Wer hat diesen Bock zum Gärtner gemacht?

Gefühlt erscheint mindestens jeden zweiten Tag in der „Hessischen Allgemeinen“ ein Bashing gegen die Querdenker und die gegen die Corona-Maßnahmen protestierenden Spaziergänger. Am vergangenen Freitag durfte nun Jakob Alber von der Schulschwänzerbewegung „Fridays for Future“ im gefälligen Interview durch Matthias Lohr seine kritische Sicht auf die Corona-Kritiker darlegen. Die Hauptthesen daraus und ihre Gegenüberstellung mit einem geeigneten Kontext, der eine eindeutige Bewertung ihrer Qualität zuläßt:

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Matthias Lohr / HNA: Ob Kritiker, Verschwörungsideologen oder „Querdenker“ – wie schätzen Sie die Bewegung ein?
Jakob Alber: In letzter Zeit ist sie immer extremistischer geworden. Ich bekomme die Dynamiken in den Telegram-Gruppen mit. Dort gibt es mittlerweile auch Aufrufe zu konkreter Gewalt. Seitdem die Maßnahmen für Ungeimpfte anziehen und eine Impfpflicht diskutiert wird, werden die „Querdenker“ wütender.

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus234856610/Linksextremismus-bei-Fridays-For-Future-Die-unuebersehbare-Radikalisierung.html

(…) Die Auseinandersetzung ist symptomatisch für den Richtungsstreit in der noch jungen Bewegung, ein bürgerliches konkurriert mit einem antikapitalistischen Lager. Die einen wollen das Wirtschaftssystem umbauen, schneller heraus aus der fossilen Energie. Die anderen liebäugeln mit einem kompletten Umsturz, sie halten den Kapitalismus an sich für die Ursache von Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit. Seit der Gründung von FFF vor gut drei Jahren prägen zwar gemäßigte Stimmen das öffentliche Bild. Doch intern geben Personen wie Luisa Neubauer längst nicht mehr allein den Ton an. Teile der Bewegung kooperieren mit linksextremistischen Kräften. (…)


Bei der Demo der „Querdenker“ soll unter anderem Hermann Ploppa reden, der bei der Bundestagswahl für die Partei Die Basis im Schwalm-Eder-Kreis angetreten ist und dessen Bücher im rechtslastigen Kopp-Verlag erscheinen. Wie gefährlich ist so jemand?
Ich halte ihn für enorm gefährlich. Ploppa schreibt etwa, dass der Geschichtsrevisionist und Holocaust-Leugner Harry Elmer Barnes auf Wikipedia zu unrecht verunglimpft werde. Jemand wie Ploppa wird nicht nur akzeptiert, sondern mit ihm wird geworben, ohne dass es auf Widerstand stößt. Das sagt einiges über die Bewegung aus.

https://www.facebook.com/watch/?v=699076380611877

Greta ist sakrosankt, wie man früher sagte, ne. Darf man Witze über Greta machen? Ich meine, sie meint es gut. Sie ist ein Mädchen. (…) Man sollte sie nicht mit dem Messias verwechseln und das tun viele, nicht? (…) Sie sagt, es geht um Menschenleben. Da hat sie recht. Die Frage ist nämlich, wie viele Menschen kann man in regionaler Biowirtschaft ernähren? Eine Milliarde? Zwei, vielleicht drei, und die Frage ist, wo finden wir dann vier oder fünf Milliarden Freiwillige zum Ableben und wer sucht sie aus, macht Greta das selbst? Ich traue es ihr zu. Den Blick hat dafür hat sie. (…)

https://www.welt.de/politik/deutschland/article231248659/Fridays-for-Future-teilt-antisemitisches-Posting-Deutsche-Aktivisten-distanzieren-sich.html

Fridays for Future Deutschland hat sich von einem Posting distanziert, in dem sich der internationale Teil der Bewegung offenbar mit den Raketenangriffen auf Israel solidarisiert hatte. „Wir stellen uns klar und deutlich gegen jeden Antisemitismus, überall“, kommentierte die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer die Distanzierung des deutschen Ablegers.

Zuvor war auf dem internationalen Kanal von Fridays for Future ein Beitrag erschienen, in dem es hieß: „Wir sind mit dem Herzen bei den Märtyrern und Verstorbenen. Die Gewalt und die verlorenen Leben sind eine Tragödie, und ihr Blut wird nicht vergessen werden. Möge die Erinnerung an sie ein Segen sein und eine Revolution.“


Wie groß ist die Gefahr, dass sich eine neue RAF aus den Reihen der „Querdenker“ bildet?
Eine terroristische Gruppe wie die RAF halte ich für unrealistisch. Aber es gibt definitiv einen Teil, der gewaltbereit ist. Ich halte es für möglich, dass aus der Bewegung heraus Morde initiiert werden.

https://www.welt.de/debatte/plus235214580/Szenario-einer-Gruenen-RAF-Die-Klima-Radikalisierung-war-zu-erwarten.html

Kommt bald ein grüner Terrorismus? Tadzio Müller, einer von Deutschlands prominentesten Klima-Aktivisten, ist davon überzeugt. In einem hochinteressanten Interview mit dem „Spiegel“ sagt der frühere Referent der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitbegründer der Aktionsgruppe „Ende Gelände“ eine schnelle Radikalisierung der Bewegung voraus.

Schon 2022 werde es massive Gewalt gegen Sachen geben, von Geländewagen über Autobahnbaustellen bis zu Gaskraftwerken. Doch selbst diese, so Müller, „Notwehr“ gegen die drohende Zerstörung unserer Zivilisation durch Treibhausgas werde erst der Anfang sein: „Wer Klimaschutz verhindert, schafft eine grüne RAF.“

Diese Argumentation aus dem Maschinenraum der Klimaschützer ist folgerichtig und war zu erwarten. Wer das politische Ziel, also die wie auch immer geartete „Rettung“ des Klimas, zum höchsten Gut erklärt, kann darüber nach den festgelegten Regeln des Rechtsstaates nicht mehr verhandeln. (…)


Wurden Sie selbst schon bedroht?
Konkret bedroht wurde ich nicht, aber ich fühle mich nicht ganz wohl damit, mich so öffentlich zu zeigen. Trotzdem will ich mich nicht einschüchtern lassen.

