Der Kaiser, der ein Reich rettete und es fast wieder verlor

Das Reich am Abgrund, sein Schicksal am seidenen Faden. Ein Mann aus der Peripherie kommt zu seiner Rettung. Doch er kann nur so erfolgreich sein, wie das Volk geeint hinter ihm steht.

Herakleios (575 – 641 n. Chr.)

Es war eine höchst bemerkenswerte Szene, die sich am 21. März im Jahr 630, dem Gründonnerstag, zu Jerusalem zutrug: 16 Jahre, nachdem es von den Sassaniden als Beutegut in ihr persisches Stammland verschleppt wurde, entkleidet von all seinen Status entsprechenden Ornat, trug der oströmische Kaiser Herakleios nach dem Vorbild des Heilands persönlich auf seinen Schultern das Heilige Kreuz Christi, die bedeutendste Reliquie der Christenheit, zurück an seinen Platz in der Jerusalemer Grabeskirche auf den Golgatha-Hügel. Damit setzte er den Schlußpunkt unter einen jahrelangen Krieg, der das Oströmische Reich nahe an den Zusammenbruch führte. Selten hat ein christlicher Herrscher einen größeren Triumph errungen im Kampf gegen einen „ungläubigen“ Feind. Die Botschaft dieses Festaktes war unmißverständlich: Am Ende ist immer der siegreich, der den Gott der Christen auf seiner Seite hat. Herakleios schrieb sich damit zu einem der bedeutendsten Kaiser in die Geschichtsbücher Ostroms ein. Und doch braute sich im Augenblick dieses Triumphes jenseits der östlichen Grenzen des Reiches eine Gefahr zusammen, der selbst Herakleios nicht mehr gewachsen war. Doch der Reihe nach.

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Kaiser Heraklius bringt das Kreuz nach Golgatha, von Jacopo Palma dem Jüngeren, Kirche Santa Maria Assunta , in Venedig, um 1620–1625 (Quelle: Wikipedia)

602 putschte sich der Armeeoffizier Phokas auf den Kaiserthron in Konstantinopel. Der Verantwortung für das Reich und den Herausforderungen durch die äußere Bedrohungslage nicht gewachsen, kompensierte dieser seine Unfähigkeit durch die Etablierung eines despotischen Schreckensregimes, wie man es bis dahin in Konstantinopel nicht kannte. Inmitten dieser Krise, als auf dem Balkan die Awaren und Slawen heranrückten und der Nahe Osten und Kleinasien von Persien aus aufgerollt wurden, erhob sich aus dem abgelegenen Exarchat von Karthago die Opposition unter dem Statthalter Herakleios dem Älteren. Selbst zu alt, um nach dem kaiserlichen Purpur zu greifen, schickte der greise Herakleios seinen Sohn gleichen Namens mit der Flotte nach Konstantinopel aus.

Diese nahm die Hauptstadt keineswegs im Sturm, sondern auf Umwegen, währenddessen zweifellos konspirativ der Boden für den Umsturz vorbereitet wurde, der sich schließlich im Oktober 610 vollzog. Phokas wurde abgesetzt und vor Herakleios gebracht. Es entspannte sich ein historisch bemerkenswerter Dialog zwischen beiden, der vor allem vieles über Phokas Nervenstärke verrät im Angesicht seines bevorstehenden Endes:

„Wie hast du das Reich regiert?“, so die vorwurfsvolle Frage Herakleios.

Phokas schlagfertige Antwort: „Wirst du es besser machen?“

Phokas unmittelbarer Tod war nicht weniger grausam als das, was er seinen Opfern zukommen ließ. Und wieder bestätigte sich an diesem blutigen Machtwechsel die Regel, wonach das Oströmische Reich „eine durch Mord und Totschlag gemäßigte, absolutistische Monarchie“ gewesen ist.

Wie sehr Herakleios in seiner außergewöhnlichen Erscheinung die Hoffnungen des Volkes auf eine Rettung des Reiches verkörperte, vermittelt der britische Historiker John Julius Norwich in seiner epischen Byzanz-Monographie:

„Im Vollbesitz seiner Kraft, gerade sechsunddreißig Jahre alt, den dreifachen Triumph von Eroberung, Heirat und Krönung an einem einzigen Tag noch voll auskostend, muß Herakleios am Montagabend des 5. Oktober 610 wie eine Art Halbgott erschienen sein, als er, seine ebenfalls strahlende Frau am Arm, mit seiner blonden Mähne und der breiten Brust aus dem Großen Palast trat.“
(„Byzanz – Der Aufstieg des oströmischen Reiches“, John Julius Norwich)

Überraschenderweise ließ Herakleios mit dem Gegenschlag gegen die Perser lange auf sich warten. Offenbar war seine schwach legitimierte Position an der Spitze dafür keineswegs sicher genug, zumal die inneren Verhältnisse für eine rasche Reaktion gegen den äußeren Feind zu zerrüttet waren.

Nach Ausschaltung der Konkurrenten nahm Herakleios eine Reform der korrupten Verwaltung und des darniederliegenden Heeres in Angriff. Selbst in alte Besitzstände wurde eingegriffen. So wurde die kostenlose Getreidespende an die Hauptstädter als die bedeutendste Transferleistung abgeschafft.
Das oströmische Militär wurde in den vom Feind unbesetzten Gebieten Kleinasiens auf eine vollkommen neue Grundlage gestellt. An die Stelle der unzuverlässigen Söldnerheere traten an ein erbliches Lehnsgut gebundene Soldatenbauern (Stratioten), die bei Bedarf zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Diese waren bestimmten „Themen“ genannte Bezirke zugeordnet. Für die nächsten Jahrhunderte sollte diese Themenverfassung das militärische Rückgrat des Reiches bilden. Ihre Aushöhlung durch die Großgrundbesitzer sollte später den Niedergang des Reiches einläuten.

