Der Kaiser, der ein Reich rettete und es fast wieder verlor

Das Reich am Abgrund, sein Schicksal am seidenen Faden. Ein Mann aus der Peripherie kommt zu seiner Rettung. Doch er kann nur so erfolgreich sein, wie das Volk geeint hinter ihm steht.

Herakleios (575 – 641 n. Chr.)

Es war eine höchst bemerkenswerte Szene, die sich am 21. März im Jahr 630, dem Gründonnerstag, zu Jerusalem zutrug: 16 Jahre, nachdem es von den Sassaniden als Beutegut in ihr persisches Stammland verschleppt wurde, entkleidet von all seinen Status entsprechenden Ornat, trug der oströmische Kaiser Herakleios nach dem Vorbild des Heilands persönlich auf seinen Schultern das Heilige Kreuz Christi, die bedeutendste Reliquie der Christenheit, zurück an seinen Platz in der Jerusalemer Grabeskirche auf den Golgatha-Hügel. Damit setzte er den Schlußpunkt unter einen jahrelangen Krieg, der das Oströmische Reich nahe an den Zusammenbruch führte. Selten hat ein christlicher Herrscher einen größeren Triumph errungen im Kampf gegen einen „ungläubigen“ Feind. Die Botschaft dieses Festaktes war unmißverständlich: Am Ende ist immer der siegreich, der den Gott der Christen auf seiner Seite hat. Herakleios schrieb sich damit zu einem der bedeutendsten Kaiser in die Geschichtsbücher Ostroms ein. Und doch braute sich im Augenblick dieses Triumphes jenseits der östlichen Grenzen des Reiches eine Gefahr zusammen, der selbst Herakleios nicht mehr gewachsen war. Doch der Reihe nach.

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Kaiser Heraklius bringt das Kreuz nach Golgatha, von Jacopo Palma dem Jüngeren, Kirche Santa Maria Assunta , in Venedig, um 1620–1625 (Quelle: Wikipedia)

602 putschte sich der Armeeoffizier Phokas auf den Kaiserthron in Konstantinopel. Der Verantwortung für das Reich und den Herausforderungen durch die äußere Bedrohungslage nicht gewachsen, kompensierte dieser seine Unfähigkeit durch die Etablierung eines despotischen Schreckensregimes, wie man es bis dahin in Konstantinopel nicht kannte. Inmitten dieser Krise, als auf dem Balkan die Awaren und Slawen heranrückten und der Nahe Osten und Kleinasien von Persien aus aufgerollt wurden, erhob sich aus dem abgelegenen Exarchat von Karthago die Opposition unter dem Statthalter Herakleios dem Älteren. Selbst zu alt, um nach dem kaiserlichen Purpur zu greifen, schickte der greise Herakleios seinen Sohn gleichen Namens mit der Flotte nach Konstantinopel aus.

Diese nahm die Hauptstadt keineswegs im Sturm, sondern auf Umwegen, währenddessen zweifellos konspirativ der Boden für den Umsturz vorbereitet wurde, der sich schließlich im Oktober 610 vollzog. Phokas wurde abgesetzt und vor Herakleios gebracht. Es entspannte sich ein historisch bemerkenswerter Dialog zwischen beiden, der vor allem vieles über Phokas Nervenstärke verrät im Angesicht seines bevorstehenden Endes:

„Wie hast du das Reich regiert?“, so die vorwurfsvolle Frage Herakleios.

Phokas schlagfertige Antwort: „Wirst du es besser machen?“

Phokas unmittelbarer Tod war nicht weniger grausam als das, was er seinen Opfern zukommen ließ. Und wieder bestätigte sich an diesem blutigen Machtwechsel die Regel, wonach das Oströmische Reich „eine durch Mord und Totschlag gemäßigte, absolutistische Monarchie“ gewesen ist.

