Herakleios (575 – 641 n. Chr.)
Es war eine höchst bemerkenswerte Szene, die sich am 21. März im Jahr 630, dem Gründonnerstag, zu Jerusalem zutrug: 16 Jahre, nachdem es von den Sassaniden als Beutegut in ihr persisches Stammland verschleppt wurde, entkleidet von all seinen Status entsprechenden Ornat, trug der oströmische Kaiser Herakleios nach dem Vorbild des Heilands persönlich auf seinen Schultern das Heilige Kreuz Christi, die bedeutendste Reliquie der Christenheit, zurück an seinen Platz in der Jerusalemer Grabeskirche auf den Golgatha-Hügel. Damit setzte er den Schlußpunkt unter einen jahrelangen Krieg, der das Oströmische Reich nahe an den Zusammenbruch führte. Selten hat ein christlicher Herrscher einen größeren Triumph errungen im Kampf gegen einen „ungläubigen“ Feind. Die Botschaft dieses Festaktes war unmißverständlich: Am Ende ist immer der siegreich, der den Gott der Christen auf seiner Seite hat. Herakleios schrieb sich damit zu einem der bedeutendsten Kaiser in die Geschichtsbücher Ostroms ein. Und doch braute sich im Augenblick dieses Triumphes jenseits der östlichen Grenzen des Reiches eine Gefahr zusammen, der selbst Herakleios nicht mehr gewachsen war. Doch der Reihe nach.

602 putschte sich der Armeeoffizier Phokas auf den Kaiserthron in Konstantinopel. Der Verantwortung für das Reich und den Herausforderungen durch die äußere Bedrohungslage nicht gewachsen, kompensierte dieser seine Unfähigkeit durch die Etablierung eines despotischen Schreckensregimes, wie man es bis dahin in Konstantinopel nicht kannte. Inmitten dieser Krise, als auf dem Balkan die Awaren und Slawen heranrückten und der Nahe Osten und Kleinasien von Persien aus aufgerollt wurden, erhob sich aus dem abgelegenen Exarchat von Karthago die Opposition unter dem Statthalter Herakleios dem Älteren. Selbst zu alt, um nach dem kaiserlichen Purpur zu greifen, schickte der greise Herakleios seinen Sohn gleichen Namens mit der Flotte nach Konstantinopel aus.
Diese nahm die Hauptstadt keineswegs im Sturm, sondern auf Umwegen, währenddessen zweifellos konspirativ der Boden für den Umsturz vorbereitet wurde, der sich schließlich im Oktober 610 vollzog. Phokas wurde abgesetzt und vor Herakleios gebracht. Es entspannte sich ein historisch bemerkenswerter Dialog zwischen beiden, der vor allem vieles über Phokas Nervenstärke verrät im Angesicht seines bevorstehenden Endes:
„Wie hast du das Reich regiert?“, so die vorwurfsvolle Frage Herakleios.
Phokas schlagfertige Antwort: „Wirst du es besser machen?“
Phokas unmittelbarer Tod war nicht weniger grausam als das, was er seinen Opfern zukommen ließ. Und wieder bestätigte sich an diesem blutigen Machtwechsel die Regel, wonach das Oströmische Reich „eine durch Mord und Totschlag gemäßigte, absolutistische Monarchie“ gewesen ist.
Wie sehr Herakleios in seiner außergewöhnlichen Erscheinung die Hoffnungen des Volkes auf eine Rettung des Reiches verkörperte, vermittelt der britische Historiker John Julius Norwich in seiner epischen Byzanz-Monographie:
„Im Vollbesitz seiner Kraft, gerade sechsunddreißig Jahre alt, den dreifachen Triumph von Eroberung, Heirat und Krönung an einem einzigen Tag noch voll auskostend, muß Herakleios am Montagabend des 5. Oktober 610 wie eine Art Halbgott erschienen sein, als er, seine ebenfalls strahlende Frau am Arm, mit seiner blonden Mähne und der breiten Brust aus dem Großen Palast trat.“
(„Byzanz – Der Aufstieg des oströmischen Reiches“, John Julius Norwich)
Überraschenderweise ließ Herakleios mit dem Gegenschlag gegen die Perser lange auf sich warten. Offenbar war seine schwach legitimierte Position an der Spitze dafür keineswegs sicher genug, zumal die inneren Verhältnisse für eine rasche Reaktion gegen den äußeren Feind zu zerrüttet waren.
Nach Ausschaltung der Konkurrenten nahm Herakleios eine Reform der korrupten Verwaltung und des darniederliegenden Heeres in Angriff. Selbst in alte Besitzstände wurde eingegriffen. So wurde die kostenlose Getreidespende an die Hauptstädter als die bedeutendste Transferleistung abgeschafft.
