Das zerbröckelnde Europa auf der Couch

„Eines Tages trat die Direktorin an Felix‘ Schreibtisch: Der Fortschritt verlange nach Erholung für die Arbeiterklasse und Funktionäre, man suche nun einen geeigneten Ort und plane entsprechende Baumaßnahmen. Nach einem Moment des Zögerns öffnete Felix eine Schublade und zog seine Zeichnungen hervor. Die Direktorin beugte sich über die Pläne, die Felix in den letzten Kriegsjahren angefertigt hatte. Die Gegend ist ideal, sagte Felix, und ich habe auch schon einen Namen: Goldstrand.“ (Katerina Poladjan, „Goldstrand“)

Der Polenta genannte Maisbrei ist von einer Konsistenz, die angenehm im Mund zergeht. Dazu der gebratene Rohschinken, garniert mit Salbei und Zucchinischnitten – die Ingredienzien eines klassischen italienischen Gerichts, das man auch als Saltimbocca alla romana kennt. So wird der Hauptgang des gediegenen Lesedinners serviert, das am vergangenen Dienstagabend im Restaurant des Hotels Schloss Waldeck hoch über dem Edersee im Rahmen des Literarischen Frühlings 2026 stattfand. Der Hauptgast war für Veranstalter wie langjährige Besucher eine schon bekannte Größe: Katerina Poladjan.

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Poladjan schwimmt derzeit auf einer Welle des Erfolgs. Erst wenige Tage zuvor wurde ihr für ihren aktuellen Roman „Goldstrand“ von der Leipziger Buchmesse der Buchpreis in der Kategorie Belletristik verliehen. „Goldstrand“ oder die versehrten Seelen Europas – so der an den Roman angelehnte Titel der Veranstaltung nahm sich dabei eines hochaktuellen Themas an, dem keineswegs unkritischen Zustand Europas.

2013 trat Poladjan erstmals zum Literarischen Frühling auf. Damals las sie noch im historischen Kostüm während einer Kutschfahrt durch das Lengeltal Texte von Heinrich Heine vor. Doch inzwischen ist die frühere Schauspielerin, die auch eine Zeitlang eine Rolle in der Kindersendung „Die Pfefferkörner“ einnahm, eine etablierte Schriftstellerin, die für die Themen ihrer Bücher immer wieder aus der Geschichte und dem Erbe Osteuropas und vor allem der Sowjetunion schöpft.

Die Gastgeberin des Abends war Christine Kohl, frühere SZ-Journalistin und heute gemeinsam mit ihrer Schwester Inhaberin des Restaurants Bärenmühle. Auf ihre Initiative hin erfolgte 2012 die Gründung des Literaturfestivals im Waldecker Land, das sich inzwischen zu einer festen kulturellen Institution Nordhessens etabliert hat. Zwischen den einzelnen Gängen entfaltete sich im Gespräch das Thema von „Goldstrand“, aus dem die Autorin Auszüge las.

„Wie auf meiner eigenen Hochzeit“, so Poladjan auf Kohls erste Frage, wie sie sich gefühlt habe, als sie in Leipzig zur Preisträgerin gekürt wurde. Poladjan bringt in ihrer Biographie manches mit, das sich auch im „Goldstrand“ wiederfindet, ohne allerdings – wie sie betont – daß die Geschichte autobiographische Züge trage.

1971 wurde sie in Moskau geboren, mit armenischen Wurzeln väterlicherseits und ukrainisch-deutsch-jüdischen mütterlicherseits. Der repressive Druck der Breschenew-Ära auf regimekritische Intellektuelle trieb die Familie Ende der 1970er Jahre zur Ausreise nach Deutschland mit einer einjährigen Zwischenstation in Rom. Der Vater ist Künstler, die Mutter Historikerin und Journalistin; zurück blieb die Großmutter, eine Raketentechnikerin, die den Kosmonauten Juri Gagarin persönlich kannte und heute im biblischen Alter von 102 Jahren noch unter den Lebenden weilt!

„Goldstrand“ ist keine einfache Lektüre. Traum und Realität darin lassen sich nicht immer klar voneinander unterscheiden. Seine komplexe Botschaft und Symbolik erschließt sich dem Leser nicht auf Anhieb ohne die entscheidenden Hinweise durch die Autorin. Umso verwunderlicher die Entscheidung der Preis-Jury, in der aber vielleicht auch der Spalt zwischen Literaturkritik und Publikum zum Vorschein kommt, deren Vorlieben oftmals nicht zusammenfallen.