Wie sehr Herakleios in seiner außergewöhnlichen Erscheinung die Hoffnungen des Volkes auf eine Rettung des Reiches verkörperte, vermittelt der britische Historiker John Julius Norwich in seiner epischen Byzanz-Monographie:

„Im Vollbesitz seiner Kraft, gerade sechsunddreißig Jahre alt, den dreifachen Triumph von Eroberung, Heirat und Krönung an einem einzigen Tag noch voll auskostend, muß Herakleios am Montagabend des 5. Oktober 610 wie eine Art Halbgott erschienen sein, als er, seine ebenfalls strahlende Frau am Arm, mit seiner blonden Mähne und der breiten Brust aus dem Großen Palast trat.“
(„Byzanz – Der Aufstieg des oströmischen Reiches“, John Julius Norwich)

Überraschenderweise ließ Herakleios mit dem Gegenschlag gegen die Perser lange auf sich warten. Offenbar war seine schwach legitimierte Position an der Spitze dafür keineswegs sicher genug, zumal die inneren Verhältnisse für eine rasche Reaktion gegen den äußeren Feind zu zerrüttet waren.

Nach Ausschaltung der Konkurrenten nahm Herakleios eine Reform der korrupten Verwaltung und des darniederliegenden Heeres in Angriff. Selbst in alte Besitzstände wurde eingegriffen. So wurde die kostenlose Getreidespende an die Hauptstädter als die bedeutendste Transferleistung abgeschafft.
Das oströmische Militär wurde in den vom Feind unbesetzten Gebieten Kleinasiens auf eine vollkommen neue Grundlage gestellt. An die Stelle der unzuverlässigen Söldnerheere traten an ein erbliches Lehnsgut gebundene Soldatenbauern (Stratioten), die bei Bedarf zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Diese waren bestimmten „Themen“ genannte Bezirke zugeordnet. Für die nächsten Jahrhunderte sollte diese Themenverfassung das militärische Rückgrat des Reiches bilden. Ihre Aushöhlung durch die Großgrundbesitzer sollte später den Niedergang des Reiches einläuten.

Derweil gingen Syrien, Jerusalem und Ägypten an die Perser verloren, der Balkan bis hinunter zur Peleponnes fiel in die Hände von Awaren und Slawen. In der Zuspitzung der Krise überlegte der Kaiser sogar die Verlegung der Hauptstadt in das abgelegene Karthago, was auf entschiedenen Widerstand in seiner Umgebung stieß. Herakleios verpflichtete sich zur Treue gegenüber Konstantinopel, forderte aber im Gegenzug der Stadtbevölkerung ein Höchstmaß an Opferbereitschaft ab.

Mehr als zehn Jahre nach seiner Krönung ging Herakleios 622 endlich in die Offensive. Erstmals seit mehr als 200 Jahren zog ein Kaiser an der Spitze des von ihm persönlich gedrillten und vorbereiteten Heeres dem Feind entgegen und trug den Krieg tief in das persische Kernland. Und Herakleios ließ es sich nicht nehmen, im persönlichen Einsatz selbst in die Schlacht zu treten.

Herakleios beließ es nicht bei Drill und technischen Verbesserungen. Was die Moral seiner Truppen auf der ideologischen Ebene entscheidend hob: Dieser Feldzug war ein heiliger Krieg gegen die persischen „Feueranbeter“, der erste Kreuzzug, rund 500 Jahre bevor die Kreuzritter aus Westeuropa ins Heilige Land zogen. Dazu passte auch, daß die Kirche aus freien Stücken ihre Schätze dem verarmten Staat zur Verfügung stellte.

Und im Angesicht der Gefahr war Beistand von höchster Stelle mehr als nötig. Denn in der Zwischenzeit drohte tief im Inneren des Reiches der Fall von Konstantinopel. Vermutlich nach einer gemeinsamen Absprache nahmen im Sommer 626 von Norden die Awaren und von Osten die Perser die Hauptstadt am Bosporus in einen tödlichen Zangengriff. Ihre Bewohner verließen sich nicht allein auf die Sicherheit hinter der hervorragenden Theodosianischen Mauer, sondern stellten ihre Stadt zusätzlich unter den Schutz der Gottesmutter, deren geheiligte Marienikone vom Patriarchen Sergios auf der Mauerkrone mit Blick zum Feind entlang getragen wurde.

Doch egal, ob himmlischer Beistand mit im Spiel war, am Ende entschied die oströmische Flotte das Spiel. Ihr Einsatz verhinderte das Übersetzen der in Belagerungstechniken versierten Perser auf das europäische Festland. Die feindlichen Heere rückten ab. Konstantinopel war gerettet.

