamten, der der angekündigten Geldentwertung seines Kaisers durch Kaufanweisungen an einen Untergebenen entgegenwirken will: „Aber laß dir ja keine Schurkerei einfallen.“

Umfrage: „Steht uns heute wieder ein Untergang bevor?“

Dennoch, für Trier waren diese Zeiten gut, was nicht alleine die eingangs erwähnten Bauwerke beweisen. Seine weitreichende Attraktivität belegt auch der Grabstein des Azizos, der vom fernen Syrien aus nach Trier gezogen und dort auch gestorben ist. Dargestellt wird er als ein Beispiel antiker Migrationserfahrung, die aber in diesem Fall eigentlich eine Binnenwanderung ist.

Düstere Musik und dunkle Räume führen durch einen Vorhang zum Schlußakt, den 410 n. Chr. die Plünderung Roms durch die einst als Söldner aufgenommenen Goten einleitet. „Was bleibt noch heil, wenn Rom untergeht?“, wird der Kirchenvater Hieronymus zitiert. Auch hier zeigt sich der folgende Einschnitt in den Exponaten. Die hochwertige Glasproduktion geht zurück, Holz tritt an die Stelle von Ziegel und Stein, die einzigartige Trinkwasserversorgung bricht zusammen.

Der umfangreiche Katalog der Ausstellung umfaßt auch eine Reihe von Fachbeiträgen, die nicht allein die bis heute anhaltende Kontroverse über die Ursachen des Untergangs dokumentieren, sondern ebenso die keineswegs abgeschlossene Debatte, ob man anstelle eines „Untergangs“ nicht eher von einer Transformation sprechen müsse. Für die verschiedenen Pole steht zum einen der Althistoriker Roland Steinacher, der innerrömische Zerfallsprozesse für ausschlaggebend sieht, in denen die alten Eliten zu ihrem eigenen Vorteil die loyalistischen Bindungen zur Zentralmacht auflösten, zugunsten der germanischen Heerführer und so die Regionalisierung des Reiches vorantrieben. Dem wiederum entgegen hält Peter Heather die verschiedenen Wellen von Barbareneinfällen in der Völkerwanderung für entscheidend, die vertraglich als Föderaten angesiedelt, die Einheit des Reiches unterminierten, statt es zu stabilisieren.

1.500 Jahre nach dem Ende des Römischen Reiches: „Steht uns heute wieder ein Untergang bevor?“, fragt die Ausstellung im Simeonstift am Ausgang den Besucher, der hierüber mit einem Aufkleber Antwort geben kann. Progressive Geschichtspolitiker und -pädagogen muß es beunruhigen, daß bis Mitte Juli rund drei Wochen nach Beginn der Ausstellung die Mehrheit hierüber mit einem deutlichen „Ja“ abgestimmt hat.

Die Ausstellung „Der Untergang des Römischen Reiches“ ist bis zum 27. November in Trier im Rheinischen Landesmuseum, Weimarer Allee 1, im Museum am Dom, Bischof-Stein-Platz 1, und im Stadtmuseum Simeonstift, Simeonstraße 60, täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Der Katalog mit 465 Seiten und über 500 Abbildungen kostet in den Museen 29,90 Euro.

Telefon: 06 51 / 97 74 0

https://untergang-rom-ausstellung.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.