Der amerikanische Traum ist (noch) nicht tot

Ich war eines dieser Kinder mit einer trostlosen Zukunft. Ich hatte die High School fast nicht geschafft. Ich hätte mich fast der tiefsitzenden Wut und Verbitterung ergeben, die alle in meinem Umfeld erfasst hatte. Heute sehen mich die Leute an, sie sehen meine Arbeit und das Diplom einer Eliteuniversität, und sie gehen davon aus, dass ich eine Art Genie bin. Ich halte diese Theorie – bei allem Respekt für diese Leute – für ganz großen Blödsinn. Welche Talente ich auch haben mag, ich hätte sie beinahe verschwendet, wenn mich nicht einige liebevolle Menschen gerettet hätten.“ (J.D. Vance, „Hillbilly-Elegie. Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise“)

Mir fällt auf Anhieb kein anderes Buch aus den USA ein, das in den vergangenen Jahren auch auf unserer Seites des Atlantiks so erfolgreich war, für so viel Aufsehen sorgte, wie „Hillbilly-Elegie“ von J.D. Vance. In seiner 2016 erschienenen Autobiographie schildert der heutige amerikanische Vizepräsident seinen kaum fassbaren Aufstieg aus der Armut im mittleren Westen der USA zu einem erfolgreichen Anwalt mit Abschluß der Elite-Universität Yale.

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Auch Noch-Kanzler Scholz lobte das Buch als eine „berührende persönliche Geschichte“. Sein Lob dürfte er spätestens zu Vance spektakulärem Auftritt auf der Münchener Sicherheitskonferenz zutiefst bereut haben, nicht allein, weil Vance den Europäern die Abkehr von demokratischen Werten vorhielt, sondern ausgerechnet lieber der Oppositionspolitikerin Alice Weidel den Vorzug für ein Gespräch gab, als ihm, dem absehbaren Kanzler auf Abruf.

Gerade deswegen, weil gerade so viele Dinge in Washington – und davon beeinflußt – auch hier in Bewegung geraten, war es für mich endlich an der Zeit, Vances Biographie, die schon einige Monate im Stapel der ungelesenen Bücher verschwunden war, endlich zur Lektüre hervorzuholen. Es war schon längst überfällig.

Für Vance konnte es kaum einen schlechteren Ort geben, um geboren zu werden, als Middletown im US-Bundesstaat Ohio, kein ungeeigneteres Milieu, um aufzuwachsen, als das der Hillbillys. Die Hillbillys sind die Abkömmlinge ulster-schottischer Emigranten, die sich vor allem im Bereich der Appalachen angesiedelt haben. Sie zeichnen sich nicht nur durch ihre eng verzahnten Großfamilienverbände aus. Sie sind ebenso bekannt für die Kultivierung von gewissen problematischen Verhaltensweisen, die ihnen vor allem in den heutigen Zeiten das Fortkommen sehr schwer machen.

In diese Verhältnisse wurde J.D. Vance 1984 hineingeboren. Geordnete Familienverhältnisse konnte er unter seiner Mutter nie erfahren, bei der die Lebenspartner in einer „Drehtür der Vaterfiguren“ ein und aus gingen. Sein leiblicher Vater gab ihn zur Adoption frei. Der familiäre Alltag war geprägt von Gewalt und Aggression. Seine Mutter kam kaum mit ihrem Leben klar und am wenigsten mit der Verantwortung für ihre zwei Kinder – ein Leben zwischen Landminen: „ein falscher Schritt und Rumms“. Zwar schaffte sie immerhin die Ausbildung zur Krankenschwester, jedoch hielt sie es kaum bei einer Stelle aus. Später verschärfte Heroin ihr alkoholbedingtes Suchtproblem.

Zum rettenden Anker für den jungen Vance wurden die im üblichen Slang Mamaw und Papaw genannten Großeltern mütterlicherseits, die ihm Halt und Geborgenheit gaben, vor allem die Großmutter, eine verrückte Waffennärrin, die sehr schnell ungemütlich werden konnte. Sie waren Menschen ohne Schulabschluß, die in ihrem Leben hart kämpfen mußten. Vor allem die Großmutter motivierte den Jungen, trotz seiner Lernschwierigkeiten in der Schule am Ball zu bleiben. Wenn J.D. jemanden zu Dank verpflichtet ist, dann diesen Menschen:

Meine Großeltern – Mamaw und Papaw – waren fraglos und uneingeschränkt das Beste, was mir hätte passieren können. Sie verbrachten die letzten beiden Jahrzehnte ihres Lebens damit, mir den Wert von Liebe und Verlässlichkeit zu zeigen und die Lehren fürs Leben mit auf den Weg zu geben, die die meisten Kinder von ihren Eltern bekommen. Beide haben dazu beigetragen, dass ich das Selbstvertrauen und die Möglichkeiten bekam, um eine reelle Chance auf den amerikanischen Traum zu haben.

Nach der High-School kam die ebenso prägende Dienstzeit bei den Marines, die Vance Disziplin vermittelten. Zwar war er nicht in direkte Kampfeinsätze eingebunden, aber er lernte im Irak die Schlachtfelder der Moderne aus nächster Nähe kennen. Und nicht zu vergessen: Seine Funktion als Presseoffizier dürfte ihm eine wertvolle Lehrzeit für seine spätere politische Karriere gewesen sein.

Unerwartet erhielt er nach seiner Armeezeit durch ein Stipendium für ärmere Studenten die Möglichkeit zum Jura-Studium an der Elite-Universität Yale. Es sollte sich als ein weiterer glücklicher Eckstein seiner Biographie erweisen. Hierüber erhielt er Zugang in die ihm bis dahin vollkommen ferne Welt der Oberschicht. Geradezu humorvoll lesen sich jene Passagen, in denen er beschreibt, wie er vollkommen hilflos ohne Kenntnis der Etikette die Sphären dieser ihm so fremden Welt betritt. Es muß vor allem wie ein Kulturschock für ihn gewesen sein, über seine Frau ein Familienleben kennenzulernen, das so viel anders – stabiler, ruhiger und freundlicher – als das war, was er erlebt hatte.

Was sich für Vance erfüllt hat, ist nicht mehr und weniger als der amerikanische Traum: Der Aufstieg aus den ärmsten Verhältnissen aus eigener Kraft. Ohne jede Scheuklappe benennt Vance die Ursachen der Krise der weißen Arbeiterschicht, die vielen anderen gleicher Herkunft diesen Aufstieg verwehrt. Es ist nicht allein die Deindustrialisierung; es sind vor allem die extrem prekären Familienverhältnisse, unter denen die Kinder nicht jenes soziale Kapital erwerben können, das allein für ein normal erfolgreiches Leben notwendig ist. Stattdessen schiebt man die Schuld lieber auf andere, rutscht in die Kriminalität ab und versucht seine Not mit Drogen zu dämpfen.

Der Staat erweist sich kaum als Hilfe und bewirkt oft das Gegenteil, indem er die Möglichkeit zum Sozialbetrug eröffnet. Der Glaube an den Wert harter Arbeit ist weitgehend verloren gegangen. Oder die Bürokratie erweist sich als Hürde dort, wo naheliegende Lösungen möglich wären. Für Vance muß die Rettung aus dieser Misere in erster Linie aus einer Verhaltensänderung der Gruppe selbst kommen:

Wenn ich gefragt werde, was ich an der weißen Arbeiterschicht am liebsten ändern würde, sage ich: „Das Gefühl, daß unsere Entscheidungen keine Folgen haben.“

Vance Autobiographie ist vor allem jungen Menschen zu empfehlen, die oftmals in Selbstzweifeln vor ihrem weiteren Lebensweg stehen, vor allem wenn sie mit Problemen zu kämpfen haben, die ihnen kaum Platz für Zukunftsoptimismus lassen. Sicherlich wird es nicht jedem den Weg an die Spitze weisen. Aber vielleicht eine Vorstellung davon geben, was möglich ist, wenn man sich nicht von widrigen Verhältnissen niederdrücken läßt.

Doch auch auf aktueller politischer Ebene trägt dieses Buch einiges bei zum Verständnis des Politikers Vance, der sich einen „modernen Konservativen“ nennt: Sein Herz hängt zuerst an seinem eigenen Land, seinen eigenen Landsleuten, deren Wohlergeben er als erstes im Fokus hat. Seine Wurzeln, seine Verbundenheit zu den Menschen seiner Herkunft hat er nie abgelegt, hat er nie verleugnet. Und genau das dürfte einer der wichtigsten Gründe dafür sein, warum „der Mann aus den Bergen“ in der Trump-Administration zu den treibenden Kräfte gehört, die den Ukraine-Krieg endlich hinter sich lassen wollen, so wie er es vergangene Woche in der denkwürdigen Presserunde im Oval Office gegenüber dem ukrainischen Präsidenten Selensky der ganzen Welt drastisch vorgeführt hat. Seine Landkarte der Welt dürfte in erster Linie die USA umfassen, nicht aus einem kleingeistigen Provinzialismus heraus, sondern weil er die Ängste, Sorgen und Nöte der Menschen, denen er als zweithöchster Repräsentant seines Staates zuerst verpflichtet ist, aus erster Hand kennt.

Genau das ist es, was jeder Politiker der kommenden Bundesregierung vor Augen haben sollte, wenn er mit den Vertretern des „neuen Sheriffs“ in Washington zusammentrifft. Es wäre dem voraussichtlichen Bundeskanzler Merz dringend angeraten, die Lektüre der „Hillbilly-Elegie“ nachzuholen, falls er es noch nicht getan hat, um ein besseres Verständnis seiner neuen Partner in Washington zu erhalten. Besser wäre es.

J.D. Vance
Hillbilly-Elegie
Die Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise
304 Seiten
Yes Publishing, 2024
24,- EUR

Die vergessene Pandemie

Auf dem ersten Blick erscheint es wie ein Idyll, das der amerikanische Schriftsteller Thomas Mullen in seinem Debütroman „Die Stadt am Ende der Welt“ entwirft. Angesiedelt im US-Bundesstaat Washington, der nordwestlichsten Ecke der USA mit ihren schier endlos weiten Wäldern, hat der Holzunternehmer Charles Worthy sich einen idealistischen Traum verwirklicht. In einer abgeschiedenen Ecke des Bundesstaats gründete er um sein Holzfäller- und Sägerei-Unternehmen die Stadt Commonwealth. Die Stadt soll das Gegenmodell zu den ausbeuterischen Praktiken seiner Branche sein, die wenig auf faire Behandlung und gute Entlohnung ihrer Arbeiter gibt. Und der Erfolg scheint ihm recht zu geben, denn Stadt und Unternehmen wachsen.

