Stalins Weißwäscher in der HNA

Es vergeht keine Woche, in der die HNA nicht wenigstens an einem Tag die Gelegenheit ergreift, einem mit ihrer Machart und tendenziösen Schlagseite den morgendlichen Kaffee bei ihrer Lektüre wieder hochzutreiben. Gestern war es im Leserforum der Leserbrief eines gewissen Klaus Bremer aus Kassel, der einem auf den Magen schlagen konnte.

Herr Bremer ereiferte sich darin über die auf Putin gemünzte Formulierung vom „Wiedergänger Stalins“ eines anderen Lesers. Stalin, so Bremer, genoß „trotz verschiedener Fehler international hohes Ansehen“. Sogar das Time Magazin kürte ihn 1943 zum „Man of the Year“. Erst die „kalten Krieger“ hätten Stalin nach Ende des WK II „systematisch in den Dreck“ gezogen: „Ein Vergleich mit Putin, der das Recht der Völker mit Füßen tritt und von einem reaktionären, großrussischen Reich träumt, verbietet sich also von selbst.“

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HNA vom 11. März 2022

Nun, da muß ich Herrn Bremer recht geben. Putin kann man vieles vorwerfen, aber keinen millionenfachen Massenmord, etwa durch staatlichen Terror (u.a. an Tausenden polnischen Kriegsgefangenen im Massaker von Katyn), GULAGs oder auch gezielt herbeigeführten Hungerkatastrophen. Ansonsten hat auch Stalin das Völkerrecht getreten und Angriffskriege angezettelt. Die Erinnerung an den Winterkrieg 1939 ist den Finnen tief in ihrer Erinnerungskultur verankert und auch der Hitler-Stalin-Pakt sollte hier nicht vergessen werden, der das gesamte Baltikum Stalins „progressiven“ Sowjetimperium überschrieb.

Die kruden Ansichten des Geschichtsschwurblers Bremer werden verständlicher, wenn man folgendes über ihn erfährt: Er ist seit Jahrzehnten aktives Mitglied der MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands), einer vom Verfassungsschutz beobachteten, linksextremen Polit-Sekte, für die er sich schon mehrfach als Bundestagskandidat zur Verfügung stellte (zuletzt 2021). Ein herausragendes Merkmal der MLPD ist ihre ausgeprägte Sympathie für Massenmörder wie Mao Zedong oder eben Stalin. Stalins Nachfolger Chruschtschow, der den Prozeß der Entstalinisierung einleitete, gilt ihnen selbstverständlich als Verräter.

Aber wenn wir eine Verbindung zwischen Stalin und Putin suchen, so ist der Weg der beiden zueinander bemerkenswert kurz. In den vergangenen Jahren erlebte Russland eine unheimliche Renaissance des Stalin-Gedenkens, in dessen Tradition sich der gegenwärtige Kreml-Herrscher zumindest in der Geschichtsdarstellung und beim Militär offenbar implizit stellt.

Gar so weit geht die MLPD allerdings nicht. Aber immerhin stellte sie vor zwei Jahren eine Statue des Stalin-Vorgängers Lenin vor ihrer Zentrale in Gelsenkirchen aus, wo sie bis heute ungestört steht. Und für all diejenigen, die an dieser Stelle den „guten Lenin“ gegen den „bösen Despoten Stalin“ in Stellung bringen, möchte ich ein Zitat des russisch-sowjetischen Reformpolitikers Alexander Jakowlew (1923-2005) anführen:

„In der Geschichte hat es keinen Menschen gegeben, der Rußland mehr haßte, als Uljanow-Lenin. Was immer er anfaßte, verwandelte sich in einen Totenacker, in ein Riesenfeld mit menschlichen, sozialen und ökonomischen Gräben. Alle wurden ausgeraubt – die Lebenden wie die Toten.“

Es ist mühselig, darüber zu spekulieren, wie jemand wie der Stalin-Apologet Bremer allen Fakten zum Trotz an seinem Weltbild festhalten kann. Leute wie er leben in ihrer eigenen Realität, in der sie nur schwer zu erreichen sind, eher gar nicht. Diskussionswürdiger ist aber vielmehr die Frage, wie eine sich seriös gebende Zeitung wie die HNA dazu kommt, einem wie Bremer ein Forum für seine Geschichtsklitterungen zu eröffnen, während hingegen die Moderation auf HNA-Online schon einen Glückwunsch für den Freispruch von Prof. Kutschera in seinem Gerichtsverfahren wegen Volksverhetzung mit einem Bann unterlegt.

Dabei ist Bremer in der Redaktion kein Unbekannter. In der HNA-Ausgabe vom 25.11.2000 erhielt er als Mitbegründer der „AUF Kassel“, ein angeblich bürgernahes Wahlbündnis, das in Wahrheit eine Tarnorganisation der MLPD ist und inhaltlich auch ihre Handschrift trägt, eine ausführliche Möglichkeit der Selbstdarstellung. An Bremers dabei offen vorgetragenen MLPD-Hintergrund hatte sich schon damals niemand in der HNA-Redaktion gestört.

HNA vom 25.11.2021

Also: Wie kommt es, daß der HNA hier jegliches Problembewußtsein abgeht? Man sollte sich über das Bildungsniveau heutiger Mainstreamjournalisten nicht allzu viele Hoffnungen machen. Hauptsache man weiß, wie korrekt gegendert wird, auch wenn einem der „Holodomor“ ein Fremdwort ist. Gerade beim Nachwuchs läuft alles auf die 3G-Regel des Haltungsjournalismus hinaus: „Gender, Greenpeace und Gerechtigkeit“. So kann es kaum verwundern, wenn schließlich ein Leserbrief wie der von Bremer unkommentiert den Weg in die Zeitung findet.

Solche Entgleisungen sind aber nur ein Symptom, das ein bezeichnendes Licht auf die mentalen Verhältnisse in der HNA wirft, wo die Indifferenz nach Links Trumpf ist und selbst die mutmaßliche Anführerin eines Antifa-Rollkommandos zur „Antifaschistin der Herzen“ geadelt wird. Schärfer ist man hingegen zur anderen Seite, wo jeder Kritiker der Corona-Maßnahmen als „Querdenker“ diffamiert und jeder Impf-Skeptiker zum „Schwurbler“ degradiert wird.

Übrigens konnte sich die MLPD-Tarnliste „AUF Kassel“ immerhin fest im Kasseler Stadtteil Rothenditmold etablieren und stellt dort – auch dank der Unterstützung durch die Vertreter der Altparteien – mit dem MLPD-Mitglied Hans Roth sogar den Ortsvorsteher. Aber wäre an Roths Stelle jemand mit irgendwelchen rechten Verbindungen in dieses Amt gewählt worden, das mediale Trommelfeuer der HNA wäre nicht eher verstummt, als bis diese Wahl rückgängig gemacht worden wäre.

Stéphane Courtois (Autor), Nicolas Werth (Autor), Jean L. Panné (Autor), Andrzej Paczkowski (Autor), & 8 mehr
Das Schwarzbuch des Kommunismus: Unterdrückung, Verbrechen und Terror
987 Seiten; 1998

Das einzige Wild, das zu jagen sich lohnt

Der im vergangenen Jahr im Alter von 88 Jahren verstorbene, französische Schauspieler Jean-Paul Belmondo zählte bereits zu den Superstars der Filmindustrie seines Landes und auch darüber hinaus, als er sich in den 1970er Jahren zu einem harten Imagewechsel entschied. Stand er bislang als Charakterdarsteller anspruchsvoller Filme vor der Kamera, wie in Goddards Meisterwerk „Außer Atem“ (1960), orientierte er sich um zum kommerziell ausgerichteten Actionfilm. Den Kritikern mißfiel der Schwenk, was Belmondos Karriere jedoch keinen Abbruch tat. Einer seiner besten Filme aus dieser Zeit ist „Der Greifer“ von 1976.

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Belmondo spielt darin Roger Pilard, einen früheren Großwildjäger. Doch statt im Löwen und Tiger stellt er im verdeckten Auftrag der französischen Justiz dem Organisierten Verbrechen nach. Seine Dienste werden gut honoriert, doch ist Geld nicht seine eigentliche Motivation: „Das einzige interessante Raubtier, das zu jagen sich lohnt, ist der Mensch. Er ist bösartig, unberechenbar und feige.“

Ein besonderes Wild, auf das diese Beschreibung zutrifft, ist ein nur „die Bestie“ genannter Verbrecher, der junge Herumtreiber aufliest und für seine Raubüberfälle zu Komplizen macht. Zeugen, die ihn wiedererkennen könnten, räumt er erbarmungslos aus dem Weg, auch seine naiven Mittäter. Pilards einzige Verbindung zur „Bestie“ ist Costa Valdez, dem einzigen Komplizen, der der Bestie entkommen konnte. Schweigend gegenüber der Polizei sitzt er in einem Hochsicherheitsgefängnis. Pilard muß ihn zum Reden bringen…

Belmondo brilliert als „der Greifer“ in seiner populärsten Paraderolle als sportlicher, harter Knochen, immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen. „Unnötige Härten“ bescheinigte ihm das Lexikon des Internationalen Films, was in der Rückschau selbst für die damalige Zeit reichlich übertrieben erscheint. Heute jedoch ist die Gewaltdarstellung im Film zu einer eigenen Kunstform erhoben.