Das konzertierte Vorgehen der Oströmer mit den aus dem Kaukasus vorgehenden Türken setzte die Perser weiter unter Druck. Mit der Verwüstung der zoroastrischen Feuertempel übten die Oströmer Vergeltung für Jerusalem. Im Dezember 627 kam es endlich zum entscheidenden Sieg Herakleios in der Schlacht bei Ninive am Tigris. Kurz darauf kollabierte die Herrschaft des persischen Großkönig Chosrau II., der zuvor noch Herakleios als seinen „elenden, törichten Sklaven“ verhöhnt hatte. An dessen Stelle trat vorübergehend sein Sohn Kavadh II., der seinen Vater gewaltsam aus dem Weg räumte.

Die Perser, am Ende ihrer Kräfte, traten in Friedensverhandlungen ein, an deren Ende 630 die Wiederherstellung des Status Quo vor Ausbruch des Krieges stand. Die besetzten Gebiete wurden geräumt, das Heilige Kreuz zurückgegeben.

Rückgabe des Kreuzes Christi durch die Perser an Kaiser Herakleios 629/30 (Ausschnitt aus dem Deckenfresko der Vierungskuppel der Klosterkirche Wiblingen von Januarius Zick 1778). (Quelle: Wikipedia)

Das Byzantinische Reich schien wieder fast so gut dazustehen, wie zuletzt unter Kaiser Justinian (527 – 565) während seiner größten territorialen Ausdehnung. Doch noch während Herakleios das Kreuz nach Jerusalem trug, zog sich auf der arabischen Halbinsel ein unerwarteter Sturm zusammen, der die geopolitischen Verhältnisse vollkommen auf den Kopf stellen sollte.

Nachdem der Prophet Mohammed 632 verstarb, trugen bereits im Folgejahr seine Nachfolger das grüne Banner des Islam mit dem Schwert in die Welt. Als erstes fielen das Sassanidenreich und die Herrschaft der Byzantiner über den Nahen Osten. Die Schlacht am Jarmuk 636 markierte einen historischen Einschnitt, nach der Ostrom die Herrschaft über die Levante für immer aufgeben mußte. 637 fiel Jerusalem, 639 sogar die reiche Kornkammer Ägypten.

Der von den Entbehrungen des Krieges vorzeitig gealterte Kaiser, eben noch auf dem Höhepunkt seiner Macht, verfiel in tiefe Depressionen. Nach der vernichtenden wie demütigenden Niederlage zurück am Bosporus konnte er den Anblick des Meeres nicht ertragen, so daß er in einem eigens abgeschirmten Boot nach Konstantinopel übersetzte. Hatte er nicht alles gegeben für seinen Gott und den Schutz des christlichen Glaubens? Sollte dies etwa die göttliche Strafe sein für die nach Kirchenrecht blutschänderische Skandal-Ehe, die er 613 mit seiner Nichte Martina einging? Waren die daraus hervorgegangenen mißgebildeten Kinder denn nicht Strafe genug für ihn? Waren die Formelkompromisse, mit denen er die theologischen Gegensätze zwischen den religiösen, einander als häretisch betrachtenden Fraktionen auszugleichen versuchte, Grund für den Zorn des Höchsten?

Die Erklärungen für den außerordentlichen Vormarsch der islamischen Expansion waren weit profaner, und lagen weniger im religiösen Fanatismus der arabischen Eroberer. Zum einen meinte Konstantinopel, nach seinem Triumph auf den Tribut für die Grenzwacht der verbündeten arabischen Stämme hochmütig verzichten zu können. Zum anderen hatte das jahrelange Ringen von Persien und Byzanz miteinander beide Großmächte derart verausgabt, so daß sie dem neuen Feind kaum eine effektive Gegenwehr leisten konnten. Zumal Byzanz noch zusätzlich geschwächt war von den langfristigen ökonomischen und demographischen Folgen der verheerenden Pestepidemie 541 unter Justinian. Das Reich stand nach dem Sieg über die Perser eben nicht stärker als zuvor da, aber immerhin noch kräftig genug, um sich wenigstens in seinem Kern gegenüber den muslimischen Eroberern zu behaupten, und so zum östlichen Bollwerk Europas gegen den Islam zu werden.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, daß es gerade das Vorbild Byzanz unter Herakleios war, das auf die Herausbildung des Islam einwirkte: Krieg als geheiligtes Mittel, Glaubenskonversion als Zwang und nicht zuletzt der scharfe, religiös motivierte Antisemitismus.

