Der Kaiser, der ein Reich rettete und es fast wieder verlor

Das Reich am Abgrund, sein Schicksal am seidenen Faden. Ein Mann aus der Peripherie kommt zu seiner Rettung. Doch er kann nur so erfolgreich sein, wie das Volk geeint hinter ihm steht.

Herakleios (575 – 641 n. Chr.)

Es war eine höchst bemerkenswerte Szene, die sich am 21. März im Jahr 630, dem Gründonnerstag, zu Jerusalem zutrug: 16 Jahre, nachdem es von den Sassaniden als Beutegut in ihr persisches Stammland verschleppt wurde, entkleidet von all seinen Status entsprechenden Ornat, trug der oströmische Kaiser Herakleios nach dem Vorbild des Heilands persönlich auf seinen Schultern das Heilige Kreuz Christi, die bedeutendste Reliquie der Christenheit, zurück an seinen Platz in der Jerusalemer Grabeskirche auf den Golgatha-Hügel. Damit setzte er den Schlußpunkt unter einen jahrelangen Krieg, der das Oströmische Reich nahe an den Zusammenbruch führte. Selten hat ein christlicher Herrscher einen größeren Triumph errungen im Kampf gegen einen „ungläubigen“ Feind. Die Botschaft dieses Festaktes war unmißverständlich: Am Ende ist immer der siegreich, der den Gott der Christen auf seiner Seite hat. Herakleios schrieb sich damit zu einem der bedeutendsten Kaiser in die Geschichtsbücher Ostroms ein. Und doch braute sich im Augenblick dieses Triumphes jenseits der östlichen Grenzen des Reiches eine Gefahr zusammen, der selbst Herakleios nicht mehr gewachsen war. Doch der Reihe nach.

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Kaiser Heraklius bringt das Kreuz nach Golgatha, von Jacopo Palma dem Jüngeren, Kirche Santa Maria Assunta , in Venedig, um 1620–1625 (Quelle: Wikipedia)

602 putschte sich der Armeeoffizier Phokas auf den Kaiserthron in Konstantinopel. Der Verantwortung für das Reich und den Herausforderungen durch die äußere Bedrohungslage nicht gewachsen, kompensierte dieser seine Unfähigkeit durch die Etablierung eines despotischen Schreckensregimes, wie man es bis dahin in Konstantinopel nicht kannte. Inmitten dieser Krise, als auf dem Balkan die Awaren und Slawen heranrückten und der Nahe Osten und Kleinasien von Persien aus aufgerollt wurden, erhob sich aus dem abgelegenen Exarchat von Karthago die Opposition unter dem Statthalter Herakleios dem Älteren. Selbst zu alt, um nach dem kaiserlichen Purpur zu greifen, schickte der greise Herakleios seinen Sohn gleichen Namens mit der Flotte nach Konstantinopel aus.

Diese nahm die Hauptstadt keineswegs im Sturm, sondern auf Umwegen, währenddessen zweifellos konspirativ der Boden für den Umsturz vorbereitet wurde, der sich schließlich im Oktober 610 vollzog. Phokas wurde abgesetzt und vor Herakleios gebracht. Es entspannte sich ein historisch bemerkenswerter Dialog zwischen beiden, der vor allem vieles über Phokas Nervenstärke verrät im Angesicht seines bevorstehenden Endes:

„Wie hast du das Reich regiert?“, so die vorwurfsvolle Frage Herakleios.

Phokas schlagfertige Antwort: „Wirst du es besser machen?“

Phokas unmittelbarer Tod war nicht weniger grausam als das, was er seinen Opfern zukommen ließ. Und wieder bestätigte sich an diesem blutigen Machtwechsel die Regel, wonach das Oströmische Reich „eine durch Mord und Totschlag gemäßigte, absolutistische Monarchie“ gewesen ist.

Wie sehr Herakleios in seiner außergewöhnlichen Erscheinung die Hoffnungen des Volkes auf eine Rettung des Reiches verkörperte, vermittelt der britische Historiker John Julius Norwich in seiner epischen Byzanz-Monographie:

„Im Vollbesitz seiner Kraft, gerade sechsunddreißig Jahre alt, den dreifachen Triumph von Eroberung, Heirat und Krönung an einem einzigen Tag noch voll auskostend, muß Herakleios am Montagabend des 5. Oktober 610 wie eine Art Halbgott erschienen sein, als er, seine ebenfalls strahlende Frau am Arm, mit seiner blonden Mähne und der breiten Brust aus dem Großen Palast trat.“
(„Byzanz – Der Aufstieg des oströmischen Reiches“, John Julius Norwich)

Überraschenderweise ließ Herakleios mit dem Gegenschlag gegen die Perser lange auf sich warten. Offenbar war seine schwach legitimierte Position an der Spitze dafür keineswegs sicher genug, zumal die inneren Verhältnisse für eine rasche Reaktion gegen den äußeren Feind zu zerrüttet waren.