https://www.welt.de/vermischtes/article234013244/Fridays-for-Future-Taetlicher-Angriff-auf-Kernkraft-Aktivistin-bei-Klimademo.html

(…) Ein Video zeigt den Vorfall in Berlin. Dabei ist zu sehen, wie ein Mann sich von hinten nähert, Augustin an die Handgelenke greift, um ihr das Schild zu entreißen. Als die Aktivistin nicht loslässt, bringt er sie beinahe zu Boden. Die Umstehenden johlen und klatschen. Kurze Zeit später ist das Schild zerbrochen. (…)

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus211427667/Fridays-for-Future-und-Ende-Gelaende-Klimaschutz-Systemwechsel.html

Am 23. Juni fliegen im Hambacher Forst wieder einmal Böller auf Polizisten. Eine Frau versucht, einen Beamten zu beißen, ein Mannschaftswagen wird mit Exkrementen beschmiert. So hält es die Polizei später fest. Seit Jahren gilt „Hambi“, der Wald, als Symbol für den Kampf zwischen Klimaschützern und der Kohlebranche. Zwischen den Bäumen mischen Anhänger der führenden Bewegungen um Fridays for Future und Ende Gelände mit. Längst steht ein Kompromiss: Hambi bleibt. Doch selbst ernannte Aktivisten führen den Protest weiter – und die amtliche Bilanz nach knapp zwei Jahren lautet: 2994 Straftaten, darunter 39 Brandstiftungen und 58 Körperverletzungen. Das teilt das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen auf Anfrage mit. (…)


In den Telegram-Gruppen der „Freien Bürger“ werden zum Teil krude Verschwörungserzählungen verbreitet. Anders als in anderen Städten verliefen die Spaziergänge und Demos in Kassel jedoch bislang friedlich. Und Protest ist ja legitim. Müsste eine Demokratie eine Minderheit, die montagabends spazieren geht, nicht aushalten? Oder sind Sie für ein Verbot solcher Aufzüge?
Kritik am staatlichen Handeln ist selbstverständlich legitim. Dafür gibt es in einer Demokratie klare Spielregeln. Wer Veranstaltungen anmeldet, darf eine ganze Menge. Selbst ein Protest auf der Autobahn ist möglich. (…)

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article218717380/Dannenroeder-Wald-Selbst-ernannte-Aktivisten-betreiben-Terrorismus.html

Die Wälder im deutschen Herbst strahlen gelb, orange und rot. Am Horizont geht die Sonne auf, die Wolken sind lila. Und dann bei Wiesbaden ist da auf einmal ein Stau. Ein Glück, dass nichts passiert, kein Lkw einen Kleinwagen in den nächsten Laster schiebt und die Insassen an diesem Montag sterben lässt und Menschen irgendwo anders zu Witwen oder Waisen macht.

Die Ursache des Staus an diesem Morgen sind Menschen, die sich an Seile gebunden von einer Autobahnbrücke baumeln lassen, um den demokratisch beschlossenen und legitimierten Bau der A49 durch den Dannenröder Forst zu verhindern. Und diese Menschen nennen sich Aktivisten.

Was die Jugendlichen von Fridays for Future geschafft haben, eine weltweite friedliche Bewegung für den Klimaschutz auf die Straße zu bringen, drohen diese Kriminellen zunichtezumachen. Sie instrumentalisieren das legitime Anliegen für mehr Klimaschutz und machen daraus: Terrorismus. (…)


Viele Kritiker der Corona-Maßnahmen sehen sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt und beteuern, sie seien ganz normale Bürger aus der Mitte der Gesellschaft. Sehen Sie die Gefahr, dass man diese Menschen durch Gegenkundgebungen in die Arme von Radikalen treibt?
Ja, diese Gefahr sehe ich. Natürlich sind nicht alle „Querdenker“ rechtsextrem. Aber sie haben kein Problem, mit Rechtsextremen auf die Straße zu gehen. Ich unterstelle jedem Einzelnen von ihnen, das nicht zu kritisieren. Das muss gesagt werden.

https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2022/corona-proteste-buergerliches/

Brandenburgs Innenstaatssekretär Uwe Schüler (CDU) hat der Ansicht widersprochen, bei den Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen handele es sich überwiegend um Extremisten. „Das bürgerliche Spektrum geht momentan auf die Straße“, sagte er laut Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch im Innenausschuß des Landtages. (…)

https://www.welt.de/politik/deutschland/article236205086/Verfassungsschutz-Rechtsextreme-bei-Corona-Protesten-nicht-in-der-Mehrheit.html

An den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen beteiligen sich vor allem Bürger ohne Extremismus-Bezug. Das hat der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, am Mittwoch im Innenausschuss des Bundestages erklärt. Wie WELT aus Teilnehmerkreisen erfuhr, sagte Haldenwang, der „überwiegende Teil“ seien „normale“ Bürger.

Den Angaben zufolge erklärte der Verfassungsschutzpräsident, Rechtsextremisten würden sehr wohl weiterhin versuchen, einen prägenden Einfluss zu erhalten – ihr Erfolg sei bislang jedoch mäßig. Rechtsextremisten setzten auf „Visibilität“ und wollten ihre Bedeutung größer erscheinen lassen als sie tatsächlich sei. (…)


Wer mit „Querdenkern“ diskutiert, wird feststellen, dass das sehr schwierig ist. Ist ein Diskurs mit den Impfgegnern überhaupt möglich?
Bis zu einem gewissen Punkt schon. Aber das ist immer schwierig, weil die „Querdenker“ die Erkenntnisse der empirischen Wissenschaft nicht zur Kenntnis nehmen. Vorigen Samstag habe ich eineinhalb Stunden mit zwei Teilnehmern diskutiert. Das war ein spannendes Gespräch. Bis einer sagte, den Holocaust zu leugnen, sei Meinungsfreiheit. Da war ich raus. Grundsätzlich halte ich es aber für gut, respektvoll miteinander zu reden.

https://www.welt.de/vermischtes/plus216429948/Clemens-Traub-Ausgestiegen-bei-Fridays-for-Future.html

WELT: Sie sagen: Anfangs waren auch Sie bei Fridays for Future dabei. Dann haben Sie sich von der Bewegung abgekehrt. Wann kam es zur Entfremdung?