Und doch hatte der Verlust Ägyptens und der orientalischen Provinzen für Ostrom auch etwas Gutes für sich: Die Beschränkung des Reiches auf seine Kernlande förderte seine innere Einheit durch den damit verbundenen religiösen Konformismus in der griechisch-orthodoxen Konfession sowie durch den damit verstärkten kulturellen Wandel, in welchem das Latein durch die griechische Sprache verdrängt wurde. Eines der sinnfälligsten Zeichen für diesen Wandel war, daß Herakleios in Abkehr von der römischen Tradition sich mit dem griechischen Titel „Basileus“ schmückte, statt dem lateinischen Augustus.

Herakleios verstarb 641. Zuvor regelte er noch seine Nachfolge so, daß sein ältester Sohn Konstantin III. (aus der Ehe mit der 612 verstorbenen Eudokia) und der jüngere Heraklonas (aus der Ehe mit Martina) sich gemeinsam die Herrschaft teilten. Den ohnehin schwerkranken Konstantin ereilte wenige Monate später der Tod, nicht ohne vorher seinem unmündigen Sohn Konstans als seinen Erben unter den Schutz des Militärs zu stellen.

Martina wiederum bezahlte ihren Ehrgeiz, als Regentin ihrem Sohn Heraklonas die Alleinherrschaft zu sichern, teuer: Ihr wurde die Zunge herausgerissen und Heraklonas die Nase abgeschnitten. Derart nach orientalischer Sitte verstümmelt, wurde er so für die Herrschaft untragbar gemacht. Doch immerhin sollte von Konstans II. aus die Dynastie der Herakleier noch bis 711 Bestand haben, in einer Zeit, die den Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter markierte.

In den 1950er Jahren sollte Herakleios zum Gegenstand eines Historikerstreits werden, ob der Kaiser der eigentliche Schöpfer der Themenverfassung war oder nur eine bereits eingeleitete Entwicklung zum Abschluß brachte. Hinter diesem akademischen Streit stand der Gegensatz der marxistischen Weltanschauung, wonach die sozialen Klassen Triebfeder der historischen Entwicklung seien, zur konservativen Sichtweise, die historische Umbrüche allein Persönlichkeiten zuschreibt.

Wie immer man sich in diesem Streit positionieren will, im Falle Herakleios und des byzantinischen Reiches wird eine zeitlose Lehre deutlich: In der schwersten Krise wäre der Kaiser in seinem Wirken nicht erfolgreich gewesen ohne die Resilienz der Byzantiner, die sich – im Gegensatz zu den heutigen nihilistischen Verhältnissen – vor allem auch aus spirituellen Quellen speisen konnte.

John Julius Norwich
Byzanz: Aufstieg und Fall eines Weltreichs
712 Seiten, Ullstein
2006

Wie ein Mann ein Weltreich gewann

Das historische Porträt: Enrico Dandolo (1107 – 1205)

Enrico Dandolo (1107-1205)

Epochale Wenden können sich in der Menschheitsgeschichte über längere Zeiträume vollziehen, aber manchmal auch wie auf einen Schlag. Oftmals ist eine Zeitenwende dem Einsatz einer Persönlichkeit zuzuschreiben, in der Regel nicht mit vorabsehbarem Ergebnis, dieses jedoch durch den selbstbewußten Einsatz, das Werfen der eigenen Person in die Waagschale, schließlich herbeiführend. Ein solcher Wechsel vollzog sich im Jahr 1204, als eine westeuropäische Streitmacht aus Kreuzrittern unter der Führung der Handelsrepublik Venedig durch die Eroberung der Metropole Konstantinopel dem Byzantinischen Reich ein Ende bereitete und das Imperium von Venedig als Beherrscher des östlichen Mittelmeerraums an dessen Stelle trat. Der Mann, der das möglich machte: Enrico Dandolo, der Doge von Venedig.