Nach Ausschaltung der Konkurrenten nahm Herakleios eine Reform der korrupten Verwaltung und des darniederliegenden Heeres in Angriff. Selbst in alte Besitzstände wurde eingegriffen. So wurde die kostenlose Getreidespende an die Hauptstädter als die bedeutendste Transferleistung abgeschafft.
Das oströmische Militär wurde in den vom Feind unbesetzten Gebieten Kleinasiens auf eine vollkommen neue Grundlage gestellt. An die Stelle der unzuverlässigen Söldnerheere traten an ein erbliches Lehnsgut gebundene Soldatenbauern (Stratioten), die bei Bedarf zum Kriegsdienst eingezogen wurden. Diese waren bestimmten „Themen“ genannte Bezirke zugeordnet. Für die nächsten Jahrhunderte sollte diese Themenverfassung das militärische Rückgrat des Reiches bilden. Ihre Aushöhlung durch die Großgrundbesitzer sollte später den Niedergang des Reiches einläuten.

Derweil gingen Syrien, Jerusalem und Ägypten an die Perser verloren, der Balkan bis hinunter zur Peleponnes fiel in die Hände von Awaren und Slawen. In der Zuspitzung der Krise überlegte der Kaiser sogar die Verlegung der Hauptstadt in das abgelegene Karthago, was auf entschiedenen Widerstand in seiner Umgebung stieß. Herakleios verpflichtete sich zur Treue gegenüber Konstantinopel, forderte aber im Gegenzug der Stadtbevölkerung ein Höchstmaß an Opferbereitschaft ab.

Mehr als zehn Jahre nach seiner Krönung ging Herakleios 622 endlich in die Offensive. Erstmals seit mehr als 200 Jahren zog ein Kaiser an der Spitze des von ihm persönlich gedrillten und vorbereiteten Heeres dem Feind entgegen und trug den Krieg tief in das persische Kernland. Und Herakleios ließ es sich nicht nehmen, im persönlichen Einsatz selbst in die Schlacht zu treten.

Herakleios beließ es nicht bei Drill und technischen Verbesserungen. Was die Moral seiner Truppen auf der ideologischen Ebene entscheidend hob: Dieser Feldzug war ein heiliger Krieg gegen die persischen „Feueranbeter“, der erste Kreuzzug, rund 500 Jahre bevor die Kreuzritter aus Westeuropa ins Heilige Land zogen. Dazu passte auch, daß die Kirche aus freien Stücken ihre Schätze dem verarmten Staat zur Verfügung stellte.

Und im Angesicht der Gefahr war Beistand von höchster Stelle mehr als nötig. Denn in der Zwischenzeit drohte tief im Inneren des Reiches der Fall von Konstantinopel. Vermutlich nach einer gemeinsamen Absprache nahmen im Sommer 626 von Norden die Awaren und von Osten die Perser die Hauptstadt am Bosporus in einen tödlichen Zangengriff. Ihre Bewohner verließen sich nicht allein auf die Sicherheit hinter der hervorragenden Theodosianischen Mauer, sondern stellten ihre Stadt zusätzlich unter den Schutz der Gottesmutter, deren geheiligte Marienikone vom Patriarchen Sergios auf der Mauerkrone mit Blick zum Feind entlang getragen wurde.

Doch egal, ob himmlischer Beistand mit im Spiel war, am Ende entschied die oströmische Flotte das Spiel. Ihr Einsatz verhinderte das Übersetzen der in Belagerungstechniken versierten Perser auf das europäische Festland. Die feindlichen Heere rückten ab. Konstantinopel war gerettet.

Das konzertierte Vorgehen der Oströmer mit den aus dem Kaukasus vorgehenden Türken setzte die Perser weiter unter Druck. Mit der Verwüstung der zoroastrischen Feuertempel übten die Oströmer Vergeltung für Jerusalem. Im Dezember 627 kam es endlich zum entscheidenden Sieg Herakleios in der Schlacht bei Ninive am Tigris. Kurz darauf kollabierte die Herrschaft des persischen Großkönig Chosrau II., der zuvor noch Herakleios als seinen „elenden, törichten Sklaven“ verhöhnt hatte. An dessen Stelle trat vorübergehend sein Sohn Kavadh II., der seinen Vater gewaltsam aus dem Weg räumte.

Die Perser, am Ende ihrer Kräfte, traten in Friedensverhandlungen ein, an deren Ende 630 die Wiederherstellung des Status Quo vor Ausbruch des Krieges stand. Die besetzten Gebiete wurden geräumt, das Heilige Kreuz zurückgegeben.

Rückgabe des Kreuzes Christi durch die Perser an Kaiser Herakleios 629/30 (Ausschnitt aus dem Deckenfresko der Vierungskuppel der Klosterkirche Wiblingen von Januarius Zick 1778). (Quelle: Wikipedia)

Das Byzantinische Reich schien wieder fast so gut dazustehen, wie zuletzt unter Kaiser Justinian (527 – 565) während seiner größten territorialen Ausdehnung. Doch noch während Herakleios das Kreuz nach Jerusalem trug, zog sich auf der arabischen Halbinsel ein unerwarteter Sturm zusammen, der die geopolitischen Verhältnisse vollkommen auf den Kopf stellen sollte.