Traub: Ich habe gemerkt, dass viele meiner Mitstreiter überzeugt waren, die einzige Wahrheit gepachtet zu haben. Das Denken konzentrierte sich zunehmend auf ein Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse. Irgendwann fühlte sich der Klimaprotest an wie ein totaler, autoritärer Kampf gegen den Rest der Menschheit. (…)

Fridays for Future tritt nur noch mit der absoluten Gewissheit auf, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Kompromisse, die so wichtig für unser Zusammenleben sind, werden da als verwerflich betrachtet. Viele Aktivisten sehen in demokratischen Prozessen mittlerweile einen Verrat an der Zukunft der Menschheit. (…)

Wir leben schon jetzt in einer Zeit der Polarisierung. Es wird eine noch größere Spaltung geben, wenn nicht auch die Klimaschützer rhetorisch herunterschrauben und den totalitären Wahrheitsanspruch ablegen. Sogar viele, die aus der ursprünglichen Klimaschutzbewegung stammen und den Grünen nahestehen, sagen mir mittlerweile: In der Sache richtet Fridays for Future Schaden an.


Jakob Alber beobachtet mit dem Schwurblerticker-Kanal auf Telegram die Szene um die Corona-Kritiker. Es stellt sich dabei die alte Frage: Wer kontrolliert den Beobachter?

Die HNA, Karl Lauterbach und der Flug des Ikarus

Ob dem Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke) eine Träne der Rührung über die Wange lief, als er am vergangenen Samstag diesen Tweet absetzte: „Einfach mal Danke!“ Anlaß war die Titelseite der Thüringer Allgemeinen (TA), die mit einem großen Schaubild das Stärkeverhältnis der Impfkritiker sowie der die staatlichen Corona-Maßnahmen ablehnend gegenüberstehenden Minderheit, die mit „illegalen“ Spaziergängen ihrem Protest Ausdruck verschafft, gegenüber der überwältigenden Mehrheit, die durch die Impfung ihre angebliche Akzeptanz der Maßnahmen zeige.

Eine steile These, wo bekanntermaßen auch nicht wenige Geimpfte sich unter die Spaziergänger begeben haben. Aber in Corona-Zeiten ist das mit den Zahlen und Daten so eine Sache. Da wurde in einigen Bundesländern bislang bei der Intensivbelegung das beträchtliche Dunkelfeld derer, deren Impfstastus nicht bekannt war, einfach den Ungeimpften zugerechnet. Es dauerte jedenfalls nicht lange, und Ramelows Tweet geriet zum Rohrkrepierer, als nicht wenige geschichtsbewußte Follower Ramelow auf gewisse heikle historische Parallelen hinwiesen, die sie auch noch mit zeitgenössischen Dokumenten belegen konnten. So mit der Schlagzeile aus dem Neuen Deutschland vom März 1988: „Der neue ‚Glasklar‘-Kurs der SED erobert die Herzen der Massen“.

Dieser kuriose Vorgang beleuchtet eindrucksvoll die Wahrnehmung vieler Bürger, wonach es nach Eurorettung und Migrationskrise nun in der Corona-Pandemie zu einem erneuten Einvernehmen zwischen Medien und Regierung gekommen ist. Die „Vierte Gewalt“ hat ihre Kontrollfunktion endgültig aufgegeben und unterstützt unkritisch einen Regierungskurs, der in weiten Teilen der Bevölkerung keine Akzeptanz mehr findet.

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Auch in unmittelbar nächster Nachbarschaft zu Erfurt, in Nordhessen, spielte sich dieser Tage das Drama des unbegabten Journalisten als regierungsamtliches Sprachrohr in ähnlicher Weise ab. Zwei Tage nach besagter Ausgabe der TA demonstriert die Hessische Allgemeine (HNA) auf ihrer Titelseite in der Rubrik „Standpunkt“ den engen Schulterschluß zwischen Regierung und Mainstreammedien-„Intelligenzija“: „Lauterbach im Umfragehoch / King Karl – die neue Art, Politik zu machen“. Florian Hagemann, Leiter der Lokalredaktion Kassel, ergießt sich darin zu einer regelrechten Lobhudelei:

Lauterbach hat es in den ersten Wochen im neuen Amt längst zu King Karl geschafft: Er twittert fleißig, wird mal in die Tagesthemen geschaltet, mal ins Heute-Journal, er schaut mal bei Anne Will vorbei, mal bei Maybrit Illner, heute Abend ist er bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ zu Gast. Lauterbach ist omnipräsent, er ist Karl Überall. (…)

Das ist insofern erstaunlich, als dass es diese Art von Politiker bisher eigentlich gar nicht gab. Lauterbach ist nämlich immer noch in erster Linie Professor, der die Dinge versucht, mit seinem Hintergrund als Wissenschaftler zu erklären – untermauert mit dem Hinweis auf diese und jene Studie. Seine Vergangenheit verleiht dem Mediziner dabei die nötige Glaubwürdigkeit.

Und zum krönenden Abschluß, warum die Beliebtheitswerte der Minister Habeck und Lindner nicht an die von „King Karl“ reichen:

Womöglich aus einem einfachen Grund: Weil Karl Lauterbach sich nicht verstellen muss, um einfach Karl Lauterbach zu sein.

An dieser Stelle hätte ich noch erwartet: „Majestät, Ihr seid die Sonne…“

HNA-Standpunkt vom 10.01.2022

Als erstes kommt beim Lesen der Verdacht auf, mit diesem schleimigen Text will Hagemann sich für den Posten des Bundestagspoeten vulgo „Hofschranze“ (Don Alphonso) bewerben, den die Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckhardt so gerne ausschreiben will.

Aufhänger der Thesen Hagemanns sind die Umfragen zu Lauterbachs Beliebtheit (66 Prozent bei Dimap). Doch mit demoskopischen Beliebtheitswerten ist das so eine Sache. Eine ungeschriebene Grundregel dabei lautet, daß die Beliebtheit eines Politikers mit seiner Medienpräsenz korreliert, egal, was er dabei zu sagen hat. Und wie diese Präsenz nun zustande kommt, wäre eine eigenständige Untersuchung wert, nach welchen Kriterien jemand wie Lauterbach die Dauereinladungen in die Talkshows des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks erhält und welche Fäden im politisch-medialen Komplex hier gezogen werden. Transparent sind diese jedenfalls nicht, allenfalls zu erahnen.