Mit der von Bruno Cremer verkörperten „Bestie“ steht ihm ein Gegner gegenüber, der keinerlei Skrupel kennt. In seiner Performance bleibt Cremer auf Augenhöhe mit Belmondo, ohne ihn in den Schatten zu stellen. Nur in den 1970er Jahren war es wohl noch möglich, dieser Figur, die zur Bedienung aller Klischees auch noch ein Flugzeug-Steward ist, einen schwulen Touch zu geben.
Das Frankreich, in dem „Der Greifer“ spielt, könnte kaum kaputter sein: Ein auf allen Ebenen korruptes Land in Trostlosigkeit, deren Ausdruck noch verstärkt wird durch das Setting in der Herbstzeit, der baumlosen Weiten und der kalten Beton-Architektur, die die letzten heruntergekommenen Relikte der glorreichen Vergangenheit einzwängt.

Fast 50 Jahre später ist Belmondos „Greifer“ wie eine cineastische Zeitreise, als Frankreichs Kino noch stilgebend und bedeutsam war. Aber auch in einem Jahrzehnt, das vor ästhetischen Geschmacklosigkeiten wie Schlaghosen und häßlichen Krawattenmustern nur so strotzte. Aber vor allem als ein Denkmal für einen begnadeten Schauspieler, der nicht nur zu den besten von Frankreich, sondern ganz Europas zählt.

Der Greifer
Mit Jean-Paul Belmondo, Bruno Cremer
1976, Laufzeit 1:36

Botschafter zu den Sternen

Das historische Porträt: Pioneer 10

Die Überwindung dessen, was an Unbekannten jenseits des Horizonts liegt, gehörte schon immer zu den größten Antrieben des Menschen. Sie ließ ihn die höchsten Berge überwinden und endlos erscheinenden Ozeane überqueren. Doch irgendwann im 20. Jahrhundert war auch der letzte unbekannte Winkel der Erde ausgeforscht. Mit der Entwicklung der Raumfahrt neigte sich das menschliche Interesse den schier unendlichen Weiten des Weltraums zu. 1957 startete die Sowjetunion mit Sputnik den ersten künstlichen Trabant. 12 Jahre später vollzogen die konkurrierenden USA ihrerseits mit dem ersten Menschen auf dem Mond „einen großen Schritt für die Menschheit“ nach.

Nur drei Jahre nach der Landung der Apollo-Mission auf den Mond gingen die USA einen weiteren Schritt in der Weltraumfahrt. Am 3. März 1972 – heute vor genau 50 Jahren – startete vom Weltraumbahnhof Cape Canaveral auf einer Atlas-Centaur-Trägerrakete die Raumsonde Pioneer 10. Mit ihr sollte erstmals eine Raumsonde in den interstellaren Raum vorstoßen.

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Quelle: Nasa.gov

Mit am Bord befinden sich elf wissenschaftliche Instrumente, unter anderem ein Meteoriten-Detektor, verschiedene Messgeräte zu unterschiedlichen Strahlungsarten und zur Analyse des Jupiter, zu dem die Sonde im November 1973 vorstieß, um in einem Swingby-Manöver den letzten nötigen Schwung zum Weiterflug aus dem Sonnensystem heraus zu holen.

Doch der interessanteste Teil der Sonde gehört nicht zum naturwissenschaftlichen Programm, sondern ist ein Produkt kultureller Überlegungen. Die Planer der Sonde wollten diese Gelegenheit nicht verstreichen lassen, ohne der Sonde eine Botschaft von ihren Erbauern mitzugeben, für den Fall, daß sie auf ihrer weiten Reise auf eine extraterrestrische Zivilisation stößt. Die Konzeption dieser „kosmischen Flaschenpost“ oblag den Astronomen Frank Drake (* 1930) und Carl Sagan (1934 – 1996). Aus der Überlegung, wie man einer von der Menschheit vollkommen verschiedenen außerirdischen Spezies unsere Natur und Herkunft vermittelt, entwickelten sie die Idee einer Plakette mit verschiedenen Zeichnungen.

Mit einer Fläche von 152 zu 229 Millimetern (kleiner als ein DIN A4-Blatt) und einer Dicke von 1,2 Millimetern ist die Größe der goldbeschichteten Aluminiumplatte, auf die die Zeichnungen eingeätzt wurden, recht bescheiden. An dem Antennenmast der Pioneer-Sonde wurde sie so angebracht, daß sie optimal gegen den Weltraumstaub geschützt ist.

Quelle: de.wikipedia.org

Auf der Plakette sieht der Betrachter in der linken Hälfte einen Punkt, von dem ein Strahlenbündel unterschiedlicher Länge ausgeht. Es symbolisiert die Position der Erde in Relation zu 14 sie umgebenden Pulsaren, also Radiostrahlen aussendende Neutronensterne. Ihre individuelle Radiofrequenz ist durch binäre Symbole neben dem jeweiligen Strahl wiedergegeben. Damit lassen sich sowohl der Ausgangspunkt der Sonde als auch ihr Startzeitpunkt genau ermitteln, denn die Radioimpulse eines Quasars nimmt gesetzmäßig ab.

Unterhalb der Plakette ist das Sonnensystem abgebildet, mit der Flugroute der Pioneer von der Erde zum Jupiter und darüber hinaus ins Weltall. Auch hier finden sich zu den Planeten (zu denen seinerzeit auch der Pluto gehörte, dem 2006 der Planetenstatus aberkannt wurde) Binärsymbole, die ihre relative Entfernung zur Sonne angeben.

Oben links finden sich zwei miteinander verbundene Kreise, das Symbol für ein strahlendes Wasserstoffatom. Wasserstoff ist das häufigste Element im Kosmos und seine Radiostrahlung und Schwingungsdauer sind überall gleich. Damit hat der Empfänger der „Flaschenpost“ ein universell verstehbares Maß zur Verfügung für die in der Botschaft verschlüsselten Längen- und Zeiteinheiten.

In der rechten Hälfte ist vor dem Hintergrund der schematischen Pioneer ein nacktes Menschenpaar in ihrem jeweiligen Größenverhältnis zueinander abgebildet, die rechte Hand des Mannes zum Gruß erhoben. Aber wird ein außerirdischer Betrachter die Bedeutung dieser zutiefst menschlichen Geste je verstehen und erfassen können? Es ist eine Sache, einer vernunftbegabten, technisierten Alien-Zivilisation mitzuteilen wo wir sind; eine andere ist es, ihr zu vermitteln, was wir sind.

Da wo sich die Botschaft der Plakette „menschlich“ zeigt, da offenbaren sich die Schwierigkeiten in der Kommunikation zwischen einander vollkommen unbekannten Absender und Adressaten. Wird der Empfänger die naturwissenschaftlichen Chiffren noch übersetzen können, wird ihm wohl jedes Verstehen des abgebildeten Menschenpaars abgehen. Doch auch auf der Erde fiel dieser Teil der Abbildung auf Unverständnis. Die Nacktheit und der Anthropozentrismus fanden nicht überall Gefallen. Bei den nachfolgenden Voyager-Sonden wurde dann auch auf jede Abbildung eines Menschen bewußt verzichtet.

Später erhob der britische Astrophysiker Stephen Hawking sogar grundsätzliche Kritik daran, daß Raumsonden Botschaften mitgegeben würde, die Außerirdischen unsere Existenz und Position im Weltall verraten würden. Denn vielleicht wären sie uns ähnlicher als uns lieb sein könnten, und nutzten die Informationen zur Invasion der Erde und zur Vernichtung der Menschheit.

Doch angesichts der gewaltigen Ausdehnung des Weltalls und der weiten Entfernung der darin befindlichen Objekte dürfte die Wahrscheinlichkeit, daß die Pioneer jemals auf intelligentes Leben treffen könnte, beliebig nahe gen Null tendieren. Die Erwägung dieser Möglichkeit eignet sich bestenfalls für Science-Fiction, so wie im Film „Star Trek V“, wo ein klingonischer Weltraumkrieger die Pioneer als Weltraumschrott für Schießübungen mit der Laserkanone mißbraucht.