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Das aus dem Zerfall des Römischen Reiches hervorgegangene Byzantinische Reich war die vorherrschende Großmacht in Osteuropa und Kleinasien. Seine Hauptstadt Konstantinopel galt an Reichtum und Pracht als einzigartig in Europa und als Knotenpunkt globaler Handelsströme. Dennoch zeigten sich bereits bedenkliche Risse in seinem morschen Gebälk. Im Inneren erschüttert von Unruhen, an seinen Rändern ausfransend, seine militärische Stärke bröckelnd, zeigte es ernste Symptome des Niedergangs.

Demgegenüber stand der Aufstieg von Venedig, einst byzantinischer Außenposten, der sich seine Unabhängigkeit vom Mutterland erkämpfte. Mit seinen Schiffen knüpfte es ein das Mittelmeer umspannendes Handelsnetz. An seinen Marktplätzen kamen aus ganz Europa die Händler zusammen. Die Lagunenstadt band ihr Schicksal an das Meer, über das ihm sein zunehmender Reichtum zufloss. Die strategische Wende zum Beherrscher der Adria kam für Venedig Ende des 11. Jahrhundert, als Byzanz ihm für maritime Waffenhilfe außerordentliche Handelsprivilegien zusprach. Eine Entscheidung, die die oströmischen Kaiser noch bitter bereuen sollten.

Es ist April 1204. Seit dem Juni vorigen Jahres steht das von einer venezianischen Flotte transportierte Kreuzfahrerheer vor den Mauern Konstantinopels. Eigentlich sollte dieses Heer als Vierter Kreuzzug Ägypten angreifen, um so die Jerusalem und das Heilige Land beherrschenden Sarazenen von ihrem reichen Hinterland abzuschneiden. Für Venedig, das die Flotte stellen sollte, wäre es ein Jahrhundertgeschäft geworden. Doch statt der zugesagten 34 000 Kreuzritter trafen am Ende sehr viel weniger in der Lagunenstadt ein. Für Venedig, das für das Unternehmen in erhebliche Vorleistungen getreten war, drohte ein Desaster.

Venedig, Blick von der Akademie-Brücke über den Canale Grande / © Daniel Körtel

Das Oberhaupt der Lagunenstadt, der greise Doge Enrico Dandolo, verfiel jedoch stattdessen auf einen perfiden Plan, der seiner Stadt doch noch zum Vorteil gereichen sollte. Erst ließ er zur Stundungsleistung der aufgehäuften Schulden im November 1202 die widerspenstige Adriastadt Zara von den Kreuzfahrern erobern und plündern. Der Überfall der Kreuzritter auf eine christliche Stadt, gegen den selbst die Sanktionen des Papstes sich als machtlos erwiesen, entlarvte die hehren Motive nach einer Befreiung des Heiligen Land als reine Staffage, hinter der sich reine Gier nach Macht und Eroberung verbargen, und der einen Vorgeschmack gab, auf das was noch kommen sollte.

Die Chance zur strategische Wende, die am Ende das politische Gleichgewicht in Osteuropa und im östlichen Mittelmeerraum zum Einsturz bringen sollte, kam schließlich in der Gestalt eines jungen byzantinischen Prinzen. Alexios Angelos – so töricht wie nichtsnutzig – erbat die Hilfe der Kreuzritter, um seinen Vater Issak II, der von seinem Onkel Alexios III. von Thron in Konstantinopel gestürzt und geblendet wurde, wieder in sein Amt einzusetzen. Seine Versprechungen waren so sagenhaft wie unrealistisch: Nicht alleine die Begleichung der Schulden der Kreuzritter, die Stellung von Soldaten für den Kreuzzug, sondern auch noch die Unterstellung der Orthodoxen Kirche unter das Supremat Roms.

Dandolo erkannte das Potential dieses Angebotes für Venedig wie kein anderer der Beteiligten. Über ihn schreibt der britische Publizist Roger Crowley:

In Venedig hatte man bei der Wahl der Dogen schon immer großen Wert auf eine Verbindung von Alter und Erfahrung gelegt, doch der Mann, den die Ritter aufsuchen wollten, war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Enrico Dandolo war der Spross einer angesehenen Familie von Anwälten, Kaufleuten und Klerikern. Diese Familie war an nahezu allen wichtigen Ereignissen im vergangenen Jahrhundert beteiligt gewesen und hatte sich in bemerkenswerter Weise in den Dienst der Republik gestellt. Sie hatte an der Reformierung der kirchlichen und staatlichen Einrichtungen der Republik Mitte des 12. Jahrhunderts mitgewirkt und auch an den Kreuzzugsunternehmungen Venedigs teilgenommen. Nach allen Berichten waren die männlichen Mitglieder der Familie Dandolo mit beträchtlicher Klugheit und Energie ausgestattet – und mit Langlebigkeit. Im Jahr 1201 war Enrico schon über 90 Jahre alt. Und er war völlig blind. („Venedig erobert die Welt“, Roger Crowley)

