Der Theranos-Skandal – oder wie man Schrott als den Heiligen Gral verkauft

„Wohin man bei dieser jungen Frau auch schaut, man sieht nichts als Reinheit. Ich glaube, sie versucht wirklich, die Welt besser zu machen, und das will sie damit erreichen.“
George Shultz (1920-2021), früherer US-Außenminister, über die Theranos-Gründerin Elisabeth Holmes

Es war einer der größten Betrugsskandale in der Startup-Szene des Sillicon Valley: Der spektakuläre Zusammenbruch des Biotech-Unternehmens Theranos, an dessen Spitze die zur Ikone aufgestiegene Elisabeth Holmes stand. Anfang dieses Jahres erfolgte in dem Verfahren vor einem kalifornischen Gericht der vorläufige Schlußpunkt in dem Prozeß gegen Holmes. Eine Jury sprach sie in vier der elf Anklagepunkte für schuldig. Die Verkündung des Strafmaßes wird für September erwartet. Ihr droht eine Gefängnisstrafe von mindestens 20 Jahren.

Wie konnte es soweit kommen? Das Verdienst um die Aufdeckung des gewaltigen Betrugs durch Theranos gebührt dem Wall-Street-Journalisten John Carreyrou, der mit seiner Aufdeckungsstory ein leuchtendes Beispiel dafür gab, was investigativer Journalismus zu leisten vermag. Sein Bericht „Bad Blood – Die wahre Geschichte des größten Betrugs im SILLICON VALLEY“ erzählt die ganze Historie von Theranos.

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Am Anfang steht eine junge Frau: Elisabeth Holmes, geboren 1984, entschließt sich mit gerade einmal 19 Jahren nach zwei Semestern ihr Chemieingenieur-Studium an der Stanford University abzubrechen, um mit der Gründung von Theranos eine Vision zu verwirklichen, die das Potential hat, die gesamte Analytik der medizinischen Labordiagnostik zu revolutionieren. Ihr Ziel ist die Entwicklung eines Gerätes, das mit wenigen Tropfen Blut aus einem Fingerstich in weniger als einer halben Stunde eine Vielzahl auch komplexer Parameter präzise und kostengünstig messen kann. Eine für viele Menschen unangenehme venöse Blutabnahme würde so überflüssig. Die Zielgröße dieses Analysators wurde so bemessen, daß ihn jeder zuhause hinstellen könnte. Die so ermittelten Werte könnten durch ein Netzwerk zum behandelnden Arzt weitergeleitet werden, der so beispielsweise die Dosierung von Medikamenten überwachen könnte. Grundlage dieser innovativen Idee war die Mikrofluidik, mit der sich bislang makroskopische Prozesse auf ein kleines Chip-Kartenformat reduzieren lassen. Was Holmes in Aussicht stellte, war nichts anderes als der Heilige Gral der medizinischen Analytik.

Das Problem jedoch bestand darin, daß die Technologie bei weitem nicht die Reife erreicht hat, eine derart anspruchsvolle Vision wie die von Holmes zu erfüllen. Dennoch setzte sie unbeirrt ihren Weg fort. Ihr großes Vorbild war die Hitech-Ikone Steve Jobs, der Apple zum Vorreiter der PC-Industrie machte. Deutlich dokumentierte sie dies durch optische Imitation, indem sie mit Vorliebe wie Jobs einen schwarzen Rollkragenpullover trug.

Carreyrous Recherchen ergaben bei Holmes das Profil einer Frau, die als smart beschrieben wurde, mit der Fähigkeit andere zu inspirieren und zu motivieren. Darüber hinaus ist sie eine brillante Verkäuferin. Doch auf der anderen Seite zeigten sich in ihrem Verhalten bedenkliche soziopathische Züge. Sie verlangte von ihren Mitarbeitern absolute Loyalität und zeigte einen Hang zu Paranoia innerhalb und außerhalb von Theranos. Als nicht weniger bedenklich erwies sich ihre Entscheidung, ihren wesentlich älteren und charakterlich problematischen Lebenspartner Sunny Balwani zum Geschäftsführer von Theranos zu machen. Entsprechend hoch war die personelle Fluktuation im Unternehmen. Abgänge wurden durch Schweigepflichtserklärungen geknebelt. Einem frustrierten Mitarbeiter kam es vor, „als würde Theranos seine Mitarbeiter allmählich ihrer Mitmenschlichkeit berauben“.