Derweil gingen Syrien, Jerusalem und Ägypten an die Perser verloren, der Balkan bis hinunter zur Peleponnes fiel in die Hände von Awaren und Slawen. In der Zuspitzung der Krise überlegte der Kaiser sogar die Verlegung der Hauptstadt in das abgelegene Karthago, was auf entschiedenen Widerstand in seiner Umgebung stieß. Herakleios verpflichtete sich zur Treue gegenüber Konstantinopel, forderte aber im Gegenzug der Stadtbevölkerung ein Höchstmaß an Opferbereitschaft ab.

Mehr als zehn Jahre nach seiner Krönung ging Herakleios 622 endlich in die Offensive. Erstmals seit mehr als 200 Jahren zog ein Kaiser an der Spitze des von ihm persönlich gedrillten und vorbereiteten Heeres dem Feind entgegen und trug den Krieg tief in das persische Kernland. Und Herakleios ließ es sich nicht nehmen, im persönlichen Einsatz selbst in die Schlacht zu treten.

Herakleios beließ es nicht bei Drill und technischen Verbesserungen. Was die Moral seiner Truppen auf der ideologischen Ebene entscheidend hob: Dieser Feldzug war ein heiliger Krieg gegen die persischen „Feueranbeter“, der erste Kreuzzug, rund 500 Jahre bevor die Kreuzritter aus Westeuropa ins Heilige Land zogen. Dazu passte auch, daß die Kirche aus freien Stücken ihre Schätze dem verarmten Staat zur Verfügung stellte.

Und im Angesicht der Gefahr war Beistand von höchster Stelle mehr als nötig. Denn in der Zwischenzeit drohte tief im Inneren des Reiches der Fall von Konstantinopel. Vermutlich nach einer gemeinsamen Absprache nahmen im Sommer 626 von Norden die Awaren und von Osten die Perser die Hauptstadt am Bosporus in einen tödlichen Zangengriff. Ihre Bewohner verließen sich nicht allein auf die Sicherheit hinter der hervorragenden Theodosianischen Mauer, sondern stellten ihre Stadt zusätzlich unter den Schutz der Gottesmutter, deren geheiligte Marienikone vom Patriarchen Sergios auf der Mauerkrone mit Blick zum Feind entlang getragen wurde.

Doch egal, ob himmlischer Beistand mit im Spiel war, am Ende entschied die oströmische Flotte das Spiel. Ihr Einsatz verhinderte das Übersetzen der in Belagerungstechniken versierten Perser auf das europäische Festland. Die feindlichen Heere rückten ab. Konstantinopel war gerettet.

Das konzertierte Vorgehen der Oströmer mit den aus dem Kaukasus vorgehenden Türken setzte die Perser weiter unter Druck. Mit der Verwüstung der zoroastrischen Feuertempel übten die Oströmer Vergeltung für Jerusalem. Im Dezember 627 kam es endlich zum entscheidenden Sieg Herakleios in der Schlacht bei Ninive am Tigris. Kurz darauf kollabierte die Herrschaft des persischen Großkönig Chosrau II., der zuvor noch Herakleios als seinen „elenden, törichten Sklaven“ verhöhnt hatte. An dessen Stelle trat vorübergehend sein Sohn Kavadh II., der seinen Vater gewaltsam aus dem Weg räumte.

Die Perser, am Ende ihrer Kräfte, traten in Friedensverhandlungen ein, an deren Ende 630 die Wiederherstellung des Status Quo vor Ausbruch des Krieges stand. Die besetzten Gebiete wurden geräumt, das Heilige Kreuz zurückgegeben.

Rückgabe des Kreuzes Christi durch die Perser an Kaiser Herakleios 629/30 (Ausschnitt aus dem Deckenfresko der Vierungskuppel der Klosterkirche Wiblingen von Januarius Zick 1778). (Quelle: Wikipedia)

Das Byzantinische Reich schien wieder fast so gut dazustehen, wie zuletzt unter Kaiser Justinian (527 – 565) während seiner größten territorialen Ausdehnung. Doch noch während Herakleios das Kreuz nach Jerusalem trug, zog sich auf der arabischen Halbinsel ein unerwarteter Sturm zusammen, der die geopolitischen Verhältnisse vollkommen auf den Kopf stellen sollte.

Nachdem der Prophet Mohammed 632 verstarb, trugen bereits im Folgejahr seine Nachfolger das grüne Banner des Islam mit dem Schwert in die Welt. Als erstes fielen das Sassanidenreich und die Herrschaft der Byzantiner über den Nahen Osten. Die Schlacht am Jarmuk 636 markierte einen historischen Einschnitt, nach der Ostrom die Herrschaft über die Levante für immer aufgeben mußte. 637 fiel Jerusalem, 639 sogar die reiche Kornkammer Ägypten.

Der von den Entbehrungen des Krieges vorzeitig gealterte Kaiser, eben noch auf dem Höhepunkt seiner Macht, verfiel in tiefe Depressionen. Nach der vernichtenden wie demütigenden Niederlage zurück am Bosporus konnte er den Anblick des Meeres nicht ertragen, so daß er in einem eigens abgeschirmten Boot nach Konstantinopel übersetzte. Hatte er nicht alles gegeben für seinen Gott und den Schutz des christlichen Glaubens? Sollte dies etwa die göttliche Strafe sein für die nach Kirchenrecht blutschänderische Skandal-Ehe, die er 613 mit seiner Nichte Martina einging? Waren die daraus hervorgegangenen mißgebildeten Kinder denn nicht Strafe genug für ihn? Waren die Formelkompromisse, mit denen er die theologischen Gegensätze zwischen den religiösen, einander als häretisch betrachtenden Fraktionen auszugleichen versuchte, Grund für den Zorn des Höchsten?

