Auf hoher See, in Gottes Hand

Freitag, der 13. gilt im traditionellen Aberglauben als der Unglückstag schlechthin. Nicht so für die norwegischen Prog-Rocker von The Anaton Project, als sie am vergangenen 13. Februar nach der EP „Luck“ ihr erstes vollständiges Album „The Ocean Conductor“ veröffentlichten. Dem Aberglauben trotzend, bezeichnete die Band auf ihrem Facebook-Profil das Datum als ihren Glückstag. Das ist es nicht für The Anaton Project allein, denn mit diesem Album haben die Norweger ein fantastisches Meisterwerk abgeliefert, das noch sehr viele Fans finden wird. Und es hat das Potential, zu den besten Rockalben des Jahres 2026 zu gehören.

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Der Titel deutet es schon an, „The Ocean Conductor“ ist ein Konzeptalbum, das das Meer zum Thema nimmt. Glück und Verhängnis in einem: Das Verhältnis des Menschen zum Meer ist seit jeher ein sehr ambivalentes. Einerseits Nahrungsquelle und Verkehrsader, andererseits verschlingt es mitunter jene Seelen, die es befahren. Seine unergründlichen Tiefen brachten Legenden wie die von den die Seeleute betörenden Sirenen – weiblichen Fabelwesen – hervor. Und innerhalb kürzester Zeit kann die ruhige See sich in ein Inferno verwandeln. In früheren Zeiten waren es nur die Abenteurer und Verzweifelten, die sich weit auf das offene Meer wagten. Und viele kehrten nicht zurück.

Dieses Spannungsverhältnis findet in den neun Tracks des Albums seine perfekte musikalische Umsetzung. Dunkel gehaltene Songs voller Melancholie, die durch den Einsatz klassischer Instrumente wie Geige und Cello verstärkt wird, stellenweise angereichert bis ins Genre des Doom. Naturgeräusche vom Wellengang markieren die Übergänge. Walgesänge untermalen „The Hunt“, während die hallenden Stimmen eines weiblichen Chors auf „Songs Only Sirens Sing“ den Sirenengesang imitieren. Das sanfte „Lady Luna“ ist dem Mond gewidmet, dem geheimnisvollen „Ocean Conductor“ der mit seinen Gravitationskräften die Gezeiten dirigiert. Doch geradezu Gänsehaut erzeugt das von einem kleinen Mädchen vorgetragene „A Letter From Starlette“ an ihren auf hoher See befindlichen Vater, einem Fischer, in dem sie ihm ihre Sehnsucht nach dem Meer beschreibt und anrührend mit den Worten schließt: „Deine dich liebende Tochter“. Im stürmischen Finale „Goodbye, Starlette“ ahnt man das tragische Ende dieser Geschichte, daß es für Tochter und Vater kein Wiedersehen geben wird. Der geheimnisvolle „Dirigent des Ozeans“ spielt mitunter grausam Schicksal.

Inspirieren ließen sich The Anaton Project von Schriftstellern, die in ihren Werken dieser Ambivalenz Rechnung trugen, so Ernest Hemingway („Der alte Mann und das Meer“), Herbert Melville („Moby Dick“) sowie der antike Dichter Homer, bekannt für seine „Odyssee“. In genau dieser Tradition muß man das Konzept des Albums als eine epische Erzählung begreifen, die den Zuhörer auf eine wechselvolle Seereise mitnimmt, mal ruhig, dann stürmisch, aber voller Dynamik.

Johnny Normann Berg (Gitarre/Gesang) und sein Cousin Carl Fredrik Berg (Keyboards) gründeten The Anaton Project 2023 und benannten sie nach ihrem Großvater, der mit seinen großzügigen Schenkungen bereits in den 1980er Jahren die Grundlagen für ihren musikalischen Weg legte. Mit Jimmy Dapper (Schlagzeug) und Magnus Charles Døssland Bjørnstad (Bass) versammelten sie Musiker aus so verschiedenen Richtungen wie Rockabilly, Elektropunk und Doom-Rock. Die Resonanz auf das zuerst nur via Streaming erhältliche „The Ocean Conductor“ hat die Band vollkommen überrascht, so daß erst im Nachhinein ein Vertrieb für CDs und Vinyl gesucht wurde. Eine Konzerttournee ist vorerst nicht geplant, doch ein weiteres Album mit dem Arbeitstitel „Wolf-Light“ ist für 2028 bereits in Vorbereitung, das damit nach „Luck“ und „Ocean Conductor“ eine Trilogie zum Mond thematisch abschließt.