Was Lauterbach für diese Rolle sicherlich prädestiniert, ist sein professoraler Auftritt, in dem er mit sorgenvoller Miene Endzeitstimmung verbreitet. In seinem Buch „Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten“ (2012) ist der Buchautor Christian Schüle auch auf „das Ende der Welt als deutsches Geschäft“ eingegangen. Neben den US-Amerikanern gäbe es kein zweites Volk, das bedingt durch seine wechselvolle Geschichte den Hang zur Apokalypse derart zur Lust verinnerlicht hätte wie das der Deutschen. Deutschland als „das Land der Apokalypse“ – und kein Gesicht passt besser dazu als das von „King Karl“ Lauterbach.

Wenn sich Lauterbachs düstere Voraussagen nicht erfüllen – geschenkt. Daß er den größten Stuß als wichtige Erkenntnis herausposaunt, von der am Folgetag nichts mehr übrig bleibt – vergessen. Die Frage nach seiner tatsächlichen ärztlichen Qualifikation, die angeblich nur im Gesundheitsmanagement liegt – irrelevant. Frei von jedem Selbstzweifel vollzieht er seine Auftritte. Und die Mainstreammedien folgen brav, solange Lauterbach seiner Rolle als zivilreligiöser Prophet, der Apokalypse und Erlösung anbietet, zur Zufriedenheit derer ausfüllt, die ihn nach vorne stellen.

Doch das muß so nicht auf Dauer bleiben. Die Liste der Senkrechtstarter, die gescheitert an sich selbst aus großer Höhe gefallen sind, ist lang. Denkt da noch wer an Matthias Platzeck, der 2005 vom glücklosen Franz Müntefering den Vorsitz der SPD übernahm? Bedacht mit Vorschußlorbeeren von den Medien und ausgestattet mit einem Rekordvotum vom Parteitag warf er ein halbes Jahr später das Handtuch, eine vergessene Fußnote der deutschen Parteiengeschichte als der SPD-Vorsitzende mit der kürzesten Amtszeit in der Bundesrepublik.

Spektakulärer ist da der Fall Karl-Theodor zu Guttenberg, der es schaffte, selbst so skeptische Geister wie den konservativen Publizisten Karlheinz Weissmann zu blenden. Als Verteidigungsminister aus altem Adel schien ihm alles zu gelingen, und selbst in der „heute show“ wurde er vollkommen unironisch „der Mann, der alles kann“ genannt. Bis im Februar 2011 mit der Aufdeckung seiner Dissertation als billiges Plagiat innerhalb von zwei Wochen sein tragikomischer Absturz zum Lügenbaron erfolgte.

Wer hoch steigt, kann tief fallen, sagt der Volksmund. Die griechische Mythologie kennt hierfür die Figur des Ikarus, der mit selbstgemachten Flügeln der Sonne unvorsichtig zu nahe kommt, so daß das zusammenhaltende Wachs zerfloß und Ikarus zu Tode stürzte.

Sieg und Niederlage, Schmerz und Vergnügen, sie liegen nahe beieinander. Und Politik ist umso mehr ein Drahtseilakt, je höher man steigt. Das gilt auch für jemanden wie Karl Lauterbach, bei dem schon erste Anzeichen erkennbar sind, nicht begriffen zu haben, daß ein Ministeramt andere Anforderungen stellt als ein Abgeordnetenmandat. Schneller als gedacht könnte es sich erweisen, daß hinter der Warnung seiner Ex-Frau Angela Spelsberg, bekannt als ausgezeichnete Epidemiologin und Wissenschaftlerin, Lauterbach werde einem Ministeramt nicht gerecht, mehr steckt als nur ein Rosenkrieg.

Der tiefe Sturz eines Politikers ist nicht nur eine Blamage für den Betreffenden; sie ist es ebenso für die Medien, die sich devot anbiederten und ihn in unkritischer Weise nach oben schrieben. Journalisten sind daher auch in diesem Fall gut beraten, dem Grundsatz zu folgen, nahe bei der Sache zu sein, und dabei doch eine innerliche, kritische Distanz zu den Akteuren zu bewahren. Wenn „King Karl“, warum auch immer, sich als Luftikus entpuppt und von seinem Thron stürzt, was wird Hagemann dann im Rückblick zu seinem bereits aus heutiger Sicht Fremdscham erzeugendes Elaborat sagen…?

 

Der Klassiker zum Thema:

Udo Ulfkotte
So lügen Journalisten
Der Kampf um Quoten und Auflagen (2001)
Nur noch antiquarisch erhältlich

Ein Tränenglas für Matthias Lohr

Ich kann nicht oft behaupten, daß die Lektüre der HNA (Hessisch/Niedersächsische Allgemeine) Erheiterung in mir auslöst. Die nordhessische Tageszeitung ist sonst so bieder und fest eingebunden in dem Milieu, das man so schön Mainstreammedien nennt. Doch selbst unter solchen Bedingungen hat es Lokalredakteur Matthias Lohr am gestrigen Montag mit einem besonders weinerlichen Kommentar über die Situation in seinem Beruf geschafft, ein Lachen in mir auszulösen.

„Standpunkt“/ HNA vom 4.10.2021

Anlaß war die Verleihung des „Glas der Vernunft“, des Kasseler Bürgerpreises, an die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ am vergangenen Tag der deutschen Einheit. Lohr nutzte den Festakt als Aufhänger, um in der Rubrik „Standpunkt“ zu sinnieren: „Journalisten haben es schwer wie selten“. Was folgte war ein Klagelied darüber, welch schweren Stand Journalisten wie er haben, denn sie werden „als Teil der angeblichen Lügenpresse verunglimpft“ und würden von nicht wenigen in Deutschland für Verbrecher gehalten. Ja, sogar körperliche Angriffe auf Demonstrationen müßten sie einstecken, vor allem von Querdenkern.

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Beaker als das Alter Ego des getroffenen Haltungsjournalisten?

Doch zum Rohrkrepierer geriet Lohrs rhetorischer Kniff, Extrembeispiele wie „obskure Youtuber und den vom Kreml finanzierten Sender RT“ als bedenkliche Alternativen hinzustellen, pars pro toto für alle alternativen Medien, um sich selbst in ein umso heller erscheinendes Licht zu rücken. Umgekehrt ist es jedoch ein Armutszeugnis für ihn und seine Kollegen, wenn ausgerechnet solche Angebote mehr Zuspruch und Vertrauen erhalten als die Mainstreammedien.