Die Erklärungen für den außerordentlichen Vormarsch der islamischen Expansion waren weit profaner, und lagen weniger im religiösen Fanatismus der arabischen Eroberer. Zum einen meinte Konstantinopel, nach seinem Triumph auf den Tribut für die Grenzwacht der verbündeten arabischen Stämme hochmütig verzichten zu können. Zum anderen hatte das jahrelange Ringen von Persien und Byzanz miteinander beide Großmächte derart verausgabt, so daß sie dem neuen Feind kaum eine effektive Gegenwehr leisten konnten. Zumal Byzanz noch zusätzlich geschwächt war von den langfristigen ökonomischen und demographischen Folgen der verheerenden Pestepidemie 541 unter Justinian. Das Reich stand nach dem Sieg über die Perser eben nicht stärker als zuvor da, aber immerhin noch kräftig genug, um sich wenigstens in seinem Kern gegenüber den muslimischen Eroberern zu behaupten, und so zum östlichen Bollwerk Europas gegen den Islam zu werden.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, daß es gerade das Vorbild Byzanz unter Herakleios war, das auf die Herausbildung des Islam einwirkte: Krieg als geheiligtes Mittel, Glaubenskonversion als Zwang und nicht zuletzt der scharfe, religiös motivierte Antisemitismus.

Und doch hatte der Verlust Ägyptens und der orientalischen Provinzen für Ostrom auch etwas Gutes für sich: Die Beschränkung des Reiches auf seine Kernlande förderte seine innere Einheit durch den damit verbundenen religiösen Konformismus in der griechisch-orthodoxen Konfession sowie durch den damit verstärkten kulturellen Wandel, in welchem das Latein durch die griechische Sprache verdrängt wurde. Eines der sinnfälligsten Zeichen für diesen Wandel war, daß Herakleios in Abkehr von der römischen Tradition sich mit dem griechischen Titel „Basileus“ schmückte, statt dem lateinischen Augustus.

Herakleios verstarb 641. Zuvor regelte er noch seine Nachfolge so, daß sein ältester Sohn Konstantin III. (aus der Ehe mit der 612 verstorbenen Eudokia) und der jüngere Heraklonas (aus der Ehe mit Martina) sich gemeinsam die Herrschaft teilten. Den ohnehin schwerkranken Konstantin ereilte wenige Monate später der Tod, nicht ohne vorher seinem unmündigen Sohn Konstans als seinen Erben unter den Schutz des Militärs zu stellen.

Martina wiederum bezahlte ihren Ehrgeiz, als Regentin ihrem Sohn Heraklonas die Alleinherrschaft zu sichern, teuer: Ihr wurde die Zunge herausgerissen und Heraklonas die Nase abgeschnitten. Derart nach orientalischer Sitte verstümmelt, wurde er so für die Herrschaft untragbar gemacht. Doch immerhin sollte von Konstans II. aus die Dynastie der Herakleier noch bis 711 Bestand haben, in einer Zeit, die den Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter markierte.

In den 1950er Jahren sollte Herakleios zum Gegenstand eines Historikerstreits werden, ob der Kaiser der eigentliche Schöpfer der Themenverfassung war oder nur eine bereits eingeleitete Entwicklung zum Abschluß brachte. Hinter diesem akademischen Streit stand der Gegensatz der marxistischen Weltanschauung, wonach die sozialen Klassen Triebfeder der historischen Entwicklung seien, zur konservativen Sichtweise, die historische Umbrüche allein Persönlichkeiten zuschreibt.

Wie immer man sich in diesem Streit positionieren will, im Falle Herakleios und des byzantinischen Reiches wird eine zeitlose Lehre deutlich: In der schwersten Krise wäre der Kaiser in seinem Wirken nicht erfolgreich gewesen ohne die Resilienz der Byzantiner, die sich – im Gegensatz zu den heutigen nihilistischen Verhältnissen – vor allem auch aus spirituellen Quellen speisen konnte.

John Julius Norwich
Byzanz: Aufstieg und Fall eines Weltreichs
712 Seiten, Ullstein
2006

Zusammenarbeit statt Kampf der Kulturen?

In Hildesheim vermittelt die Ausstellung „Islam in Europa 1000 – 1250“ ein neues Bild vom Austausch zwischen Orient und Okzident

Der im frühen Mittelalter angelegte Hildesheimer Dom vermag in seiner vorromanischen Bauweise eine Ahnung von der Bedeutung dieser Stadt in der damaligen Zeit zu geben. Seinen Höhepunkt als Macht-, Wissens- und Kulturzentrum im ersten Deutschen Reich erlangte er im Hochmittelalter, als seine Bischöfe als Erzieher der Königs- und Kaiserkinder dienten oder in diplomatischer Mission unterwegs waren, auch an der Nahtstelle zur islamischen Zivilisation wie etwa in Süditalien. Die mit ihren Diensten verbundenen Belohnungen in Form von Geschenken kamen einer Prachtentfaltung zugute, die sich auch in einem reich ausgestatteten Domschatz niederschlugen, der heute zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

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Hildesheimer Dom

Das Dommuseum Hildesheim gibt nun in der Ausstellung „Islam in Europa 1000 – 1250“ der Öffentlichkeit einen Einblick auf die wertvollsten Stücke seiner Schatzkammer. Dabei verbinden die Ausstellungsmacher einen weitergehenden Anspruch, der über die Exponate als anschauliche Zeugnisse ihrer Zeit bis in die Gegenwart reicht. Geht es in dem einleitenden Beitrag zu dem Ausstellungskatalog zuerst um die Dekonstruktion scheinbar überkommener Vorstellungen vom islamischen Mittelalter und illusorischer Epochenbrüche, obgleich die Expansion des Islam angeblich keinen Bruch in den eroberten Gebieten darstellte, so wird der Bogen weiter gespannt in die von ethnischer und religiöser Vielfalt geprägte, postmoderne Bundesrepublik. Als Kronzeugin für diesen Wandel wird die Soziologin Nakia Fourtan angeführt mit ihrer Forderung nach einer Erzählung, „die eine neue, plurale und migrationsoffene nationale Identität formuliert“ und zu der die Ausstellung offenbar ihrerseits einen Beitrag leisten will. Immerhin wird dabei eingeräumt, daß das dem dabei zugrundeliegende Konzept der Transkulturalität, wonach Kulturen nicht getrennt voneinander zu betrachten sind und immer im gegenseitigen Austausch stehen, den Blick auf die Konflikte verengt.