Denn es ist alles andere als eine gewöhnliche und gute Zeit. Es ist 1918 und die USA befinden sich seit mehr als einem Jahr an der Seite der Entente im Krieg gegen Deutschland. Immerhin, der Krieg tobt in Europa auf der anderen Seite des Atlantiks. Doch hier, in ihrem Zuhause, kündigt sich eine andere tödliche Bedrohung an, die gerade weltweit zuschlägt. Ausgehend von den frisch errichteten Militärlagern verbreitet sich die Spanische Grippe über das ganze Land. Die Opferzahlen steigen rasant, die Mediziner sind machtlos. Am Ende wird sie 20 bis 50 Millionen Menschen weltweit das Leben gekostet haben.

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Bislang blieb Commonwealth verschont. Und damit das so bleibt, verfällt Worthy auf die Idee einer Quarantäne über die Stadt, bis die Epidemie abgeklungen ist. Die Bürgerversammlung stimmt zu. Straßensperren werden errichtet, bewaffnete Wachposten aufgestellt. Doch Worthys freigeistige Ehefrau Rebecca überkommt eine düstere Ahnung:

„In Rebeccas Augen war es eine eitle Freude, denn der Mut, den sie mit dieser Abstimmung bewiesen hatten, war von zweifelhafter Natur, ein Kompromiss auf Kosten ihrer moralischen Prinzipien, der ihnen vielleicht schon bald eine schwere Bürde werden würde.“

Bis zum Ernstfall dauert es nicht lange. Ein unbekannter Soldat will des Nachts den Zugang zur Stadt erzwingen und bezahlt den Versuch mit seinem Leben. Der Sägewerksarbeiter Graham zögert nicht, den Soldaten zu erschießen. Es ist nicht nur der Beginn der nachhaltigen Verstörung seines 16jährigen Wachkameraden und Freundes Philip, Worthys Sohn. Die Quarantäne setzt eine Ereigniskette in Bewegung, an deren Ende die Stadt wie in einer Tragödie zu zerbrechen droht.

Handelte er richtig oder falsch, als Philip später einem weiteren Soldaten heimlich Unterschlupf in der unmittelbaren Nähe der Stadt gab? Hätte er wie sein Freund Graham besser den Abzug betätigen sollen, um die Stadt vor einem möglichen Überträger der Grippe zu schützen? Doch nun befindet sich Philip gemeinsam mit dem Soldaten in Quarantäne. Und schlimmer noch: Es kommt der Verdacht auf, bei dem Soldaten handelt es sich um einen deutschen Agenten. Philip versucht die Wahrheit herauszufinden. Und tatsächlich, der Soldat verbirgt ein schreckliches Geheimnis.

Philip gerät zunehmend unter Druck. Obwohl er und der Soldat die Quarantäne ohne Symptome durchlaufen haben, findet die Grippe Eingang in die Stadt und fordert ihren tödlichen Tribut. War es das vermeintlich verantwortungslose Verhalten Philips, das der Krankheit Zugang zur Stadt verschaffte?

Die eingangs befürchtete Bürde bekommt nun niemand schwerer zu spüren als Worthy:

„Charles versuchte vergeblich, sich durch seine Arbeit abzulenken. Er dachte daran, wie oft er in den letzten Monaten beim Gottesdienst gefehlt hatte, und bedauerte dies nun umso mehr, als dem zwischen seinen Gemeinden pendelnden Geistlichen wegen der Quarantäne der Zutritt zur Stadt untersagt war. Charles hatte seinen Willen dem der Stadt – seinem Traum – untergeordnet, doch empfand er nun plötzlich das beinahe wehmütige Bedürfnis, sich selbst samt seinen Ängsten etwas Höherem unterzuordnen, sofern es so etwas gab.“

Die Quarantäne allein hatte das Klima unter den Bewohnern Commonwealths bereits spürbar verändert. Trotz der jüngsten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Keimtheorie, die die Ursache von Infektionskrankheiten auf Bakterien und Viren zurückführt, spuken in den Köpfen noch die Vorstellungen eines Miasmas, einer sich auf geistigen Wegen verbreitenden Krankheit herum. Der befürchtete Ausbruch der Grippe läßt dann das Band zwischen ihnen endgültig reißen:

„Seit in Commonwealth die Grippe wütete, breiteten sich Angst und Mißtrauen unter den Einwohnern aus – Opfer zum Wohl der Allgemeinheit wollte niemand mehr bringen.“

Doch es ist nicht die Grippe allein, die sich drohend über Commonwealth erhebt. Auch die Außenwelt in ihrem Neid, ihrem Mißtrauen und ihrer Mißgunst gegenüber Commonwealth macht sich auf, den Riegel um die Stadt zu brechen. Gegen den Erfolg von Commonwealth. Gegen die als „Anarchisten“ verunglimpften Arbeitskämpfer, die sich hierher zurückzogen. Und gegen die nicht wenigen Männer, die sich der Wehrpflicht und damit dem Einsatz auf den europäischen Schlachtfeldern zu entziehen versuchen.

Mullen veröffentlichte sein Debütroman „Die Stadt am Ende der Welt“ 2006. Er selbst hatte erst in den späten 1990er Jahren von der globalen Epidemie der Spanischen Grippe erfahren und sich davon inspirieren lassen. Es war, als hätte sich bereits unmittelbar danach der Schleier des Schweigens und des Vergessens darübergelegt. Mullen fasst seine Motivation zu seinem Roman so zusammen:

„Mein großes Interesse galt den Themen, die darin mitschwingen, die konstante Spannung zwischen Individualismus und dem Gemeinwohl sowie moralischen Fragen wie die, die der sich die beiden Wachen am Anfang der Geschichte stellen müssen. Aber zu einem großen Teil lag mein Interesse darin begründet, dass dieses sehr wichtige historische Ereignis irgendwie vergessen wurde.“

Kaum verwunderlich, erlebte Mullens fesselnder Roman in 2020 eine Wiederauflage, als mit Corona eine weitere Pandemie die Welt in Atem hielt. Wer darin allerdings nach Antworten sucht, ob die Corona-Pandemie besser gehändelt wurde als die Spanische Grippe, wird enttäuscht werden, zu unterschiedlich sind vor dem jeweiligen zeitgeschichtlichen Hintergrund beide Ereignisse, zumal bei Corona noch zu viele Fragen offen sind. Doch eines wird dank Mullen deutlich: Mit der Spanischen Grippe ist damals über die Menschheit ein tödlicher Orkan hinweggefegt, der seitdem bis heute seinesgleichen sucht.

Thomas Mullen
Die Stadt am Ende der Welt
2020, 481 Seiten

DuMont Buchverlag GmbH
13,00 EUR

Der heilige Kaiser am Ende der Zeit

In Bamberg gedenkt eine Ausstellung des Mittelalter-Kaisers Heinrich II.

Daniel Körtel

Lediglich rund 80.000 Einwohner umfasst die oberfränkische Kleinstadt Bamberg. Und doch war sie im Mittelalter über eine längere Phase das politisch-religiöse Zentrum des frühmittelalterlichen Deutschlands. Kaiser Heinrich II. (973/978 – 1024) gab ihr den entscheidenden Schub, als er sie 1007 zum Sitz des neugegründeten Bistums Bamberg erhob. Für den Bayernherzog aus einer Seitenlinie der Ottonen, der 1002 nach dem unerwarteten Tod seines Vetters Otto III. die Königskrone ergriff, war sie die Lieblingsresidenz.

Gemeinsam mit seiner Gemahlin Kunigunde, mit der er ein einzigartiges Duo bildete, formte der zusätzlich 1014 in Rom zum römisch-deutschen Kaiser gekrönte Herrscher das Reich nach seinem Selbstverständnis als von Gott gesandter Regent gemäß christlicher Prinzipien, wobei er sich insbesondere der Reform kirchlicher Institutionen wie der Klöster verschrieb. Diese war für viele seiner Zeitgenossen in Anbetracht der millenaristischen Erwartungen ihrer Zeit über die baldige Wiederkehr Christi überfällig.

Aus Anlaß des 1000. Jahrestages des Todes ihres großen Förderers, der gemeinsam mit Kunigunde im Bamberger Dom bestattet wurde, eröffnete im Oktober vorigen Jahres das Historische Museum der Stadt mit „Vor 1.000 Jahren. Leben am Hof von Kunigunde und Heinrich II.“ eine Ausstellung über das Leben des Herrscherpaares und der Menschen ihrer Zeit.

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Die von der Museumsdirektorin Dr. Kristin Knebel im Begleitband betonte „Vielfalt und Differenziertheit, Dynamik und Mobilität der mittelalterlichen Gemeinschaften“, die gegen das inzwischen überkommene Bild dieses scheinbar dunklen und rückschrittlichen Zeitalters steht, werden durch die Exponate in der Ausstellung perfekt abgebildet. Gleich zu Beginn werden Werkzeuge aus dem Dombau vorgestellt, an deren Form sich bis heute nicht wesentlich viel geändert hat.

Spielsteine und -würfel sowie Schachfiguren belegen, daß durch alle Schichten das Leben nicht allein durch Arbeit bestimmt war, auch wenn von einer Trennung von Arbeit und Freizeit im modernen Sinne nicht die Rede sein kann. Vor allem das Schachspiel nahm für den Adel eine wichtige soziale Funktion ein, denn es war durchaus von Bedeutung, wer es mit wem spielte.

Wie ein optischer Gegensatz zum Klischee des „dunklen Mittelalters“ wirkt die bunte Wand mit den 28 mit allen Farben des Lichtspektrums gefärbten Stoffmustern. Unter der Verwendung heimischer Pflanzen und Insekten wußte das Volk durchaus Farbe in seinen Alltag zu bringen.

Das Aufkommen von Münzen und ihre Verbreitung markieren den wirtschaftlichen Aufschwung, den Europa um die Jahrtausendwende nahm. Das dafür nötige Silber kam aus dem Reichsgebiet. Doch indische Münzen zeigen Handelskontakte sogar bis nach Asien auf.