Und zum Schluß gibt Lohr eine entschiedene Ansage, die man durchaus doppeldeutig verstehen kann: „Niemand schreibt uns vor, was wir zu schreiben haben.“ – Doppeldeutig in dem Sinne, daß er den Vorwurf der Kritiker, man unterwerfe sich höheren Vorgaben oder gar Merkel persönlich, ebenso zurückweist wie auch jeden Druck von der Straße.

Auf dem ersten Blick mag es wie eine Opfer-Inszenierung wirken, was Lohr hier aufführt. Doch tatsächlich wirft er sich in die heroische Pose des wackeren Journalisten, des weißen Ritters für die Pressefreiheit: „Seht her, wie ich mich in den Kampf stürze gegen die Gegner der Pressefreiheit, die Feinde der Demokratie.“ – So viel narzisstische Selbstoffenbarung war selten.

Tatsächlich hat Lohr die Kritik weiter Teile der Bevölkerung über die „angebliche“ Lügen- bzw. Lückenpresse nicht verstanden. Spätestens seit dem Ausbruch der Krim-Krise hat sich bei vielen das Gefühl durchgesetzt, von unseren maßgeblichen Medien mit einseitigen und auch falschen Narrativen informiert zu werden. Die sogenannte Flüchtlingskrise, in der der staatliche Kontrollverlust zu einer „kulturellen Bereicherung“ unseres Landes umgedeutet wurde, trieb diese Gefühlslage auf die Spitze. Ob Migration, Eurorettung, Klimapolitik – es herrscht in weiten Teilen der Medien ein enger Meinungskorridor vor, der die Dinge ausschließlich in einem linksliberalen Sinne darstellt und interpretiert.

Es ist für viele Menschen naheliegend, diese Einseitigkeit auf höhere Vorgaben zurückzuführen, auf dunkle Mächte im Hintergrund oder einfach nur die konzentrierte Macht der Medienkonzerne. Die Dinge liegen komplizierter. Es würde zu weit führen, die Prozesse der vergangenen Jahre in der Medienbranche auszuführen, wie sie der Medienwissenschaftler Uwe Krüger in „Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen“ darlegt hat, die zu der Herausbildung der Mainstreammedien und ihrer inhaltlichen Engführung geführt haben. Doch in einem muß man Lohr recht geben: Der von vielen vermutete „Druck von oben“ existiert so nicht.

Der Kulturkritiker Oswald Spengler (1880 – 1936) formulierte ein bis heute gültiges Bonmot:

Der Laie mag sich zufriedengeben, daß die Presse verfassungsgemäß „frei“ ist. Der Kenner fragt: „Auf wen hört die Presse?“

Die Antwort darauf ist einfach, es ist der grün angehauchte Zeitgeist, der vorgibt, was als „sozial erwünscht“ zu gelten hat. In diesem Zeitgeist kann man auch Lohr unschwer verorten. Wer das Wirken dieses Mannes über die Jahre verfolgt hat, erkennt ein Muster, dessen Stoßrichtung immer der nicht-linke Andersdenke ist – nicht allein, aber vor allem gegen die AfD, Querdenker und andere engagierte Kritiker der staatlichen Corona-Maßnahmen, denen ausschließlich alleine „Haß und Hetze“ attribuiert wird, so als wäre man selbst vollkommen frei davon.

Doch wie viel Fairness, wie viel Respekt, wie viel Ausgewogenheit, wie viel Unvoreingenommenheit kann man von einem Journalisten erwarten, der in seinem privaten Blog „Matti Lohr – Grüner wird‘s nicht“ solche Sätze schreibt:

Was werden wir in 25 Jahren unseren Kindern antworten, wenn sie uns fragen, warum wir am 24. September 2017 nicht die Grünen gewählt haben? […] In 20 Jahren, wenn nicht nur die Malediven, sondern vielleicht auch Teile der Niederlande und von Niedersachsen im Meer versunken sein werden, der Klimawandel viele Regionen der Erde unbewohnbar gemacht und die größten Flüchtlingswellen der Geschichte verursacht haben wird, werden wir Sätze zu hören bekommen wie: „Aber die Grünen hatten doch immer recht. Wieso habt ihr nicht endlich einmal auf sie gehört?“ Wir werden dann etwas stammeln und zugeben müssen, dass die Grünen tatsächlich meist richtig gelegen hatten (…).

Screenshot, abgerufen am 4.10.2021

Wer würde so jemanden etwas anderes zutrauen als die Rolle eines linksgrünen Aktivisten im Gewand des Journalisten? Lohr vermag offenbar nicht zu begreifen, daß er in dieser Rolle mitbeteiligt ist an der Polarisierung unserer Gesellschaft. Er provoziert und beschwert sich über die Reaktion – die übliche Chuzpe von Haltungsjournalisten gegenüber ihren widerspenstigen Lesern. Stattdessen schirmt er sich in seiner Blase ab und immunisiert sich gegen die konsequenterweise harsch ausfallende Kritik, indem er sie als „Angriffe gegen die Pressefreiheit“ diffamiert.

Aber die Zeiten einer Presse als „vierte Macht im Staat“, als Kontrollinstanz des politischen Systems sind schon lange vorbei. Den Urgesteinen Bob Woodward, Carl Bernstein und Seymour Hersch folgte die moralische Korrumpierung der Medien durch gesinnungsethische Interessen. Heute prägen die Relotiusse das öffentliche Bild von den Medien, die kleinen wie die großen. Dazu braucht es keine erfundenen Reportagen; es reichen die manipulativen Tricks, die Bilder erzeugen, die selbst den kleinen Mann die Medien Fürchten lehren. Wen wundert es da noch, wenn Meinungsumfragen belegen, daß mehr als die Hälfte der Bundesbürger nicht mehr an eine freie Meinungsäußerung glaubt?