Zu den schönsten und ältesten Exponaten gehört das Keilförmige Reliquiar, mit zwei darin eingearbeiteten, auffallenden Objekten aus dem islamischen Raum, zum einen die krönende Spitze mit einer Schachfigur aus Bergkristall und einem roten Kristall mit der arabischen Inschrift „Muhammad Ibn Ismail“ (Muhammad Sohn des Ismail). Keineswegs war damit die Übernahme religiöser Vorstellungen aus dem Orient beabsichtigt, sondern die Herstellung einer Verbindung zum Heiligen Land und seiner dort gesprochenen Sprache. Die Verwendung solcher Schmucksteine war kein Einzelfall, wie das Heinrichs-Kreuz aus Fritzlar zeigt.

Kaum ein anderes Material ist so schwer zu bearbeiten wie Bergkristall, der im Mittelalter aus Madagaskar importiert wurde. Seine Bearbeitung stellt höchste Ansprüche an das Können des Handwerkers. Kunstvoll eingefräste Reliefs und die Aushöhlung des Rohlings durch einen engen Flaschenhals geben eine Vorstellung der damit verbundenen Mühen. Daher ist die Leihgabe des Bergkristallkrugs aus dem Florentiner Museo degli Argenti an Wert kaum zu unterschätzen. Auf ihm enthalten ist die Inschrift des Kalifen al-´Aziz billah (reg. 975 – 996). Bei der vermuteten abenteuerlichen Reise von der geplünderten Kairoer Schatzkammer bis nach Venedig grenzt es an ein Wunder, daß dieses empfindliche Objekt seinen Reiseweg unbeschadet überstanden hat.

Als einer der Belege für die herausragende Stellung der islamischen Welt und ihrer Verdienste als Wissensvermittler antiken Gedankenguts stehen die arabischen Astrolabien zur Sternenbeobachtung und geographischen Standortbestimmung, deren Ursprünge auf das alte Griechenland zurückgehen. Vollständig erhalten ist das Astrolabium aus der Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz aus dem 11. Jahrhundert aus dem islamischen Toledo.

Das sizilianische Palermo war der Kreuzungspunkt der römisch-katholischen, byzantinischen und islamischen Welt. Trotz verschiedener Herrschaften konnte sich bis in die Zeit der Normannen und Staufer eine islamische Kunsttradition erhalten, die die Stile aller Kulturen vereinte. Dafür steht der mit kunstvollen Ornamenten aus feinstem Granulat verzierte Schmuckkasten aus vergoldetem Silber, der später seinen Weg als Reliquiar nach Trier fand.

Die Hervorhebung islamischer Leistungen vor allem in der Wissenschaft und Philosophie gegenüber einem an der europäischen Peripherie stehenden Mitteleuropa in der Hildesheimer Ausstellung machen mehr als deutlich, wie sehr trotz aller guten Argumente der revisionistische Ansatz von dem Mediävisten Sylvain Gouguenheim („Aristoteles auf dem Mont Saint-Michel“), der vor dem Transfer aus dem Arabischen ältere und bedeutendere Übersetzungslinien aus Byzanz ausgemacht hat, inzwischen in der Versenkung verwunden ist, mit ihm andere Stimmen wie die seines Kollegen Darío Fernández-Morera, der des verklärenden Bild einer Annahme eines für Westeuropa notwendigen Transfers von angeblich verlorengegangenen Wissen aus dem Arabischen auf islamische Propaganda zurückführte. Wie gering ihre Chancen auf Anerkennung je waren unter den Bedingungen westlicher Einwanderungsgesellschaften, die verzweifelt darum bemüht sind, die konfliktträchtigen Folgen der Migration aus dem islamischen Raum in einen Gewinn umzudeuten, auch davon vermittelt die Ausstellung einen Eindruck.

Doch jenseits ihrer Instrumentalisierung für die transkulturelle Transformation Deutschlands in einen Vielvölkerstaat ist der Besuch der Ausstellung dennoch lohnend. Die kunstvoll gearbeiteten Objekte geben einen eindrucksvollen Einblick in das hohe Niveau in das Kunsthandwerk ihrer Zeit und die Denkvorstellungen ihrer Auftraggeber.

Die Ausstellung „Islam in Europa 1000-1250“ ist noch bis zum bis zum 12. Februar 2023 im Hildesheimer Dommuseum zu sehen. 

Ausstellungsband
Islam in Europa 1000-1250
352 Seiten; 35,- Euro

Es ist die Religion, Dummkopf!

„Der Islam, der in jeder Hinsicht unbeschmutzt, friedlich, demokratisch, tolerant und frauenfreundlich ist, ist ein schöner Traum, hat aber wenig mit der Realität des Islam im Hier und Jetzt zu tun.“
Ruud Koopmans

Es war ein merkwürdiges, fast haargenau gleiches, zeitliches Zusammenfallen: Die unblutige und rasante Rückkehr der Taliban an die Macht und der 20. Jahrestag des Ereignisses von „9-11“, das infolge der amerikanischen Invasion in Afghanistan zur zeitweisen Vertreibung der fundamentalistischen Gotteskrieger von der Macht führte, die daraufhin den westlichen Besatzern einen Abnutzungskrieg, vergleichbar auch jenen den sowjetischen Okkupanten der 1980er Jahre lieferten. Doch einzuordnen ist diese Phase des muslimisch-westlichen Konfliktes in einen wesentlich größeren historischen Kontext, dessen Beginn 1979 mit dem Sturz des Schahs und der Installation der Islamischen Republik Iran angesetzt wird. Es ist ein bislang nicht abgeschlossener Prozeß der Rückkehr des Islam auf die politische Agenda der Welt und damit einhergehend, was der amerikanische Politologe Samuel P. Huntington 1993 in die griffige Formel vom „Kampf der Kulturen“ packte, vor allem auch der Ablösung des Ost-West-Konfliktes durch eine aggressive Konfrontation zwischen der westlichen und der islamischen Zivilisation.