Somit dürfte sich die Botschaft der Pioneer-Plakette eher in einem historischen Sinne an die nachfolgenden Generationen ihrer Erbauer richten, nicht allein als eines der bedeutendsten Dokumente in der Geschichte der Menschheit, sondern auch als Quellenmaterial darüber, welchen Blick wir zum Zeitpunkt ihrer Erstellung auf uns selbst hatten. Und dieser Blick dürfte sich in den vergangenen 50 Jahren erheblich geändert haben! Kann angesichts ausufernder „Identitätskrisen“ um LGBTQ und „postkolonialen Erwachens“ heute noch ein weißes, heteronormativ aussendendes, zweigeschlechtliches Menschenpaar noch die gesamte Menschheit repräsentieren? Niemals würde die woke Bewegung der Social Justice Warriors es noch einmal so weit kommen lassen, obwohl sich aus ihren Reihen nie ein Geist rekrutieren ließe, der es mit der Expertise und den Fähigkeiten jener heute von ihnen zutiefst verachteten „alten weißen Männer“ aufnehmen könnte, die die Pioneer damals entwickelten und ins All schickten.

Zum 50. Jahrestag ihres Flugs hat sich Pioneer 10 mehr als 19 Milliarden Kilometer von der Erde entfernt. Ihren Status als das am weitesten von der Erde entfernte vom Menschen geschaffene Objekt verlor sie 1998 an die 1977 gestartete Sonde Voyager 1, die sie bis dahin durch ihre höhere Geschwindigkeit überholte. Die letzte Kontaktaufnahme mit der Sonde erfolgte am 23. Januar 2003. Seitdem ist Pioneer 10 verstummt.

Helmut Höfling
Dem Kosmos auf der Spur

1976
Friedrich Heer
Die großen Dokumente der Weltgeschichte
Von den Zehn Geboten bis zur Atlantik-Charta
1978

Dänemarks Eiserne Lady

Es ist heute kaum vorstellbar, daß ausgerechnet das kleine Dänemark im Spätmittelalter das Kernland eines ganz Skandinavien umfassenden Reiches war, das zu den bedeutendsten europäischen Regionalmächten seiner Zeit gehörte. Zu verdanken ist diese Leistung einer wahrhaft außergewöhnlichen Herrschergestalt. Hinter der Schaffung dieser Kalmarer Union genannten Verbindung stand kein Kriegsherr, sondern eine der bemerkenswertesten Herrscherinnen des Mittelalters, die dänische Königin Margarete I. (1353 – 1412).

 

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Als jüngste Tochter des berüchtigten Dänenkönigs Waldemar IV. „Atterdag“ gelang es ihr nach dem Tod des Vaters 1375, ihren gerade mal sechs Jahre alten Sohn Olaf auf den Thron zu setzen, womit ihr die Rolle der Regentin zufiel. Nach dem Tod ihres Gemahls König Hakoon VI. vier Jahre später übernahm sie zusätzlich die Herrschaft über dessen Königreich Norwegen.

Nach langen Verhandlungen mit dem schwedischen Adel gelang es Margarete, auch Schweden auf ihre Seite zu ziehen. Nachdem ihr Sohn Olaf im Alter von 17 Jahren verstarb, übernahm die Rolle des Thronfolgers ihr an Sohnes statt adoptierter Großneffe Erik. Seine Krönung 1397 zum schwedischen König war der Beginn der Kalmarer Union, einem nordeuropäischen Imperium, das immerhin bis 1523 von Grönland über Island herunter bis kurz vor Hamburg und weiter bis zur Ostsee reichte.

Aus dänischer Produktion ist dieser Tage der Film „Die Königin des Nordens“ (2021) erschienen, der die Herrschaft Margaretes in den Mittelpunkt stellt. Er setzt an bei einem heiklen diplomatischen Unterfangen, einem Heiratsbündnis mit England, zu besiegeln mit der Ehe zwischen Erik und der kindlichen Prinzessin Philippa. Mitten in die Verhandlungen platzt ein Fremder in zerlumpter Gestalt. Seine kühne Behauptung: Er sei Olaf, der totgeglaubte Sohn Margaretes.

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf. Eine öffentliche Untersuchung versucht dem Anspruch des Fremden auf den Grund zu gehen. Von ihrem Ergebnis, wer „der einzig wahre König“ ist, hängt die Zukunft der Kalmarer Union und damit das Lebenswerk Margaretes ab.

Ein vielfaches Intrigenspiel beginnt. Hat der um die Herrschaft im Ostseeraum rivalisierende Deutsche Orden aus Preußen seine Finger mit im Spiel? Oder sind hier Adelige am Werk, die im Sinne ihrer selbstsüchtigen Interessen ihr eigenes Süppchen kochen? Das zersetzende Gift der Intrige beginnt zu wirken und droht, die fragile Union zu sprengen. Oder ist der Fremde tatsächlich Olaf? Margarete will nicht handeln wie eine Tyrannin: „Wir hängen niemanden, ohne zu wissen, wer er ist.“

Die preisgekrönte Schauspielerin Trine Dyrholm in der Hauptrolle der Margarete ist eine exzellente Besetzung, die perfekt eine Königin verkörpert, die hin- und hergerissen ist zwischen Staatsräson und Mutterliebe. Die Dramaturgie dieses düsteren Historiendramas um das zuweilen perfide Spiel der Macht wird verstärkt durch seine Einbettung in einer durchgehend im Low-Key aufgenommenen Atmosphäre, als ob im mittelalterlichen Nordreich Margaretes nie die Sonne scheint.

„Die Königin des Nordens“ ist einer der besten und sehenswertesten europäischen Produktionen der letzten Jahre, die sich kein Filmliebhaber entgehen lassen sollte. Das kleine Dänemark zeigt damit auf höchstem Niveau, wie Europa mit Hollywood mithalten kann.

Die Königin des Nordens
Mit Trine Dyrholm
2021; ca. 116 Minuten

Der Theranos-Skandal – oder wie man Schrott als den Heiligen Gral verkauft

„Wohin man bei dieser jungen Frau auch schaut, man sieht nichts als Reinheit. Ich glaube, sie versucht wirklich, die Welt besser zu machen, und das will sie damit erreichen.“
George Shultz (1920-2021), früherer US-Außenminister, über die Theranos-Gründerin Elisabeth Holmes

Es war einer der größten Betrugsskandale in der Startup-Szene des Sillicon Valley: Der spektakuläre Zusammenbruch des Biotech-Unternehmens Theranos, an dessen Spitze die zur Ikone aufgestiegene Elisabeth Holmes stand. Anfang dieses Jahres erfolgte in dem Verfahren vor einem kalifornischen Gericht der vorläufige Schlußpunkt in dem Prozeß gegen Holmes. Eine Jury sprach sie in vier der elf Anklagepunkte für schuldig. Die Verkündung des Strafmaßes wird für September erwartet. Ihr droht eine Gefängnisstrafe von mindestens 20 Jahren.

Wie konnte es soweit kommen? Das Verdienst um die Aufdeckung des gewaltigen Betrugs durch Theranos gebührt dem Wall-Street-Journalisten John Carreyrou, der mit seiner Aufdeckungsstory ein leuchtendes Beispiel dafür gab, was investigativer Journalismus zu leisten vermag. Sein Bericht „Bad Blood – Die wahre Geschichte des größten Betrugs im SILLICON VALLEY“ erzählt die ganze Historie von Theranos.

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Am Anfang steht eine junge Frau: Elisabeth Holmes, geboren 1984, entschließt sich mit gerade einmal 19 Jahren nach zwei Semestern ihr Chemieingenieur-Studium an der Stanford University abzubrechen, um mit der Gründung von Theranos eine Vision zu verwirklichen, die das Potential hat, die gesamte Analytik der medizinischen Labordiagnostik zu revolutionieren. Ihr Ziel ist die Entwicklung eines Gerätes, das mit wenigen Tropfen Blut aus einem Fingerstich in weniger als einer halben Stunde eine Vielzahl auch komplexer Parameter präzise und kostengünstig messen kann. Eine für viele Menschen unangenehme venöse Blutabnahme würde so überflüssig. Die Zielgröße dieses Analysators wurde so bemessen, daß ihn jeder zuhause hinstellen könnte. Die so ermittelten Werte könnten durch ein Netzwerk zum behandelnden Arzt weitergeleitet werden, der so beispielsweise die Dosierung von Medikamenten überwachen könnte. Grundlage dieser innovativen Idee war die Mikrofluidik, mit der sich bislang makroskopische Prozesse auf ein kleines Chip-Kartenformat reduzieren lassen. Was Holmes in Aussicht stellte, war nichts anderes als der Heilige Gral der medizinischen Analytik.