Breiter Raum wird in der Ausstellung auch Heinrichs Kriegszügen gewidmet. Obwohl sich Heinrich vor allem als christlicher Herrscher nach innen verstand – missionarisch nach außen war er nicht aktiv -, so wenig hatte er Bedenken, gemeinsam mit den heidnischen Liutizen gegen den gleichsam christlichen Polen-König Boreslaw Chrobry vorzugehen, zur Empörung der Zeitgenossen! Gezeigt werden die waffentechnischen Ausrüstungen der beteiligten Parteien, wobei der Kettenpanzer eines Ritters besonders eindrucksvoll wirkt. Videoeinspielungen mit Schauspielern wiederum stellen die Sorgen und Nöte der zum Heeresdienst verpflichteten Bauern dar.

Zum Ende des Rundgangs kommt der Besucher zu den Repliken der Reichskleinodien aus Reichskrone und Heiliger Lanze, in die angeblich ein Nagel aus dem Kreuz Christi eingearbeitet sein soll. In einer Zeit, in der Macht vor allem auf Symbolen beruhte, waren sie von enormer Bedeutung. Heinrich vermochte sich erst durch den raschen Zugriff auf die Heilige Lanze seinen entscheidenden Vorsprung zum Königtum zu sichern.

Heinrich II. verband die Gründung des Bistums Bamberg nicht allein als Werk zu seinem Seelenheil. Ohne Nachkommen, verschaffte er sich damit als letzter der Ottonen-Dynastie damit ein weitreichendes Gedenken, dem in seinem Nachleben besondere Ehrung zuteilwurde. Die Kinderlosigkeit wurde sakral überhöht als Folge einer „Josephsehe“, in der Heinrich und Kunigunde in einem besonders religiösen Lebenswandel dem Vorbild der Jesus-Eltern Maria und Joseph nacheifernd, sexuell nicht miteinander verkehrten. Dies und ihr Einsatz für die Kirche führten zu ihrer Heiligsprechung, zuerst im Jahr 1146 der Heinrichs – als einzigem mittelalterlichen Kaiser – und nachfolgend in 1200 Kunigunde, wobei diese in ihrer Popularität inzwischen ihren Gatten weit überholt hat.

Die Ausstellung „Vor 1.000 Jahren. Leben am Hof von Kunigunde und Heinrich II.“ ist bis zum 27. April 2025 in Bamberg im Historischen Museum, Domplatz 7, täglich außer montags von 10 bis 17 Uhr zu sehen. Der Katalog mit 256 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen kostet im Museum 29,00 Euro.

Die perverse Macht der Presse

„Stellen Sie sich vor, Sie schlagen die Morgenzeitung auf und Ihr Leben wäre die Schlagzeile der Titelseite. Und was da steht, ist exakt. Aber es ist nicht die Wahrheit.“ (deutscher Original-Trailer „Die Sensationsreporterin“)

YT-Trailer „Die Sensationsreporterin“ (1981)

Hollywood-Titan Paul Newman war Hauptdarsteller in einer ganzen Reihe an Filmen, die zu Klassikern wurden. Sei es „Die Katze auf dem heißen Blechdach“ (1958), „Der Unbeugsame“ (1967) oder „Die Farbe des Geldes“ (1986). Doch aus Anlaß seines 100. Geburtstages – Newman wurde heute vor 100 Jahren am 26. Januar 1925 in Shaker Heights, Ohio geboren – soll einer seiner unbekannteren Filme vorgestellt werden, der dennoch eine bis heute anhaltende beklemmende Aktualität über die Macht der Presse zur sozialen Existenzvernichtung entfaltet. Die Rede ist von dem Film-Drama „Die Sensationsreporterin“ von 1981.

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Newman spielt darin Mike Gallagher, einen Spirituosen-Großhändler in Miami/Florida. Gallagher führt einen einwandfreien Lebenswandel und gerät dennoch in das Visier von Staatsanwalt Ellliot Rosen (Bob Balaban). Seit dem spurlosen Verschwinden des Gewerkschaftsfunktionärs Joey Diaz steht der eifernde Staatsanwalt unter Druck, in der Sache voranzukommen. Gallagher soll für ihn dazu Mittel zum Zweck werden. Denn der ist der Spross einer Mafia-Familie, von deren Aktivitäten sich der gesetzestreue Gallagher fernhält. Gallagher soll entweder als Täter überführt oder derart unter Druck gesetzt werden, daß er die entscheidenden Hinweise zu dessen Ergreifung liefert.

Rosen verfällt dazu auf einen Trick. Scheinbar unbeabsichtigt läßt er bei einem Bürotermin die Reporterin Megan Carter – dargestellt von der Oscar-Preisträgerin Sally Field („Norma Rae – Eine Frau steht ihren Mann“) – Einblick in die Akte Gallaghers nehmen. Und so nehmen die Dinge ihren Lauf.

Carters Zeitung berichtet, daß gegen Gallagher in der Sache Diaz ermittelt werde. Die Quelle bleibt dabei schwammig. Die Journalisten sind sich unsicher, doch ihr Justiziar beschwichtigt und führt vor, warum man nicht nach einer Leiche im Keller graben muß, um jemanden in Verruf zu bringen:

„Wenn Zeitungen immer nur die Wahrheit drucken würden, dann wären Anwälte vollkommen überflüssig. Wir dürfen über Mr. Gallagher behaupten, was wir wollen, und er ist machtlos, uns Schaden zuzufügen.“

Gallaghers Ruf gerät unmittelbar unter die Räder. Die Gewerkschaft beginnt sein Geschäft zu bestreiken. Verzweifelt versucht Gallagher gegenüber Carter seine Lauterkeit zu beweisen. Seine Situation ist geradezu kafkaesk, denn Carters Zeitung weigert sich weder die Quelle zu benennen, noch bestätigen die Behörden, überhaupt zu ermitteln. Doch es soll noch schlimmer kommen.

Teresa Perrone (Melinda Dillon), eine offenkundig psychisch schwer belastete Freundin Gallaghers, der er helfend zu Seite steht, vertraut sich Carter an. Denn sie kann für Gallagher zum Zeitpunkt von Diaz‘ Verschwinden das entscheidende Alibi liefern. Doch dazu müßte sie ein persönliches Geheimnis preisgeben, dessen Offenlegung ihr gefährlich würde. Carter nimmt darauf jedoch keine Rücksicht, ohne die Folgen zu bedenken. Verhaltene Skrupel wischt ihr Vorgesetzter beiseite und versteckt sich hinter der apodiktischen Floskel: „Das Volk hat ein Anrecht das Alibi zu erfahren“. Mit dem absehbaren Suizid von Perrone erreicht das Drama seinen vorläufigen Höhepunkt.

Gallagher fädelt nun eine geschickte Intrige ein, mit der er zwei Ziele verfolgt: Die Reinwaschung seines Namens und Rache an den Verantwortlichen für Perrones Suizid.

Regisseur Sidyney Pollack (1934 – 2008) war Hollywoods Spezialist für die Umsetzung gesellschafts- und sozialkritischer Themen in gutes Kino. Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuß“ und „Die drei Tages des Condor“. „Die Sensationsreporterin“ ist eine weitere kreative Perle, in Pollacks wie Newmans Lebenswerk, die fast in Vergessenheit geraten ist. Ein Film aus einer Zeit, in der Hollywoods Studios sich noch nicht dem Franchise-Wahn von Marvel und Star-Wars unterworfen haben. Es war aber auch eine Zeit, in der die Studios ein Publikum vorfanden, das echtes Kino noch belohnte.

In dem typischen, unangebrachten Selbstlob seiner Zunft lobte vor nicht allzu langer Zeit der Chefredakteur einer Lokalzeitung „die akribische Recherche und die Wahrheitsliebe“ seiner Journalisten. Wie so oft ist die Realität weitaus komplexer als es dieses vollkommen überhöhte Selbstbild nahelegt, eher grau statt schwarz-weiß.

1981, als „Die Sensationsreporterin“ auf die Leinwand kam, dachte man wahrscheinlich nicht im Traum daran, daß der Journalismus einmal einen Claas Relotius hervorbringen würde. Zwar kam 1983 der Skandal um die „Hitler-Tagesbücher“ im STERN auf, doch war dieses Ereignis noch kein Beleg für einen systemischen Ausfall wie es Relotius für den SPIEGEL darstellte. Ebenso wenig war absehbar, daß die als journalistischer Verein getarnte, regierungsnahe Aktivistengruppe Correctiv mit ihren Märchenerzählungen über ein angeblich rechtsextremes „Vertreibungstreffen“ in Potsdam fast ein ganzes Land in Aufruhr bringen könnte. Doch die Fähigkeit und der unbedingte Wille zur Existenzvernichtung, zum instrumentellen Mißbrauch von Fakten, so daß die Wahrheit dahinter nicht mehr erkennbar wird – der war bereits damals angelegt.

Die Sensationsreporterin (1981)
1 Stunde und 56 Minuten
DVD, BluRay und Streaming
Mit Paul Newman, Sally Field

Karriere zwischen Glück und Talent

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 5/25 / 24. January 2025

Karriere zwischen Glück und Talent
Filmgeschichte: Vor hundert Jahren wurde der Hollywood-Schauspieler Paul Newman geboren

Daniel Körtel

Wie sehr kann doch der Zufall den Erfolg eines Lebenswegs bestimmen. Als Paul Newman nach dem Zweiten Weltkrieg auf dem Kenyon College in Ohio eine Ausbildung anstrebte, war Schauspiel nicht seine erste Wahl. Erst der Rauswurf aus dem Footballteam nach einer Studentenschlägerei brachte ihn zur Theatergruppe. Zwar hatte er vorher schon erste Schauspielerfahrungen gesammelt, doch erst hier sollte sich sein Talent, das ihn auf einen Karriereweg zu den Größten Hollywoods führen sollte, voll entfalten.

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Geboren wurde Paul Newman am 26. Januar 1925, vor genau 100 Jahren, in Shaker Heights, einer Vorstadt von Cleveland. Sein Vater war ein alteingesessener Geschäftsinhaber für Sportartikel, während seine Mutter in ihren Jugendjahren aus Habsburg-Österreich einwanderte. Die Familie war wohlhabend und schaffte es sogar unbeschadet durch die schweren Jahre der Weltwirtschaftskrise. Die jüdische Herkunft väterlicherseits – seine Mutter war eine „atheistische Katholikin“ – spielte in der säkular eingestellten Familie keine Rolle. Sie versperrte ihm jedoch aufgrund eines in dieser Zeit weitverbreiteten Antisemitismus manche Wege.