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Unzweifelhaft war der Fall von Kabul eine krachende Niederlage des Westens und seines Anspruches auf die Universalität seiner Werte sowie seiner Überzeugung, daß sein politisch-gesellschaftliches Modell eine überzeugende Vorbildfunktion für die Dritte Welt darstellt. Offen bis klammheimlich dürften Muslime aller Schattierungen und Denominationen den Sieg der Taliban über den Westen auch und vor allem als einen Sieg des Islam reklamieren, der ihrem Selbstbewußtsein neue Kraft zuführt.

Dieses muslimische Selbstbewußtsein findet gerade heute, am 3. Oktober, seine außerordentliche Manifestation. Es ist nicht nur der deutsche Nationalfeiertag zum Gedenken an die Wiedervereinigung Deutschlands von 1990. Seit 1997 findet zeitgleich auch der Tag der offenen Moschee statt, eine Einrichtung, bei der sich bundesweit zahlreiche islamische Gebetszentren der deutschen Öffentlichkeit präsentieren. Zum 25jährigen Jubiläum steht die Veranstaltung in diesem Jahr unter dem Motto „25 Jahre TOM – Moscheen gestern und heute“ mit der Einladung „zum Dialog und zum Miteinander“.

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So überragend der Sieg der „Koranschüler“ in Kabul auch sein mag, so scheinbar offen und glanzvoll sich die Moscheen in Deutschland in einer Show-Veranstaltung als Vertreter eines friedfertigen Islam darzustellen vermögen – nur schwerlich können Ereignisse dieser Art verdecken, daß die vom Islam dominierten Länder durchgehend einer Misere ausgesetzt sind, die sie in allen wesentlichen ökonomischen und sozialen Feldern zu globalen Schlußlichtern macht, sofern sie nicht vom Ölreichtum profitieren, der jedoch nur viele der zahlreichen Probleme verdeckt.

Zu den wenigen Wissenschaftlern, die ein kritisches Auge auf die Lage der muslimischen Welt richten, zählt Ruud Koopmans. Der niederländische Soziologe ist seit 2013 Professor für Soziologie und Migrationsforschung an der Berliner Humboldt-Universität. Wie an Necla Kelek und Thilo Sarrazin wurde auch ihm das Etikett „umstritten“ angeheftet, weil er den fast schon dogmatischen Leitlinien des beschränkten Diskurses über den Islam nicht gefolgt ist. Wie weit die Versuche gehen, ihn in seinem Fach zu isolieren, zeigte Die Welt in einem Porträt auf:

„Ein Forscherkollege habe seinen Doktoranden verboten, mit Koopmans Doktoranden in Kontakt zu treten, weil er mit dessen Ansichten nicht einverstanden sei. Bereits mehrfach seien Koopmans Mitarbeiter, wenn sie sich auf Stellen beworben haben, gefragt worden, wie sie zu dessen Forschung stünden.“ (Die Welt, 23.02.2021)

Im vergangenen Jahr veröffentlichte Koopmans sein aktuelles Buch „Das verfallene Haus des Islam“. Darin vertritt er die These, daß nicht externe Faktoren oder Belastungen aus der Vergangenheit wie dem kolonialen Erbe schuld sind an den gravierenden Defiziten und Rückschritten im Hinblick auf Demokratie, Bildung, Geschlechtergleichheit, Wirtschaft und Minderheitenrechte in der muslimischen Welt, sondern die Ursache hierfür im heute real gelebten Islam zu suchen ist.

Als Soziologe hält sich Koopmans von jeglichen theologischen Überlegungen fern und setzt zum einen auf einen statistikbasierten Ansatz, zum anderen vergleicht er die unterschiedliche Entwicklung von benachbarten Staaten unterschiedlicher kultureller Prägung, aber ähnlicher ethnischer Zusammensetzung und geschichtlicher Vergangenheit, wie zum Beispiel Mauritius / Malediven, Indien / Pakistan-Bangladesch. So untersucht er die islamische Welt in vier Kapiteln eingehend in den Kategorien Demokratie, Freiheit, Gewalt und Ökonomie, um sich in den letzten beiden Kapiteln der problematischen Integration der Muslime in den westlichen Gesellschaften und möglichen Lösungsansätzen zur Befreiung des Islam vom Fundamentalismus zuzuwenden.

Einer der schockierendsten Belege, die Koopmanns für die Rückständigkeit der muslimischen Staaten vom Rest der Welt anführt, ist der Mangel an Literarität, als bestehe für Muslime Lesekompetenz einzig darin, im Koran zu lesen, ungeachtet ob man den Text überhaupt versteht. Geradezu erbärmlich ist die niedrige Zahl von Übersetzungen aus dem Westen und dem Rest der Welt:

„Laut dem Arab Human Development Report von 2003 war die Gesamtzahl der ins Arabische übersetzten Bücher von der Blütezeit des Abbasidenkalifats im neunten Jahrhundert bis in die 1980er Jahre geringer als die Zahl der in einem Jahr ins Spanische übersetzten Titel.“

Da ist es nicht verwunderlich, daß die Zahl der Analphabeten 25 Prozent der Bevölkerung islamischer Länder ausmacht, gegenüber 12 Prozent in nichtmuslimischen. Die Ursache für diese Rückständigkeit war das bis 1727 bestehende, religiös begründete Verbot, die Druckerpresse im Osmanischen Reich einzuführen. Ein Verbot mit drastischen Langzeitfolgen für die Entwicklung eines produktiven Humankapitals.

