Sanftes Dahingleiten über den Meeren des Mondes

Gipfelstürmer der Hitparaden waren Camel nie. Und doch erarbeitete sich die 1971 im britischen Surrey gegründete Band früh den Status einer der wichtigsten Vertreter des in diesem Jahrzehnt vorherrschenden Progressive Rocks. Sie wurde eine Kult-Band bis heute, wobei Sänger und Gitarrist Andrew „Andy“ Latimer (geb. 1949) als Bandleader die Konstante in der Besetzung ist. Der zweite kreative Kopf der Band, Keyboarder Pete Bardens, stieg 1978 aus und verstarb bereits 2002.

Nach dem Debüt „Mirage“ (1974), dem darauffolgenden „Snowgoose“ – ein vom Roman „Die Schneegans“ von Paul Gallico inspiriertes Album – brachten Camel mit „Moonmadness“ am 26. März 1976 – vor genau 50 Jahren – das dritte ihrer als Klassiker gefeierten Werke aus ihrer besonders erfolgreichen Anfangszeit heraus.

Weiterlesen

Der Titel des Albums deutet es schon an, der Mond ist thematisch das verbindende Element der darauf enthaltenen sieben Tracks. In der Romantik steht er symbolisch für Verträumtheit, Emotion und das Dahintreiben in eine andere Welt. In „Moonmadness“ findet dies seine perfekte musikalische Umsetzung. Melancholische Flöten-Melodien, zackige Gitarrenriffs und klangvolle Keyboard-Einlagen ergeben jene traumhafte, symphoniegleiche Atmosphäre, die für das Album so bestimmend ist. Produzent Rhett Davis, der bereits namhafte Künstler wie Genesis und Bryan Ferry betreute, sorgte wie beim Vorgänger „Snow Goose“ für den Feinschliff.

Der Eröffnungstitel, ein knapp zweiminütiges Instrumentalstück, gibt schon durch seine Benennung Konzept und Richtung des Albums vor: „Aristillus“ ist ein mit dem menschlichen Auge erkennbarer Einschlagskrater auf der erdzugewandten Seite des Mondes im Mare Imbrium.

Ein besonderer Einfall war, jedem Bandmitglied jeweils einen Track zu seiner Versinnbildlichung zuzuordnen. „Air Born“ mit der Flöten-Einlage zu Beginn galt Andrew Latimer, während „Chord Change“ mit seinen langen Keyboard-Solis mit Pete Bardens verknüpft ist. Umso rhythmischer ging es für Schlagzeuger Andy Wards auf dem Instrumentalstück „Lunar Sea“ – mit über neun Minuten das längste Stück auf dem Album – zur Sache. „Another Night“, in dem der Sänger dem Anbruch des kommenden Tages widerstrebend in der silbernen Mondnacht zu verharren sucht, ist Bassist Doug Ferguson gewidmet.

Auch in der Gestaltung des Covers von „Moonmadness“ fügten sich Camel in den Trend der 1970er Jahre ein, die daraus eine eigene Kunstform machten. Selten waren sich die Bandmitglieder so einig wie in der Annahme des Vorschlages des Designers John Field, der ein Liebespaar an einem See zeichnete, das eng umschlungen den Mond betrachtet.

Mit Platz 15 in den britischen Albumcharts erreichte „Moonmadness“ die höchste Position aller Camel-Alben. Es war damit auch Abschluß der ersten, besonders erfolgreichen Phase der Bandgeschichte. Denn in Januar 1977 verließ Ferguson die Band, was Latimer später als einen schweren Schlag für die Stabilität der Band bezeichnete. Bardens sollte im Folgejahr gehen.

Was diese erste Phase kennzeichnete, war das anhaltend hohe Niveau der Bandproduktionen, welches es bis heute erschwert, unter Fans wie Kritikern Einigkeit herzustellen über den kreativen Höhepunkt daraus. Egal, wie man sich hier entscheidet, „Moonmadness“ ist in jeder Sammlung von Alben des Progressive Rock zum unverzichtbaren Bestandteil geworden.

Was jedoch die anhaltende Popularität von „Moonmadness“ belegt, ist das fast ausschließlich diesem Album gewidmete opulente Konzert der Band in der Londoner Royal Albert Hall im September 2018, an der gleichen Stätte, an der diese legendären Vertreter des Progressive Rock schon so viele erfolgreiche Auftritte absolviert haben.