Am Kenyon College der freien Künste zeigte sich, wie sehr Newman – zu seiner eigenen Überraschung – mit seinem guten Aussehen und der energiegeladenen Bühnenpräsenz das Publikum in seinen Bann ziehen konnte. Erste Theaterengagements, auch am Broadway, machten Hollywood auf ihn aufmerksam. Der Durchbruch kam 1958 mit dem Erfolg des Südstaatendramas „Die Katze auf dem heißen Blechdach“, das ihm eine erste Oscar-Nominierung eintrug. Weitere Kassenschlager folgten, und Newman zählte mit Richard Burton und Liz Taylor zu den ersten Schauspielern mit Millionengage.

YT: Tailer „Die Katze auf dem heißen Blechdach“

Newman sprach vor allem zwei Gruppen an: mit seinem Sexappeal die amerikanischen Frauen und seiner souverän-lässigen Art die amerikanischen Männer, wie sie sich am liebsten sahen. So wie in „Der Unbeugsame“ (1967), in welchem Newman einen Sträfling darstellte, der sich gegen ein rigides Gefängnissystem zur Wehr setzt.

Ab den siebziger Jahren war Newman soweit etabliert, daß er sich die Rollen freier aussuchen konnte. Es trieb ihn dabei stärker ins Charakterfach. Ein Höhepunkt war dabei „The Verdict“ von 1982, in welchem er die Rolle eines heruntergekommenen, alkoholkranken Anwalts in einem Schadensersatzprozeß übernahm. In diesem Meisterwerk von Sidney Lumet übertraf er sich selbst, indem er in einer Art Selbstoffenbarung viele seiner eigenen Emotionen preisgab. Wieder wurde er für den Oscar als bester Hauptdarsteller nominiert – und wieder ging er leer aus.

Auf sich selbst hatte er immer den kritischsten Blick

Die begehrte Trophäe erhielt er dennoch wenige Jahre später für „Die Farbe des Geldes“ (1986), ein spätes Sequel seines Dramas „Haie der Großstadt“ (1961) um einen um Geld spielenden Poolbillardspieler. Zusammen mit dem damals noch jungen und aufstrebenden Tom Cruise wirkte der Film von Martin Scorsese wie eine Staffelübergabe zweier Schauspielgenerationen.

Gleichwohl blieb Newmans Privatleben nicht von persönlichen Tragödien verschont. Scott, sein Sohn aus erster Ehe, starb 1978 an einer Überdosis Drogen. So verband ihn mit anderen Hollywood-Größen seiner Generation wie Marlon Brando und Gregory Peck das problembeladene Verhältnis zu einem Sohn, der anscheinend an der schweren Bürde seines berühmten Vaters zugrunde ging.

Zunehmend problematisch entwickelte sich sein exzessiver Alkoholkonsum, bis er kurioserweise durch seine Rolle im Film „Indianapolis“ (1969) in Autorennen den passenden Ersatzkick gefunden hatte, „weil die Ergebnisse so wunderbar eindeutig waren“. Mehrfach nahm er an Spitzenpositionen bis in seinen Siebzigern an bedeutenden Rennen wie in Daytona und Le Mans teil.

Bekannt wurde Newman auch für sein großzügiges karitatives Engagement, oftmals anonym. Seine Kreation „Newman’s Own“, ein mit seinem Namen und Bild auf den Flaschen versehenes Salatdressing, erbrachte Millionengewinne, die vollständig wohltätigen Zwecken zugute kamen. Und obgleich er sich selbst als „emotionalen Republikaner“ empfand, unterstützte er die Bürgerrechtsbewegung sowie den linken Demokraten und Nixon-Gegenspieler Eugene McCarthy.

Als Newman 2008 im Alter von 83 Jahren verstarb, ging mit ihm einer der größten Titanen Hollywoods, der frei von schmutzigen Skandalen blieb, integer und ohne jede Eitelkeit. Auf sich selbst hatte er jedoch immer den kritischsten Blick, so daß man von einem „Hochstapler-Syndrom“ sprechen muß, von jemande, der sein Können chronisch unterbewertet, seine Leistungen mehr dem Glück als seinem Talent zuschreibt und so als unverdient betrachtet. Vielleicht liegt hierin eine der tieferen Wurzeln seines philanthropischen Engagements, als ginge es ihm darum, etwas wiedergutzumachen. Über ihn selbst sagte später seine Tochter Melissa: „Da war jemand, der sich für einen Hochstapler hielt, für einen ganz normalen Mann mit einem außergewöhnlichen Gesicht, der das Glück auf seiner Seite hatte und weit mehr erreichte, als er sich überhaupt vorgestellt hat.“

Paul Newman
Das außergewöhnliche Leben eines ganz normalen Mannes: Die Autobiografie
Heyne Verlag
368 Seiten, 2022
25,00 EUR

„Faschistischer Sprech“

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 41/24 / 04. October 2024

„Faschistischer Sprech“
Ideologische Schranken: Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ geht ausgerechnet an die Publizistin Carolin Emcke

Daniel Körtel

Der Kasseler Bürgerpreis „Das Glas der Vernunft“ ist sicher nicht der bedeutendste Preis, der in Deutschland verliehen wird. Doch immerhin getragen von einem Verein aus der Bürgerschaft der nordhessischen Region und nicht von der Parteipolitik oder staatlichen Institutionen, zeichnet der erstmals 1991 unter dem Eindruck des Falls des „Eisernen Vorhangs“ gestiftete und mit 20.000 Euro dotierte Preis – symbolisiert durch eine Glasprisma-Skulptur – jedes Jahr Persönlichkeiten und Institutionen aus, „die mit ihrem Wirken den Idealen der Aufklärung – Überwindung ideologischer Schranken, Vernunft und Toleranz gegenüber Andersdenkenden – in besonderer Weise dienen“. In diesem Jahr ging der Preis an die linksliberale Publizistin und Kolumnistin der Süddeutschen Zeitung Carolin Emcke.

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In seiner Begründung teilte der Förderverein mit, Emcke erhalte den Preis „für die analytische Präzision und besonnene Haltung, mit der sie ein universalistisches Wir freilegt und den demokratischen Kompaß in dichten wie unruhigen Zeiten ausrichtet.“ Sie spreche eine Sprache, die Haß und Gewalt etwas entgegensetzen könne. Emckes umstrittener Auftritt auf der Digitalkonferenz re:publica im vergangenen Juni stand der Preisverleihung offenbar nicht entgegen. Dort hatte sie – ganz entgegen den Werten der Aufklärung – die kategorische Abschaffung von Pro-und-Kontra-Diskussionen gefordert.

Zum Festakt am vergangenen Sonntag im Opernhaus des Kasseler Staatstheaters dominierte in den Redebeiträgen und Grußworten die Sorge vor „der Gefährdung unserer Demokratie“, vor allem durch rechte Parteien, festgemacht an der chaotisch verlaufenden konstituierenden Sitzung des Thüringer Landtages in der vergangenen Woche.

In ihrer Festrede lobte Mirjam Zadoff, Direktorin des NS-Dokumentationszentrums München, die Preisträgerin als jemanden, die „die Latte hochlegt und es sich selbst nicht einfach macht“. Im Hinblick auf die Erfolge von AfD und FPÖ warnte sie: „Jede Zeit hat ihren eigenen Faschismus.“

Der Philosoph Martin Saar (Goethe-Universität Frankfurt am Main) arbeitete in seiner Laudatio heraus, wie aus seiner Sicht im Schreiben der an Jürgen Habermas geschulten, promovierten Philosophin die Vernunft im Diskurs und in der Kommunikation entstehe.

In ihrer Dankesrede kritisierte Emcke die verbreitete Angst vor der „angeblichen Bedrohung“ von Abendland und Heimat durch die anhaltende Migration. In ihrer Idealvorstellung von „Demokratie als offenem Prozeß“ griff sie analog auf die „Kunst der Fuge“ von Johann Sebastian Bach zurück, ein unvollendetes und fragmentarisches Werk. Der Korpus an Grundregeln darin stehe für die Grundrechte und die Menschenwürde, die die „Feinde der Demokratie“ aushöhlen wollten. Weiterhin beklagte sie „die Pathologie unserer Zeit und in Europa, daß sie Verschiedenheit nicht aushalten kann“ und sagte schließlich unter dem Beifall des begeisterten Publikums: „Das Reden von normalen Leuten ist faschistischer Sprech.“

www.glas-der-vernunft.de

Die bretonische Außenseiterin auf Irlands Bühnen

Porträt der irischen Schauspielerin Olwen Fouéré

„They see you“, der gerade angelaufene Kinofilm des amerikanischen Filmemachers M. Night Shyamalan ist zurecht wegen seiner Mittelmäßigkeit kritisiert worden. Doch in der Besetzung in dem Plot um eine vierköpfige Gruppe, die in einem öden Betonklotz inmitten eines verwunschenen Waldes in Irland gefangen ist, ragt eine Darstellerin besonders heraus. Olwen Fouéré, die darin die gestrenge Madeline mimt, fällt schon durch ihre optische Erscheinung auf. Zwar nicht von besonders großer Statur, richten sich doch schon automatisch durch ihre wallenden weißen Haare die Blicke auf die raumfüllende Präsenz ihrer alterslosen und würdevolle Erscheinung.

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Der Gothic-Horrorfilm ist Fouérés erster bedeutender Auftritt in einer A-Produktion. Zuvor trat sie in Nebenrollen in Kino- und Fernsehfilmen wie „The Northman“ (2022) oder „The Tourist“ (2024) auf. Besonders bemerkenswert war 2022 ihre Rolle als Texas Ranger Sally Hardesty, die in dem Horrorfilm „Texas Chainsaw Massacre“ dem eine Kettensäge schwingenden Killer Leatherface entgegentritt. Wenn ihre Rollen auf der Leinwand eines gemeinsam haben, so sind es Charaktere, denen kaum ein Lächeln zu entlocken ist.