Keinesfalls unberücksichtigt bleibt der „Fluch des Öls“, mit dem die reichen Ölproduzenten des Orients das Wohl ihrer Untertanen erkaufen und so die Bildung eines gegenüber der Herrscherelite selbstbewußten Bürgertums unterbinden. Doch über allem schwebt der Fluch des real existierenden Islam:

„Die Ursachen der islamischen Krise lassen sich in drei Schlüsselproblemen zusammenfassen: der fehlenden Trennung von Religion und Staat, der Benachteiligung der Frauen und der Geringschätzung von säkularem Wissen. Von diesen ist die Vermischung von Religion und Politik das grundlegendste Problem, das indirekt auch die beiden anderen beeinflusst.“

Was Koopmans über die muslimische Welt ausbreitet, ist ein derart soziales und gesellschaftliches Desaster, daß man hierfür ohne Bedenken die Trump’sche Metapher von den Shithole Countries verwenden kann. Niemand im Westen, der an zivilisatorische und rechtsstaatliche Mindeststandards gewöhnt ist, würde freiwillig auf Dauer seine Existenz dort verleben wollen. Umso weniger verwunderlich ist der anhaltende Strom von muslimischen Zuwanderern in den Westen, mittellos, aber dafür mit einem erheblichen kulturellen „Gepäck“, das ihnen der Islam eingebrannt hat. Und damit wären wir schon beim Kapitel über die Integration.

Dieses Kapitel dürfte von besonderem Interesse sein, denn hiermit schließt sich der Kreis zum heutigen Tag der offenen Moschee. Auch hier gilt: „In den Problemen der muslimischen Integration spiegelt sich die Krise der islamischen Welt im Kleinformat.“ Die Islamverbände dürften kaum eine Hilfe sein; sie sind vielmehr Teil des Problems. Aus Moscheen, in denen islamisch-nationalistische sowie antisemitische Haß-Predigten gehalten werden und gar das Märtyrertum verherrlicht wird, kann schwerlich ein sinnvoller Beitrag zu Integration erwartet werden.

Koopmans Lösungsansätzen kann der Rezensent nur bedingt folgen. Zwar zeigt er sich aufgeschlossen gegenüber Maßnahmen wie denen der österreichischen Regierung unter Kanzler Kurz, die auf gesetzlichem Wege die Finanzflüsse aus dem islamischen Ausland in die Moscheen Österreichs auszutrocknen versucht. Doch dem gemäßigten Universalisten Koopmans ist offenbar in seinem Beharren auf die Vorzüge der offenen Gesellschaft nicht bewußt, daß diese in ihrem utopischen Anspruch, die Grundlage eines friedlichen Ausgleiches für alle kulturellen Differenzen zu bieten, die weiteste offene Flanke für eine aggressive Weltanschauung mit gleichfalls universalem Anspruch bietet. Am Ende entscheidet Quantität – die hohe Geburtenrate der Muslime sorgt für stetigen Nachschub – und ein Anspruch auf Machtausübung, der vor allem in Deutschland völlig abhandengekommen ist.

Ruud Koopmans
Das verfallene Haus des Islams
Die religiösen Ursachen von Unfreiheit, Stagnation und Gewalt
288 Seiten; 20,- Euro

Leben unter Vorbehalt – die Juden unter muslimischer Herrschaft

„Selbst wenn Jahrzehnte dazwischen liegen, kann man nicht Millionen Juden töten und später dann Millionen ihrer schlimmsten Feinde holen.“
Karl Lagerfeld (1933 – 2019) im November 2017

Das Aufflackern des Nahostkonfliktes im vergangenen Mai durch die Raketenangriffe der islamistischen Hamas vom Gaza-Streifen auf israelisches Territorium und der darauf folgenden militärischen Reaktion Israels warf auch auf Westeuropa die Zündfunken auf ein kaum verdecktes antisemitisches Ressentiment zugewanderter Migranten aus dem islamischen Kulturraum. Den Lockdown-Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie zum Trotz gingen auch in Deutschland zahlreiche Muslime zugunsten der Palästinenser auf die Straße, durchgehend aggressiv im Ton, zuweilen auch verbunden mit Gewaltausschreitungen.

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Es ist nicht das erste Mal, daß der Nahostkonflikt derartig haßerfüllte Reaktionen unter den in Deutschland lebenden Muslimen hervorruft. Bereits im Sommer 2014 demonstrierten vorwiegend Tausende vorwiegend muslimische Demonstranten gegen die israelische Militärpolitik. Nicht allein der Schlachtruf „Allahu Akbar“ (Allah ist der Größte) wurde von den Mengen skandiert; auch Parolen wie „Kindermörder Israel“ oder „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein“ waren zu hören.

Der Protest tobte auch in Kassel, wo es zu der skurrilen Szene kam mit einem jungen Muslim, der auffällig sein T-Shirt mit der Aufschrift „Don’t panic, I’m Muslim“ („Nicht in Panik geraten, ich bin Muslim“) zu Schau stellte. Vor dem Hintergrund des aggressiven Charakters der Proteste mag das je nach Gemütszustand des Beobachters aberwitzig oder verstörend wirken. Doch Sympathiepunkte bei den vielfach den Folgen der Zuwanderung und dem damit verbundenen Import externer Konflikte skeptisch gegenüberstehenden Deutschen dürfte dieser junge Mann mit seiner wenig glaubwürdigen Botschaft dennoch auf keinen Fall gewonnen haben.

2014 übte sich das sonst die Vorzüge einer ethnisch und kulturell vielfältigen Gesellschaft überbetonende Establishment in Sprachlosigkeit über das offenkundige Scheitern ihres ambitionierten Projektes einer „Bunten Republik Deutschland“. Sechs Jahre später ringen ihre Vertreter immer noch um Fassung und versprechen die Abschiebung antisemitischer Migranten, so als ob ihnen dieses Mal etwas in der Regulierung eines vollkommen außer Rand und Band geratenen Asylsystems gelingen sollte, an der sie schon so oft gescheitert sind – falls sie es denn je ernsthaft angegangen sind.