Das oströmische Militär wurde in den vom Feind unbesetzten Gebieten Kleinasiens auf eine vollkommen neue Grundlage gestellt. An die Stelle der unzuverlässigen Söldnerheere traten an ein erbliches Lehnsgut gebundene Soldatenbauern (Stratioten), die bei Bedarf zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Diese waren bestimmten „Themen“ genannte Bezirke zugeordnet. Für die nächsten Jahrhunderte sollte diese Themenverfassung das militärische Rückgrat des Reiches bilden. Ihre Aushöhlung durch die Großgrundbesitzer sollte später den Niedergang des Reiches einläuten.
Derweil gingen Syrien, Jerusalem und Ägypten an die Perser verloren, der Balkan bis hinunter zur Peleponnes fiel in die Hände von Awaren und Slawen. In der Zuspitzung der Krise überlegte der Kaiser sogar die Verlegung der Hauptstadt in das abgelegene Karthago, was auf entschiedenen Widerstand in seiner Umgebung stieß. Herakleios verpflichtete sich zur Treue gegenüber Konstantinopel, forderte aber im Gegenzug der Stadtbevölkerung ein Höchstmaß an Opferbereitschaft ab.
Mehr als zehn Jahre nach seiner Krönung ging Herakleios 622 endlich in die Offensive. Erstmals seit mehr als 200 Jahren zog ein Kaiser an der Spitze des von ihm persönlich gedrillten und vorbereiteten Heeres dem Feind entgegen und trug den Krieg tief in das persische Kernland. Und Herakleios ließ es sich nicht nehmen, im persönlichen Einsatz selbst in die Schlacht zu treten.
Herakleios beließ es nicht bei Drill und technischen Verbesserungen. Was die Moral seiner Truppen auf der ideologischen Ebene entscheidend hob: Dieser Feldzug war ein heiliger Krieg gegen die persischen „Feueranbeter“, der erste Kreuzzug, rund 500 Jahre bevor die Kreuzritter aus Westeuropa ins Heilige Land zogen. Dazu passte auch, daß die Kirche aus freien Stücken ihre Schätze dem verarmten Staat zur Verfügung stellte.
Und im Angesicht der Gefahr war Beistand von höchster Stelle mehr als nötig. Denn in der Zwischenzeit drohte tief im Inneren des Reiches der Fall von Konstantinopel. Vermutlich nach einer gemeinsamen Absprache nahmen im Sommer 626 von Norden die Awaren und von Osten die Perser die Hauptstadt am Bosporus in einen tödlichen Zangengriff. Ihre Bewohner verließen sich nicht allein auf die Sicherheit hinter der hervorragenden Theodosianischen Mauer, sondern stellten ihre Stadt zusätzlich unter den Schutz der Gottesmutter, deren geheiligte Marienikone vom Patriarchen Sergios auf der Mauerkrone mit Blick zum Feind entlang getragen wurde.
Doch egal, ob himmlischer Beistand mit im Spiel war, am Ende entschied die oströmische Flotte das Spiel. Ihr Einsatz verhinderte das Übersetzen der in Belagerungstechniken versierten Perser auf das europäische Festland. Die feindlichen Heere rückten ab. Konstantinopel war gerettet.
Das konzertierte Vorgehen der Oströmer mit den aus dem Kaukasus vorgehenden Türken setzte die Perser weiter unter Druck. Mit der Verwüstung der zoroastrischen Feuertempel übten die Oströmer Vergeltung für Jerusalem. Im Dezember 627 kam es endlich zum entscheidenden Sieg Herakleios in der Schlacht bei Ninive am Tigris. Kurz darauf kollabierte die Herrschaft des persischen Großkönig Chosrau II., der zuvor noch Herakleios als seinen „elenden, törichten Sklaven“ verhöhnt hatte. An dessen Stelle trat vorübergehend sein Sohn Kavadh II., der seinen Vater gewaltsam aus dem Weg räumte.
Die Perser, am Ende ihrer Kräfte, traten in Friedensverhandlungen ein, an deren Ende 630 die Wiederherstellung des Status Quo vor Ausbruch des Krieges stand. Die besetzten Gebiete wurden geräumt, das Heilige Kreuz zurückgegeben.

Das Byzantinische Reich schien wieder fast so gut dazustehen, wie zuletzt unter Kaiser Justinian (527 – 565) während seiner größten territorialen Ausdehnung. Doch noch während Herakleios das Kreuz nach Jerusalem trug, zog sich auf der arabischen Halbinsel ein unerwarteter Sturm zusammen, der die geopolitischen Verhältnisse vollkommen auf den Kopf stellen sollte.
Nachdem der Prophet Mohammed 632 verstarb, trugen bereits im Folgejahr seine Nachfolger das grüne Banner des Islam mit dem Schwert in die Welt. Als erstes fielen das Sassanidenreich und die Herrschaft der Byzantiner über den Nahen Osten. Die Schlacht am Jarmuk 636 markierte einen historischen Einschnitt, nach der Ostrom die Herrschaft über die Levante für immer aufgeben mußte. 637 fiel Jerusalem, 639 sogar die reiche Kornkammer Ägypten.