Nachdem der Prophet Mohammed 632 verstarb, trugen bereits im Folgejahr seine Nachfolger das grüne Banner des Islam mit dem Schwert in die Welt. Als erstes fielen das Sassanidenreich und die Herrschaft der Byzantiner über den Nahen Osten. Die Schlacht am Jarmuk 636 markierte einen historischen Einschnitt, nach der Ostrom die Herrschaft über die Levante für immer aufgeben mußte. 637 fiel Jerusalem, 639 sogar die reiche Kornkammer Ägypten.

Der von den Entbehrungen des Krieges vorzeitig gealterte Kaiser, eben noch auf dem Höhepunkt seiner Macht, verfiel in tiefe Depressionen. Nach der vernichtenden wie demütigenden Niederlage zurück am Bosporus konnte er den Anblick des Meeres nicht ertragen, so daß er in einem eigens abgeschirmten Boot nach Konstantinopel übersetzte. Hatte er nicht alles gegeben für seinen Gott und den Schutz des christlichen Glaubens? Sollte dies etwa die göttliche Strafe sein für die nach Kirchenrecht blutschänderische Skandal-Ehe, die er 613 mit seiner Nichte Martina einging? Waren die daraus hervorgegangenen mißgebildeten Kinder denn nicht Strafe genug für ihn? Waren die Formelkompromisse, mit denen er die theologischen Gegensätze zwischen den religiösen, einander als häretisch betrachtenden Fraktionen auszugleichen versuchte, Grund für den Zorn des Höchsten?

Die Erklärungen für den außerordentlichen Vormarsch der islamischen Expansion waren weit profaner, und lagen weniger im religiösen Fanatismus der arabischen Eroberer. Zum einen meinte Konstantinopel, nach seinem Triumph auf den Tribut für die Grenzwacht der verbündeten arabischen Stämme hochmütig verzichten zu können. Zum anderen hatte das jahrelange Ringen von Persien und Byzanz miteinander beide Großmächte derart verausgabt, so daß sie dem neuen Feind kaum eine effektive Gegenwehr leisten konnten. Zumal Byzanz noch zusätzlich geschwächt war von den langfristigen ökonomischen und demographischen Folgen der verheerenden Pestepidemie 541 unter Justinian. Das Reich stand nach dem Sieg über die Perser eben nicht stärker als zuvor da, aber immerhin noch kräftig genug, um sich wenigstens in seinem Kern gegenüber den muslimischen Eroberern zu behaupten, und so zum östlichen Bollwerk Europas gegen den Islam zu werden.

Nicht unerwähnt sollte bleiben, daß es gerade das Vorbild Byzanz unter Herakleios war, das auf die Herausbildung des Islam einwirkte: Krieg als geheiligtes Mittel, Glaubenskonversion als Zwang und nicht zuletzt der scharfe, religiös motivierte Antisemitismus.

Und doch hatte der Verlust Ägyptens und der orientalischen Provinzen für Ostrom auch etwas Gutes für sich: Die Beschränkung des Reiches auf seine Kernlande förderte seine innere Einheit durch den damit verbundenen religiösen Konformismus in der griechisch-orthodoxen Konfession sowie durch den damit verstärkten kulturellen Wandel, in welchem das Latein durch die griechische Sprache verdrängt wurde. Eines der sinnfälligsten Zeichen für diesen Wandel war, daß Herakleios in Abkehr von der römischen Tradition sich mit dem griechischen Titel „Basileus“ schmückte, statt dem lateinischen Augustus.

Herakleios verstarb 641. Zuvor regelte er noch seine Nachfolge so, daß sein ältester Sohn Konstantin III. (aus der Ehe mit der 612 verstorbenen Eudokia) und der jüngere Heraklonas (aus der Ehe mit Martina) sich gemeinsam die Herrschaft teilten. Den ohnehin schwerkranken Konstantin ereilte wenige Monate später der Tod, nicht ohne vorher seinem unmündigen Sohn Konstans als seinen Erben unter den Schutz des Militärs zu stellen.

Martina wiederum bezahlte ihren Ehrgeiz, als Regentin ihrem Sohn Heraklonas die Alleinherrschaft zu sichern, teuer: Ihr wurde die Zunge herausgerissen und Heraklonas die Nase abgeschnitten. Derart nach orientalischer Sitte verstümmelt, wurde er so für die Herrschaft untragbar gemacht. Doch immerhin sollte von Konstans II. aus die Dynastie der Herakleier noch bis 711 Bestand haben, in einer Zeit, die den Übergang von der Spätantike zum Frühmittelalter markierte.

In den 1950er Jahren sollte Herakleios zum Gegenstand eines Historikerstreits werden, ob der Kaiser der eigentliche Schöpfer der Themenverfassung war oder nur eine bereits eingeleitete Entwicklung zum Abschluß brachte. Hinter diesem akademischen Streit stand der Gegensatz der marxistischen Weltanschauung, wonach die sozialen Klassen Triebfeder der historischen Entwicklung seien, zur konservativen Sichtweise, die historische Umbrüche allein Persönlichkeiten zuschreibt.

Wie immer man sich in diesem Streit positionieren will, im Falle Herakleios und des byzantinischen Reiches wird eine zeitlose Lehre deutlich: In der schwersten Krise wäre der Kaiser in seinem Wirken nicht erfolgreich gewesen ohne die Resilienz der Byzantiner, die sich – im Gegensatz zu den heutigen nihilistischen Verhältnissen – vor allem auch aus spirituellen Quellen speisen konnte.