Das Problem jedoch bestand darin, daß die Technologie bei weitem nicht die Reife erreicht hat, eine derart anspruchsvolle Vision wie die von Holmes zu erfüllen. Dennoch setzte sie unbeirrt ihren Weg fort. Ihr großes Vorbild war die Hitech-Ikone Steve Jobs, der Apple zum Vorreiter der PC-Industrie machte. Deutlich dokumentierte sie dies durch optische Imitation, indem sie mit Vorliebe wie Jobs einen schwarzen Rollkragenpullover trug.

Carreyrous Recherchen ergaben bei Holmes das Profil einer Frau, die als smart beschrieben wurde, mit der Fähigkeit andere zu inspirieren und zu motivieren. Darüber hinaus ist sie eine brillante Verkäuferin. Doch auf der anderen Seite zeigten sich in ihrem Verhalten bedenkliche soziopathische Züge. Sie verlangte von ihren Mitarbeitern absolute Loyalität und zeigte einen Hang zu Paranoia innerhalb und außerhalb von Theranos. Als nicht weniger bedenklich erwies sich ihre Entscheidung, ihren wesentlich älteren und charakterlich problematischen Lebenspartner Sunny Balwani zum Geschäftsführer von Theranos zu machen. Entsprechend hoch war die personelle Fluktuation im Unternehmen. Abgänge wurden durch Schweigepflichtserklärungen geknebelt. Einem frustrierten Mitarbeiter kam es vor, „als würde Theranos seine Mitarbeiter allmählich ihrer Mitmenschlichkeit berauben“.

Obwohl Theranos weit davon entfernt war, einen arbeitsfähigen Prototyp vorzustellen, gelang es Holmes, in mehreren Runden Kapitalgeber zu finden, die bis zu dreistellige Millionenbeträge investierten, obgleich es auf deren Seite intern nicht an warnenden Stimmen mangelte, die aber fahrlässig beiseitegeschoben wurden. Holmes achtete darauf, nur solche Investoren heranzuziehen, die von der Materie keine Ahnung hatten. Zu ihnen zählten sogar namhafte Persönlichkeiten wie die früheren US-Außenminister Henry Kissinger und George Shultz. Gleichzeitig erweiterte sie ihr Netzwerk bis in die höchsten Stellen der Politik, was sie fast unantastbar machte. Holmes Träume schienen sich zumindest teilweise zu erfüllen: Sie erreichte nun eine Prominenz, die sie endlich auf eine Stufe mit ihrem Vorbild Jobs hob, während der Marktwert von Theranos auf sagenhafte neun Milliarden Dollar geschätzt wurde.

Gleichzeitig trat die technische Entwicklung jedoch auf der Stelle. Die Konstrukteure konnten die Erwartungen immer noch nicht erfüllen, so daß die bis dahin vorgenommenen Bestimmungen aus herkömmlichen Analysatoren ermittelt wurden. Kontrollbehörden führte man bei ihren Begehungen gezielt hinters Licht.

Die Stufe zum vorsätzlichen Betrug überschritt Theranos, als 2013 mangels eines funktionierenden Modells zur Erfüllung einer Partnerschaft mit der Supermarktkette Walgreen mit dem „Edison“ ein Gerät der älteren Generation in deren Filialen aufgestellt wurde. Der Edison arbeitete weder in der notwendigen Qualität noch verfügte er über eine behördliche Genehmigung. Die Werte, die er herausgab, waren schlicht wertlos und konnten im schlimmsten Fall die Gesundheit der Verbraucher gefährden, die sich auf ihn verließen.

Nur zwei Jahre später fiel das Kartenhaus, aus dem Theranos errichtet war, in sich zusammen. Durch Hinweise früherer Mitarbeiter aufmerksam gemacht, mündeten die langwierigen und aufwendigen Recherchen von Carreyrou in einen Artikel, der den Stein ins Rollen brachte, mit bekanntem Ende, das auch die renommiertesten und gewieftesten Anwälte, die Holmes ins Feld warf, nicht aufzuhalten vermochten.

Holmes bekannte einmal gegenüber ihren Mitarbeitern, sie wolle mit Theranos eine „neue Religion“ gründen. Wenn man als Beschäftigter mit einer solchen Firmenkultur konfrontiert wird, sollte man schnellstens die Flucht ergreifen. Eine weitere Lehre aus dem Betrugsskandal sollte die erhöhte Wachsamkeit von Risikokapitalgebern sein, vorsichtig zu sein, ob sie sich bei unbekanntem Terrain nicht auf zu dünnes Eis begeben. Holmes wird vermutlich nicht die letzte Blenderin sein, auf die auch die cleversten Manager hereinfallen werden.

Doch je näher man beim Lesen von Carreyrous Bericht dem Ende kommt, umso mehr wächst das Unbehagen über eine Wiederholung, bildet sich unwillkürlich vor dem geistigen Auge die Gestalt eines gewissen, in der Corona-Epidemie steil erfolgreichen Biotech-Unternehmers, nicht weniger viel versprechend wie es Holmes tat, nicht weniger gehypt durch die Medien und nicht weniger politisch gut vernetzt. Wir können nur hoffen, in solchen Analogien gänzlich falsch zu liegen.

John Carreyou
Bad Blood
Die wahre Geschichte des größten Betrugs im SILLICON VALLEY
400 Seiten; 24,- EURO

Der Stoff, mit dem Amerika talabwärts fährt

Für die bedeutendste Industrienation der Welt mit dem Anspruch auf globale Geltung ihrer Werte war die Nachricht ein beschämendes Debakel: Wie das Ärzteblatt in einer Meldung vom 30. Oktober 2019 berichtete, sank in den USA erstmals seit 1993 die Lebenserwartung. Ursache dieses Rückgangs ist die steigende Zahl von Opioid-Toten, Folge der seit rund 25 Jahren grassierenden Opioid-Krise, der allein 2018 rund 32.000 Menschen infolge von Überdosen, wie beispielsweise mit Fentanyl, zum Opfer fielen.

Der Medienkonzern Disney ist allgemein bekannt für sein seichtes Unterhaltungsprogramm. Doch zu den Perlen ernsthafterer Angebote zählt aktuell auf seinem Streaming-Kanal die Dramaserie „Dopesick“, die die Opioid-Krise einem breiten Publikum vermittelt. Hauptprotagonist ist der Hollywood-Schauspieler und Oscarpreisträger Michael Keaton („Batman“, „Birdman“) in der Rolle des Arztes Dr. Samuel Finnix, der seinen Patienten im Vertrauen auf die nicht süchtig machende Wirkung das Schmerzmittels OxyContin verschreibt. Doch „Oxy“ hält nicht das, was der Pharmakonzern Perdue verspricht; es macht hochgradig süchtig. Oxy wird der Auslöser für eine neue Drogenepidemie, der tragischerweise auch Dr. Finnix zum Opfer fällt.

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Grundlage der Serie ist das Buch „Dopesick – Wie Ärzte und die Pharmaindustrie uns süchtig machen“ der preisgekrönten Journalistin und Autorin Beth Macy. Darin geht sie der Historie der Opioid-Krise nach und interviewte dazu zahlreiche Betroffene wie Ärzte, Polizeiermittler, Juristen, Süchtige und ihre Familienangehörigen.

Ausgangspunkt war 1996 die Markteinführung von OxyContin durch den Pharmakonzern Perdue. Etwa zeitgleich zog eine neue Kultur der Schmerzbetrachtung ein, wonach Schmerz als „fünftes Vitalzeichen“ eine höhere medizinische Aufmerksamkeit erhielt. Genau hierauf zielte Perdues Marketingstrategie ab, das Medikament bereits bei Alltagsschmerzen anzuwenden. Das Suchtpotential wurde bewußt heruntergespielt mit der unbelegten Behauptung, durch seinen retardierenden – also verzögernden – Wirkungsmechanismus würden lediglich weniger als ein Prozent der Patienten süchtig werden!

Die Ärzte, Krankenschwestern und Apotheker wurden von Perdues Vertretern mit teuren Werbegeschenken korrumpiert, wozu sogar kostenlose Trips nach Florida gehörten. Die aufsichtführende Behörde FDA (Food and Drug Administration) erwies sich als Totalausfall. Perdue hat in einem Paradebeispiel für die von orthodoxen Ökonomen gerne negierte angebotsorientierte Marktwirtschaft einen eigenen Absatzmarkt für ein höchst bedenkliches Produkt geschaffen.