Zwar war die Situation derzeit zwischen Konstantinopel und Venedig entspannt; die Handelsprivilegien waren immerhin bestätigt. Doch die Geißelkrise von 1172, als Kaiser Manuel alle Venezianer im Reich verhaften ließ, hinterließ einen Groll. Für Dandolo, der sich mit eigenen Mitteln im Kreuzzugsunternehmen engagierte und es mit seiner ganzen Persönlichkeit in seiner Stadt durchsetzte, ging es um alles. Die Flotte nahm Kurs auf, nicht in das Heilige Land, auch nicht nach Ägypten, sondern nach Konstantinopel.

Zur Überraschung der Kreuzfahrer war jedoch die Stadtbevölkerung, die bereits viele Machtwechsel gewöhnt war, keineswegs bereit, dem Prinzen die Tore zu öffnen. Doch bereits nach dem ersten Großangriff im Juli 1203, bei dem Venedig seine maritime Überlegenheit an der schwächsten Stelle der Stadtmauer, seiner Seite zur See hin, ausspielte, floh der Kaiser mit den Kronjuwelen aus der Stadt.

Issak II. wurde aus einem Kloster geholt und gemeinsam mit seinem Sohn wieder auf den Thron gesetzt. Und wieder einmal war es der persönliche Einsatz von Dandolo, der an vorderster Front am Bug seiner purpurroten Galeere, den Erfolg herbeigeführt hatte, als der Angriff auf der Kippe stand. Gleichwohl, Teile Konstantinopels gingen dabei in Flammen auf; ca. 20.000 Menschen verloren ihre Wohnstätte. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Schnell zeigte sich, daß die Kaiser ihre vertraglichen Verpflichtungen nicht einhalten konnten. Zwar versorgten sie das Kreuzfahrerheer, das sich zurückgezogen hatte, weiterhin mit Lebensmitteln. Doch die Stimmung in der Stadt erhitzte sich beständig, nahmen die Gegensätze zwischen Griechen und Westlern bedenklich zu. Kaiser Alexios vergriff sich am Kirchengold, um die Kreuzfahrer milde zu stimmen. Im August führten Ausschreitungen zwischen Griechen und italienischen Händlern zu einer verheerenden Feuersbrunst. Im sich anbahnenden Chaos unternahm im Januar 1204 der Edelmann Alexios Dukas „Murtzuphlos“ einen Staatsstreich und ließ die beiden Kaiser beseitigen, um mit Nikolaos Kanabos eine Marionette als Kaiser einzusetzen, um im Folgemonat diesen wiederum durch sich selbst als Alexios V. inthronisieren zu lassen.

Diese Wende war für Venedig und die Kreuzfahrer eine Katastrophe. Denn die Verträge waren an die Personen Issak und Alexios gebunden. Murtzuphlos wiederum dachte nicht daran, sich den Invasoren zu unterwerfen, sondern organisierte energisch den militärischen Widerstand.

Aus den Erfahrungen des vorhergehenden Großangriffs gelernt, gelang trotz heftiger Gegenwehr den Kreuzfahrern der Durchbruch in die Stadt über die Seemauer. Es war der 12. April 1204, heute vor genau 820 Jahren, als Konstantinopel seinen bis dahin schwärzesten Tag erlebte. Die Gegenwehr brach im Chaos zusammen, Murtzuphlos floh aus der Stadt.