John Julius Norwich
Byzanz: Aufstieg und Fall eines Weltreichs
712 Seiten, Ullstein
2006

Der endgültige Sieg des Gekreuzigten

Das historische Porträt: Konstantin der Große (zwischen 270 / 288 – 337 n. Chr.)

Bis heute bleibt es ein Rätsel, welche Gründe Maxentius veranlaßt haben, am Morgen des 28. Oktober 312 n. Chr. mit seinen Truppen das von seinem Rivalen Konstantin belagerte Rom zu verlassen, um die Entscheidungsschlacht zu suchen. Innerhalb der sicheren Mauern Roms und durch volle Vorratslager bestens versorgt, hätte er die Belagerung lange aussitzen können, bis der Feind spätestens im Winter zum Rückzug gezwungen gewesen wäre. Doch offenbar geriet ihm der Boden in Rom zu heiß, wurden ihm die Vorhaltungen ob seiner Passivität zu viel und verlor dadurch vielleicht die Nerven.

Er konnte Konstantin keinen größeren Gefallen tun. Zwar war Maxentius, der mit Konstantin sogar verwägert war, mit seinen Truppen denen des Feindes weit überlegen, doch machte Konstantin das mit seinen bereits in jungen Jahren erworbenen militärischen Erfahrungen und soldatischem Eifer mehr als wett. Doch auf seine in vielen Feldzügen gegen die „Barbaren“ erworbenen Fähigkeiten allein wollte sich Konstantin nicht verlassen. Denn der Legende nach war es göttlicher Beistand, den Konstantin letztlich für sich verbuchen konnte. Durch einen Traum vor der Schlacht eingegeben, befahl er seinen Soldaten auf ihren Schildern das Christusmonogramm Chi-Rho – das von einem X durchkreuzte P – als „magisches Symbol“ auf ihre Schilde aufzutragen. Damals wie heute sind es vor allem Symbole, die Menschen und Armeen in Bewegung setzten.

Die zahlenmäßige Überlegenheit konnte von Maxentius in dem ungünstigen Gelände nicht entfaltet werden. Konstantin nutzte die Gelegenheit und brach an der Spitze seiner Reiterei in die gegnerische Flanke ein. Mit dem Rücken zum angeschwollenen Tiber geriet die Front der Truppen Maxentius ins Schwanken. Mit der ausbrechenden Panik begann ihre Auflösung. Der nahe der abgebrochenen steinernen Milvischen Brücke errichtete Behelfsübergang konnte die zurückweichenden Soldaten nicht mehr tragen und brach ein. Mit ihnen begrub er auch Maxentius, der ertrank.

Die Schlacht an der Milvischen Brücke war ein historischer Sieg. Sie stellte nicht allein die wichtigste Etappe dar auf Konstantins Weg zur Alleinherrschaft im Römischen Reich. Sie zerschlug endgültig das von dem früheren Kaiser Diokletian (zwischen 236 und 245 – ca. 312 n. Chr.) errichtete System der Tetrarchie, mit dem der durch Verteilung der Macht auf vier Amtsträger der endlosen Abfolge von Usurpationen und Bürgerkriegen ein Ende bereiten wollte. Mit Konstantins Herrschaft, die ihm den Beinamen „der Große“ einbringen sollte, sind zwei einschneidende welthistorische Weichenstellungen verbunden.

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Da ist zum einen Konstantins Entscheidung, das am Bosporus gelegene Byzantion zu seiner neuen Kaiserresidenz auszubauen. Dieses „Nova Roma“, das neue Rom, sollte unter dem Namen Konstantinopel bis zu seiner Eroberung durch die Osmanen im Jahr 1453 Hauptstadt des über lange Zeit mächtigen Oströmischen Reiches sein und damit das Zentrum des griechisch-orthodoxen Christentums. Doch am bedeutendsten ist die durch ihn eingeleitete „Konstantinische Wende“, mit der erst das Christentum die traditionellen Kulte der Antike verdrängen und so in den Rang einer Weltreligion aufsteigen konnte.

In den 300 Jahren nach der Kreuzigung des Jesus Christus war das aus ihm und seinen Nachfolgern hervorgegangene Christentum eine im Römischen Reich mehr geduldete als akzeptierte Religion gewesen. Phasen teilweise brutaler Verfolgung konnten ihr nichts anhaben, im Gegenteil. Das Beispiel ihrer selbst im Angesicht des Todes furchtlosen als Märtyrer bekannten Blutzeugen führte ihr nur noch mehr Anhänger zu, während die Verfolger sich selbst dadurch nur moralisch korrumpierten. Diokletian versuchte als letzter Kaiser in einem neuen Höhepunkt der Verfolgung der Kirche ein Ende zu bereiten, letztlich ohne Erfolg.

