Dänemarks Eiserne Lady

Es ist heute kaum vorstellbar, daß ausgerechnet das kleine Dänemark im Spätmittelalter das Kernland eines ganz Skandinavien umfassenden Reiches war, das zu den bedeutendsten europäischen Regionalmächten seiner Zeit gehörte. Zu verdanken ist diese Leistung einer wahrhaft außergewöhnlichen Herrschergestalt. Hinter der Schaffung dieser Kalmarer Union genannten Verbindung stand kein Kriegsherr, sondern eine der bemerkenswertesten Herrscherinnen des Mittelalters, die dänische Königin Margarete I. (1353 – 1412).

 

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Als jüngste Tochter des berüchtigten Dänenkönigs Waldemar IV. „Atterdag“ gelang es ihr nach dem Tod des Vaters 1375, ihren gerade mal sechs Jahre alten Sohn Olaf auf den Thron zu setzen, womit ihr die Rolle der Regentin zufiel. Nach dem Tod ihres Gemahls König Hakoon VI. vier Jahre später übernahm sie zusätzlich die Herrschaft über dessen Königreich Norwegen.

Nach langen Verhandlungen mit dem schwedischen Adel gelang es Margarete, auch Schweden auf ihre Seite zu ziehen. Nachdem ihr Sohn Olaf im Alter von 17 Jahren verstarb, übernahm die Rolle des Thronfolgers ihr an Sohnes statt adoptierter Großneffe Erik. Seine Krönung 1397 zum schwedischen König war der Beginn der Kalmarer Union, einem nordeuropäischen Imperium, das immerhin bis 1523 von Grönland über Island herunter bis kurz vor Hamburg und weiter bis zur Ostsee reichte.

Aus dänischer Produktion ist dieser Tage der Film „Die Königin des Nordens“ (2021) erschienen, der die Herrschaft Margaretes in den Mittelpunkt stellt. Er setzt an bei einem heiklen diplomatischen Unterfangen, einem Heiratsbündnis mit England, zu besiegeln mit der Ehe zwischen Erik und der kindlichen Prinzessin Philippa. Mitten in die Verhandlungen platzt ein Fremder in zerlumpter Gestalt. Seine kühne Behauptung: Er sei Olaf, der totgeglaubte Sohn Margaretes.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Eine öffentliche Untersuchung versucht dem Anspruch des Fremden auf den Grund zu gehen. Von ihrem Ergebnis, wer „der einzig wahre König“ ist, hängt die Zukunft der Kalmarer Union und damit das Lebenswerk Margaretes ab.

Ein vielfaches Intrigenspiel beginnt. Hat der um die Herrschaft im Ostseeraum rivalisierende Deutsche Orden aus Preußen seine Finger mit im Spiel? Oder sind hier Adelige am Werk, die im Sinne ihrer selbstsüchtigen Interessen ihr eigenes Süppchen kochen? Das zersetzende Gift der Intrige beginnt zu wirken und droht, die fragile Union zu sprengen. Oder ist der Fremde tatsächlich Olaf? Margarete will nicht handeln wie eine Tyrannin: „Wir hängen niemanden, ohne zu wissen, wer er ist.“

Die preisgekrönte Schauspielerin Trine Dyrholm in der Hauptrolle der Margarete ist eine exzellente Besetzung, die perfekt eine Königin verkörpert, die hin- und hergerissen ist zwischen Staatsräson und Mutterliebe. Die Dramaturgie dieses düsteren Historiendramas um das zuweilen perfide Spiel der Macht wird verstärkt durch seine Einbettung in einer durchgehend im Low-Key aufgenommenen Atmosphäre, als ob im mittelalterlichen Nordreich Margaretes nie die Sonne scheint.

„Die Königin des Nordens“ ist einer der besten und sehenswertesten europäischen Produktionen der letzten Jahre, die sich kein Filmliebhaber entgehen lassen sollte. Das kleine Dänemark zeigt damit auf höchstem Niveau, wie Europa mit Hollywood mithalten kann.

Die Königin des Nordens
Mit Trine Dyrholm
2021; ca. 116 Minuten

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