Ohne Führung trat in einer religiösen Prozession eine Volksmenge den Kreuzrittern entgegen, um ihnen – wie in den von ihnen gewohnten Herrscherwechseln – die Krone des Reiches anzubieten. Die Kreuzritter wiederum, die den Griechen gegenüber äußerst mißtrauisch waren, verstanden diese Geste als Kapitulation, die ihnen das Recht zur Plünderung gab:

Für die Byzantiner war Konstantinopel das Abbild des Himmels auf Erden, eine Vision des Göttlichen, das dem Menschen offenbart worden war, ein großes heiliges Symbol. Die Kreuzfahrer dagegen betrachteten es als eine Schatzkammer, die der Plünderung harrte. Im Herbst noch hatten sie Konstantinopel gewissermaßen als Touristen besucht und den enormen Wohlstand der Stadt mit eigenen Augen gesehen. Auch Robert de Clari gehörte zu jenen, die sprachlos die Reichtümer bestaunten, die sich hier den Kriegern aus dem unterentwickelten Westeuropa boten. „Kein irdischer Mensch, wie lange er auch in der Stadt bleiben mag, könnte euch den hundertsten Teil des Reichtums, der Schönheit und der Herrlichkeit aufzählen oder beschreiben, die es an Abteien und Klöstern und Palästen in der Stadt gibt; man würde meinen, dass er lüge, und ihr würdet ihm nicht glauben.“ Nun war ihnen all dies ausgeliefert. Die beiden Führer des Kreuzzugs sicherten sich eilig die besten Beutestücke — die prachtvollen Kaiserpaläste, den Bukoleon- und den Blachernen-Palast, „so reich und so prächtig, dass man sie euch nicht zu beschreiben weiß.“ Eine Plünderungswelle überrollte die Stadt. Die vor dem Angriff abgegebenen Versprechungen waren vergessen. Die Kreuzfahrer fielen sowohl über die Kirchen als auch über die Häuser der Reichen her. (Venedig erobert die Welt“, Roger Crowley)

Die Quadriga, die berühmteste Kriegsbeute der Venezianer, stand einst im Hippodrom von Konstantinopel, heute im Museum der Markuskathedrale / © Daniel Körtel

Was folgte war die Zerstückelung des Byzantinischen Reiches: Zum einen entstand daraus das schwache Lateinische Kaiserreich mit Konstantinopel. Da Dandolo die ihm angetragene Kaiserkrone ablehnte, hing sie an dem Franken Balduin, der nach einer 1205 verlorenen Schlacht sein Ende in einem bulgarischen Verlies fand. Der größte Gewinner war jedoch Venedig, dem eine Vielzahl von Stützpunkten in der Ägäis und die Insel Kreta als Kolonie zufielen, auf denen es sein bis in das Schwarze Meer hineinreichendes Imperium begründete. Dandolo hatte das vermutlich nie als Ziel vor Augen, doch nun war Venedig die unbestrittene Macht im östlichen Mittelmeer. Ein Jahr später starb er in der einst prachtvollsten und bevölkerungsreichsten Stadt der Christenheit, deren bitteres Schicksal er zu verantworten hatte.

Doch langfristig war diese geopolitische Zeitenwende eine Katastrophe. Denn mit seinem Niedergang verlor das Byzantinische Reich seine Pufferfunktion gegenüber dem aus Kleinasien heranrückenden Islam. Zwar gelang dem griechischen Nachfolgereich von Nikaia von Kleinasien aus eine bescheidene Restauration und konnte 1261 gar Konstantinopel zurückerobern. Doch seine Tage als Großmacht waren vorüber. Die Bewältigung des kollektiven Traumas von 1204 überforderte die verbliebenen Resilienz-Kräfte der Griechen. Die Konkurrenzkämpfe der italienischen Seerepubliken auf seinem Boden taten ihr übriges. So waren es die Genuesen, die osmanische Krieger von Kleinasien in den europäischen Teil von Byzanz übersetzten und so der muslimischen Landnahme nach Europa irreversibel Vorschub leisteten. Die einstige Weltmacht Ostrom glich einem langsam dahinsiechenden Leib. Nach rund 250 Jahren, am 29. Mai 1453, gaben die Osmanen mit der Eroberung Konstantinopels dem letzten Rest des Imperiums, was seit seiner Gründung im Jahr 330 n. Chr. durch Konstantin den Großen davon noch übriggeblieben war, endgültig den Todesstoß.

Roger Crowley
Venedig erobert die Welt
Die Dogen-Republik zwischen Macht und Intrige
Theiss Verlag, 2011, 357 Seiten
Nur noch antiquarisch erhältlich