Das genaue Geburtsdatum Konstantins ist unbekannt und dürfte zwischen den Jahren 270 und 288 n. Chr. liegen. Sein Vater war der Militär Constantin Chlorus, einer der Tetrarchen, der als Unterkaiser über den westlichen Reichsteil eingesetzt war. Ihre Herkunft aus dem Illyricum im heutigen westlichen Balkan belegt die Integrationskraft des Römischen Imperiums. Aufgewachsen in einem soldatischen Umfeld und als Geisel am Hofe Diokletians aufgewachsen wurde er bestens vertraut mit der politischen Macht, die das Römische Reich ausmachte. Seine Ambitionen und sein Ehrgeiz wurden offenbar, als er in Mißachtung des Systems der Tetrarchie allein seinem eigenen Willen heraus die Nachfolge seines verstorbenen Vaters antrat – eine klare Usurpation, die von der Gegenseite zähneknirschend hingenommen wurde. Aus den nach dem Zerfall der Tetrarchie ausgebrochenen Machtkämpfen ging er schließlich 324 n. Chr. als Alleinherrscher hervor.

Seine Hinwendung zum Christentum war ein lebenslanger, stetiger Prozeß, der erst auf dem Sterbebett mit der Taufe endete (337 n. Chr.). Das war damals keineswegs ungewöhnlich, wollte man doch bewußt die Lebensspanne kurz halten, nachdem das Taufritual alle vorherigen Sünden wegwusch. Zuerst war Konstantin dem Sol Invictus, dem unbesiegbaren römischen Sonnengott, verpflichtet. Da dieser bereits monotheistische Züge hatte, war der Weg zum Christengott fast schon vorgezeichnet. Obgleich das Christentum reichsweit noch eine Minderheitenreligion war, sah er in ihr das Potential eines einigenden Bandes für das Reich. Möglicherwiese dürfte ihn auch die Todesverachtung der Christen besonders beeindruckt haben. Aber vielleicht war einfach die Zeit reif für eine universalistische Religion für ein universalistisches Reich.

Nur wenige Monate nach seinem Sieg an der Milvischen Brücke eröffnete Konstantin zusammen mit dem Ostkaiser Licinius dem Christentum eine vollkommen neue Perspektive. Mit dem Toleranzedikt von Mailand (313 n. Chr.) gewährten beide Kaiser dem Christentum volle Religionsfreiheit und restituierten alle Schäden, die die Kirche und ihre Anhänger in der Verfolgung erlitten hatten. Konstantin privilegierte die neue Religion, wo er nur konnte. Die Erziehung seiner drei Söhne mit seiner Frau Fausta im christlichen Glauben markierte deutlich die weitere Richtung.

Von hier ab sollte es nur noch wenige Jahrzehnte dauern, bis Kaiser Theodosius I. das Christentum 392 n. Chr. zur Staatsreligion im Römischen Reich erhob. Es war der Beginn der zuweilen unheilvollen und unheiligen Allianz zwischen Kirche und Staat, Thron und Altar, welche die europäische Geschichte fortan für sehr lange Zeit prägen sollte, und die im Guten wie im Schlechten grundlegend für die Herausbildung des Abendlandes war:

„Die Schaffung einer reichen, machtvollen und intoleranten Kirche war das primäre Erbe der Bekehrung Konstantins. Noch besser, daß er ein Heide geblieben war, der religiöser Verfolgung begegnete, während er der christlichen Vielfalt erlaubte zu florieren.“ (Rodney Stark)

Jenseits aller theologischen Überlegungen vom Kreuzestod Christi und seiner Rolle als Erlöser und Überwinder des Todes kann ohne Zweifel festgestellt werden, daß mit der Konstantinischen Wende 300 Jahre nach seiner Hinrichtung Jesus Christus endgültig den Sieg über seine Henker und Häscher davongetragen hat.

Konstantins Hoffnung auf ein stabilisierendes Wirken der Kirche auf Staat und Gesellschaft sollte jedenfalls rasch enttäuscht werden. Einmal vom äußeren Druck befreit, versanken ihre unterschiedlichen Gruppen gegeneinander in teilweise hasserfüllte, gewalttätige Auseinandersetzungen über doktrinäre Grundlagen. Gemäß seinem Amtsverständnis griff der Kaiser ein und versuchte mit dem Konzil von Nicäa (325 n. Chr.), dem ersten seiner Art, die Spaltungstendenzen unter seinem Vorsitz zu überwinden und ein verbindliches Glaubensbekenntnis zu formulieren.

Das in der kirchlichen Hagiographie verklärte Bild des Kaisers als gottgefälliger Herrscher weist durchaus viele dunkle Flecken auf. In seiner persönlichen Lebensführung konnte die christliche Ethik der Mäßigung offenbar keine Wurzeln schlagen. Seine Ehefrau Fausta und seinen ältesten Sohn Crispus – ihren Stiefsohn – ließ er kurz hintereinander grausam töten. Über die Gründe hierfür hüllen sich die Quellen weitgehend im Schweigen, doch legt zumindest eine den beiden den gemeinsamen Ehebruch zur Last.