Camel
Moonmadness

März 1976

Da waren es Fünf weniger Eins


„A Trick of the Trail“ von Genesis feiert sein 50. Jubiläum

Für eine Musikgruppe wie Genesis konnte es nichts Schlimmeres geben: Auf dem bisherigen Höhepunkt ihres Erfolgs stieg Frontmann und Sänger Peter Gabriel 1975 während der Konzerttournee zu dem Konzeptalbum „The Lamb lies down on Broadway“ aus, um befreit von dem von ihm als einengend empfundenen Korsett einer Band auf Solopfaden zu wandeln. Die auf Gabriel fokussierten exzentrischen Bühnenauftritte, seine Dominanz im Songwriting, das alles machte es fraglich, wie Genesis ohne ihn auf der Erfolgsspur bleiben würde.

Es schien wie eine Verlegenheitslösung. Nachdem ein Casting keinen geeigneten Kandidaten für die Nachfolge Gabriels hervorbrachte, rangen sich Bassist Mike Rutherford, Keyboarder Tony Banks und der Gitarrist Steve Hackett zu einer ungewöhnlichen Entscheidung durch: Ausgerechnet Phil Collins wurde vom Schlagzeuger zum Sänger befördert. Es sollte sich als ein außerordentlicher Glücksgriff erweisen.

Das erste Album mit Collins als Sänger, das am 13. Februar 1976 veröffentliche „A Trick of the Tail“, erwies sich als ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung von Genesis als einer 1967 von Internatsschülern gegründeten Band zu den Superstars der 1980er und 90er Jahre.

Weiterlesen

Ganz in der Tradition des die 1970er Jahre dominierenden Progressiv Rock lieferten Genesis einen bis heute hörbaren Klassiker ab. Eingängig und doch anspruchsvoll hob es sich wohltuend ab vom vorangegangenen komplex-sperrigen „Lamb“. Bereits der Eröffnungstitel „Dance on a Volcano“ gibt eine Richtung vor, die den Hörer von Anfang bis Ende mitreißt. Für heutige Verhältnisse ungewöhnlich, aber kennzeichnend für das Genre des Progressiv Rock, sind die Überlängen der Songs, von denen „Ripples“ mit über acht Minuten das längste Stück ist. Die Ausnahme ist mit unter fünf Minuten der titelgebende Track „A Trick Of The Tail“. Und doch kommt beim Zuhören keine Ermüdung auf, fesselt das Album von der ersten bis zur letzten Minute – acht Höhepunkte ohne Schwächen und Durchhänger.

In den Texten setzte Genesis die Linie der vorherigen Alben mit dem Bezug zu mystischen Fantasy-Themen fort, was sich auch in den allegorischen Figuren auf dem Albumcover widerspiegelt. Einzig der letzte Titel, „Los Endos“ fiel als fast ausschließlich instrumentales Stück aus dem Konzept heraus. Es sollte zum populärsten Stück des Albums werden und für die nächsten Jahre auch Bestandteil der Setlist der Genesis-Konzerte.

YT-Clip: GENESIS – Los Endos (Live, 1976)

Der schmale Grat, über den die erste Phase von Genesis in die Post-Gabriel-Ära führte, schien im Nachhinein mühelos bewältigt. Künstlerisch bewiesen die vier verbliebenen Vollblutmusiker mit „A Trick of the Tail“ ihre Emanzipation vom „Übermann“ Gabriel, fanden miteinander zu einer neuen Chemie, die ihrem kreativen Potential zur Entfaltung gab. Zumindest noch bis 1977 zum Ausstieg von Hackett, mit dem Genesis zu ihrer klassischen Besetzung als Trio mit den verbliebenen Collins, Rutherford und Banks fanden.

Sie überzeugten auch die Fans. Wieder einmal eroberte Genesis die Charts – erstmals Platz 3 der britischen Album-Charts – und Collins als Sänger die Herzen des Publikums, allein mit seinen Qualitäten als Entertainer, ohne dabei die Exzentrik seines Vorgängers kopieren zu müssen. Wie sehr Genesis hier alles richtig gemacht haben im Angesicht der Herausforderung, die sich ihnen stellte, wird besonders deutlich, wenn man sich den weit späteren Ersatz von Collins durch Ray Wilson vor Augen hält. Es sollte Tiefpunkt und Ende von Genesis werden.

Doch das bedeutendste Ergebnis dieses entscheidenden Wechsels besteht wohl hierin: In seinem Aufstieg vom kleinen Mann hinter dem Schlagzeug zum Frontmann erfuhr Collins die erste große Stufe seiner eigenen „Genesis“ zu seiner späteren, alles bisherige in den Schatten stellende Karriere, Solo und mit Band. Es war der erste große Schritt in der Laufbahn des in London geborenen Collins, der am vergangenen 31. Januar seinen 75. Geburtstag feierte.

GENESIS
A Trick of the Tail
1976