Olwen Fouéré (Quelle: Facebook)

Im vergangenen März 70 Jahre alt geworden, kann Fouéré als die bedeutendste Schauspielerin Irlands auf eine weit zurückreichende internationale Theaterlaufbahn zurückblicken, darunter so renommierte Häuser wie das Abbey Theater und das Gate Theatre in Dublin, das Londoner Royal National Theatre oder das Lincoln Center in New York. Zusätzlich übersetzte sie Stücke aus dem französischen. In ihrer Vita finden sich bedeutende Preise für ihre Leistungen und Erfolge im Theater. Erst die Covid-Pandemie, in der die Theaterbühnen dem Lockdown zum Opfer fielen, brachte ihrer Filmkarriere einen zusätzlichen Schub.

1954 in Irland geboren und aufgewachsen, liegen Fouérés eigentliche Wurzeln nicht dort. Ihr Vater, der Anwalt und Journalist Yann Fouéré, war ein prominenter bretonischer Nationalist. Nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Anklage der Kollaboration mit den deutschen Besatzern konfrontiert, wählte er das Exil im abgelegenen westirischen Connemara an der Atlantikküste, wo er eine Familie gründete und 2011 verstarb. Die Anklage gegen ihn war von geringer Substanz. Der Vorwurf der Kollaboration war seinerzeit ein effektives Instrument der französischen Zentralregierung, um den vor dem Krieg starken bretonischen Nationalismus nachhaltig zu schwächen.

Obwohl Connemara und die Bretagne durchaus gewisse Gemeinsamkeiten verbinden, fiel Yann Fouérés Tochter Olwen das Einleben nicht leicht. Ihre ersten 20 Lebensjahre verbrachte sie damit, sich in Irland zu assimilieren. Dieses Außenseiter-Dasein befähigte sie zur Schauspielkunst, wie sie der Irish Times berichtete: „Wenn du deinen Platz am Rand findest, dann ist das tatsächlich ein guter Ort zum Sein. Ich kann Einblicke nehmen und sehen, was passiert… Als ein Außenseiter, entdeckst du oder akzeptierst du, wie Identität kein fixes Ding ist. Es bewegt sich alle Zeit, es ist etwas Fließendes. Es ist sehr befreiend.“

Derzeit feiert Fouéré große Erfolge mit der Irland und Australien umspannenden Aufführung des Theaterstücks „Der Präsident“ des österreichischen Dramatikers Thomas Bernhard (1931 – 1989). Sie spielt darin die exzentrische First Lady des Diktators eines namenlosen Landes irgendwo in Europa, dargestellt von Hugo Weaving, besser bekannt als Agent Smith aus „Matrix“ und Elrond aus „Herr der Ringe“. Ihre bizarre, dekadente Existenz ist durch einen Volksaufstand auf Messers Schneide. Ein australischer Kritiker bejubelte die Produktion als „erste Klasse mit der Besetzung und einer kreativen Mischung aus australischem und irischem Talent.“

Hugo Weaving und Olwen Fouéré (Quelle: Facebook)

Die Herausforderungen des Schauspiels auf der Bühne für den Darsteller verglich Fouéré mit „einer Art von kleinem Tod“, wie bei einem Sprung von der Klippe: „Du hoffst auf Gott, daß genug Wasser am Boden der Klippe ist, worin du schwimmen kannst.“ Die dazu erforderliche mentale und körperliche Sportlichkeit erfordere einen unterschiedlichen Muskel für die Darstellung sowohl auf der Bühne als auch im Fernsehen und im Film.

Wo auch immer die bretonische Außenseiterin auf Irlands Bühnen, die alte weise Frau des irischen Theaters aufzutauchen gedenkt, wir werden noch einiges von ihr zu sehen bekommen. Auch mit über 70 Jahren ist in der Karriere der Olwen Fouéré noch viel Potential vorhanden.

Mit Gotteslob im Bollerwagen

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. KG www.jungefreiheit.de 21/24 / 17. Mai 2024

Mit Gotteslob im Bollerwagen

Reportage aus Thüringen: Wenige Wochen vor dem Katholikentag in Erfurt fand im Eichsfeld die größte Männerwallfahrt Deutschlands statt

Daniel Körtel

Beim Schlagen der Glocke, die die Gläubigen um neun Uhr zur heiligen Messe ruft, strömen die Pilger herbei. Bereits seit den frühen Morgenstunden füllt sich der Vorplatz der Kapelle des Wallfahrtsortes Klüschen Hagis im thüringischen Eichsfeld, wenige Kilometer südlich der Kreisstadt Heiligenstadt, die über die für den allgemeinen PKW-Verkehr gesperrte Wachstedter Straße herbeikommen. Es ist Christi Himmelfahrt, ein kirchlicher Feiertag, der in dieser katholischen Hochburg an dieser Stelle eine besondere regionale Bedeutung hat. Denn an diesem Tag findet die Tradition der größten Männerwallfahrt Deutschlands statt, zu der sich mehrere tausend Gläubige aus dem ganzen Eichsfeld versammeln.

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„Selig, die den Frieden preisen“ – das im Matthäus-Evangelium hinterlegte Jesus-Wort aus der Bergpredigt ist das Motto der diesjährigen Wallfahrt. Eine naheliegende Wahl in einer Zeit, in der Kriege in Osteuropa und dem Nahen Osten toben, die aber auch erfüllt ist von gesellschaftlichen Konflikten im eigenen Land, auch von Unfrieden im eigenen Leben. Und bereits auf dem Weg wird der Pilger mit Appellen zur Selbstbefragung eingestimmt: „Wie bestimmen Vorurteile dein Verhalten?“ oder auch „Bist du neidisch auf andere?“

Der Hang zwischen der Kapelle und dem Wald ist inzwischen gut gefüllt, fast ausschließlich Männer, zu denen sich auch vereinzelt Frauen gesellen. Ein älterer Wallfahrer bestätigt auf Nachfrage den nach wie vor hohen Stellenwert dieses Ereignisses für die Region, doch mit einem Augenzwinkern weist er auf die Bier- und Imbißtände unterhalb der Kapelle hin: „Es geht nicht nur um Frömmigkeit.“ Schon während des Gottesdienstes dringt ein hörbarer Geräuschpegel durch von jenen Besuchern, denen eher am Vatertag mit Bollerwagen als an spiritueller Einkehr gelegen ist.

Auch ein Büchertisch ist vorhanden. Lagen dort in den vergangenen Jahren sogar Bücher des Linken-Politikers Gregor Gysi und der früheren protestantischen Bischöfin Margot Käßmann und zur LGBTQ-Problematik in der Kirche, so stehen dieses Mal vor allem die aktuellen Titel des Journalisten Peter Hahne und des populären Buchautors Manfred Lütz sowie des früheren Papstsekretärs Georg Gänswein im Angebot.

Erstmals eingerichtet wurde die Männerwallfahrt zum Klüschen Hagis 1957 auf Initiative des katholischen Seelsorgers Ernst Göller (1906–1996). Sie sollte die traditionellen und religiösen Selbstbehauptungskräfte des Eichsfeld gegen die Bedrängung durch das atheistische SED-Regime stärken. Weit über 10.000 Pilger kamen seinerzeit zusammen. In diesem Jahr, so teilte es der für die Wallfahrt zuständige Pastoralreferent Julian Hanstein der JUNGEN FREIHEIT mit, seien es immerhin rund 7.000 gewesen, und damit mehr als die 6.500 im vergangenen Jahr.

Männerwallfahrt zum Klüschen Hagis (Eichsfeld), Himmelfahrt 2024 / © Daniel Körtel

Zu Zeiten der DDR nutzten die Bischöfe solche Wallfahrten, um in ihren Predigten der Staatsführung „durch die Blume“ Botschaften zukommen zu lassen, zuweilen auch offene Kritik. Aber auch nach dem Ende der DDR und damit dem Verschwinden der kirchenfeindlichen Repressionen kommt dem Ereignis nach wie vor über das eigentliche kirchliche „Tagesgeschäft“ hinaus eine besondere Bedeutung zu.

So stellte der Erfurter Bischof Ulrich Neymeyr die im ersten Grundgesetzartikel verankerte Menschenwürde in den Mittelpunkt seiner Wallfahrtspredigt. Darin verknüpfte er die Himmelfahrt Christi mit der Menschenwürde, denn so wie Christus erhöht wurde, so auch der Mensch in seiner Würde. Davon ausgehend verteidigte er das Asylrecht als ein „heiliges Recht“ und bedankte sich „bei allen, die sich um Integration bemühen, auch im Eichsfeld“.

Des weiteren ging Neymeyr auch auf den Kampf gegen Schwangerschaftsabbrüche ein, allerdings in scharfer Abgrenzung von Politikern, denen es dabei nur um den „Erhalt des deutschen Volkskörpers“ ginge, und betonte stattdessen: „Jede Schwangerschaft sollte ein Grund zu Freude sein.“

Doch auch in bezug auf ein für die Kirche besonders schwieriges Thema hatte der Bischof eine Botschaft parat: „Wir müssen auch in unserer Kirche lernen, die Menschen anderer sexueller Orientierung zu respektieren“, ohne allerdings diesen Anspruch näher konkret auszugestalten. Den Gläubigen gab Neymeyr eine Warnung mit, die viele überraschte: „Wer Homosexualität vehement ablehnt, der sollte sich darauf gefaßt machen, daß eines Tages sein Sohn kommt und sich als homosexuell erklärt.“

Abschließend verwies Neymeyr auf die kürzlich erfolgte Erklärung der Bischöfe zur Demokratie, ein faktischer Unvereinbarkeitsbeschluß von Christen und der AfD, ohne daß Neymeyr allerdings die Partei beim Namen nannte.