Aber Lohr kann auch anders. In seiner Berichterstattung über die berüchtigte, aus Kassel stammende Lina E., der derzeit wegen Gewaltaktionen gegen die rechtsextreme Szene vor dem Oberlandesgericht Dresden der Prozeß gemacht wird, vermag er das Bild von der mutmaßlichen Linksextremistin auffallend weich zu zeichnen. So schreibt die Preußische Allgemeine Zeitung:

Viel Verständnis demonstrieren des Weiteren einige Journalisten wie Christian Fuchs vom Wochenblatt „Die Zeit“ und Matthias Lohr von der Kasseler „Hessisch/Niedersächsischen Allgemeinen“ („HNA“). In deren Beiträgen wird Lina E. wohlwollend porträtiert und suggeriert, die sächsische Justiz stempele die „unscheinbare“ junge Frau, welche sich „während des Studiums mit Rechtsextremismus auseinandersetzte“, zu Unrecht als Linksextremistin ab. (PAZ, Ausgabe vom 17. Sep 2021)

Hier werden die verrutschten Maßstäbe eines Journalisten offenbar, der wie ein Korken auf dem trüben Wasser schwimmt und dabei noch versucht, große Wellen zu schlagen. So sieht das „schwere Leben“ des HNA-Redakteurs Matthias Lohr aus. Jedes alternative Medium von Bedeutung hat gegen größere Widerstände anzukämpfen, härtere Auseinandersetzungen auszufechten als er es je nötig hatte.

Uwe Krüger
Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen
174 Seiten, 14,95 Euro

Your own personal Sophie Scholl

„Und das schöne Wort der Freiheit
Wird gelispelt und gestammelt,
Freiheit! Freiheit! Freiheit!“

Nach Goethe, aus dem ersten Flugblatt der „Weißen Rose“, 1942

Der mediale Aufschrei war gewaltig. Als im vergangenen November auf einer Querdenker-Demo gegen die staatlichen Maßnahmen zur Bekämpfung der sog. Corona-Pandemie eine als „Jana aus Kassel“ bekannt gewordene Rednerin sich in der Nachfolge der im Widerstand gegen das NS-Regime umgekommenen Sophie Scholl sah, rauschte eine Welle des Entsetzens und Abscheus durch die Mainstreammedien ob dieses Sakrilegs an einer der bedeutendsten Ikonen, auf die sich die heutige Bundesrepublik in ihrem Geschichtsverständnis beruft. Die Stellungnahmen und Kommentare fielen dabei einseitig und gleichlautend bis zur Austauschbarkeit aus. Wer eine dieser Reaktionen gelesen hat, der hat alle gelesen. Um die inhaltliche und austauschbare Engführung der hyperventilierenden Berichterstattung dazu zu illustrieren, sei stellvertretend die Redakteurin unserer regionalen Monopolzeitung HNA (Hessisch-Niedersächsische Allgemeine), Frau Nicole Schippers, in ihrem „Standpunkt“ vom 23. November 2020 zitiert, die in der „kruden Szene“ eine „Beleidigung für alle, die jemals unter einer Diktatur gelitten haben“ sieht und die der Rednerin schließlich Geschichtsblindheit attestiert.

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Gewiß, Janas Auftritt war zum Fremdschämen. Und doch ist ein solches Verhalten kaum verwunderlich. Es gehört ja nun zum medialen und politischen Geschäft, alles auf einen möglichen Bezug zum Dritten Reich hin zu untersuchen. Nazi- und Faschismus-Vorwürfe sind inflationär und die Rassismus-Keule so oft eingesetzt, dass sie eigentlich schon stumpf sein müsste. Was liegt da für eine 22jährige, die ohnehin durch die „Gnade der späten Geburt“ jegliches Einfühlungsvermögen für die Zeit des Dritten Reiches abgehen dürfte, näher als sich der Instrumente innerhalb dieses Bezugsrahmens zu bedienen, zumal ihr vermutlich kein anderer vermittelt wurde? Daß Jana allerdings keinen klugen Gebrauch daraus gemacht hat – geschenkt…

Es hat auch einen schalen Beigeschmack, wenn Medien wie die HNA über dieser jungen Frau ob ihrer Unreife und Bildungsdefizite herfallen. Denn auf der anderen Seite hat die Journaille seit geraumer Zeit jedes dumme Wort, jeden nervtötenden Auftritt einer gewissen Heranwachsenden aus Schweden zum Thema Klimawandel andächtig notiert, so als könnte man in den Redaktionen eine 16jährige Autistin nicht von einem gesunden, erwachsenen Menschen unterscheiden. Da können diese sich Ihre Empörung über Jana getrost sparen.

Dabei ist „Jana aus Kassel“ nicht die einzige, die sich in ihrem Handeln auf Sophie Scholl beruft. Kurze Zeit später twitterte Carola Rackete, Migranten-Schlepperin aus Seenot: „If #SophieScholl was alive today I am pretty sure she would be part of local #Antifa organising.“ – Ein #Aufschrei blieb hierbei aus.

Der Auftritt der „Jana aus Kassel“ hallt noch Monate später nach, als am vergangenen 9. Mai 2021 dem 100. Geburtstag der Sophie Scholl gedacht wurde. Hierzu hat sich unsere für intellektuelle Höchstleistungen bekannte Lokalzeitung etwas Besonderes ausgedacht. Den von der Initiative „Offen für Vielfalt“ mit der „Weiße Rose Stiftung“ initiierte Wettbewerb für Schüler aufgreifend, veröffentlichte sie eine Auswahl von Briefen an oder über Sophie Scholl auf ihrer Webseite und gab einem ihrer Verfasser, einem 16jährigen Schüler des Kasseler Engelsburg-Gymnasiums ein ganzseitiges Interview.

Allen diesen Briefen gemeinsam ist die fast schon Verachtung ausstrahlende Distanzierung von „Jana aus Kassel“, zu der eine Briefschreiberin sich auf einen einschlägigen Tweet des Außenministers Maas berufet: „… nichts verbindet meiner Ansicht nach Corona-Protestler mit Widerstandskämpferinnen wie Dir“. Die staatlichen Maßnahmen zur Pandemiebekämpfung finden Unterstützung, das Bekenntnis zum politischen System der Bundesrepublik wird teils bis zur Selbstgefälligkeit vorgetragen. Mitunter wird es darin derart schwülstig, daß man nur hoffen kann, daß sich ihr Urheber später nicht für seine Worte schämt. Fazit: Diese Briefe sind eine Ansammlung konformistischer Allgemeinplätze und Platituden, das „sozial erwünschte“ so wiedergebend, wie es im Gemeinschaftskundeunterricht, der offenbar ganze Arbeit geleistet hat, vermittelt wurde. Aber ein echt kritischer origineller Gedanke findet sich darin nicht. Und ein Brief, der diese Qualitäten geboten hätte, wäre vermutlich auch kaum für den Wettbewerb zugelassen worden.