Doch statt die Warnungen vor einem aus dem islamischen Kulturraum importierten Antisemitismus ernst zu nehmen, haben die Mainstreammedien dem Publikum erstaunliche Erklärungen für den muslimischen Antisemitismus präsentiert. So wollte in einem Interview mit der HNA (Hessisch-Niedersächsische Allgemeine) der als Experte für jüdische Weltverschwörungen vorgestellte Julian Timm nicht von einem importierten Antisemitismus sprechen, „da der europäische Antisemitismus zunächst ab dem 19. Jahrhundert in den arabischen Raum gelangte und somit ein europäisches Phänomen ist.“ – Doch wenn der „Experte“ Timm eines damit unter Beweis gestellt hat, dann daß man sich in Sachen Schuldstolz auch weiterhin von niemanden die Butter vom Brot nehmen lassen will (HNA vom 01. Juni 2021).

Martin Gilbert (1936 – 2015), selbst Jude, ist hierzulande ein Unbekannter. Doch in Großbritannien zählt der zu Lebzeiten vielfach geehrte zu den bedeutendsten Historikern des Landes. Schwerpunkte seines Schaffens waren der britische Premier Winston Churchill und der Holocaust. Sein 2010 veröffentlichtes, letztes Werk behandelte die prekäre Existenz der Juden unter muslimischer Herrschaft; „In Ishmael’s House“.

Obwohl es ein anhaltend aktuelles Thema behandelt, obgleich es in Umfang und Detailfülle den Stellenwert eines Standardwerks einnimmt, ist auch elf Jahre nach seinem Erscheinen eine deutsche Übersetzung nicht in Sicht. Dieses Defizit sagt einiges über die Diskursverhältnisse hierzulande aus, wo die Angst, der „falschen Seite“ Nahrung zu geben, jeden Tag größer wird.

Der Titel „In Ishmael’s House“ nimmt Bezug auf den gemeinsamen mythischen Ursprung von Juden und Arabern. Demzufolge leiten sich die Araber ab von Ismael, dem von Abraham mit seiner Magd Hagar gezeugten Sohn. Obgleich diese Verbindung von Abrahams Ehefrau Sarah gestiftet wurde, sorgte sie später dafür, daß Ismael und seine Mutter in die Wüste verstoßen wurden, wo Gott sie unter seinen Schutz stellte. Später zeugte Abraham mit Sarah seinen Sohn Isaak, aus dessen Sohn Jakob – der später Israel genannt wurde – die zwölf Stämme Israels hervorgingen. Somit gilt Abraham als Stammvater der Juden wie der Araber.

Doch die gemeinsame, verzwickte Geschichte von Juden und Muslimen beginnt nicht mit Abraham, sondern dem Aufstieg Mohammeds (570 – 613) zum Religionsstifter des Islam. Hier setzt auch Gilberts Monographie an. Neben dem Christentum zog Mohammed auch zahlreiche Einflüsse und Inspirationen aus dem Judentum, das auf der arabischen Halbinsel bereits stark verankert war. Doch sein eifriges Bemühen um die Anerkennung der Juden als Propheten Gottes lief ins Leere; war doch die Prophetenzeit für die Juden mit Maleachi im vierten vorchristlichen Jahrhundert abgeschlossen. Ihre teils spöttische Opposition zum Anspruch Mohammeds mußte zwangsläufig in ihm den Keim der tiefen Feindschaft setzen. Die Trennlinie, die er zwischen sich und den Juden setzte, wurde am deutlichsten in seiner Abkehr im Gebetsritual in Richtung Jerusalem zugunsten Mekkas.

Für ihre Verbindung zu Mohammeds heidnischen Feinden mußten die Juden am Ende einen tödlichen Preis bezahlen. Sein Sieg über den jüdischen Stamm der Qurayzah endete mit der Hinrichtung aller wehrfähigen Männer, der Versklavung der Frauen und der Verteilung ihres Eigentums als Beute unter Mohammeds Kriegern. Der nachfolgende Feldzug gegen die Qurazah in der Oase Khaibar beendete schließlich die Existenz jüdischer Stämme in Arabien.

Die Behandlung der unterworfenen Juden wurde zum Präzedenzfall für die entsprechenden Scharia-Regularien, die spätere eroberte nicht-muslimische Völker betrafen. Sie erhielten als Dhimmis einen Schutzstatus, unter dem sie einerseits ihren Glauben weiter ausüben konnten. Andererseits mußten sie 50 Prozent ihrer Ernte aus der Landwirtschaft der Oasen an die Eroberer abgeben. Das Land selbst wurde muslimisches Gemeindeeigentum. Gilbert konstatiert:

„Für einige Muslime, die auf diese Episode zurückblicken, (…) symbolisiert die Schlacht von Khaibar die Niederlage ihrer jüdischen ungläubigen Feinde und der Beginn der sanktionierten Erniedrigung der Juden unter der Dhimmi-Praxis. Für Nicht-Muslime symbolisiert Khaibar den Beginn reglementierter Diskriminierung, die Jahrhunderte andauerte.“

Mohammed gab sich jedoch damit nicht zufrieden. Als letzte Verfügung vor seinem Tod befahl er die Vertreibung aller Juden aus Arabien.
Der Status des Dhimmis bot den Juden einen zweifelhaften Schutz vor Verfolgung, immer abhängig von den gegenwärtigen Launen ihrer muslimischen Herrscher. Die Diskriminierung fand eine noch erniedrigendere Ausweitung in der Verpflichtung spezielle Kleidung zu tragen, dem Verbot Waffen zu tragen oder Pferde zu reiten. In Zeiten wachsenden Fundamentalismus nahm auch der Druck auf die Juden immer wieder zu. Konvertierten begegnete man mit Mißtrauen. Dennoch konnte sich auf der intellektuellen Ebene jüdisches und muslimisches Leben unter Beachtung der Rangunterschiede durchaus gegenseitig verbinden.