Norwegen kann auf eine reichhaltige Musiktradition verweisen. Edvard Grieg steht für die Klassik, A-ha für Pop und Leprous sowie Gazpacho für Doom Metal und Artrock. Halten die Musiker von The Anaton Project ihr Niveau, haben sie das Zeug dieser Reihe als nächste ihren prägenden Stempel aufzusetzen.

https://theanatonproject.bandcamp.com/album/the-ocean-conductor

The Anaton Project
The Ocean Conductor
Bandcamp
2026

Dänemarks Eiserne Lady

Es ist heute kaum vorstellbar, daß ausgerechnet das kleine Dänemark im Spätmittelalter das Kernland eines ganz Skandinavien umfassenden Reiches war, das zu den bedeutendsten europäischen Regionalmächten seiner Zeit gehörte. Zu verdanken ist diese Leistung einer wahrhaft außergewöhnlichen Herrschergestalt. Hinter der Schaffung dieser Kalmarer Union genannten Verbindung stand kein Kriegsherr, sondern eine der bemerkenswertesten Herrscherinnen des Mittelalters, die dänische Königin Margarete I. (1353 – 1412).

 

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Als jüngste Tochter des berüchtigten Dänenkönigs Waldemar IV. „Atterdag“ gelang es ihr nach dem Tod des Vaters 1375, ihren gerade mal sechs Jahre alten Sohn Olaf auf den Thron zu setzen, womit ihr die Rolle der Regentin zufiel. Nach dem Tod ihres Gemahls König Hakoon VI. vier Jahre später übernahm sie zusätzlich die Herrschaft über dessen Königreich Norwegen.

Nach langen Verhandlungen mit dem schwedischen Adel gelang es Margarete, auch Schweden auf ihre Seite zu ziehen. Nachdem ihr Sohn Olaf im Alter von 17 Jahren verstarb, übernahm die Rolle des Thronfolgers ihr an Sohnes statt adoptierter Großneffe Erik. Seine Krönung 1397 zum schwedischen König war der Beginn der Kalmarer Union, einem nordeuropäischen Imperium, das immerhin bis 1523 von Grönland über Island herunter bis kurz vor Hamburg und weiter bis zur Ostsee reichte.

Aus dänischer Produktion ist dieser Tage der Film „Die Königin des Nordens“ (2021) erschienen, der die Herrschaft Margaretes in den Mittelpunkt stellt. Er setzt an bei einem heiklen diplomatischen Unterfangen, einem Heiratsbündnis mit England, zu besiegeln mit der Ehe zwischen Erik und der kindlichen Prinzessin Philippa. Mitten in die Verhandlungen platzt ein Fremder in zerlumpter Gestalt. Seine kühne Behauptung: Er sei Olaf, der totgeglaubte Sohn Margaretes.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Eine öffentliche Untersuchung versucht dem Anspruch des Fremden auf den Grund zu gehen. Von ihrem Ergebnis, wer „der einzig wahre König“ ist, hängt die Zukunft der Kalmarer Union und damit das Lebenswerk Margaretes ab.

Ein vielfaches Intrigenspiel beginnt. Hat der um die Herrschaft im Ostseeraum rivalisierende Deutsche Orden aus Preußen seine Finger mit im Spiel? Oder sind hier Adelige am Werk, die im Sinne ihrer selbstsüchtigen Interessen ihr eigenes Süppchen kochen? Das zersetzende Gift der Intrige beginnt zu wirken und droht, die fragile Union zu sprengen. Oder ist der Fremde tatsächlich Olaf? Margarete will nicht handeln wie eine Tyrannin: „Wir hängen niemanden, ohne zu wissen, wer er ist.“

Die preisgekrönte Schauspielerin Trine Dyrholm in der Hauptrolle der Margarete ist eine exzellente Besetzung, die perfekt eine Königin verkörpert, die hin- und hergerissen ist zwischen Staatsräson und Mutterliebe. Die Dramaturgie dieses düsteren Historiendramas um das zuweilen perfide Spiel der Macht wird verstärkt durch seine Einbettung in einer durchgehend im Low-Key aufgenommenen Atmosphäre, als ob im mittelalterlichen Nordreich Margaretes nie die Sonne scheint.

„Die Königin des Nordens“ ist einer der besten und sehenswertesten europäischen Produktionen der letzten Jahre, die sich kein Filmliebhaber entgehen lassen sollte. Das kleine Dänemark zeigt damit auf höchstem Niveau, wie Europa mit Hollywood mithalten kann.

Die Königin des Nordens
Mit Trine Dyrholm
2021; ca. 116 Minuten