Protagonist ist der in Rom lebende italienische Filmregisseur Eli, der sich zur Auflösung seiner kreativen Blockade der psychoanalytischen Behandlung durch eine „Dottoressa“ unterzieht – Eli, so Poladjan, steht in der morbiden Kulisse Roms, „die gefangen ist in der Dialektik zwischen Ewigkeit und Endlichkeit“ als „Metapher des zerbröckelnden Europas“. Er sei „ein Kind des Ostens und des Westens“, denn seine Mutter ist die Tochter eines italienischen Faschisten, die sich in Bulgarien auf eine Liebschaft mit jenem Architekten russischer Herkunft einließ, der die „Goldstrand“ genannte Ferienanlage an der Schwarzmeerküste geplant hat. Der „Goldstrand“, den Poladjan aus eigenem Erleben kennt, ist eine inzwischen abgerissene Kunstwelt, einst „ein Ort der Verheißung“. Am Ende ist es jener Ort, an den es Eli hinzieht, dort wo alles für ihn begann.

Als Leser möchte man hinzufügen, daß Eli als Metapher für den Zustand Europas noch viel weiter greift. In ihm bündeln sich alle Anzeichen der Postmoderne: Die Auflösung nationaler Grenzen wie der konventionellen familiären Bindungen. Denn Eli – dieses Kind zweier Welten – wächst in der Obhut seiner Großeltern auf, wird von seiner deutschen Frau verlassen und erfährt die Entfremdung durch seine Tochter, die als Tourguide durch das Konzentrationslager Oranienburg führt.

Poladjan wollte mit Elis Psychoanalyse „ein Jahrhundert erzählen“, beginnend von den Philosophenschiffen, in denen 1922 von Odessa aus russische Intellektuelle vor dem Terror der Bolschewiki flohen. Es ist ein Jahrhundert erfüllt von den Schrecknissen von Stalinismus und Faschismus, aber auch von den Verheißungen utopistischer Ideologien. Es ist ein Europa, das heute scheinbar am Ende seiner Geschichte angekommen ist.

Der Geschichte in „Goldstrand“ entsprechend war auch die weitere Menüfolge des Abends angelegt. Auch hier traf der Osten den Westen: Als Vorspeise wurde ein sehr würziger Schopska Salat gereicht, eine traditionelle Nationalspeise Bulgariens, dem mit einer kräftigen Ministrone-Suppe ein mediterraner Klassiker aus Italien folgte. Und als krönender Abschluß das Dessert aus Tiramisu.

Europa ist mehr als seine Geschichte, seiner Philosophie – es ist ebenso die Vielfalt seiner Kulinarik. Man mag es auch als Zeichen der Hoffnung für seine Zukunft sehen, daß solange solche Gerichte zubereitet werden, Europa und seine Kultur noch lange nicht an ihr Ende angekommen sind.

Katerina Poladjan
Goldstrand
166 Seiten, 22,- Euro
Verlag S. Fischer

Echo der Vergangenheit

Als die Organisatoren des „Literarischen Frühlings“ Anfang dieses Jahres ihr aktuelles Programm für 2022 herausgaben, konnten sie noch nicht wissen, wie die Entwicklungen in der Ukraine ihrer Top-Veranstaltung, dem Lesedinner mit der Schriftstellerin Katerina Poladjan, zu besonderer Aktualität verhelfen würden. Poladjan (51) ist gebürtige Russin und siedelte 1977 in die Bundesrepublik über. Ihre Romane erhielten zahlreiche Preise – zuletzt den mit 15.000 Euro dotierten Nelly-Sachs-Preis der Stadt Dortmund – und wurden vielfach in andere Sprachen übersetzt. Ihr aktueller Roman „Zukunftsmusik“, den Moderator Klaus Brill als ihren Durchbruch bezeichnete, stand im Mittelpunkt des vergangenen Freitagabends in Ellershausen nahe Frankenberg/Eder.

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Poladjan ist für die Institution des Literarischen Frühlings keine Unbekannte. Sie trat schön des Öfteren dort auf als Schreib-Dozentin, Vorleserin von Klassikern oder als Interpretin ihrer eigenen Werke. Ungewöhnlich der Standort, der die Karriere vom Kuhstall zum Kulturstall machte: „Zukunftsmusik“ stellte sie vor im „Metzen Alter Kuhstall“, der zwar überwiegend Landmaschinen beherbergt, aber auch so gebaut und umgestaltet wurde, daß er innerhalb kürzester Zeit für eine gehobene Dinner-Veranstaltung umfunktioniert werden kann.

„Metzen Alter Kuhstall“ in Ellershausen

Das Dinner selbst bestand dem Thema des Abends entsprechend aus einem Vier-Gänge-Menü osteuropäischer Spezialitäten wie Sibirische Teigtaschen und dem klassischen Borschtsch, einer Suppe aus Roter Bete. Die Organisation übernahm das Romantik Hotel Landhaus Bärenmühle.