Der politische Charakter der Predigt des Bischofs irritiert viele

Der spärliche Beifall während und am Ende der Predigt deutet darauf hin, daß sie vermutlich nicht den Anklang unter den Gläubigen gefunden hat, den sich der Bischof wohl gewünscht hatte. Ein Pilger beklagte sich währenddessen hörbar über den politischen Charakter der Predigt, die ihm vorkam wie Wahlkampf, so als ob ihm darin der Artikel eins des Grundgesetzes über die Menschenwürde erklärt würde. Er fühle sich dadurch nicht mitgenommen und wies zusätzlich auf den konservativen Charakter der Eichsfelder hin, unter denen es auch AfD-Wähler gebe: „Gilt für jene die Menschenwürde nicht?“

Doch verfügt die katholische Kirche überhaupt noch über die Autorität, um in einem ihrer besonderen Stammlande die Menschen in ihrem Sinne zu lenken? Noch zu DDR-Zeiten gab es eine feste Bindung von Amtskirche und Kirchenvolk, an der sich die SED regelrecht die Zähne ausbiß. Hierfür waren auch die intakten Familienstrukturen im katholischen Milieu hilfreich. Zwar verzichtete die Kirche auf offenen Widerstand und versuchte stattdessen hinter den Kulissen ihren Einfluß geltend zu machen. In seiner umfassenden Dissertationsschrift „Rosenkranzkommunismus“ von 2019 stellt der Historiker Christian Stöber fest, daß „die SED wieder einmal die bittere Erkenntnis [erlangte], daß eine offene Antikirchenpolitik, die sich ausdrücklich gegen den katholischen Glauben richtete, dauerhaft nur schwer bis gar nicht durchzuhalten war, wollte die Partei einen größeren und nachhaltigen politischen Schaden vermeiden.“

Und vor allem der Klerus erwies sich als besonders resistent gegen die Anwerbeversuche der Staatssicherheit. Mit ihrem Eichsfeld-Plan einer forcierten Industrialisierung sollte stattdessen die strukturschwache, von kleinflächiger Landwirtschaft geprägte Region, die als unmittelbares Grenzgebiet besonders unter der Teilung litt, so entwickelt werden, daß sie von der Fortschrittsideologie der SED überzeugt werde. Dennoch ließen sich die Eichsfelder für den Sozialismus nicht gewinnen.

Das blieb auch nach außen nicht verborgen. So war es kein Geringer als Papst Benedikt XVI., der „in seiner Jugend so viel vom Eichsfeld gehört“ habe und daher im September 2011 auf seiner Deutschland-Visite auch im Eichsfeld Station machte, um so den religiösen Selbstbehauptungswillen der Eichsfelder „in zwei gottlosen Diktaturen, die es darauf anlegten, den Menschen ihren angestammten Glauben zu nehmen“, zu würdigen.

Allerdings scheint es sich auch im Fall des Eichsfelds zu bestätigen, daß – neben anderen Gründen – nach dem Wegfall einer Diktatur und damit auch den politischen Solidarisierungseffekten, die Möglichkeiten einer freiheitlichen Demokratie ernste Auflösungserscheinungen im bislang festgefügten kirchlichen Milieu zur Folge haben.

Im November 2022 bestätigte die Seelsorgeamtsleiterin des Bistums Erfurt Anne Rademacher in der Thüringer Allgemeinen, daß inzwischen auch im Eichsfeld Kirchenaustritte und nachlassende Gottesdienstbesuche zum Alltag gehören. Im Bistum Erfurt, zu dem das Eichsfeld gehört, entfielen von 1.670 Kirchenaustritten allein 543 auf diese Region. Zu den Begründungen führte Rademacher eine an, die besonders überrascht: „Gläubige treten aus der Kirche aus, um ihren katholisch geprägten und bis dahin durchaus kirchlich gelebten Glauben erhalten zu können. Diese Menschen leiden an der Diskrepanz zwischen Glaubensleben und (manchen) Kirchenerfahrungen.“

Katholiken sind im Eichsfeld die dominierende Gemeinschaft

Das Eichsfeld gehört verwaltungstechnisch zum Bistum Erfurt. Seine Sonderstellung darin wird dadurch deutlich, daß es 53,7 Prozent (2022) der Kirchenmitglieder des Bistums stellt. Vollkommen anders hingegen stellt sich die Situation in der Stadt Erfurt selbst dar. Gemäß dem Zensus von 2011 stehen hier 13.810 Katholiken gegen 29.690 Protestanten in der Minderheit, die aber gemeinsam nicht einmal annähernd soviel aufbieten können wie die 151.680 Konfessionslosen. Demgegenüber stellt der Landkreis Eichsfeld mit 71.190 Katholiken die dominierende Konfession, während sich dort 10.940 zur evangelischen Kirche beziehungsweise 18.310 als konfessionslos bekennen.

Und doch wird Erfurt, wo der Reformator Martin Luther sein Theologiestudium absolvierte, in diesem Jahr Austragungsort des Deutschen Katholikentages sein, der vom 29. Mai bis 2. Juni stattfindet. Sein Leitwort „Zukunft hat der Mensch des Friedens“ aus den Psalmen greift das Kernthema der Männerwallfahrt auf. Die erklärte Absicht des Katholikentages ist es, in Erfurt „sich für unsere gemeinsamen Werte, für Freiheit, Demokratie und eine friedliche und offene Gesellschaft einzusetzen“. Als Gäste angesagt sind unter anderem die Klima-Aktivistin Luisa Neubauer, Bundeskanzler Olaf Scholz und der thüringische Ministerpräsident Bodo Ramelow.

Das scheint nicht viel Platz zu lassen für die Konflikte in der Kirche, innerhalb Deutschlands und mit Papst Franziskus, der im vergangenen November in einem Schreiben dem von der Deutschen Bischofskonferenz und dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken angestoßenen liberalen Reformprozeß „Synodaler Weg“ eine deutliche Absage erteilte. Vor allem die angestrebte Demokratisierung kirchlicher Strukturen ist dem Papst ein Dorn im Auge, und er warnt die deutschen Katholiken davor, sich dadurch von der Einheit der Weltkirche zu entfernen.

Christian Stöber
Rosenkranzkommunismus

Die SED-Diktatur und das katholische Milieu im Eichsfeld 1945–1989
Ch. Links Verlag
424 Seiten, 2020

Der Riss durch Englands Seele

Es war ein Paukenschlag, wie ihn keiner erwartet hatte: Am 23. Juni 2016 stimmte in einem historischen Referendum eine knappe Mehrheit von 51,89 Prozent der Briten für den Brexit, den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Gemeinschaft. Nach langwierigen Verhandlungen zwischen London und Brüssel wurde dieser Austritt am 31. Januar 2020 vollzogen.

Watch: the moment Britain left the European Union (Youtube)

Vielfach rätselte man außerhalb Großbritanniens, vor allem in der EU selbst, über die Gründe und Motive der Briten für das Ergebnis dieses Referendums. Vor allem die Deutschen, für die die EU den Stellenwert eines „goldenen Kalbs“ hat, unterstellten irrationale Gründe. Aber auch in Großbritannien selbst ging man auf Ursachenforschung, akademisch aber auch literarisch. Den überzeugendsten Versuch, den Brexit mittels eines Romans zu erklären, unternahm bereits 2018 der englische Schriftsteller Jonathan Coe mit „Middle England“.

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Im Brexit verdichteten sich die gesellschaftlichen Gegensätze Großbritanniens – vor allem in England – in einer politischen Fragestellung, die nur scheinbar mit dem eigentlichen Gegenstand zu tun haben schien. Stadt gegen Land, Arbeiter gegen Akademiker, prosperierender Süden gegen abgehängten Norden, oder – um die von dem britischen Journalisten David Goodhart formulierten Begriffe zu verwenden – um den Konflikt zwischen Anywheres und Somewheres, zwischen den hochqualifizierten und kosmopolitisch eingestellten urbanen Eliten gegen die auf ihrer jeweiligen lokalen Ebene verwurzelten, traditionellen Milieus. Und nirgendwo ist dieses Milieu stärker präsent, hat entschiedener für den Brexit gestimmt, als in Middle England, der Kernregion der britischen Insel mit seinem Zentrum Birmingham.

Über einen Zeitraum von acht Jahren, beginnend von April 2010 an, verwebt Coe kunstvoll die Geschichte mehrerer Protagonisten eines weitverzweigten Familiengeflechts bis zum September 2018, um dem Leser die Veränderungen im Land zu vermitteln, die das Referendumsergebnis bestimmten.

Doch warum beginnt Coe seine Geschichte des Brexit ausgerechnet im April 2010? Damals vollzog sich eine außergewöhnliche innenpolitische Zäsur, als der Labour-Premier Gordon Brown in der Unterhauswahl abgelöst wurde durch den Tory David Cameron, der später das Brexit-Referendum in Gang setzen sollte. Hauptursächlich für Labours Machtverlust war ein eklatanter Fehltritt Browns im Wahlkampf, nachdem er einer einwanderungskritischen Wählerin hinterrücks bescheinigte, „bigot“ – engstirnig bzw. borniert – zu sein. Was Brown nicht bedachte: Ein Mikro nahm seine Worte auf, die sich anschließend über die Medien wie ein Lauffeuer verbreiteten. Damit war das von seinem Amtsvorgänger Tony Blair initiierte Fortschitts-Projekt „New Labour“ auf einem Schlag am Ende, ohne daß sich die Partei bis heute davon erholt hat.

Coes Protagonisten sind wie in einem Netzwerk miteinander verbunden, ohne daß diese Verbindungen künstlich aufgeblasen wirken oder der Leser den Überblick verliert. Ihre Handlungen bedingen einander, das Verhalten eines Einzelnen wirkt sich fast auf das gesamte Netzwerk aus.

Greifen wir das junge Ehepaar Ian und Sophie heraus: Sophie ist Dozentin an einer Hochschule, während Ian als Fahrlehrer Nachschulungen für Verkehrssünder gibt. Nachdem Ian infolge der Unruhen im August 2011 verletzungsbedingt in einem Krankhaus in Birmingham stationär behandelt wird, kümmert sich Sophie um seine Mutter Helena. Es kommt der Augenblick, wo sich zwischen beiden der entscheidende Riss auftut, der das Land spaltet:

„Er hatte ganz recht. ,Ströme von Blut.‘ Er war der Einzige, der den Mut hatte, es auszusprechen.“

Sophie erstarrte, als sie diese Worte hörte, und die Plattitüden erstarben ihr auf den Lippen. Das Schweigen, das sich jetzt zwischen ihr und Helena ausbreitete, war abgrundtief. Da war es also. Das Thema, das nicht diskutiert werden sollte, nicht diskutiert werden durfte. Das Thema, das die Menschen mehr als jedes andere spaltete, mehr als jedes andere ängstigte, denn wenn man es anschnitt, legte man die eigenen Kleider ab und zog auch dem anderen die seinen aus, sodass beide gezwungen waren, den anderen nackt zu sehen, ungeschützt, und ohne den Blick abwenden zu können. Was immer sie in diesem Moment zu Helena sagte – so es denn ihre eigenen, abweichenden Ansichten widerspiegelte -, es würde gleichzeitig bedeuten, sich der furchtbaren Wahrheit zu stellen: dass Sophie (und alle, die so dachten wie sie) und Helena (und alle, die so dachten wie sie) zwar gemeinsam im selben Land lebten, sich aber gleichzeitig in ihrem jeweils eigenen Universum befanden, getrennt durch eine unendlich hohe, undurchdringliche Wand, eine Wand aus Furcht und Misstrauen und – wer weiß? – vielleicht auch aus jenen englischsten aller Eigenschaften, nämlich Scham und Befangenheit.