Von rechts bis links, von Querdenker bis „Zeuge Corona“, sieht sich jeder zur Berufung auf Sophie Scholl berechtigt, vereinnahmt sie für seine eigenen Zwecke, frei nach dem Motto: „Ich bin wie Sophie Scholl – Würde Sophie Scholl heute leben, setzte sie sich für die gleichen Ziele ein wie ich.“
Dabei ist es eine sehr zweifelhafte Methode Persönlichkeiten und ihre Charaktere aus ihrem jeweiligen historischen Kontext auf unsere Zeit zu übertragen. Niemand kann voraussagen, wie sich eine bestimmte Person in unserer Zeit entwickelt hätte. Und ebenso sollte sich umgekehrt jeder vor der Behauptung hüten, er wäre in der Zeit Sophie Scholls ebenso im Widerstand gewesen wie sie selbst.

In all dem Dickicht aus widersprechenden Vereinnahmungen, politischen Instrumentalisierungen und Mythenbildungen ist es angeraten, tiefer in die Materie einzusteigen. Zwei Biographien seien hierzu vorgestellt, die uns heute das kurze Leben der Sophie Scholl nahebringen. Da ist zum einen die als Referenz geadelte Scholl-Biographie der Historikerin Barbara Beuys, veröffentlicht 2010. Beuys setzt darin weit vor Sophies Geburt an, bei der Herkunft ihrer Eltern, um die familiären Wurzeln deutlich hervorzuheben. Sophies Charakterbildung ist nicht zu erklären ohne den prägenden Einfluß der Familie. Ihre tiefe Religiosität wurde ihr von der Mutter Lina, einer ehemaligen Diakonisse, in die Wiege gelegt, während der Vater Robert in seinem Aufstieg zum Wirtschaftsprüfer bürgerlichen Leistungsethos vorlebte. Beuys stellt ihn als liberal und demokratisch gesinnten Mann vor, der bereits vor der „Machtergreifung“ auf Distanz zu den Nazis ging, was aber keineswegs die Freundschaft zu Einzelnen ihrer Vertreter ausschloß.

Sophie entwickelte sich als viertes von sechs Kindern zu einem intelligenten Mädchen mit vielseitigen Interessen für Musik und Literatur und einem besonderen Talent für Kunst. Dennoch folgte sie mit Begeisterung ihren älteren Geschwistern Hans und Inge in die Hitlerjugend, dem der kritische Vater allerdings nichts entgegenzusetzen vermochte. Als Jungmädel zeigte sie Führungsqualitäten, die sie in der Hierarchie aufsteigen ließen. Das „neue Deutschland“ Adolf Hitlers hatte die Scholl-Kinder scheinbar für ihre Vorstellungen und Ziele einer „Volksgemeinschaft“ eingenommen. Beuys zeigt uns somit eine Sophie Scholl, die als Jungmädel dem nationalsozialistischen Ideal der „Jugend führt Jugend“ voll entsprach.

Als ein wesentlicher Bruch zum Nationalsozialismus läßt sich der Beginn des Zweiten Weltkriegs ausmachen, den Sophie kategorisch ablehnt. In ihren Aufzeichnungen werden gar die Franzosen heftig gescholten, daß sie Paris lieber zur offenen Stadt erklärten, als es bis zum Ende zu verteidigen. „Wenn eine Politik böse ist, muss man die Niederlage des eigenen Volkes wünschen, um der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen.“ – diese kompromisslose Haltung, die sie auch nicht vor ihrem Verlobten Fritz Hartnagel – einem Offizier der Wehrmacht– verbarg, war selbst für manchen Nazigegner schwer erträglich. Und es sollte Claus Schenk Graf von Stauffenberg mit seinem letztlich gescheiterten Staatsstreich vom 4. Juli 1944 sein, der damit versuchte, aus diesem für die heutige Generation kaum verständlichen Dilemma zwischen militärischer Niederlage einerseits und dem Erhalt eines verbrecherischen Regimes andererseits einen Ausweg zu finden.

Mit der inneren Abkehr vom Nationalsozialismus entwickelte sich gleichzeitig ihre Religiosität weiter, vor allem unter dem Einfluß des jungen Familienfreundes Otl Aichers, der sie in die Richtung des Katholizismus zog. Ihr inneres Ringen mit dem Glauben erinnert stark an Luther und mündete in ein Gottvertrauen, das noch heute solchen Kirchenfürsten als Vorbild dienen sollte, die in Verleugnung ihres HErrn ihr Kreuz ablegen.

Erst ab 1942 bildete sich allmählich jenes als „Weiße Rose“ bekannte Netzwerk um ihren Bruder Hans heraus, welches über anonym versendete Flugblätter und regimekritische Graffitis den Boden für den Aufstand bereiten wollte. Der Rest, die Verhaftung der Geschwister Hans und Sophie zusammen mit dem Freund Christoph Probst am 18. Februar 1943 nach einer aufgeflogenen Aktion in der Münchener Universität und der bereits vier Tage später folgende Prozeß vor dem Volksgerichtshof unter dem Vorsitz des berüchtigten Blutrichters Roland Freisler mit Vollstreckung des Todesurteils noch am selben Tag – nichts anderes als ein Justizmord – ist hinlänglich bekannt. Viel ist in der Vergangenheit spekuliert worden, ob Sophie Scholl bewußt auf dieses Ende hingearbeitet hätte. Doch ist diese Mutmaßung inzwischen verworfen worden.

Auffallend ist, daß Beuys vielgelobte Scholl-Biographie an keiner Stelle das Symbol der „Weißen Rose“ entschlüsselt. Hans Scholl führte es auf den geflohenen Adel Frankreichs zurück, der vom Ausland aus die Französische Revolution bekämpfte. Es dürfte für heutige Geschichtspolitiker eine harte Nuß zu knacken sein, daß sich hierbei die „Weiße Rose“ ihre Symbolik ausgerechnet aus einer konterrevolutionären Bewegung ableitet, die mit der Französischen Revolution ein heute als Durchbruch der Moderne verstandenes Ereignis bekämpfte.