Der Ausgangspunkt der Krise waren sozial deprivierte Regionen wie die isolierten Appalachen, der Rust Belt im Mittleren Westen und das ländliche Maine, wo die ökonomische Hoffnungslosigkeit der beste Wachstumsboden für ein Suchtmittel wie Oxy bietet. Da ohnehin von der Politik abgeschrieben und die Vernetzungsmöglichkeiten des Internets noch in den Kinderschuhen steckten, dauerte es, bis das Ausmaß der Folgen des Oxy-Konsums sichtbar wurden. Die Beschaffungskriminalität grassierte, Oxy wurde zur Einstiegsdroge für Heroin und Fentanyl und die Zahl der Todesopfer von Überdosen schwoll bedenklich an. Die Verhinderung des „Turkeys“ oder „Dopesick“, also des schmerzhaften Entzugs der Droge, wurde zur obersten Priorität im Leben der Junkies. Oxy wurde so zu einer Seuche, die vor allem das weiße Amerika in seinen besten Jahren traf. Und der Weg dahin führte über ein verschreibungspflichtiges Medikament.

Geebnet wurde dieser Weg von Ärzten, die einerseits bestochen, andererseits vertrauend auf die von der FDA abgesicherten Versprechungen auf die scheinbaren Segnungen des Oxys zu Dealern wurden, während die Sacklers als Eigentümer von Perdue zu einer der reichsten Familien der USA aufstieg – ganz legale Drogenbarone, die sich nebenher als Kunstmäzene einen Namen machten.

Es hat lange gedauert, bis das Bewußtsein für die Krise einen Schwellenwert erreicht an, an dem endlich ihr Ausmaß begriffen wurde. Zu verdanken ist dies vor allem der unermüdlichen Arbeit von Basisgruppen, die direkt am Ort des Geschehens operierten. Ihre Bewältigung wird zu einer Daueraufgabe werden, denn Opioidabhängigkeit ist eine mit vielen Rückfällen behaftete lebenslange Erkrankung. Die ökonomischen und sozialen Folgen der Abwehrmaßnahmen gegen die Covid-Pandemie haben die Opioid-Krise sogar verstärkt. Erst langsam setzt sich in den USA die Erkenntnis durch, daß der beste Weg aus der Abhängigkeit durch die medikamentöse Substitutionstherapie erfolgt und nicht durch Askese, die das Problem eher verschlimmert. Dabei ist der Therapiebedarf größer als das Angebot. Erschwerend kommt hinzu, daß es in den USA kein wie in Deutschland verpflichtendes und vergleichbares Krankenversicherungssystem gibt.

Aktueller Stand der juristischen Aufarbeitung der Opioid-Krise ist ein im vorigen Jahr abgeschlossener Vergleich zwischen 15 Bundesstaaten und Perdue Pharma über eine Summe von 4,5 Milliarden Dollar. Mit einer Vergleichssumme von sogar 26 Milliarden Dollar wurden weitere Profiteure der Krise zur Kasse gebeten, drei Großhändler für Medikamente sowie der Pharma-Konzern Johnson & Johnson.

Noch in den 1980er Jahren konnte ein Mainstream-Magazin, wie „Der Spiegel“, Titel auf den Markt bringen, wonach die Pharmaindustrie weniger das Wohl der Patienten als vielmehr ihre eigenen Interessen der Gewinnmaximierung im Blick hat, und dabei zu verantwortungslosen Methoden greift. Heute, in den Hochzeiten von Corona und der Debatte über die Impfpflicht, wird dieselbe These in das Reich der Verschwörungsmythen verwiesen. OxyContin und Perdue sind aber der beste Beweis, daß darin mehr als ein Körnchen Wahrheit steckt. Ungeachtet der Frage, ob die Impfung das wirksamste Mittel gegen die Covid-Pandemie ist – aber wer will da noch Impfskeptikern und-verweigerern ihre kritische Haltung übelnehmen?

Beth Macy
Dopesick: Wie Ärzte und die Pharmaindustrie uns süchtig machen
464 Seiten; 22,- EU

Mystische Klangreise

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de

04/22 / 21. Januar 2022

CD-Kritik: Emily D’Angelo – Enargeia
Mystische Klangreise
Daniel Körtel

Trotz ihres recht jungen Alters von gerade einmal 27 Jahren hat es die in Toronto geborene Sängerin Emily D’Angelo bereits in die bedeutendsten Konzerthäuser der Welt geschafft, nach New York, Paris, London, Zürich, Berlin, zuletzt auch an die Bayerische Staatsoper in München. 2019 erhielt sie den renommierten Leonard Bernstein Award des Schleswig-Holstein Musik Festival. Nun hat die aufstrebende Mezzosopranistin bei der Deutschen Grammophon ihr Debütalbum „Enargeia“ veröffentlicht.

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Die darin enthaltene Titelliste von zwölf Gesangsstücken schlägt einen weiten Bogen von der Äbtissin, Dichterin und Mystikerin des Mittelalters, Hildegard von Bingen, hin zu den Komponisten der modernen Klassik des 21. Jahrhunderts, für die Repräsentanten wie die Isländerin Hildur Gudnadóttir sowie die beiden US-Amerikannerinnen Sarah Kirkland und Missy Mazzoli stehen. Sie alle bilden zusammen das titelgebende philosophische Konzept der enargeia.

„Enargeia“ beschreibt die Fähigkeit eines Vortragenden, seinen Gegenstand mit einer derartigen Präsenz und Intensität zu erfüllen, daß er ihn zum Leben zu erwecken scheint und so dem Zuhörer „den (unerträglichen) Glanz des Seins vor Augen führt“. D’Angelo ist eine Meisterin darin, mit ihrer Stimme dieses Konzept in einer geradezu sakralen Atmosphäre zu erfüllen, so als ob sie die Transzendenz auf die Erde holt. Der überzeugendste Anspieltip: das überaus kraftvolle Schlußstück „The Lotus Eater“.

Emily D’Angelo Enargeia Grammophon, 2021 www.emilydangelo.com www.deutschegrammophon.com

Wer hat diesen Bock zum Gärtner gemacht?

Gefühlt erscheint mindestens jeden zweiten Tag in der „Hessischen Allgemeinen“ ein Bashing gegen die Querdenker und die gegen die Corona-Maßnahmen protestierenden Spaziergänger. Am vergangenen Freitag durfte nun Jakob Alber von der Schulschwänzerbewegung „Fridays for Future“ im gefälligen Interview durch Matthias Lohr seine kritische Sicht auf die Corona-Kritiker darlegen. Die Hauptthesen daraus und ihre Gegenüberstellung mit einem geeigneten Kontext, der eine eindeutige Bewertung ihrer Qualität zuläßt:

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Matthias Lohr / HNA: Ob Kritiker, Verschwörungsideologen oder „Querdenker“ – wie schätzen Sie die Bewegung ein?
Jakob Alber: In letzter Zeit ist sie immer extremistischer geworden. Ich bekomme die Dynamiken in den Telegram-Gruppen mit. Dort gibt es mittlerweile auch Aufrufe zu konkreter Gewalt. Seitdem die Maßnahmen für Ungeimpfte anziehen und eine Impfpflicht diskutiert wird, werden die „Querdenker“ wütender.

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus234856610/Linksextremismus-bei-Fridays-For-Future-Die-unuebersehbare-Radikalisierung.html

(…) Die Auseinandersetzung ist symptomatisch für den Richtungsstreit in der noch jungen Bewegung, ein bürgerliches konkurriert mit einem antikapitalistischen Lager. Die einen wollen das Wirtschaftssystem umbauen, schneller heraus aus der fossilen Energie. Die anderen liebäugeln mit einem kompletten Umsturz, sie halten den Kapitalismus an sich für die Ursache von Klimawandel und sozialer Ungerechtigkeit. Seit der Gründung von FFF vor gut drei Jahren prägen zwar gemäßigte Stimmen das öffentliche Bild. Doch intern geben Personen wie Luisa Neubauer längst nicht mehr allein den Ton an. Teile der Bewegung kooperieren mit linksextremistischen Kräften. (…)


Bei der Demo der „Querdenker“ soll unter anderem Hermann Ploppa reden, der bei der Bundestagswahl für die Partei Die Basis im Schwalm-Eder-Kreis angetreten ist und dessen Bücher im rechtslastigen Kopp-Verlag erscheinen. Wie gefährlich ist so jemand?
Ich halte ihn für enorm gefährlich. Ploppa schreibt etwa, dass der Geschichtsrevisionist und Holocaust-Leugner Harry Elmer Barnes auf Wikipedia zu unrecht verunglimpft werde. Jemand wie Ploppa wird nicht nur akzeptiert, sondern mit ihm wird geworben, ohne dass es auf Widerstand stößt. Das sagt einiges über die Bewegung aus.