Coe spielt hier auf eine der bedeutendsten Reden der britischen Geschichte des 20. Jahrhunderts an, die der britische Politiker Enoch Powell 1968 in Birmingham hielt. Powell warnte darin vor den fatalen Folgen der anhaltenden Einwanderung. Obwohl ihn diese Rede seine politische Karriere kostete, fand sie bis heute ihren Nachhall, weil sie nicht wenige als visionär empfinden.

Helena wählte die konservativen Tories, doch weniger aus Überzeugung. Aus ihrer tiefen Abneigung gegenüber den politischen Eliten macht sie keinen Hehl:

„Wählen ist reine Zeitverschwendung geworden, da alle Politiker dieselben modischen Ansichten vertreten. Natürlich habe ich Mr. Cameron gewählt, aber ohne jede Begeisterung. Seine Werte sind nicht unsere Werte. Tatsächlich weiß er über unsere Werte ebenso wenig Bescheid wie seine politischen Gegner. Sie stehen alle auf derselben Seite – und das ist nicht unsere Seite.“ (…)

„Die Menschen in Mittelengland haben Mr. Cameron gewählt, weil sie keine echte Wahl hatten. Die Alternative war undenkbar. Aber sollten wir je die Gelegenheit bekommen, ihn wissen zu lassen, was wir wirklich von ihm halten, dann, glauben Sie mir, werden wir sie ergreifen.“

Sie sollte ihre Chance dazu bekommen.

Doch auch zu Ian tut sich für Sophie ein Riss auf, als er bei einer Beförderung zugunsten seiner asiatischen Kollegin zurückgesetzt wird. Sind ihr Migrationshintergrund und ihr weibliches Geschlecht die zwei entscheidenden förderungswürdigen Merkmale, die jeden einheimischen weißen Mann ins Hintertreffen geraten lassen?

Aber auch die progressive Sophie droht in den Mahlstrom der Political Correctness zu geraten, nachdem sie mit einer banalen Bemerkung zu einer transgeschlechtlichen Studentin einen – für sie vollkommen unverständlichen – Kreuzzug der woken Bewegung gegen sich entfacht. Wortführerin ist ausgerechnet Coriander, die Tochter von Doug, einem liberalen Journalisten und alten Schulfreund ihres Onkels Benjamin. Ian hält Sophie ihre Doppelmoral vor:

„Ich weiß genau, was das bedeutet. Was du Respekt für Minderheiten nennst, bedeutet im Wesentlichen, dem Rest von uns den Stinkefinger zu zeigen. Von mir aus, beschütze doch deine kostbaren … Transgender-Studenten vor den schrecklichen Dingen, die die Leute über sie sagen. Pack sie ruhig in Watte. Aber was ist, wenn man weiß, männlich, heterosexuell und Mittelklasse ist, hm? Dann können die Leute über einen sagen, was sie wollen, verfluchte Scheiße.“ (…)
lan sah sie direkt an und sagte in bitterem Ton: „Du hast keine Ahnung, nicht wahr?“
„Keine Ahnung wovon?“
„Davon, wie wütend uns das macht, dieses moralische Überlegenheitsgetue, das ihr alle ständig -“
Sophie unterbrach ihn. „Entschuldige, aber wer soll das sein? Wer ist ‚wir‘? Wer ist ‚ihr alle‘?“
Anstatt die Frage zu beantworten, stellte Ian eine andere: „Wie, glaubst du, wird das Referendum ausgehen?“
„Lenk jetzt nicht vom Thema ab.“
„Tu ich nicht. Wie wird es deiner Meinung nach ausgehen?“
Sophie erkannte, dass er nicht lockerlassen würde. Sie blies die Backen auf und sagte: „Ich weiß nicht … Remain, wahrscheinlich.“
Ian lächelte zufrieden und schüttelte den Kopf „Falsch“, sagte er.
„Leave wird gewinnen. Und weißt du, warum?“
Sophie zuckte mit den Schultern.
„Wegen Leuten wie dir“, sagte er mit leisem Triumph. Er hielt ihr den ausgestreckten Zeigefinger vors Gesicht und wiederholte: „Leuten wie dir.“

Ian sollte recht behalten. Die Überforderung der autochthonen englischen Gesellschaft mit der anhaltend hohen Zuwanderung in Verbindung mit der Political Correctness der sie fördernden Eliten fand schließlich ihr Ventil im Brexit-Referendum – und den letzten Nagel auf diesem Sarg der britischen EU-Mitgliedschaft dürfte die deutsche Kanzlerin Merkel mit ihrer Politik der offenen Grenzen eingeschlagen haben. „Take back control – die Kontrolle zurückerlangen“ – der Slogan der Brexit-Befürworter meint vor allem die britische Souveränität darüber, wer in das Land kommt.

Noch 2020 sendete ARTE, der vermeintliche Sender für hohe Ansprüche, die zweiteilige Dokumentation „Das gespaltene Königreich und der Brexit – Rule, Britannia!“, die in ihrer Machart genau die von Coe ausgebreiteten Vorbehalte der Brexiteers vollauf bestätigte, indem sie diese als adipöse, geistig unterbelichtete Eingeborene gegen weltoffene liberale Städter und die Kultur Britanniens bereichernde Migranten stellte. Oder, um in den Worten Browns zu bleiben, eben als „borniert“.

Doch wer sich ein exakteres Bild von den Motiven derer machen will, die für Leave stimmten, der sollte „Middle England“ lesen. Jonathan Coe ist damit ein exzellenter Gesellschaftsroman gelungen, ohne hintergründigen Erziehungsauftrag an die Leser, auf Äquidistanz zu beiden Lagern bedacht, obgleich die Schlagseite für die Remainer deutlich hervortritt. Dafür spricht auch das versöhnliche Ende, das fast alle Beteiligten ausgerechnet in einem französischen Landhaus versammelt. Was Coe ausbreitet, ist der Riss, der sich durch Englands Seele zieht. Und dieser Riss sollte uns wohl vertraut sein, denn er zieht sich in gleicher Weise durch alle Gesellschaften der westlichen Demokratien.

Auch bei seinem Nachfolgebuch ist Coe beim Brexit geblieben: Das 2023 erschienene „Bournville“ setzt als Familienepos das Thema fort.

Jonathan Coe
Middle England
Folio Verlag, 2020
480 Seiten
24,- Euro

Wie ein Mann ein Weltreich gewann

Das historische Porträt: Enrico Dandolo (1107 – 1205)

Enrico Dandolo (1107-1205)

Epochale Wenden können sich in der Menschheitsgeschichte über längere Zeiträume vollziehen, aber manchmal auch wie auf einen Schlag. Oftmals ist eine Zeitenwende dem Einsatz einer Persönlichkeit zuzuschreiben, in der Regel nicht mit vorabsehbarem Ergebnis, dieses jedoch durch den selbstbewußten Einsatz, das Werfen der eigenen Person in die Waagschale, schließlich herbeiführend. Ein solcher Wechsel vollzog sich im Jahr 1204, als eine westeuropäische Streitmacht aus Kreuzrittern unter der Führung der Handelsrepublik Venedig durch die Eroberung der Metropole Konstantinopel dem Byzantinischen Reich ein Ende bereitete und das Imperium von Venedig als Beherrscher des östlichen Mittelmeerraums an dessen Stelle trat. Der Mann, der das möglich machte: Enrico Dandolo, der Doge von Venedig.

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Das aus dem Zerfall des Römischen Reiches hervorgegangene Byzantinische Reich war die vorherrschende Großmacht in Osteuropa und Kleinasien. Seine Hauptstadt Konstantinopel galt an Reichtum und Pracht als einzigartig in Europa und als Knotenpunkt globaler Handelsströme. Dennoch zeigten sich bereits bedenkliche Risse in seinem morschen Gebälk. Im Inneren erschüttert von Unruhen, an seinen Rändern ausfransend, seine militärische Stärke bröckelnd, zeigte es ernste Symptome des Niedergangs.

Demgegenüber stand der Aufstieg von Venedig, einst byzantinischer Außenposten, der sich seine Unabhängigkeit vom Mutterland erkämpfte. Mit seinen Schiffen knüpfte es ein das Mittelmeer umspannendes Handelsnetz. An seinen Marktplätzen kamen aus ganz Europa die Händler zusammen. Die Lagunenstadt band ihr Schicksal an das Meer, über das ihm sein zunehmender Reichtum zufloss. Die strategische Wende zum Beherrscher der Adria kam für Venedig Ende des 11. Jahrhundert, als Byzanz ihm für maritime Waffenhilfe außerordentliche Handelsprivilegien zusprach. Eine Entscheidung, die die oströmischen Kaiser noch bitter bereuen sollten.

Es ist April 1204. Seit dem Juni vorigen Jahres steht das von einer venezianischen Flotte transportierte Kreuzfahrerheer vor den Mauern Konstantinopels. Eigentlich sollte dieses Heer als Vierter Kreuzzug Ägypten angreifen, um so die Jerusalem und das Heilige Land beherrschenden Sarazenen von ihrem reichen Hinterland abzuschneiden. Für Venedig, das die Flotte stellen sollte, wäre es ein Jahrhundertgeschäft geworden. Doch statt der zugesagten 34 000 Kreuzritter trafen am Ende sehr viel weniger in der Lagunenstadt ein. Für Venedig, das für das Unternehmen in erhebliche Vorleistungen getreten war, drohte ein Desaster.

