Preußische Allgemeine Zeitung / Nr. 40 · 2. Oktober 2026
„DAS GLAS DER VERNUNFT“
Wenn sich die linke Blase selbst aufbläht
Eine Preisverleihung in Kassel vermittelt ein selbstbewusstes Stimmungsbild des linksliberalen Milieus
Die Ergebnisse der letzten Landtagswahlen können zum einen als Votum gegen
die schwarz-rote Bundesregierung gesehen werden. Doch genauso gut können
die bislang unerreichten Zuwächse für die rechtspopulistische AfD als die bislang schroffste Absage gegen das linksliberale Milieu interpretiert werden, das in den vergangenen Jahrzehnten in seiner woken Ausprägung das Land zutiefst vereinnahmt hat. Wie dieses Milieu die neue Situation aufgenommen hat, dazu lieferte am vergangenen Sonntag in Kassel die Verleihung des Bürgerpreises „Das Glas der Vernunft“ einen ersten Hinweis.
Der seit 1991 von einem Kasseler Bürgerverein getragene und mit 20.000 Euro
dotierte Preis wird jährlich an Persönlichkeiten oder Institutionen vergeben, „die
mit ihrem Wirken den Idealen der Aufklärung – Überwindung ideologischer
Schranken, Vernunft und Toleranz gegen über Andersdenkenden – in besonderer Weise dienen“. In diesem Jahr ging der Preis an den deutschen Soziologen mit syrischem Migrationshintergrund Aladin El-Mafaalani, der damit für seine Wirkung als „Brückenbauer“ geehrt wurde.
Festrede und Laudatio auf den Preisträger hielt die Medizinethikerin Alena
Buyx, bekannt als frühere Vorsitzende des Deutschen Ethikrates, in dem sie auch die umstrittenen Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie unterstützte. Sie würdigte El-Mafaalani als einen Wissenschaftler, der „nicht nur komplexe und bedrückende Situationen und Herausforderungen zu beschreiben weiß, sondern sie so zu interpretieren, dass es ‚Klick‘ macht“.
So hob sie seine in dem Buch „Das Integrationsparadox“ vorgestellte These
hervor, wonach Konflikte in der Zuwanderungsgesellschaft eher ein Zeichen gelungener Integration seien, da sich so zeige, dass die Zuwanderer ihren Platz in der Gesellschaft suchten. Die letzten Wahlergebnisse zugunsten der AfD in Mitteldeutschland, die Buyx „mit Schaudern“ zur Kenntnis nahm, bezeichnete sie als „vernunftwidrig“, weil „Menschenverachtung immer unvernünftig ist.“
In seiner Dankesrede gab sich El-Mafaalani bescheiden, da er den Preis für sei ne „orthodox-wissenschaftliche Arbeit“ erhalte, die er ergebnisoffen betreibe. Die
Polarisierung der Gesellschaft erklärte er durch die Bildung von Misstrauensgemeinschaften, die sich paradoxerweise im Vertrauen untereinander in den digitalen Räumen vernetzten. Die Gegenparts Misstrauen und Vertrauen sah El-Mafaalani als grundlegend für die Gesellschaft an. Doch in ihrer Verbindung zu Misstrauensgemeinschaften seien die sich hieraus ergebenden Ausprägungen wie die AfD „Autoimmunerkrankungen“.
So kurz nach den Wahlen wäre ein linksliberaler Brückenschlag nach rechts
kaum zu erwarten gewesen. Doch das Signal, das von diesem Festakt ausging, ist bedenklich: Hier versammelte sich ein allen Widrigkeiten zum Trotz selbstbewusstes Milieu, das sich nicht nur die Deutungshoheit über „Unsere Demokratie“ anmaßt, sondern auch über den Begriff der Vernunft und wie sie am besten anzuwenden sei.
Daniel Körtel

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