Der erste Stich der Scorpions

Scorpions-Sänger Klaus Meine unkte in den 1980er Jahren mal sarkastisch über den Überbietungswettbewerb im Rockbusiness, er müsse demnächst auf der Bühne durch einen brennenden Reifen springen, um das Konzertpublikum bei der Stange zu halten. So schlimm ist es dann doch nicht gekommen. Denn trotz der altersbedingt fehlenden physischen Dynamik früherer Jahre – Meine und Gitarrist Rudolf Schenker haben bereits die 70 überschritten – konnte Deutschlands erfolgreichste Rockband im Juli 2025 in der Hein-von-Heiden-Arena in Hannover rund 45.000 Zuschauer zur opulenten Feier ihres 60jährigen Jubiläums versammeln. Das Ergebnis der Konzertaufzeichnung, das Live-Album „Coming Home“, kam dann im Dezember in den Verkauf, vorläufig krönender Abschluß der Erfolgsgeschichte der Scorpions.

Bei einem derartigen Jubiläum liegt es nahe, nicht nur das Erreichte zu feiern, sondern auch Rückschau zu halten zu den Anfängen der Hardrocker, die von Hannover aus die Welt eroberten. In diesem Sinne wohl erfolgte dann im vorigen Monat die Wiederveröffentlichung ihres Debütalbums „Lonesome Crow“ aus dem Jahr 1972 im Remaster-Format.

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Wer ein angestaubtes Museumsstück aus den Urzeiten einer Rockband erwartete, die wie keine andere aus Deutschland ihren musikalischen Einfluß weltweit geltend gemacht hat, der wird mehr als angenehm überrascht sein. Zwar weist nichts an den sieben dunkel gehaltenen Tracks darauf hin, daß stilistisch die Reise der Scorpions dereinst zum Hardrock gehen würde. Einerseits tief verwurzelt im damals angesagten Krautrock mit psychedelischen und jazzigen Elementen, legten sie dennoch eine besondere Eigenständigkeit an den Tag, die für die kommenden Jahre noch mehr versprechen sollte.

„I’m going mad“, der Eröffnungstitel, nimmt nach einer halben Minute Spannungsaufbau richtig Fahrt auf, bei der kein Zuhörer kalt bleiben kann. Eine besondere Atmosphäre wie in einem Gothic-Film breitet sich in „In Search of the Peace of Mind“ aus. Das Schlußstück „Lonesome Crow“, das dem Album auch den Namen gab, ist mit mehr als 13 Minuten Überlänge ein typischer Vertreter des Progressive Rock der 1970er Jahre. Lediglich Sänger Klaus Meine kommt mit seiner Stimme noch nicht so weit zur Geltung wie auf den späteren Alben. Doch kein Track läßt jene Qualität vermissen, die nötig ist, um ein Konzertpublikum von den Plätzen zu reißen.

Zwei Faktoren dürften ausschlaggebend gewesen sein für das Gelingen des Albums: Da ist zum einen das virtuose Spiel des Gitarristen Michael Schenker, einer der besten Deutschen seines Fachs. Zum anderen der nötige Feinschliff durch den Produzenten Conny Planck (1940 – 1987), an den die Band durch einen glücklichen Zufall geriet. Planck betreute damals bereits Top-Acts wie Ash Ra Tempel, Eloy und Kraftwerk.

Ein auf Youtube einsehbares Video der NDR-Regionalsendung Nordschau vermittelt das damalige Erscheinungsbild der Scorpions, das einen heute schmunzeln läßt. Das typische, oft als „Gammlerlook“ verschriene Auftreten mit langen Haaren – Meine gar ungewohnt mit Vollbart -, darüber dürften die Betreffenden heute selbst über sich ins Lachen geraten. Aber in den darauffolgenden Jahren sollten sich die modischen Verirrungen sogar noch mit Plateau-Schuhen und Schlaghose steigern lassen.

YT-Clip: Scorpions, „I’m going mad“; NDR-Nordschau

Für die Scorpions war „Lonesome Crow“ Anfang, Meilenstein und Wendepunkt in einem. Denn das damalige Line-up der Band zerfiel hiernach fast bis zur Auflösung. Bassist Lothar Heimberg und Schlagzeuger Wolfgang Dziony zogen die Sicherheit eines bürgerlichen Brotberufes den Unwägbarkeiten des Musikbusiness vor. Von den späteren kommerziellen Erfolgen konnte man damals nur träumen. Doch am schmerzhaftesten war der Abgang von Michael Schenker zur britischen Band UFO während der nachfolgenden Tour. Übrig blieben der harte Kern um den Schenker-Bruder Rudolf und Sänger Meine, die ihren Idealen treu blieben und in verbissener Zähigkeit weitermachten.

Es sollte sich für sie auszahlen, daß sie groß dachten und bereits damals sogar Amerika ins Visier nahmen. Planck nahm diese Ambitionen mit Lachen auf: „Amerika? Sicher, die warten nur auf eine Band wie euch…“. Es sollten keine zehn Jahre vergehen, bis die Scorpions nicht allein in Japan als populärste Rockband aus Deutschland spielten, sondern auch als Top-Act in den großen Konzerthallen und -Stadien der USA auftraten. Doch das ist eine andere Geschichte…

Scorpions
Lonesome Crow
1972 Erstveröffentlichung
2026 Remaster-Version