Das Vorbild dieser brutalen Rücksichtslosigkeit sollte auch unmittelbar nach dem Ableben des Kaisers zum Tragen kommen. Um die Nachfolge der drei Konstantin-Söhne vor jeglicher Konkurrenz zu schützen, kam es zu einer Säuberungsaktion im familiären Umfeld des Kaisers, der zahlreiche männliche Verwandte und auch einige Zivilbeamte zum Opfer fielen. Ironie der Geschichte: der durch sein jugendliches Alter geschützte Konstantin-Neffe Julian (331/332 – 363 n. Chr.) versuchte rund 25 Jahre später als Kaiser Julian „Apostata“ („der Abtrünnige“), der über seinen Onkel ein schroffes Urteil fällte, wie in einem Akt der Rache eine schließlich gescheiterte Wiederbelebung der heidnischen Kulte.

Klaus Rosen
Konstantin der Große: Kaiser zwischen Machtpolitik und Religion
2013; 495 Seiten; 30,- Euro

Als über Pompeji die Hölle hereinbrach

Zuerst war es ein Erdbeben, das das eigentliche Drama ankündigte. Dann, am 24. August 79 n. Chr. (andere sagen, es war am 24. Oktober), schlug der Vesuv zu: Aus dem Schlot des Vulkans an der Küste Kampaniens, am südwestlichen Ende der italienischen Halbinsel im Golf von Neapel, bricht das Inferno los. Eine gewaltige Säule aus Magma, Gas und Wasserdampf schießt wie eine Stichflamme mit Überschallgeschwindigkeit aus dem Berg in den Himmel. Diese weithin sichtbare Eruptionssäule senkt sich nach Abkühlung ab und ergießt sich in einem tödlichen Regen aus Lava, Asche und Bimsstein über die Umgebung, der sie acht Meter tief begräbt. Wer nicht bereits beim Erdbeben geflohen ist, fällt dieser Apokalypse unweigerlich zum Opfer. Innerhalb von wenigen Stunden ist die römische Kleinstadt Pompeji zusammen mit ein paar kleineren Orten ein Friedhof.

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Dank des Augenzeugenberichtes des Naturforschers Plinius des Jüngeren (61/62 – 113 oder 115 n. Chr.), der das Geschehen aus sicherer Entfernung beobachtete, ist der Vulkanausbruch von Pompeji die am besten dokumentierte Naturkatastrophe der Antike. Er ist auch der Neffe von Plinius des Älteren, Admiral der vor Miseum stationierten Flotte, der an Bord seiner Schiffe zu einer – letztlich erfolglosen – Rettungsmission ausrückte, bei der er auch sein Leben verlor. Doch nicht allein Plinius‘ Zeugnis gibt Aufschluß über diese Tragödie. Ebenso haben die archäologischen Grabungen seit Mitte des 18. Jahrhundert eine Fülle von teils spektakulären Funden hervorgebracht, deren Ende noch nicht abzusehen ist. Es ist, als habe der Vulkanausbruch das römische Leben in der Antike regelrecht in seiner ganzen Fülle in einem Augenblick für die Nachwelt eingefroren.

Im Museumspark Kalkriese, wo seit 2000 die Funde zur Schlacht im Teutoburger Wald (9 n. Chr.) ausgestellt sind, widmet man sich in diesem Jahr in einer Sonderausstellung der Katastrophe von Pompeji. Gemessen an der Masse der Funde mag die Zahl der Exponate bescheiden sein, doch bieten sie einen eindrucksvollen und manchmal auch einzigartigen Einblick in das römische Leben vor rund 2000 Jahren, mit teils überraschenden Erkenntnissen.

Luxus, Pracht und Alltag: Da ist der unangetastete Brotlaib einer Bäckerei, der aufzeigt, wie plötzlich und unerwartet die Katastrophe über die Bewohner Pompejis hereinbrach. Und so, wie die Bäckereien heute ihre Waren mit den Labels ihres Betriebes auf den Verpackungstüten vermarkten, so haben damals ihrerseits die Bäcker ihre Brote mit einem heute noch erkennbaren Stempel gekennzeichnet.

Für die hohe Kunstfertigkeit des Handwerks im römischen Reich und der globalen Herkunft ihrer Motive steht zum einen der gewundene Armreif in Schlangenform, der auf orientalische Vorbilder zurückgeht.

Wiederum aus Ägypten stammt der Skyphos, ein meisterhaft gestalteter Trinkbecher aus Obsidian mit beidseitigen Henkelgriffen, auf dem in typisch alexandrinischem Stil eine bunte Opferszene abgebildet ist.

Römische Goldmünzen in Indien bezeugen die weitreichenden Handelsbeziehungen. Aus Indien kam dafür bis Pompeji die Statuette der indischen Göttin Lakshmi, ein außerordentlich schönes und filigranes Werk aus Elfenbein, das kaum in einem kultischen Gebrauch war, sondern vermutlich zu dem ganz profanen Zweck als Griff für ein Körperpflege-Utensil.

Hätten wir ohne Pompeji Kenntnis von diesem Alltagsgegenstand? Mit dem tragbaren, aus Bronze gefertigten Kohlebecken auf drei Beinen auf Löwenpfoten konnte nicht nur geheizt, sondern auch Speisen erwärmt werden. Befeuert wurde es mit Holzkohle.

Leider kam aus seiner Öffnung nur Wasser und kein Wein: Sinn fürs Detail und in gewisser Weise auch Humor beweist der Brunnenmund in Form eines Weinschlauchs, auf dem ein Satyr aus dem Gefolge des Weingottes Dionysos sitzt.