https://www.facebook.com/watch/?v=699076380611877

Greta ist sakrosankt, wie man früher sagte, ne. Darf man Witze über Greta machen? Ich meine, sie meint es gut. Sie ist ein Mädchen. (…) Man sollte sie nicht mit dem Messias verwechseln und das tun viele, nicht? (…) Sie sagt, es geht um Menschenleben. Da hat sie recht. Die Frage ist nämlich, wie viele Menschen kann man in regionaler Biowirtschaft ernähren? Eine Milliarde? Zwei, vielleicht drei, und die Frage ist, wo finden wir dann vier oder fünf Milliarden Freiwillige zum Ableben und wer sucht sie aus, macht Greta das selbst? Ich traue es ihr zu. Den Blick hat dafür hat sie. (…)

https://www.welt.de/politik/deutschland/article231248659/Fridays-for-Future-teilt-antisemitisches-Posting-Deutsche-Aktivisten-distanzieren-sich.html

Fridays for Future Deutschland hat sich von einem Posting distanziert, in dem sich der internationale Teil der Bewegung offenbar mit den Raketenangriffen auf Israel solidarisiert hatte. „Wir stellen uns klar und deutlich gegen jeden Antisemitismus, überall“, kommentierte die Klimaschutzaktivistin Luisa Neubauer die Distanzierung des deutschen Ablegers.

Zuvor war auf dem internationalen Kanal von Fridays for Future ein Beitrag erschienen, in dem es hieß: „Wir sind mit dem Herzen bei den Märtyrern und Verstorbenen. Die Gewalt und die verlorenen Leben sind eine Tragödie, und ihr Blut wird nicht vergessen werden. Möge die Erinnerung an sie ein Segen sein und eine Revolution.“


Wie groß ist die Gefahr, dass sich eine neue RAF aus den Reihen der „Querdenker“ bildet?
Eine terroristische Gruppe wie die RAF halte ich für unrealistisch. Aber es gibt definitiv einen Teil, der gewaltbereit ist. Ich halte es für möglich, dass aus der Bewegung heraus Morde initiiert werden.

https://www.welt.de/debatte/plus235214580/Szenario-einer-Gruenen-RAF-Die-Klima-Radikalisierung-war-zu-erwarten.html

Kommt bald ein grüner Terrorismus? Tadzio Müller, einer von Deutschlands prominentesten Klima-Aktivisten, ist davon überzeugt. In einem hochinteressanten Interview mit dem „Spiegel“ sagt der frühere Referent der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Mitbegründer der Aktionsgruppe „Ende Gelände“ eine schnelle Radikalisierung der Bewegung voraus.

Schon 2022 werde es massive Gewalt gegen Sachen geben, von Geländewagen über Autobahnbaustellen bis zu Gaskraftwerken. Doch selbst diese, so Müller, „Notwehr“ gegen die drohende Zerstörung unserer Zivilisation durch Treibhausgas werde erst der Anfang sein: „Wer Klimaschutz verhindert, schafft eine grüne RAF.“

Diese Argumentation aus dem Maschinenraum der Klimaschützer ist folgerichtig und war zu erwarten. Wer das politische Ziel, also die wie auch immer geartete „Rettung“ des Klimas, zum höchsten Gut erklärt, kann darüber nach den festgelegten Regeln des Rechtsstaates nicht mehr verhandeln. (…)


Wurden Sie selbst schon bedroht?
Konkret bedroht wurde ich nicht, aber ich fühle mich nicht ganz wohl damit, mich so öffentlich zu zeigen. Trotzdem will ich mich nicht einschüchtern lassen.

https://www.welt.de/vermischtes/article234013244/Fridays-for-Future-Taetlicher-Angriff-auf-Kernkraft-Aktivistin-bei-Klimademo.html

(…) Ein Video zeigt den Vorfall in Berlin. Dabei ist zu sehen, wie ein Mann sich von hinten nähert, Augustin an die Handgelenke greift, um ihr das Schild zu entreißen. Als die Aktivistin nicht loslässt, bringt er sie beinahe zu Boden. Die Umstehenden johlen und klatschen. Kurze Zeit später ist das Schild zerbrochen. (…)

https://www.welt.de/politik/deutschland/plus211427667/Fridays-for-Future-und-Ende-Gelaende-Klimaschutz-Systemwechsel.html

Am 23. Juni fliegen im Hambacher Forst wieder einmal Böller auf Polizisten. Eine Frau versucht, einen Beamten zu beißen, ein Mannschaftswagen wird mit Exkrementen beschmiert. So hält es die Polizei später fest. Seit Jahren gilt „Hambi“, der Wald, als Symbol für den Kampf zwischen Klimaschützern und der Kohlebranche. Zwischen den Bäumen mischen Anhänger der führenden Bewegungen um Fridays for Future und Ende Gelände mit. Längst steht ein Kompromiss: Hambi bleibt. Doch selbst ernannte Aktivisten führen den Protest weiter – und die amtliche Bilanz nach knapp zwei Jahren lautet: 2994 Straftaten, darunter 39 Brandstiftungen und 58 Körperverletzungen. Das teilt das Innenministerium in Nordrhein-Westfalen auf Anfrage mit. (…)


In den Telegram-Gruppen der „Freien Bürger“ werden zum Teil krude Verschwörungserzählungen verbreitet. Anders als in anderen Städten verliefen die Spaziergänge und Demos in Kassel jedoch bislang friedlich. Und Protest ist ja legitim. Müsste eine Demokratie eine Minderheit, die montagabends spazieren geht, nicht aushalten? Oder sind Sie für ein Verbot solcher Aufzüge?
Kritik am staatlichen Handeln ist selbstverständlich legitim. Dafür gibt es in einer Demokratie klare Spielregeln. Wer Veranstaltungen anmeldet, darf eine ganze Menge. Selbst ein Protest auf der Autobahn ist möglich. (…)

https://www.welt.de/debatte/kommentare/article218717380/Dannenroeder-Wald-Selbst-ernannte-Aktivisten-betreiben-Terrorismus.html

Die Wälder im deutschen Herbst strahlen gelb, orange und rot. Am Horizont geht die Sonne auf, die Wolken sind lila. Und dann bei Wiesbaden ist da auf einmal ein Stau. Ein Glück, dass nichts passiert, kein Lkw einen Kleinwagen in den nächsten Laster schiebt und die Insassen an diesem Montag sterben lässt und Menschen irgendwo anders zu Witwen oder Waisen macht.

Die Ursache des Staus an diesem Morgen sind Menschen, die sich an Seile gebunden von einer Autobahnbrücke baumeln lassen, um den demokratisch beschlossenen und legitimierten Bau der A49 durch den Dannenröder Forst zu verhindern. Und diese Menschen nennen sich Aktivisten.

Was die Jugendlichen von Fridays for Future geschafft haben, eine weltweite friedliche Bewegung für den Klimaschutz auf die Straße zu bringen, drohen diese Kriminellen zunichtezumachen. Sie instrumentalisieren das legitime Anliegen für mehr Klimaschutz und machen daraus: Terrorismus. (…)


Viele Kritiker der Corona-Maßnahmen sehen sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt und beteuern, sie seien ganz normale Bürger aus der Mitte der Gesellschaft. Sehen Sie die Gefahr, dass man diese Menschen durch Gegenkundgebungen in die Arme von Radikalen treibt?
Ja, diese Gefahr sehe ich. Natürlich sind nicht alle „Querdenker“ rechtsextrem. Aber sie haben kein Problem, mit Rechtsextremen auf die Straße zu gehen. Ich unterstelle jedem Einzelnen von ihnen, das nicht zu kritisieren. Das muss gesagt werden.

https://jungefreiheit.de/politik/deutschland/2022/corona-proteste-buergerliches/

Brandenburgs Innenstaatssekretär Uwe Schüler (CDU) hat der Ansicht widersprochen, bei den Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen handele es sich überwiegend um Extremisten. „Das bürgerliche Spektrum geht momentan auf die Straße“, sagte er laut Nachrichtenagentur dpa am Mittwoch im Innenausschuß des Landtages. (…)

https://www.welt.de/politik/deutschland/article236205086/Verfassungsschutz-Rechtsextreme-bei-Corona-Protesten-nicht-in-der-Mehrheit.html

An den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen beteiligen sich vor allem Bürger ohne Extremismus-Bezug. Das hat der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Thomas Haldenwang, am Mittwoch im Innenausschuss des Bundestages erklärt. Wie WELT aus Teilnehmerkreisen erfuhr, sagte Haldenwang, der „überwiegende Teil“ seien „normale“ Bürger.