Der von den Entbehrungen des Krieges vorzeitig gealterte Kaiser, eben noch auf dem Höhepunkt seiner Macht, verfiel in tiefe Depressionen. Nach der vernichtenden wie demütigenden Niederlage zurück am Bosporus konnte er den Anblick des Meeres nicht ertragen, so daß er in einem eigens abgeschirmten Boot nach Konstantinopel übersetzte. Hatte er nicht alles gegeben für seinen Gott und den Schutz des christlichen Glaubens? Sollte dies etwa die göttliche Strafe sein für die nach Kirchenrecht blutschänderische Skandal-Ehe, die er 613 mit seiner Nichte Martina einging? Waren die daraus hervorgegangenen mißgebildeten Kinder denn nicht Strafe genug für ihn? Waren die Formelkompromisse, mit denen er die theologischen Gegensätze zwischen den religiösen, einander als häretisch betrachtenden Fraktionen auszugleichen versuchte, Grund für den Zorn des Höchsten?
Die Erklärungen für den außerordentlichen Vormarsch der islamischen Expansion waren weit profaner, und lagen weniger im religiösen Fanatismus der arabischen Eroberer. Zum einen meinte Konstantinopel, nach seinem Triumph auf den Tribut für die Grenzwacht der verbündeten arabischen Stämme hochmütig verzichten zu können. Zum anderen hatte das jahrelange Ringen von Persien und Byzanz miteinander beide Großmächte derart verausgabt, so daß sie dem neuen Feind kaum eine effektive Gegenwehr leisten konnten. Zumal Byzanz noch zusätzlich geschwächt war von den langfristigen ökonomischen und demographischen Folgen der verheerenden Pestepidemie 541 unter Justinian. Das Reich stand nach dem Sieg über die Perser eben nicht stärker als zuvor da, aber immerhin noch kräftig genug, um sich wenigstens in seinem Kern gegenüber den muslimischen Eroberern zu behaupten, und so zum östlichen Bollwerk Europas gegen den Islam zu werden.
Nicht unerwähnt sollte bleiben, daß es gerade das Vorbild Byzanz unter Herakleios war, das auf die Herausbildung des Islam einwirkte: Krieg als geheiligtes Mittel, Glaubenskonversion als Zwang und nicht zuletzt der scharfe, religiös motivierte Antisemitismus.
Und doch hatte der Verlust Ägyptens und der orientalischen Provinzen für Ostrom auch etwas Gutes für sich: Die Beschränkung des Reiches auf seine Kernlande förderte seine innere Einheit durch den damit verbundenen religiösen Konformismus in der griechisch-orthodoxen Konfession sowie durch den damit verstärkten kulturellen Wandel, in welchem das Latein durch die griechische Sprache verdrängt wurde. Eines der sinnfälligsten Zeichen für diesen Wandel war, daß Herakleios in Abkehr von der römischen Tradition sich mit dem griechischen Titel „Basileus“ schmückte, statt dem lateinischen Augustus.
Herakleios verstarb 641. Zuvor regelte er noch seine Nachfolge so, daß sein ältester Sohn Konstantin III. (aus der Ehe mit der 612 verstorbenen Eudokia) und der jüngere Heraklonas (aus der Ehe mit Martina) sich gemeinsam die Herrschaft teilten. Den ohnehin schwerkranken Konstantin ereilte wenige Monate später der Tod, nicht ohne vorher seinem unmündigen Sohn Konstans als seinen Erben unter den Schutz des Militärs zu stellen.
Martina wiederum bezahlte ihren Ehrgeiz, als Regentin ihrem Sohn Heraklonas die Alleinherrschaft zu sichern, teuer: Ihr wurde die Zunge herausgerissen und Heraklonas die Nase abgeschnitten. Derart nach orientalischer Sitte verstümmelt, wurde er so für die Herrschaft untragbar gemacht. Doch immerhin sollte von Konstans II. aus die Dynastie der Herakleier noch bis 711 Bestand haben, in einer Zeit, die den Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter markierte.
In den 1950er Jahren sollte Herakleios zum Gegenstand eines Historikerstreits werden, ob der Kaiser der eigentliche Schöpfer der Themenverfassung war oder nur eine bereits eingeleitete Entwicklung zum Abschluß brachte. Hinter diesem akademischen Streit stand der Gegensatz der marxistischen Weltanschauung, wonach die sozialen Klassen Triebfeder der historischen Entwicklung seien, zur konservativen Sichtweise, die historische Umbrüche allein Persönlichkeiten zuschreibt.
Wie immer man sich in diesem Streit positionieren will, im Falle Herakleios und des byzantinischen Reiches wird eine zeitlose Lehre deutlich: In der schwersten Krise wäre der Kaiser in seinem Wirken nicht erfolgreich gewesen ohne die Resilienz der Byzantiner, die sich – im Gegensatz zu den heutigen nihilistischen Verhältnissen – vor allem auch aus spirituellen Quellen speisen konnte.
![]() | John Julius Norwich Byzanz: Aufstieg und Fall eines Weltreichs 712 Seiten, Ullstein 2006 |
