Der Ort der Veranstaltung konnte kaum geeigneter sein. Am vergangenen Donnerstag lud der Vellmarer Literaturverein „Ecke und Kreis e.V.“ in die Ahnatalschule zur Lesung des Romans „Die Ausweichschule“ von Kaleb Erdmann ein. Das von der Literaturkritik hochgelobte Buch schaffte es im vergangenen Jahr in die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Sein Thema ist der Amoklauf des 19jährigen Robert Steinhäuser am Erfurter Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002 – heute vor genau 24 Jahren -, der 16 Menschen das Leben kostete, einschließlich dem Amokschützen. Das spektakuläre Ereignis traf auf eine Gesellschaft, die durch die islamistischen Attentate von 9-11 wenige Monate zuvor ohnehin tief verunsichert war und sollte der Auftakt zu einer Reihe ähnlich blutiger Taten an Schulen werden. Amerikanische Verhältnisse, für die schon ikonisch der Amoklauf an der Columbine High School von 1998 steht, schienen nun auch in Deutschland angekommen.
Zu Beginn seiner Lesung war Erdmann eine Klarstellung wichtig. Ihm zufolge ginge es ihm nicht um einen weiteren Beitrag zur Aufarbeitung des Erfurter Amoklaufes: „Ich schreibe über das Schreiben“, so Erdmann über seinen „Meta-Roman“, in welchem er einen namenlosen Autoren in der Perspektive des Ich-Erzählers mit dem Versuch eines eigenen literarischen Zugang zur Erinnerung an das Ereignis kämpfen und scheitern läßt. Gemeinsam mit seinem Protagonisten ist bei Erdmann die biographische Überschneidung im Zusammenhang mit dem Amoklauf. Erdmann war seinerzeit in der fünften Klasse des Gutenberg-Gymnasiums. Der Titel „Die Ausweichschule“ rührt daher, daß die Schüler zur Behandlung ihrer traumatischen Erlebnisse auf andere Quartiere verteilt wurden.

Mit seiner gut ausgebildeten Sprechstimme trug Erdmann einzelne Passagen seines Romans vor, in denen sein Protagonist seiner Erinnerung an das Ereignis und dessen lebenslanger Folgen nachspürt. Sei es durch einen Dramatiker in Bamberg, der es zeitgeistgerecht zu einem Bühnenstück über einen rechtsextremen Gewalttäter verarbeitet, obwohl sich Steinhäusers Motive aus einem „irren Nihilismus“ speisten. Oder einem früheren Klassenkameraden, zu dem er Kontakt aufnimmt. Geradezu surreal wirkt jene Szene, die sich nach Erdmanns Recherchen tatsächlich so zugetragen hat, als während des Trauergottesdienstes im Erfurter Dom die, abseits von denen für die Opfer abgestellte, symbolische Kerze für Steinhäuser immer wieder vom Wind ausgeblasen wird.
Seiner Favoritenposition zum Trotz ist Erdmann am Ende – zum großen Bedauern der Vellmarer Buchhändlerin Katharina Engelhardt – beim Deutschen Buchpreis leer ausgegangen. Doch immerhin ist sein literarischer Erinnerungsversuch in Erfurt positiv aufgenommen worden. Eine Erfahrung, die er der Publizistin Ines Geipel weit voraushat. Für ihren halbfiktionalen Bericht „Für heute reicht’s“ (2004), auf den Erdmann in seinem Roman ebenfalls eingeht, wehte ihr seinerzeit der zornig-kalt vorgetragene Widerspruch der Erfurter entgegen.
„Gibt es überhaupt einen guten Grund, eine Katastrophe in Kunst zu verwandeln?“, läßt Erdmann seinen Protagonisten fragen. Eine abschließende Antwort konnte auch der Abend nicht liefern.

Kaleb Erdmann
Die Ausweichschule
perk x ullstein
304 Seiten, 2025
22,- Euro
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