Den Angaben zufolge erklärte der Verfassungsschutzpräsident, Rechtsextremisten würden sehr wohl weiterhin versuchen, einen prägenden Einfluss zu erhalten – ihr Erfolg sei bislang jedoch mäßig. Rechtsextremisten setzten auf „Visibilität“ und wollten ihre Bedeutung größer erscheinen lassen als sie tatsächlich sei. (…)


Wer mit „Querdenkern“ diskutiert, wird feststellen, dass das sehr schwierig ist. Ist ein Diskurs mit den Impfgegnern überhaupt möglich?
Bis zu einem gewissen Punkt schon. Aber das ist immer schwierig, weil die „Querdenker“ die Erkenntnisse der empirischen Wissenschaft nicht zur Kenntnis nehmen. Vorigen Samstag habe ich eineinhalb Stunden mit zwei Teilnehmern diskutiert. Das war ein spannendes Gespräch. Bis einer sagte, den Holocaust zu leugnen, sei Meinungsfreiheit. Da war ich raus. Grundsätzlich halte ich es aber für gut, respektvoll miteinander zu reden.

https://www.welt.de/vermischtes/plus216429948/Clemens-Traub-Ausgestiegen-bei-Fridays-for-Future.html

WELT: Sie sagen: Anfangs waren auch Sie bei Fridays for Future dabei. Dann haben Sie sich von der Bewegung abgekehrt. Wann kam es zur Entfremdung?

Traub: Ich habe gemerkt, dass viele meiner Mitstreiter überzeugt waren, die einzige Wahrheit gepachtet zu haben. Das Denken konzentrierte sich zunehmend auf ein Schwarz gegen Weiß, Gut gegen Böse. Irgendwann fühlte sich der Klimaprotest an wie ein totaler, autoritärer Kampf gegen den Rest der Menschheit. (…)

Fridays for Future tritt nur noch mit der absoluten Gewissheit auf, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Kompromisse, die so wichtig für unser Zusammenleben sind, werden da als verwerflich betrachtet. Viele Aktivisten sehen in demokratischen Prozessen mittlerweile einen Verrat an der Zukunft der Menschheit. (…)

Wir leben schon jetzt in einer Zeit der Polarisierung. Es wird eine noch größere Spaltung geben, wenn nicht auch die Klimaschützer rhetorisch herunterschrauben und den totalitären Wahrheitsanspruch ablegen. Sogar viele, die aus der ursprünglichen Klimaschutzbewegung stammen und den Grünen nahestehen, sagen mir mittlerweile: In der Sache richtet Fridays for Future Schaden an.


Jakob Alber beobachtet mit dem Schwurblerticker-Kanal auf Telegram die Szene um die Corona-Kritiker. Es stellt sich dabei die alte Frage: Wer kontrolliert den Beobachter?

Die HNA, Karl Lauterbach und der Flug des Ikarus

Ob dem Thüringer Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Die Linke) eine Träne der Rührung über die Wange lief, als er am vergangenen Samstag diesen Tweet absetzte: „Einfach mal Danke!“ Anlaß war die Titelseite der Thüringer Allgemeinen (TA), die mit einem großen Schaubild das Stärkeverhältnis der Impfkritiker sowie der die staatlichen Corona-Maßnahmen ablehnend gegenüberstehenden Minderheit, die mit „illegalen“ Spaziergängen ihrem Protest Ausdruck verschafft, gegenüber der überwältigenden Mehrheit, die durch die Impfung ihre angebliche Akzeptanz der Maßnahmen zeige.

Eine steile These, wo bekanntermaßen auch nicht wenige Geimpfte sich unter die Spaziergänger begeben haben. Aber in Corona-Zeiten ist das mit den Zahlen und Daten so eine Sache. Da wurde in einigen Bundesländern bislang bei der Intensivbelegung das beträchtliche Dunkelfeld derer, deren Impfstastus nicht bekannt war, einfach den Ungeimpften zugerechnet. Es dauerte jedenfalls nicht lange, und Ramelows Tweet geriet zum Rohrkrepierer, als nicht wenige geschichtsbewußte Follower Ramelow auf gewisse heikle historische Parallelen hinwiesen, die sie auch noch mit zeitgenössischen Dokumenten belegen konnten. So mit der Schlagzeile aus dem Neuen Deutschland vom März 1988: „Der neue ‚Glasklar‘-Kurs der SED erobert die Herzen der Massen“.

Dieser kuriose Vorgang beleuchtet eindrucksvoll die Wahrnehmung vieler Bürger, wonach es nach Eurorettung und Migrationskrise nun in der Corona-Pandemie zu einem erneuten Einvernehmen zwischen Medien und Regierung gekommen ist. Die „Vierte Gewalt“ hat ihre Kontrollfunktion endgültig aufgegeben und unterstützt unkritisch einen Regierungskurs, der in weiten Teilen der Bevölkerung keine Akzeptanz mehr findet.

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Auch in unmittelbar nächster Nachbarschaft zu Erfurt, in Nordhessen, spielte sich dieser Tage das Drama des unbegabten Journalisten als regierungsamtliches Sprachrohr in ähnlicher Weise ab. Zwei Tage nach besagter Ausgabe der TA demonstriert die Hessische Allgemeine (HNA) auf ihrer Titelseite in der Rubrik „Standpunkt“ den engen Schulterschluß zwischen Regierung und Mainstreammedien-„Intelligenzija“: „Lauterbach im Umfragehoch / King Karl – die neue Art, Politik zu machen“. Florian Hagemann, Leiter der Lokalredaktion Kassel, ergießt sich darin zu einer regelrechten Lobhudelei:

Lauterbach hat es in den ersten Wochen im neuen Amt längst zu King Karl geschafft: Er twittert fleißig, wird mal in die Tagesthemen geschaltet, mal ins Heute-Journal, er schaut mal bei Anne Will vorbei, mal bei Maybrit Illner, heute Abend ist er bei Frank Plasbergs „Hart aber fair“ zu Gast. Lauterbach ist omnipräsent, er ist Karl Überall. (…)

Das ist insofern erstaunlich, als dass es diese Art von Politiker bisher eigentlich gar nicht gab. Lauterbach ist nämlich immer noch in erster Linie Professor, der die Dinge versucht, mit seinem Hintergrund als Wissenschaftler zu erklären – untermauert mit dem Hinweis auf diese und jene Studie. Seine Vergangenheit verleiht dem Mediziner dabei die nötige Glaubwürdigkeit.

Und zum krönenden Abschluß, warum die Beliebtheitswerte der Minister Habeck und Lindner nicht an die von „King Karl“ reichen:

Womöglich aus einem einfachen Grund: Weil Karl Lauterbach sich nicht verstellen muss, um einfach Karl Lauterbach zu sein.

An dieser Stelle hätte ich noch erwartet: „Majestät, Ihr seid die Sonne…“

HNA-Standpunkt vom 10.01.2022

Als erstes kommt beim Lesen der Verdacht auf, mit diesem schleimigen Text will Hagemann sich für den Posten des Bundestagspoeten vulgo „Hofschranze“ (Don Alphonso) bewerben, den die Bundestagsvizepräsidentin Göring-Eckhardt so gerne ausschreiben will.

Aufhänger der Thesen Hagemanns sind die Umfragen zu Lauterbachs Beliebtheit (66 Prozent bei Dimap). Doch mit demoskopischen Beliebtheitswerten ist das so eine Sache. Eine ungeschriebene Grundregel dabei lautet, daß die Beliebtheit eines Politikers mit seiner Medienpräsenz korreliert, egal, was er dabei zu sagen hat. Und wie diese Präsenz nun zustande kommt, wäre eine eigenständige Untersuchung wert, nach welchen Kriterien jemand wie Lauterbach die Dauereinladungen in die Talkshows des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks erhält und welche Fäden im politisch-medialen Komplex hier gezogen werden. Transparent sind diese jedenfalls nicht, allenfalls zu erahnen.

Was Lauterbach für diese Rolle sicherlich prädestiniert, ist sein professoraler Auftritt, in dem er mit sorgenvoller Miene Endzeitstimmung verbreitet. In seinem Buch „Das Ende der Welt. Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten“ (2012) ist der Buchautor Christian Schüle auch auf „das Ende der Welt als deutsches Geschäft“ eingegangen. Neben den US-Amerikanern gäbe es kein zweites Volk, das bedingt durch seine wechselvolle Geschichte den Hang zur Apokalypse derart zur Lust verinnerlicht hätte wie das der Deutschen. Deutschland als „das Land der Apokalypse“ – und kein Gesicht passt besser dazu als das von „King Karl“ Lauterbach.