Venedig, Blick von der Akademie-Brücke über den Canale Grande / © Daniel Körtel

Das Oberhaupt der Lagunenstadt, der greise Doge Enrico Dandolo, verfiel jedoch stattdessen auf einen perfiden Plan, der seiner Stadt doch noch zum Vorteil gereichen sollte. Erst ließ er zur Stundungsleistung der aufgehäuften Schulden im November 1202 die widerspenstige Adriastadt Zara von den Kreuzfahrern erobern und plündern. Der Überfall der Kreuzritter auf eine christliche Stadt, gegen den selbst die Sanktionen des Papstes sich als machtlos erwiesen, entlarvte die hehren Motive nach einer Befreiung des Heiligen Land als reine Staffage, hinter der sich reine Gier nach Macht und Eroberung verbargen, und der einen Vorgeschmack gab, auf das was noch kommen sollte.

Die Chance zur strategische Wende, die am Ende das politische Gleichgewicht in Osteuropa und im östlichen Mittelmeerraum zum Einsturz bringen sollte, kam schließlich in der Gestalt eines jungen byzantinischen Prinzen. Alexios Angelos – so töricht wie nichtsnutzig – erbat die Hilfe der Kreuzritter, um seinen Vater Issak II, der von seinem Onkel Alexios III. von Thron in Konstantinopel gestürzt und geblendet wurde, wieder in sein Amt einzusetzen. Seine Versprechungen waren so sagenhaft wie unrealistisch: Nicht alleine die Begleichung der Schulden der Kreuzritter, die Stellung von Soldaten für den Kreuzzug, sondern auch noch die Unterstellung der Orthodoxen Kirche unter das Supremat Roms.

Dandolo erkannte das Potential dieses Angebotes für Venedig wie kein anderer der Beteiligten. Über ihn schreibt der britische Publizist Roger Crowley:

In Venedig hatte man bei der Wahl der Dogen schon immer großen Wert auf eine Verbindung von Alter und Erfahrung gelegt, doch der Mann, den die Ritter aufsuchen wollten, war in jeder Hinsicht bemerkenswert. Enrico Dandolo war der Spross einer angesehenen Familie von Anwälten, Kaufleuten und Klerikern. Diese Familie war an nahezu allen wichtigen Ereignissen im vergangenen Jahrhundert beteiligt gewesen und hatte sich in bemerkenswerter Weise in den Dienst der Republik gestellt. Sie hatte an der Reformierung der kirchlichen und staatlichen Einrichtungen der Republik Mitte des 12. Jahrhunderts mitgewirkt und auch an den Kreuzzugsunternehmungen Venedigs teilgenommen. Nach allen Berichten waren die männlichen Mitglieder der Familie Dandolo mit beträchtlicher Klugheit und Energie ausgestattet – und mit Langlebigkeit. Im Jahr 1201 war Enrico schon über 90 Jahre alt. Und er war völlig blind. („Venedig erobert die Welt“, Roger Crowley)

Zwar war die Situation derzeit zwischen Konstantinopel und Venedig entspannt; die Handelsprivilegien waren immerhin bestätigt. Doch die Geißelkrise von 1172, als Kaiser Manuel alle Venezianer im Reich verhaften ließ, hinterließ einen Groll. Für Dandolo, der sich mit eigenen Mitteln im Kreuzzugsunternehmen engagierte und es mit seiner ganzen Persönlichkeit in seiner Stadt durchsetzte, ging es um alles. Die Flotte nahm Kurs auf, nicht in das Heilige Land, auch nicht nach Ägypten, sondern nach Konstantinopel.

Zur Überraschung der Kreuzfahrer war jedoch die Stadtbevölkerung, die bereits viele Machtwechsel gewöhnt war, keineswegs bereit, dem Prinzen die Tore zu öffnen. Doch bereits nach dem ersten Großangriff im Juli 1203, bei dem Venedig seine maritime Überlegenheit an der schwächsten Stelle der Stadtmauer, seiner Seite zur See hin, ausspielte, floh der Kaiser mit den Kronjuwelen aus der Stadt.

Issak II. wurde aus einem Kloster geholt und gemeinsam mit seinem Sohn wieder auf den Thron gesetzt. Und wieder einmal war es der persönliche Einsatz von Dandolo, der an vorderster Front am Bug seiner purpurroten Galeere, den Erfolg herbeigeführt hatte, als der Angriff auf der Kippe stand. Gleichwohl, Teile Konstantinopels gingen dabei in Flammen auf; ca. 20.000 Menschen verloren ihre Wohnstätte. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Schnell zeigte sich, daß die Kaiser ihre vertraglichen Verpflichtungen nicht einhalten konnten. Zwar versorgten sie das Kreuzfahrerheer, das sich zurückgezogen hatte, weiterhin mit Lebensmitteln. Doch die Stimmung in der Stadt erhitzte sich beständig, nahmen die Gegensätze zwischen Griechen und Westlern bedenklich zu. Kaiser Alexios vergriff sich am Kirchengold, um die Kreuzfahrer milde zu stimmen. Im August führten Ausschreitungen zwischen Griechen und italienischen Händlern zu einer verheerenden Feuersbrunst. Im sich anbahnenden Chaos unternahm im Januar 1204 der Edelmann Alexios Dukas „Murtzuphlos“ einen Staatsstreich und ließ die beiden Kaiser beseitigen, um mit Nikolaos Kanabos eine Marionette als Kaiser einzusetzen, um im Folgemonat diesen wiederum durch sich selbst als Alexios V. inthronisieren zu lassen.

Diese Wende war für Venedig und die Kreuzfahrer eine Katastrophe. Denn die Verträge waren an die Personen Issak und Alexios gebunden. Murtzuphlos wiederum dachte nicht daran, sich den Invasoren zu unterwerfen, sondern organisierte energisch den militärischen Widerstand.

Aus den Erfahrungen des vorhergehenden Großangriffs gelernt, gelang trotz heftiger Gegenwehr den Kreuzfahrern der Durchbruch in die Stadt über die Seemauer. Es war der 12. April 1204, heute vor genau 820 Jahren, als Konstantinopel seinen bis dahin schwärzesten Tag erlebte. Die Gegenwehr brach im Chaos zusammen, Murtzuphlos floh aus der Stadt.

Ohne Führung trat in einer religiösen Prozession eine Volksmenge den Kreuzrittern entgegen, um ihnen – wie in den von ihnen gewohnten Herrscherwechseln – die Krone des Reiches anzubieten. Die Kreuzritter wiederum, die den Griechen gegenüber äußerst mißtrauisch waren, verstanden diese Geste als Kapitulation, die ihnen das Recht zur Plünderung gab:

Für die Byzantiner war Konstantinopel das Abbild des Himmels auf Erden, eine Vision des Göttlichen, das dem Menschen offenbart worden war, ein großes heiliges Symbol. Die Kreuzfahrer dagegen betrachteten es als eine Schatzkammer, die der Plünderung harrte. Im Herbst noch hatten sie Konstantinopel gewissermaßen als Touristen besucht und den enormen Wohlstand der Stadt mit eigenen Augen gesehen. Auch Robert de Clari gehörte zu jenen, die sprachlos die Reichtümer bestaunten, die sich hier den Kriegern aus dem unterentwickelten Westeuropa boten. „Kein irdischer Mensch, wie lange er auch in der Stadt bleiben mag, könnte euch den hundertsten Teil des Reichtums, der Schönheit und der Herrlichkeit aufzählen oder beschreiben, die es an Abteien und Klöstern und Palästen in der Stadt gibt; man würde meinen, dass er lüge, und ihr würdet ihm nicht glauben.“ Nun war ihnen all dies ausgeliefert. Die beiden Führer des Kreuzzugs sicherten sich eilig die besten Beutestücke — die prachtvollen Kaiserpaläste, den Bukoleon- und den Blachernen-Palast, „so reich und so prächtig, dass man sie euch nicht zu beschreiben weiß.“ Eine Plünderungswelle überrollte die Stadt. Die vor dem Angriff abgegebenen Versprechungen waren vergessen. Die Kreuzfahrer fielen sowohl über die Kirchen als auch über die Häuser der Reichen her. (Venedig erobert die Welt“, Roger Crowley)

Die Quadriga, die berühmteste Kriegsbeute der Venezianer, stand einst im Hippodrom von Konstantinopel, heute im Museum der Markuskathedrale / © Daniel Körtel

Was folgte war die Zerstückelung des Byzantinischen Reiches: Zum einen entstand daraus das schwache Lateinische Kaiserreich mit Konstantinopel. Da Dandolo die ihm angetragene Kaiserkrone ablehnte, hing sie an dem Franken Balduin, der nach einer 1205 verlorenen Schlacht sein Ende in einem bulgarischen Verlies fand. Der größte Gewinner war jedoch Venedig, dem eine Vielzahl von Stützpunkten in der Ägäis und die Insel Kreta als Kolonie zufielen, auf denen es sein bis in das Schwarze Meer hineinreichendes Imperium begründete. Dandolo hatte das vermutlich nie als Ziel vor Augen, doch nun war Venedig die unbestrittene Macht im östlichen Mittelmeer. Ein Jahr später starb er in der einst prachtvollsten und bevölkerungsreichsten Stadt der Christenheit, deren bitteres Schicksal er zu verantworten hatte.

Doch langfristig war diese geopolitische Zeitenwende eine Katastrophe. Denn mit seinem Niedergang verlor das Byzantinische Reich seine Pufferfunktion gegenüber dem aus Kleinasien heranrückenden Islam. Zwar gelang dem griechischen Nachfolgereich von Nikaia von Kleinasien aus eine bescheidene Restauration und konnte 1261 gar Konstantinopel zurückerobern. Doch seine Tage als Großmacht waren vorüber. Die Bewältigung des kollektiven Traumas von 1204 überforderte die verbliebenen Resilienz-Kräfte der Griechen. Die Konkurrenzkämpfe der italienischen Seerepubliken auf seinem Boden taten ihr übriges. So waren es die Genuesen, die osmanische Krieger von Kleinasien in den europäischen Teil von Byzanz übersetzten und so der muslimischen Landnahme nach Europa irreversibel Vorschub leisteten. Die einstige Weltmacht Ostrom glich einem langsam dahinsiechenden Leib. Nach rund 250 Jahren, am 29. Mai 1453, gaben die Osmanen mit der Eroberung Konstantinopels dem letzten Rest des Imperiums, was seit seiner Gründung im Jahr 330 n. Chr. durch Konstantin den Großen davon noch übriggeblieben war, endgültig den Todesstoß.

Roger Crowley
Venedig erobert die Welt
Die Dogen-Republik zwischen Macht und Intrige
Theiss Verlag, 2011, 357 Seiten
Nur noch antiquarisch erhältlich