Bemerkenswert ist die Förderung, die die Juden im Osmanischen Imperium erhielten, das ihnen im Spätmittelalter einen Schutzhafen bot gegen die Wellen der Verfolgung in den Ländern der Christenheit wie in der übrigen muslimischen Welt. Diese wohlwollende Behandlung steht im auffallenden Kontrast zur antisemitischen Haltung des türkischen Staatspräsidenten Erdogan, der sich gerne als Neo-Osmanen inszeniert. Doch auch unter den Osmanen war die Sicherheit der Juden nicht gewährleistet:

„Doch egal wie weit sich das Osmanische Imperium erstreckte, Juden, die innerhalb seiner Grenzen lebten, verblieben unter dem ominösen Schatten des Dhimmi-Status. Sie erbten die fundamentale Unsicherheit des Lebens unter muslimischer Herrschaft: Die dualen Aussichten von Möglichkeiten und Restriktionen, Schutz und Verfolgung.“

Somit zieht sich über die Jahrhunderte hinweg ein roter Faden aus Übergriffen der Muslime an Juden – auf Einzelne wie kollektiv – durch die Seiten von Gilberts Werk. Noch 1912 kam es in der marokkanischen Stadt Fez zu einem Pogrom an der jüdischen Bevölkerung, dessen Opferzahl mit mehr als 60 Toten das Pogrom im russischen Kischinau neun Jahre zuvor übertraf:

„Doch das Pogrom von Kischinau, in welchem 49 Juden ermordet wurden, hatte zu weitverbreiteten Protesten in der christlichen Welt geführt, von Christen und Juden gleichermaßen. Über das Fez-Pogrom wurde weit weniger berichtet – und dann ignoriert.“

Zwar kam im 19. Jahrhundert auch der Einfluß des europäischen Antisemitismus zusätzlich ins Spiel, doch traf er hier auf einen ohnehin schon religiös beackerten, äußerst fruchtbaren Boden. Zum anderen muß an dieser Stelle aber auch der zunehmende Druck der europäischen Großmächte auf das Osmanische Reich benannt werden, die bedrückende Situation seiner Untertanen zu verbessern. Es brauchte keine Europäer, um dem muslimischen Antisemitismus ins Leben zu rufen – aber es bedurfte der Europäer, um dem Los der Juden unter den Muslimen endlich Linderung zu verschaffen.

Das 20. Jahrhundert schaffte mit dem Aufstieg des arabischen und jüdischen Nationalismus eine neue Dynamik im Verhältnis zwischen Juden und Muslimen. Im Vorfeld der Gründung des Staates Israel (1948) operierten die arabischen Regime mit ihren jüdischen Minderheiten als einem Faustpfand. Letztlich war deren Situation derart unhaltbar geworden, daß sich innerhalb weniger Jahre aus dem Orient und Nordafrika ein regelrechter Exodus von rund 850.000 Flüchtlingen nach Israel ergab, dem ersten Platz in der jüdischen Geschichte seit rund 2000 Jahren, wo Juden nicht als Bürger zweiter Klasse lebten.

Vielfach wird in der Debatte um den Nahostkonflikt die ungeklärte Situation der palästinensischen Flüchtlinge betont. Doch weit weniger bekannt ist, daß auf der Ebene der politischen Verhandlungen eine diesbezügliche Lösung untrennbar verknüpft ist mit der Restitution der jüdischen Flüchtlinge, die unter nicht weniger dramatischen Umständen ihre alte Heimat verlassen mußten.

Die komplexe gemeinsame Geschichte von Juden und Muslimen, wie sie Gilbert detailliert ausbreitet, zeigt auf, daß die Judenfeindschaft im Islam weiter zurückreicht als der Nahostkonflikt. In ihren Wurzeln reicht sie weit in die Ursprünge des Islam. Es ist also ein Irrglaube anzunehmen, eine wie auch immer geartete Lösung des Nahost-Konfliktes würde hier für Entspannung sorgen. Es ist eher so, daß die theologische Begründung des islamischen Antisemitismus einer rationalen Friedenslösung eine schier unüberwindbare Barriere aufgebaut hat.

Gewiß ist der religiös grundierte Antisemitismus auch im Abendland nicht unbekannt. Selbst in der Christenheit war er fast über seine gesamte Geschichte hinweg Bestandteil der Tradition. In seinem Buch „Im Schatten des Schwertes“ weist der britische Autor Tom Holland hier auf byzantinische Vorbilder aus der Zeit des Kaisers Herakleios (um 575 – 641) hin, die eindeutig auf den Islam abgefärbt haben. Doch die eigentliche Frage muß sein, wie das Christentum theologisch mit seiner inhärenten, immerhin bis zum Apostel Paulus rückverfolgbaren antisemitischen Tradition brechen konnte und was im Islam geschehen muß, um den gleichen Wandel zu vollziehen?

Was letztlich in der Behandlung der Juden durch Muslime so bedeutsam ist, ist die darin offenkundige Widerlegung des islamischen Anspruchs, eine Religion des Friedens zu sein. Es sei denn, man akzeptiert die Formel eines „Friedens durch Unterwerfung“, und zwar alleine unter dem muslimischen Willen, was sich allzu oft als Auslieferung in die Willkür des Eroberers entlarvte.

Seinen Kollegen Bernard Lewis, auch er Jude, zitierend, wies Gilbert darauf hin, „daß es in der islamischen Geschichte keine Parallele zur Vertreibung aus Spanien und der Inquisition, den russischen Pogromen und dem Holocaust durch die Nazis gibt.“ Aber ebenso wenig gebe es „in der Geschichte von Juden unter dem Islam etwas Vergleichbares zu der fortschrittlichen Emanzipation und Akzeptanz der Juden im demokratischen Westen durch die letzten drei Jahrhunderte.“

Es geht nicht alleine um Juden und Muslime. Nicht weit entfernt vom scharfen Gegensatz der Muslime zu den Juden ist der zu anderen Gruppen, denen ein gleichwertiger Status abgesprochen wird, so den Frauen und den sogenannten „Ungläubigen“, und da vor allem Säkulare und Atheisten. Mit steigenden Bevölkerungsanteil der Muslime in den westeuropäischen Staaten wird dieses Problem auch hier zu einer existentiellen Herausforderung.

 

Martin Gilbert
In Ishmael’s House
A History Of Jews In Muslim Land
424 Seiten, 2010
Yale University Press

28,99 Euro (Thalia)