„Zukunftsmusik“ ist ein Roman, der mit eine Antwort zu geben versucht, wie Russland wurde, was es heute ist. An diesem Abend trafen sich die Vergangenheit mit der Gegenwart, um einen Ausblick in die Zukunft zu versuchen. Die Handlung des Romans beginnt am 11. März 1985, einem historischen und schicksalsträchtigen Datum in der Sowjetunion. Der greise Generalsekretär Tschernenko war nach nur wenigen Monaten an der Macht am Vortag verstorben. Ihm folgte bereits einen Tag später Michail Gorbatschow ins Amt, der Mann, der sich an Reform und Rettung der Sowjetunion versuchte und in dieser – letztlich kläglich gescheiterten – Mission die Wiedervereinigung Deutschland ermöglichte.

Erster Gang: Pelmeni Sibirskie, Sibirische Teigtaschen gefüllt mit Rindfleisch und mit buntem Salat.

Der Schauplatz des Romans ist eine Kommunalka im tiefsten Sibirien. Die Kommunalka war in der Sowjetunion eine Wohnform, die der chronischen Wohnungsnot entgegenwirken sollte. Oftmals ehemalige Häuser des Adels und des Großbürgertums wurden von sechs bis sieben Mietparteien aus 40 – 50 Menschen bewohnt, Küche und Bad gemeinsam genutzt. Der zur Verfügung stehende Platz wurde so optimiert, daß man durch größere Zimmer einfach neue Wände zog. In der Regel stand jeder Mietpartei nur ein Zimmer zur Verfügung – die Kommunalka als ein Sinnbild für die Sowjetunion mit ihren vielen Nationalitäten.

Zweiter Gang: Borschtsch, Rote-Bete-Suppe

So auch der Familie von Janka, vier Frauen aus vier Generationen. Janka, mit Anfang 20 im besten Jugendalter, gehört dennoch einer verlorenen und vergessenen Generation an. Die weitgehende Abwesenheit der Männer in dem Plot ist dem Umstand geschuldet, daß diese in jener Epoche oft ein kurzes Leben führten. Der grassierende Wodka-Alkoholismus, der Tod an der Front im Zweiten Weltkrieg oder in Afghanistan ließ ihre Lebenserwartung drastisch sinken. Oder sie saßen einfach im Gefängnis oder Straflager.

Dritter Gang: Kotlety po-Kyjiwski, Hühnchen-Kotelett ohne Knochen, mit Butter gefüllt, Gemüse und Buchweizen-Blini

Ein solches Milieu eröffnet eine besondere Psychodynamik, die durch den ganzen Roman trägt. Die Kommunalka kennt keine Privatsphäre und bringt komplexe Beziehungsgeflechte hervor. Trotz der „heiteren Melancholie“ des Romans, ist es ein ideologisch geprägtes System, in dem sich Kollektiv und Individuum konträr gegenüberstehen.

Poladjan knüpft in ihrer Geschichte an verschiedene Stränge der russischen Literaturtradition an, so zum Beispiel an „Oblomow“, den Roman Iwan Gontscharow über einen in seiner Lethargie gefangenen Adligen. Auch in „Zukunftsmusik“ sind die Protagonisten in der Spätphase der Sowjetunion gleichermaßen in einer ausweglosen Trägheit gefangen: „Sehen Sie, man kann nichts tun.

Wo „Zukunftsmusik“ die Frage nach der Freiheit im damaligen Sowjet-Russland stellt, so ist die Antwort nach Poladjan, daß man in Freiheit sozialisiert werden muß, um Freiheit leben zu können. Unter den Bedingungen der Kommunalka ist das kaum möglich. Und wer in einem „System der Lüge“ lebt, fängt schließlich an, sich selbst zu mißtrauen.

Katerina Poladjan

Auf die Frage nach ihrer Identität bekennt Poladjan offen, daß ihr jeder Sinn für eine nationale Identität fehle, etwas was ihr in ihrem Elternhaus auch nicht vermittelt wurde. Sprache sei für sie „nicht Heimat, sondern das, was gesagt wird“. Zuletzt sei sie durch „Hier sind Löwen“, einem Roman über den türkischen Genozid an den Armeniern, als armenisch stämmige Immigratin eingeordnet worden. Sie jedoch sei eine deutsche Schriftstellerin, die in Russland geboren wurde.

Doch als was immer Katerina Poladjan ihre Identität sieht, die deutschsprachige Literatur kann sich glücklich schätzen, eine derart talentierte Schriftstellerin vorweisen zu können.

Katerina Poladjan
Zukunftsmusik
2022; 192 Seiten, 22,- Euro