Ausgestellt sind auch die Marmorbüsten zweier führender Repräsentanten dieser Zeit, zum einen die des Kaisers Tiberius (42 v. Chr. – 37 n. Chr.), der sehr viel Zeit am Golf von Neapel verbrachte, seines späteren Nachfolgers Vespasian (9 – 79 n. Chr.) sowie des Flottenadmirals Plinius des Älteren (23/24 – 79 n. Chr.). Jedes Porträt erlaubt in seiner Stilistik Rückschlüsse auf das jeweilige Selbstverständnis, was der Dargestellte über sich der Umwelt mitzuteilen gedenkt. War es bei Tiberius vor allem der tatkräftige Charakter des auch im hohen Alter jugendlich erscheinenden Kriegshelden, so stellt das etwas derbe und ehrliche Bildnis Vespasians seine Volksverbundenheit heraus.

Zum Ende des Rundgangs verabschiedet den Besucher die schauerliche Szenerie zweier Gipsausgüsse von in Pompeji umgekommenen Opfern. Die von der Asche umschlossenen Körper bildeten Hohlräume, die später seit den 1870er Jahren von Ausgräbern mit Gips ausgegossen wurden. Selten erschienen die Menschen der Antike der modernen Nachwelt näher als in diesem Zustand zum Zeitpunkt ihres Todes.

So grausig der Untergang von Pompeji selbst nach 2000 Jahren auf die Nachwelt wirkt, diese Tragödie erwies sich in dem unter der Lava und der Asche verschütteten Vermächtnis als einzigartiger Glücksfall für die Wissenschaft. Ihre Erforschung ist noch lange nicht abgeschlossen.

Die Sonderausstellung „Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan“ ist noch bis zum 6. November 2022 im Museumspark Kalkriese zu besichtigen.

Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan – Kalkriese Varusschlacht (kalkriese-varusschlacht.de)

Pompeji – Pracht und Tod unter dem Vulkan
Katalog zur Sonderausstellung im Museumspark Kalkriese
2022; 177 Seiten; 16,- Euro

Der Kaiser, der Rom schützende Grenzen setzte

Das historische Porträt: Kaiser Hadrian (76 – 138 n.Chr.)

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort: In der Nachfolge römischer Kaiser hat es sich für die Prätendenten bisweilen als vorteilhaft erwiesen, zum Zeitpunkt des Ablebens des Amtsträgers in dessen Nähe zu sein. Als Kaiser Trajan auf dem Rückweg von einem Krieg gegen die persischen Parther nach schwerer Krankheit in Kilikien am 8. August 117 n. Chr. an der heutigen türkischen Südküste verstarb, erklärte dessen Gattin Plotina, der Verstorbene habe kurz zuvor noch auf dem Totenbett seinen Adoptivsohn Publius Aelius Hadrianus zum Nachfolger erklärt. Die syrischen Legionen, denen er als Befehlshaber vorstand, gaben den nötigen Nachdruck. Sicherheitshalber ließ Hadrian unmittelbar zur Absicherung seines Machtantritts einige Senatoren hinrichten, was ihn die Feindschaft dieser Kreise eintrug. Dennoch konnte er in den folgenden rund 20 Jahren seiner Herrschaft dem römischen Imperium relativ ungestört seinen prägenden Stempel aufdrücken und zu seinem Tod am 10. Juli 138 n. Chr. zu einem seiner bedeutendsten Kaiser aufsteigen.

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Geboren am 24. Januar 76 n. Chr. im spanischen Italica als Abkömmling römischer Kolonisten erfuhr er die frühzeitige Förderung durch seinen Vormund Trajan, einem Cousin seines Vaters. Erfahrungen auf zivilem und militärischem Gebiet sammelte er durch die übliche Ämterlaufbahn, während die Heirat mit einer Großnichte Trajans ihn enger an das Kaiserhaus band.

Nach geglückter Machtübernahme vollzog er aus seiner Erkenntnis, daß das Imperium in seiner bis dahin größten Ausdehnung die Grenzen seines Wachstums erreicht hat, eine historische Wende: „Hadrian gab Trajans Eroberungen im Osten – Armenien, Mesopotamien und Assyrien – wieder auf und konzentrierte sich darauf, das Reich zu einer lebensfähigen, gesicherten und blühenden Einheit zu machen.“ (Anthony Birley)

Die Phase militärischer Expansion war damit für Rom abgeschlossen. Konsolidierung war angesagt. Zumal es sich zeigte, daß es auch noch innerhalb des Reiches schwelende Zonen gab, die sich dem Zugriff der römischen Autorität zu entziehen suchten. So wuchs sich der zum Jüdischen Krieg ausgewachsene Bar-Kochba-Aufstand von 132 – 136 n. Chr. zu einem Konflikt aus, den der Kaiser nur unter größten Mühen zu seinen Gunsten beenden konnte. Ihm vorausgegangen war die verhängnisvolle Entscheidung Hadrians, auf den Trümmern des jüdischen Tempels in Jerusalem ausgerechnet ein Zeus-Heiligtum zu errichten; für die glaubensstarken Juden ein Frevel ohnegleichen.