Wenn sich Lauterbachs düstere Voraussagen nicht erfüllen – geschenkt. Daß er den größten Stuß als wichtige Erkenntnis herausposaunt, von der am Folgetag nichts mehr übrig bleibt – vergessen. Die Frage nach seiner tatsächlichen ärztlichen Qualifikation, die angeblich nur im Gesundheitsmanagement liegt – irrelevant. Frei von jedem Selbstzweifel vollzieht er seine Auftritte. Und die Mainstreammedien folgen brav, solange Lauterbach seiner Rolle als zivilreligiöser Prophet, der Apokalypse und Erlösung anbietet, zur Zufriedenheit derer ausfüllt, die ihn nach vorne stellen.

Doch das muß so nicht auf Dauer bleiben. Die Liste der Senkrechtstarter, die gescheitert an sich selbst aus großer Höhe gefallen sind, ist lang. Denkt da noch wer an Matthias Platzeck, der 2005 vom glücklosen Franz Müntefering den Vorsitz der SPD übernahm? Bedacht mit Vorschußlorbeeren von den Medien und ausgestattet mit einem Rekordvotum vom Parteitag warf er ein halbes Jahr später das Handtuch, eine vergessene Fußnote der deutschen Parteiengeschichte als der SPD-Vorsitzende mit der kürzesten Amtszeit in der Bundesrepublik.

Spektakulärer ist da der Fall Karl-Theodor zu Guttenberg, der es schaffte, selbst so skeptische Geister wie den konservativen Publizisten Karlheinz Weissmann zu blenden. Als Verteidigungsminister aus altem Adel schien ihm alles zu gelingen, und selbst in der „heute show“ wurde er vollkommen unironisch „der Mann, der alles kann“ genannt. Bis im Februar 2011 mit der Aufdeckung seiner Dissertation als billiges Plagiat innerhalb von zwei Wochen sein tragikomischer Absturz zum Lügenbaron erfolgte.

Wer hoch steigt, kann tief fallen, sagt der Volksmund. Die griechische Mythologie kennt hierfür die Figur des Ikarus, der mit selbstgemachten Flügeln der Sonne unvorsichtig zu nahe kommt, so daß das zusammenhaltende Wachs zerfloß und Ikarus zu Tode stürzte.

Sieg und Niederlage, Schmerz und Vergnügen, sie liegen nahe beieinander. Und Politik ist umso mehr ein Drahtseilakt, je höher man steigt. Das gilt auch für jemanden wie Karl Lauterbach, bei dem schon erste Anzeichen erkennbar sind, nicht begriffen zu haben, daß ein Ministeramt andere Anforderungen stellt als ein Abgeordnetenmandat. Schneller als gedacht könnte es sich erweisen, daß hinter der Warnung seiner Ex-Frau Angela Spelsberg, bekannt als ausgezeichnete Epidemiologin und Wissenschaftlerin, Lauterbach werde einem Ministeramt nicht gerecht, mehr steckt als nur ein Rosenkrieg.

Der tiefe Sturz eines Politikers ist nicht nur eine Blamage für den Betreffenden; sie ist es ebenso für die Medien, die sich devot anbiederten und ihn in unkritischer Weise nach oben schrieben. Journalisten sind daher auch in diesem Fall gut beraten, dem Grundsatz zu folgen, nahe bei der Sache zu sein, und dabei doch eine innerliche, kritische Distanz zu den Akteuren zu bewahren. Wenn „King Karl“, warum auch immer, sich als Luftikus entpuppt und von seinem Thron stürzt, was wird Hagemann dann im Rückblick zu seinem bereits aus heutiger Sicht Fremdscham erzeugendes Elaborat sagen…?

 

Der Klassiker zum Thema:

Udo Ulfkotte
So lügen Journalisten
Der Kampf um Quoten und Auflagen (2001)
Nur noch antiquarisch erhältlich

Der Kuss des Spinnengottes

Wenn soziale Deprivation den gesellschaftlichen Nährboden für massenhaften Drogenmißbrauch bildet, dann ist eine Stadt wie Detroit der perfekte Acker für Rekordernten. Einst die Hauptstadt der amerikanischen Automobilindustrie ist sie seit deren Niedergang nur noch ein urbaner Kadaver. Soweit zur Hintergrundkulisse der aktuellen, zweiteiligen Comic-Reihe „Spider“ aus dem Splitter Verlag, deren finaler Band im vergangenen Monat auf den Markt kam.

Rasend verbreitet sich in der Stadt eine geheimnisvolle neue Droge, genannt „Spider“. Aufgenommen wird sie über den Verzehr lebender Spinnen. Wie in einer grotesken Nachahmung der achtbeinigen Spinne huldigen die „Spider“-Junkies durch das Abschneiden der beiden Ringfinger ihrem neuen Gott Anansi. Doch im weiteren Fortgang ihrer Sucht machen ihre Körper eine grauenvolle Transformation durch zu abnormalen Wesen, denen nichts Menschliches mehr anhaftet.

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Detective John Brandt ermittelt gegen die das „Spider“ vertreibende Organisation „das Netz“. Gegen seinen ausdrücklichen Willen stellt ihm sein Vorgesetzter Captain Wood einen jungen Frischling an die Seite, Charlene Wood. Sehr rasch werden sie mit den entsetzlichen Auswüchsen der neuen Drogen-Epidemie konfrontiert. Und während Brandt die schweren Verletzungen auskuriert, die ihm ein Spider-Junkie mit seinen schier übermenschlichen Kräften zugefügt hat, kommt Wood dem „Netz“ auf selbstmörderische Weise immer näher.

Der Szenarist Christophe Bec dürfte in der Comic-Szene der bekannteste Kopf in dem Team sein, das die „Spider“-Serie kreiert hat und dem weiter Giles Daoust und der Zeichner Stefano Raffaele angehören. Unverkennbar findet sich in der Story die unverwechselbare Handschrift Becs, dem bereits mit „Heiligtum“ ein Meisterwerk mit dem Potential zum Kult-Klassiker gelungen ist.

Zwar bewegen sich die Charaktere in nur allzu klischeehaften Bahnen, wie sie einem aus vielen gängigen Polizeiserien vor allem us-amerikanischer Provenienz bekannt sind: Die Hauptfigur besetzt mit einem sozial inkompatiblen, abgehärteten Polizisten mittleren Alters, sein Sidekick eine junge Frau, der ihnen vorgesetzte Chief ein Quoten-Schwarzer mit ausgeprägtem Hang zum Zynismus und effizierter Zielorientierung. Und als Antagonistin eine geheimnisvolle, bizarre Schönheit mit dem treffenden Namen Arachne.

Den Reiz von „Spider“ macht aber vor allem zum einen die düstere Atmosphäre der Zeichnungen aus, die von dem Koloristen Marcelo Maiolo den perfekten Feinschliff erhielten. Dies fällt besonders im Lokalkolorit der Ruinen und Elendsbehausungen Detroits ins Auge. Zum anderen ist es die amorphe Gestalt des Bösen, die hinter dem alle bisherigen Vorstellungen von Drogen sprengenden „Spider“ steht und für die das Symbol der Spinne steht, eine kaum ansehnliche Arten enthaltende Gattung, vor die die Menschheit im Laufe ihrer Evolution aufgrund der potentiellen Letalität mancher giftiger Exemplare einen ausgeprägten Abwehrinstinkt entwickelt hat.

Ein erstaunliches Wagnis ging das Team mit einer bestimmten Facette der Protagonistin Dubowski ein: Die junge Polizistin ist getrieben von einem Kindheitstrauma, das ihr durch den Mißbrauch durch die mehr als burschikosen Lebenspartnerin ihrer lesbischen Mutter zugefügt wurde. Ein derartiger Verstoß gegen die Sitten der „political correctness“ im Zeitalter der „Woke“-Bewegung, die vor allem bislang sexuelle Minderheiten gegenüber den Heteros positiv hervorzuheben versucht, birgt auch dann das Risiko zum Shitstorm, wenn die übliche Klientel, die Comics kauft, hierin kein Problem zu sehen scheint.

Arachnophobie, die krankhafte Angst vor Spinnen, ist begründet in den tiefen Urängsten der menschlichen Seele. Darauf aufbauend ist „Spider“ eine außergewöhnliche Horrorstory, die geschickt mit diesen Ängsten spielt, Ekelgarantie inklusive.

SPIDER #1 – Rabbit Hole

Bec, Daoust & Raffaele

Splitter Verlag

56 Seiten; 16,- EURO

SPIDER #2 – Wonderland

Bec, Daoust & Raffaele

Splitter Verlag

56 Seiten; 16,- EURO