Da waren es Fünf weniger Eins


„A Trick of the Trail“ von Genesis feiert sein 50. Jubiläum

Für eine Musikgruppe wie Genesis konnte es nichts Schlimmeres geben: Auf dem bisherigen Höhepunkt ihres Erfolgs stieg Frontmann und Sänger Peter Gabriel 1975 während der Konzerttournee zu dem Konzeptalbum „The Lamb lies down on Broadway“ aus, um befreit von dem von ihm als einengend empfundenen Korsett einer Band auf Solopfaden zu wandeln. Die auf Gabriel fokussierten exzentrischen Bühnenauftritte, seine Dominanz im Songwriting, das alles machte es fraglich, wie Genesis ohne ihn auf der Erfolgsspur bleiben würde.

Es schien wie eine Verlegenheitslösung. Nachdem ein Casting keinen geeigneten Kandidaten für die Nachfolge Gabriels hervorbrachte, rangen sich Bassist Mike Rutherford, Keyboarder Tony Banks und der Gitarrist Steve Hackett zu einer ungewöhnlichen Entscheidung durch: Ausgerechnet Phil Collins wurde vom Schlagzeuger zum Sänger befördert. Es sollte sich als ein außerordentlicher Glücksgriff erweisen.

Das erste Album mit Collins als Sänger, das am 13. Februar 1976 veröffentliche „A Trick of the Tail“, erwies sich als ein weiterer Meilenstein in der Entwicklung von Genesis als einer 1967 von Internatsschülern gegründeten Band zu den Superstars der 1980er und 90er Jahre.

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Ganz in der Tradition des die 1970er Jahre dominierenden Progressiv Rock lieferten Genesis einen bis heute hörbaren Klassiker ab. Eingängig und doch anspruchsvoll hob es sich wohltuend ab vom vorangegangenen komplex-sperrigen „Lamb“. Bereits der Eröffnungstitel „Dance on a Volcano“ gibt eine Richtung vor, die den Hörer von Anfang bis Ende mitreißt. Für heutige Verhältnisse ungewöhnlich, aber kennzeichnend für das Genre des Progressiv Rock, sind die Überlängen der Songs, von denen „Ripples“ mit über acht Minuten das längste Stück ist. Die Ausnahme ist mit unter fünf Minuten der titelgebende Track „A Trick Of The Tail“. Und doch kommt beim Zuhören keine Ermüdung auf, fesselt das Album von der ersten bis zur letzten Minute – acht Höhepunkte ohne Schwächen und Durchhänger.

In den Texten setzte Genesis die Linie der vorherigen Alben mit dem Bezug zu mystischen Fantasy-Themen fort, was sich auch in den allegorischen Figuren auf dem Albumcover widerspiegelt. Einzig der letzte Titel, „Los Endos“ fiel als fast ausschließlich instrumentales Stück aus dem Konzept heraus. Es sollte zum populärsten Stück des Albums werden und für die nächsten Jahre auch Bestandteil der Setlist der Genesis-Konzerte.

YT-Clip: GENESIS – Los Endos (Live, 1976)

Der schmale Grat, über den die erste Phase von Genesis in die Post-Gabriel-Ära führte, schien im Nachhinein mühelos bewältigt. Künstlerisch bewiesen die vier verbliebenen Vollblutmusiker mit „A Trick of the Tail“ ihre Emanzipation vom „Übermann“ Gabriel, fanden miteinander zu einer neuen Chemie, die ihrem kreativen Potential zur Entfaltung gab. Zumindest noch bis 1977 zum Ausstieg von Hackett, mit dem Genesis zu ihrer klassischen Besetzung als Trio mit den verbliebenen Collins, Rutherford und Banks fanden.

Sie überzeugten auch die Fans. Wieder einmal eroberte Genesis die Charts – erstmals Platz 3 der britischen Album-Charts – und Collins als Sänger die Herzen des Publikums, allein mit seinen Qualitäten als Entertainer, ohne dabei die Exzentrik seines Vorgängers kopieren zu müssen. Wie sehr Genesis hier alles richtig gemacht haben im Angesicht der Herausforderung, die sich ihnen stellte, wird besonders deutlich, wenn man sich den weit späteren Ersatz von Collins durch Ray Wilson vor Augen hält. Es sollte Tiefpunkt und Ende von Genesis werden.

Doch das bedeutendste Ergebnis dieses entscheidenden Wechsels besteht wohl hierin: In seinem Aufstieg vom kleinen Mann hinter dem Schlagzeug zum Frontmann erfuhr Collins die erste große Stufe seiner eigenen „Genesis“ zu seiner späteren, alles bisherige in den Schatten stellende Karriere, Solo und mit Band. Es war der erste große Schritt in der Laufbahn des in London geborenen Collins, der am vergangenen 31. Januar seinen 75. Geburtstag feierte.

GENESIS
A Trick of the Tail
1976