Noch rechtzeitig vor dem 100. Geburtstagsjubiläum der Sophie Scholl erschien mit „Es reut mich nichts. Porträt einer Widerständigen“ eine aktuelle Biographie aus der Feder des evangelischen Theologen Robert M. Zoske. Hierin hebt er insbesondere die religiöse Motivation und Frömmigkeit Sophies hervor, die schon durch ihre Konfirmation einen wichtigen Impuls bekam. Ohne ihren christlichen Glauben kann Sophies Widerstand gegen Hitler und den Nationalsozialismus nicht erklärt werden.

Zoskes Sophie ist eine junge Frau, die aus dem traditionellen Frauenbild ihrer Zeit deutlich herausstach. Ihre Entwicklung zur Regimegegnerin erfolgte nicht über Nacht, sondern wie in einem Reifeprozeß, in dem sich ihr Freiheitsdrang langsam, aber radikal Bahn brach gegenüber der nationalsozialistischen Vermassung, die die ihr von den Nazis vermittelten Werte der Todesbereitschaft und der Unbedingtheit letztlich absichtsvoll gegen ihre Urheber wandte.

Doch interessanterweise beschreibt Zoske im Gegensatz zu Babara Beuys den Vater nicht als Demokraten, sondern als kaisertreuen Monarchisten, der – durchaus nachvollziehbar – der Massendemokratie die Schuld für den Aufstieg des Nationalsozialismus gab und dieser auch in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik kritisch gegenüberstand. Ein elterlicher Einfluß für eine demokratische Gesinnung scheidet somit aus. Und das ist insofern bemerkenswert, da bei allen schwammigen Vorstellungen des Kreises um die „Weiße Rose“ über die politische Nachkriegsordnung immerhin eines deutlich war: Deutschland sollte christlich sein.

Beide Biographen konnten aus einem umfangreichen Fundus aus Briefen, Tagebüchern und Akten schöpfen, um uns heute ein möglichst authentisches Bild Sophie Scholls zu vermitteln, fern von der Mythenbildung, die die überlebenden Geschwister unmittelbar nach dem Krieg betrieben haben.

Doch nicht allein Sophie Scholl wird uns näher gebracht, auch die Zeit des Dritten Reichs und wie schwer und fast unmöglich es für einen Einzelnen war, in diesem totalitären System in den Widerstand zu treten, sei es wegen der umfassenden Kontrolle durch die Machthaber, sei es dadurch, daß es das Regime vermochte, weite Teile des Volkes durch seine Politik zu vereinnahmen und zu blenden.

Was besondere Beklemmung beim Lesen beider Biographien auslöst, weil es unwillkürlich den Analogieschluß zur Gegenwart evoziert, sind die Schilderungen der Denunziationen, denen die damaligen Akteure ausgesetzt waren. Die „Meldehelden“ – um einen keineswegs ironisch gemeinten Euphemismus aus dem staatlichen Denunziationsportal des Landes Hessen zur angeblichen „Bekämpfung von Hass und Hetze im Netz“ aufzugreifen – der Nazi-Zeit zeigten Robert Scholl wegen abfälliger Äußerungen über Hitler bei der Staatsmacht an, ein mit Sophie Scholl ein Hotelzimmer teilender Gast wollte sie wegen des Besitzes und der Lektüre des Buches „Peter Pan“ anschwärzen – und letztlich war es der Hausmeister der Universität München, der aus vollkommen ernstgemeintem Pflichtgefühl Hans und Sophie Scholl an die Behörden verriet. Hier treten Grundtendenzen im Nationalcharakter der Deutschen zutage, die einfach nur beängstigend wirken.

Sophie fiel nicht nur in ihrer Zeit „aus der Rolle“. Ihre Belesenheit, ihre Bildung, ihre Reflektiertheit, ihr zum heutigen postmodernen Relativismus inkompatibler Glaubenseifer heben sie auch gegenüber unserer Zeit heraus, wo man kaum noch erwarten kann, daß ein junger Mensch Augustinus` „Bekenntnisse“ liest. Vergleicht man das Niveau ihrer Briefe mit denen, die im besagten Wettbewerb an sie gerichtet sind, so liegen dazwischen Welten, und damit sind nicht die unterschiedlichen Zeiten gemeint.

Sophie Scholl gab ihr Leben nicht für eine „bunte Republik“ und auch nicht für eine bestimmte medizinische Therapie zur Behandlung einer pandemischen Krankheit – sie gab es als Märtyrerin für ein freies Deutschland und ihr Volk. Es ist schwer zu beurteilen, auf wessen Seite Sophie Scholl heute stehen würde. Aber eines kann mit Sicherheit gesagt werden: Mit ihrer Reife, ihrer Bildung, ihrer Distanz gegenüber der Masse würde sie als Elite über allen stehen.

So sollte jedem einsichtig werden, der sich tiefer mit der komplexen Person der Sophie Scholl und der „Weißen Rose“ befasst, wie wenig beide mit heutigen linksliberalen, bundesrepublikanischen Denkmustern gemein haben. Hätte sich „Jana aus Kassel“ allein auf das Zitat von Theodor Körner – einem 1813 im Kampf gegen Napoleon gefallenen Freiheitskämpfer – aus dem letzten Flugblatt der „Weißen Rose“ bezogen – „Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen“ -, ohne dabei den Namen Sophie Scholl in den Mund zu nehmen, wäre sie vermutlich auch einem Verdikt verfallen – und zwar durch die gleiche Journaille, die sich anmaßt, Sophie Scholl vor falscher Vereinnahmung zu schützen.

Man muß „Jana aus Kassel“ nicht mögen, schon gar nicht für das, wofür sie steht und eintritt. Aber wenn sie in einem Sophie Scholl nahekommt, dann indem sie für sich den Begriff der Zivilcourage im eigentlichen Sinne des Wortes lebt: Auch mit einem kleinen Häufchen gegen eine tausendfache Übermacht aufzustehen.

Briefe an Sophie Scholl: Schüler erklären, was ihnen die NS-Widerstandskämpferin bedeutet | Kassel (hna.de)

Barbara Beuys
Sophie Scholl
Insel Verlag; 3. Edition (21. August 2011)
493 Seiten, Taschenbuch
14,00 Euro
Dr. Robert M. Zoske
Sophie Scholl: Es reut mich nichts

Porträt einer Widerständigen
Propyläen Verlag; 2. Edition (30. November 2020)
448 Seiten, geb. Ausgabe
24,00 Euro