Obwohl Theranos weit davon entfernt war, einen arbeitsfähigen Prototyp vorzustellen, gelang es Holmes, in mehreren Runden Kapitalgeber zu finden, die bis zu dreistellige Millionenbeträge investierten, obgleich es auf deren Seite intern nicht an warnenden Stimmen mangelte, die aber fahrlässig beiseitegeschoben wurden. Holmes achtete darauf, nur solche Investoren heranzuziehen, die von der Materie keine Ahnung hatten. Zu ihnen zählten sogar namhafte Persönlichkeiten wie die früheren US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz. Gleichzeitig erweiterte sie ihr Netzwerk bis in die höchsten Stellen der Politik, was sie fast unantastbar machte. Holmes Träume schienen sich zumindest teilweise zu erfüllen: Sie erreichte nun eine Prominenz, die sie endlich auf eine Stufe mit ihrem Vorbild Jobs hob, während der Marktwert von Theranos auf sagenhafte neun Milliarden Dollar geschätzt wurde.

Gleichzeitig trat die technische Entwicklung jedoch auf der Stelle. Die Konstrukteure konnten die Erwartungen immer noch nicht erfüllen, so daß die bis dahin vorgenommenen Bestimmungen aus herkömmlichen Analysatoren ermittelt wurden. Kontrollbehörden führte man bei ihren Begehungen gezielt hinters Licht.

Die Stufe zum vorsätzlichen Betrug überschritt Theranos, als 2013 mangels eines funktionierenden Modells zur Erfüllung einer Partnerschaft mit der Supermarktkette Walgreen mit dem „Edison“ ein Gerät der älteren Generation in deren Filialen aufgestellt wurde. Der Edison arbeitete weder in der notwendigen Qualität noch verfügte er über eine behördliche Genehmigung. Die Werte, die er herausgab, waren schlicht wertlos und konnten im schlimmsten Fall die Gesundheit der Verbraucher gefährden, die sich auf ihn verließen.

Nur zwei Jahre später fiel das Kartenhaus, aus dem Theranos errichtet war, in sich zusammen. Durch Hinweise früherer Mitarbeiter aufmerksam gemacht, mündeten die langwierigen und aufwendigen Recherchen von Carreyrou in einen Artikel, der den Stein ins Rollen brachte, mit bekanntem Ende, das auch die renommiertesten und gewieftesten Anwälte, die Holmes ins Feld warf, nicht aufzuhalten vermochten.

Holmes bekannte einmal gegenüber ihren Mitarbeitern, sie wolle mit Theranos eine „neue Religion“ gründen. Wenn man als Beschäftigter mit einer solchen Firmenkultur konfrontiert wird, sollte man schnellstens die Flucht ergreifen. Eine weitere Lehre aus dem Betrugsskandal sollte die erhöhte Wachsamkeit von Risikokapitalgebern sein, vorsichtig zu sein, ob sie sich bei unbekanntem Terrain nicht auf zu dünnes Eis begeben. Holmes wird vermutlich nicht die letzte Blenderin sein, auf die auch die cleversten Manager hereinfallen werden.

Doch je näher man beim Lesen von Carreyrous Bericht dem Ende kommt, umso mehr wächst das Unbehagen über eine Wiederholung, bildet sich unwillkürlich vor dem geistigen Auge die Gestalt eines gewissen, in der Corona-Epidemie steil erfolgreichen Biotech-Unternehmers, nicht weniger viel versprechend wie es Holmes tat, nicht weniger gehypt durch die Medien und nicht weniger politisch gut vernetzt. Wir können nur hoffen, in solchen Analogien gänzlich falsch zu liegen.

John Carreyou
Bad Blood
Die wahre Geschichte des größten Betrugs im SILLICON VALLEY
400 Seiten; 24,- EURO

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