Hadrian zeichnete sich auch durch eine Vorliebe für griechische Kultur und Philosophie aus, die er nach außen hin durch seinen Philosophenbart verdeutlichte. Anderen Quellen zufolge sollte der Bart, den er als erster Kaiser überhaupt trug, seine Gesichtsnarben verdecken. Seine Vorliebe für gutaussehende, junge Knaben fügte sich ebenfalls gut in die hellenistischen Traditionen ein. Schwer traf ihn der Verlust seines Favoriten Antinoos, der 130 n. Chr. im Nil ertrank.

In der Abfolge der Adoptivkaiser stand er an dritter Stelle; eine Einrichtung, die weniger eine Abkehr vom dynastischen Prinzip war als dem Fehlen kaiserlichen Nachwuchses. Er stand damit zusammen mit Trajan am Beginn einer bis zum Tod des Marc Aurel 180 n. Chr. andauernden Phase des Römischen Reiches, die der britische Historiker Edward Gibbon „ein goldenes Zeitalter“ nannte. Golden insofern, weil der Weisheit und zur Mäßigung verpflichtete Herrscher nach dem Wohl des Staates trachteten und sich so von der Tyrannis von Scheusalen wie Caligula, Nero oder Commodus abhoben.

Das Reich bereiste er wie vor ihm kein anderer Kaiser. Trotz des Friedens legte Hadrian großen Wert auf Drill und Disziplin der römischen Truppen. Da er alle Strapazen mit ihnen teilte, war ihm die Sympathie der Legionäre sicher. Seine Inspektionsreisen führten ihn nach Nordafrika, Griechenland, Ägypten, Germanien bis hinauf nach Britannien.

Auch als Baumeister machte er sich einen Namen, dessen Erbe bis in unsere Zeit überdauert. Die Ruinen seiner Residenz in der Nähe von Rom zeugen noch heute von üppiger Prachtentfaltung. Sein Mausoleum ging als Engelsburg zur schützenden Fluchtburg der Päpste über. Doch sein bedeutendstes Bauwerk ist zweifellos der Hadrianswall.

Im Zuge seiner Inspektionsreise nach Britannien zur Grenze des Reiches nach Kaledonien, dem heutigen Schottland, gab der Kaiser eine mehrere Meter hohe steinerne Mauer- oder Wallanlage in Auftrag – „um die Barbaren von den Römern zu trennen“ -, deren Bau von den dort stationierten Legionären 122 n. Chr. begonnen – kostengünstig, da ohnehin vom Staat besoldet – und nach zehn Jahren beendet wurde. Der Wall umfasst von der Nordsee an der Mündung des Tyne bis zur Irischen See am Solway Firth eine Länge von 118 Kilometern und sollte dem Dauerproblem der Übergriffe durch die Pikten ein Ende bereiten, „ein beeindruckendes Hindernis für jede unerlaubte Bewegung“ (Adrian Goldsworthy).

Die Anlage schirmte die Nordgrenze in Britannien für die nächsten 300 Jahre effektiv ab, bis die Römer von der Insel abzogen. Seine Funktion erfuhr von 142 n. Chr. an für 20 Jahre eine Unterbrechung, als Hadrians Nachfolger Antonius Pius die Grenze um rund 160 Kilometer nach Norden an die engste Stelle der britischen Insel zum Antoniuswall verschob. Der Hadrianswall bildete das zentrale Element eines engmaschigen Netzwerkes aus Kastellen und Lagern, von denen Vindolanda in der Nähe von Hexham das heute am besten erhaltene ist. In deren Umfeld entstanden zivile Siedlungen zur Unterstützung der Versorgung. Gesicherte Übergänge gaben den Römern die Möglichkeit operativer Eingriffe im Feindesland, das sie weit überblicken konnten.

Für die Archäologie stellt der Wall einen Glücksfall ohnegleichen dar. Bis heute fördern die Grabungskampagnen neue Funde ans Tageslicht. Zu den bedeutendsten zählen die Vindolanda-Tafeln, Schriftstücke auf Wachstafeln, die einen einzigartigen Einblick in den Alltag an der Grenze liefern.

Doch auch für den Tourismus auf der britischen Insel ist der Hadrianswall, der seit 1987 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, von höchstem Wert, der jährlich Tausende von Besuchern anzieht. In diesem Jahr feiert der Wall den Jahrestag seines 1900jährigen Bestehens. Ein Anlaß, der von den zuständigen öffentlichen Institutionen mit einem umfangreichen Programm gewürdigt wird.

In den heutigen Zeiten unkontrollierter Massenmigration wird zuweilen die Behauptung erhoben, Grenzen wären ohne Bedeutung und könnten auch nicht geschützt werden. Gewiss sind Grenzen nicht unüberwindbar. Doch die Römer haben mit dem Hadrianswall unter Beweis gestellt, daß Grenzen durchaus erfolgreich gesichert werden können – vorausgesetzt dahinter steht eine Macht und ein Wille, dies überhaupt zu wollen.

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Adrian Goldsworthy
Hadrian’s Wall
192 Seiten, 2018, engl.